Neue Gesellschaft / Frankfurter Hefte - Die Zeitschrift für Politik und Kultur
Aktuelle Ausgabe: 10/2026
Unser Zukunftsbild
Über welches Zukunftsbild reden wir, über welches sollten wir reden – lokal, republikanisch, europäisch? In vielen Texten taucht diese Grundfrage immer wieder auf. Nur aus mutigen Antworten lässt sich neue Kraft schöpfen zur Verteidigung, aber eben auch zur Weiterentwicklung der offenen Demokratien, in denen wachsende Teile der Gesellschaften zweifeln und sich abwenden.
Bei Wahlen wird über Zukunftserwartungen abgestimmt, weniger über Leistungsbilanzen. Das sollte allen klar sein, die immer noch erschrocken sind über die regionalen Zäsuren dieses Herbstes. Und so bitter das ist: Wenn die Rechtspopulisten es im Osten schaffen, sich flächendeckend als Hoffnungsträger zu verkaufen, muss allen anderen etwas fehlen. Nicht nur dort, wo gerade Wahlen stattgefunden haben.
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Peter Thiel und andere aus dem Silicon Valley bilden eine neue Kaste von Tycoons, mit denen sich Demokratien im Dauerkompromiss arrangieren: Staat und Wirtschaft sind abhängig von digitaler Technologie aus dem Privatbesitz von Milliardären. Kommunikation, Verwaltung, Militär – nichts geht ohne sie. Alle Bürger, die Google, Microsoft, Amazon, Social Media, ChatGPT oder PayPal nutzen, liefern jede Sekunde Daten an Plutokraten. Thiel gilt als der Intellektuelle unter den Tech-Milliardären, gewissermaßen als Vordenker. Der Gang durch sein Gedankengebäude beeindruckt neurechte Politiker. Es ist ein eher düsterer Bau im Stil der Ultralibertären.
Komplett überraschend sind Wahlergebnisse selten. Was sie aussagen über die Gesellschaft und ihre Entwicklung lässt sich schon in den Wahlkämpfen beobachten. Deshalb lohnt in diesem wildem Herbst der Rückblick auf die Wochen vor den regionalen Wahlen mit ihren stark gestiegenen AfD-Anteilen und den Zäsuren bei der CDU.
Ungarn ist im Umbruch. Mit der »Operation Fegefeuer« will die neue Regierung unter Péter Magyar das über zwei Jahrzehnte etablierte »Mafia-System« Victor Orbáns beseitigen. Korruption soll gestoppt, die Medien frei, der »illiberale Staat« in eine Demokratie zurückverwandelt werden, auch mithilfe einer neuen Verfassung, damit das Land nicht wieder in eine Autokratie abgleitet. Drei ungarische Autoren erzählen in ihren Romanen Männergeschichten, entwerfen Männlichkeitsbilder.
Andere Länder, andere Sitten. Im Zeitalter des Massentourismus weiß jeder, dass das stimmt. Hier isst man mit Messer und Gabel, da mit den Fingern, und dort mit Stäbchen. Hier gibt man sich die Hand (außer während der Pandemie), dort verbeugt man sich. Macht das etwas aus? Das kann man doch lernen! Allein, manche tun das nicht, sondern geben darum einen sh * t.
Von
Florian Coulmas |
Ausgabe 9/2026
Wie demokratiefeindliche Positionen den Diskurs erobern – und was man dagegen machen kann»Ist halt jetzt so«
Rechtsextreme Narrative werden zur Normalität – nicht nur in der Migrationsdebatte, sondern in Sprache, Politik und Bildung. Was vor wenigen Jahren noch als skandalös und undemokratisch galt, ist heute Teil des Mainstreams. Dieser Prozess ist kein Zufall, sondern Ergebnis gezielter Strategien.
Andere Länder, andere Sitten. Im Zeitalter des Massentourismus weiß jeder, dass das stimmt. Hier isst man mit Messer und Gabel, da mit den Fingern, und dort mit Stäbchen. Hier gibt man sich die Hand (außer während der Pandemie), dort verbeugt man sich. Macht das etwas aus? Das kann man doch lernen! Allein, manche tun das nicht, sondern geben darum einen sh * t.
Was historisch betrachtet vor allem gegen die Arbeiterbewegung zustande kam, ist heute Kernbestandteil sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Programmatik: soziale Absicherung und solidarische Finanzierung nicht als willkürliche karitative Leistungen, sondern als gesetzlich und staatlich organisierte und garantierte Ansprüche. In der heutigen Welt braucht eine moderne Sozialordnung kluge Organisation auf allen Ebenen, um die Rechtsansprüche, die sie formuliert, auch erfüllen und Gerechtigkeit verwirklichen zu können.
Von
Klaus-Heinrich Dedring/
Knut Lambertin |
Ausgabe 7/8/2026
Unbestreitbar erfüllt Taiwan jene Kriterien, die im Völkerrecht als Voraussetzung eines Staates gelten: Staatsgebiet, Staatsvolk und effektive Staatsgewalt. Ob aber Taiwan sich gegenüber China auf das völkerrechtliche Gewaltverbot berufen darf, ist schwieriger zu bestimmen, denn Taiwan wird von China nicht als souveräner Staat anerkannt. Weil die Insel von 1683 bis 1895 zum Chinesischen Kaiserreich gehörte, bevor sie für 50 Jahre in japanischen Kolonialbesitz überging, beansprucht China sie als Teil seines Territoriums.
Von
Michael Koch/
Volker Stanzel |
Ausgabe 7/8/2026
NG/FH auf Englisch
Hier findest du ausgewählte Artikel in englischer Übersetzung.
Was historisch betrachtet vor allem gegen die Arbeiterbewegung zustande kam, ist heute Kernbestandteil sozialdemokratischer und gewerkschaftlicher Programmatik: soziale Absicherung und solidarische Finanzierung nicht als willkürliche karitative Leistungen, sondern als gesetzlich und staatlich organisierte und garantierte Ansprüche. In der heutigen Welt braucht eine moderne Sozialordnung kluge Organisation auf allen Ebenen, um die Rechtsansprüche, die sie formuliert, auch erfüllen und Gerechtigkeit verwirklichen zu können.
Von
Klaus-Heinrich Dedring/
Knut Lambertin |
Ausgabe 7/8/2026
Im digitalen Raum muss man intensives Reputationsmanagement betreiben, denn alle Äußerungen können auf den Charakter hindeuten und falsch verstanden werden. Das macht moralische Vereindeutigung notwendig durch unmissverständliche Signale, zum Beispiel zur Einwanderung. Wer eine Mittelposition vertritt wie »Einwanderung ja, aber begrenzen«, riskiert, dass er falsch verstanden oder sogar aus einem der extremen Lager vereinnahmt wird (links: offene Grenzen, rechts: geschlossene Grenzen).
Von
Philipp Hübl |
Ausgabe 7/8/2026
Gerade die Inhomogenität ist Ausdruck der Identität des Kontinents
Europa im Plural
Wenn man europäische Kultur hört, denkt man wahrscheinlich an Giacomo Puccini, Rembrandt oder Jean-Luc Godard, an Paris, München, den Prado in Madrid oder das Filmfestival in Cannes. Die Adjektive, die sie beschreiben, sind raffiniert, intellektuell, demokratisch. Oder doch westlich und männlich? Kann man heute über die europäische Kultur überhaupt sprechen oder ist es ein Phantasma oder Anachronismus?