An einem späten Freitagnachmittag beschließt eine Erlanger Bürgerin, doch einmal in dieses ZAM, das »Zentrum für Austausch und Machen« zu gehen. Auf den ersten Blick erschließt sich ihr nicht, was das für eine Institution sein soll. Sie schaut sich um und freut sich, dass eine junge Frau auf sie zukommt. Diese erläutert, was heute Abend auf der großen Fläche stattfindet – ein Vortrag über KI und Urheberrecht, ein Treffen der IT-Gruppe und der Kreativtreff –, und dass es im Hinterhaus die großen offenen Werkstätten gibt: Metall, Holz, Prototyping, Farbe, Druck, Textil, Elektro. Die Bürgerin geht mit der jungen Frau in den hinteren Teil des Gebäudekomplexes und traut ihren Augen nicht.
Als sie später nach Hause geht, hat sich ihr eine Welt eröffnet und sie versteht, was »Know-How teilen macht Städte stark« bedeutet. Sie hat gespürt, wie im gemeinsamen Tun Verbundenheit entsteht, obwohl man sich doch gar nicht kennt. Und sie hat den Zusammenhalt einer Community erlebt, die für die Stadtgesellschaft Verantwortung übernimmt und sich engagiert.
»Wie lassen sich Krisenfestigkeit und Innovationskraft in Städten stärken, die im Wandel begriffen sind?«
Während der Pandemie schloss in Erlangens Altstadt ein großes Traditionsgeschäft für Küchen- und Handwerksbedarf. Dies riss eine empfindliche Lücke in die Nahversorgung, und die Innenstadt war mit einem weiteren Leerstand konfrontiert. Die Erlangerinnen und Erlanger hatten damals den Eindruck, als wäre der Einzelhandel nun zum Erliegen gekommen.
Wie aber lassen sich Krisenfestigkeit und Innovationskraft in Städten stärken, die im Wandel begriffen sind? An der Diskussion dieser Frage beteiligte sich in Erlangen rasch eine interessierte Bürgerschaft. Schon viele Jahre zuvor machten Akteurinnen und Akteure aus der Maker- und Kunstszene mit Pop-Up-Spaces in Erlangen auf sich aufmerksam. Die Kulturverwaltung unterstützte diese Aktionen unter anderem auch monetär, obwohl die Regeln der klassischen Kulturförderung nicht immer griffen. Den Beteiligten ging es nämlich stets auch um Themen der kulturellen Stadtentwicklung.
Die Verwaltung vernetzte die Initiativen und machte sie gegenüber der Politik sichtbar. Der Wunsch nach Verstetigung der temporären Pop-Up-Spaces durch einen innovativen Experimentierort kam aus der Szene selbst, wurde aber auch auf Kulturreferatsebene in den kulturpolitischen Leitlinien der Stadt Erlangen festgeschrieben. Dass eine noch nicht einmal als Verein agierende Gruppe 2020 den Zuschlag beim Post-Corona-Stadt-Projekt der Nationalen Stadtentwicklungspolitik erhielt, machte die oben genannten Akteurinnen und Akteure glaubwürdig.
Die Stadtpolitik beschloss, die 3.200 m2 große Liegenschaft vom Eigentümer des Traditionsgeschäfts zu erwerben und leistete somit einen innovativen Beitrag zu einer aktiven Innenstadtentwicklung. Im Rahmen eines Erbbaurechtsvertrags übergab der Oberbürgermeister der Stadt Erlangen die Liegenschaft an den mittlerweile gegründeten Betreiberverein ZAM e. V. Der Vertrag wurde über zehn Jahre abgeschlossen, lange genug, um gründlich zu testen, ob das ZAM zum neuen Identifikationsort werden würde. Die Stadt unterschrieb einen Fördervertrag mit dem Betreiberverein ZAM e. V. über eine jährliche Fördersumme in mittlerer sechsstelliger Höhe.
Gemeinsames Interesse von Politik und Verein und ein Konzept, das Ausstrahlung und Außenwirkung versprach.
Mit dem Motto »Know-How teilen macht Städte stark« knüpfte der Verein konzeptionell in einem weiten Sinn an die Nahversorgungsfunktion des Traditionsgeschäfts an: Nur sollten jetzt nicht mehr Waren verkauft, sondern soll Wissen geteilt werden, denn, so die Überzeugung, »Maker« wissen sich – nicht nur in Krisen – besser zu helfen. Gemeinsames Interesse von Politik und Verein war in dieser Gründungsphase die schnelle Reaktion auf die Geschäftsaufgabe mit einem Konzept, das Ausstrahlung und Außenwirkung versprach. Die Innenstadt sollte belebt werden. Und die Stadtpolitik wusste, dass bei der steten Aufwärtsentwicklung der Bodenpreise und der damals guten Finanzlage der Kommunen der Erwerb einer Immobilie kein Fehler sein konnte.
Aufbau und Betrieb
Die große Liegenschaft wurde über viele Monate gleichzeitig ehrenamtlich und professionell instandgesetzt. »ZAMräumen«, das ehrenamtliche Bauen, wurde Kult. Infrastrukturgruppen wie IT, Werkstattaufbau oder Gestaltung, und Programmgruppen wie der Kreativtreff arbeiteten an Struktur und Inhalten.
Das Repaircafé zog ein. Das Projekt wuchs. Eine technische und eine künstlerische Leitung sowie zwei »halbe« Geschäftsführungen wurden vom Verein, der durch Vorstand und Beirat gesteuert wird, fest angestellt.
Das ZAM ist schnell gewachsen. Viele Ehrenamtliche unterstützen die hauptamtlichen Mitarbeiter/innen. Ehrenamtskoordination ist ein wachsender Bedarf. Die offenen Werkstätten sind das Herzstück des Zentrums. Schulklassen gehen ein und aus. In einem nächsten Schritt werden Coworkingplätze geschaffen, um Perspektiven ins Haus zu holen und Einnahmen zu generieren. Das große Vorderhaus etabliert sich schrittweise als Plattform im Sinne eines »Dritten Ortes«, bündelt Bedarfe und übersetzt sie in Machbarkeit. Das ZAM vibriert und ist dennoch nach wie vor in einem Schwebezustand. Diese Offenheit für Ideen macht einen Teil der Faszination des Ortes aus.
Die Zukunft wird spannend
Erlangen ist, wie viele Kommunen, in eine finanzielle Schieflage geraten. Der Einbruch der Gewerbesteuereinnahmen ist gewaltig, gleichzeitig steigen die Sozialausgaben. Die strukturelle Unterfinanzierung der Kommunen ist das Kernproblem, Ausgabenkürzungen sind auf kommunaler Ebene unerlässlich. Dabei schaut man intensiv auf die so genannten freiwilligen Leistungen, innerhalb derer wiederum auf die Zuschüsse, die die Stadt ausbezahlt. Alte Muster schleichen sich in die politische Debatte, für Einzelne mutiert die Stadtentwicklung durch die Bürgerschaft, die im ZAM beispielhaft gelebt wird, bereits ausschließlich zum Ausgabeposten.
Bisher konnte das Zentrum für Austausch und Machen mit den erfolgten Kürzungen umgehen. Die Verwaltung des städtischen Theaters wird in einen größeren Coworkingbereich in das Gebäude ziehen, so kann die Stadt mittelfristig Mietkosten an anderer Stelle sparen. Auch diese Entscheidung ist wieder ein Experiment: städtische Verwaltung auf geteilten Flächen mit einem Verein. Es bleibt spannend.

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