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Ein Rückblick auf die Literatur der DDR Als sähe man sie zum ersten Mal

Was ist und was war DDR-Literatur? Kann man heute noch von einer »Literatur der DDR« sprechen? Noch immer wird das Thema kontrovers diskutiert. An der Berliner Humboldt-Universität arbeitet Roland Berbig, Professor für Neuere deutsche Literatur, seit Längerem zu diesem Thema, wobei er besonders darauf abzielt, die wachsenden Nachlassbestände in den Literaturarchiven in Marbach und Berlin zum besseren Verständnis heranzuziehen. Er steht dabei nicht allein; vor wenigen Jahren fand in Marbach und in Berlin eine Doppeltagung statt, auf der zur allgemeinen Überraschung festgestellt wurde, wie reichhaltig und vielfältig inzwischen die Materiallage ist.

Es besteht also, stellt Berbig fest, »Erschließungs- und Forschungsbedarf«. Zusammen mit einer Forschergruppe meist jüngerer Doktorand/innen und Berufsanfänger/innen (in der Tat fast nur Frauen) hat er das »Auslaufmodell ›DDR-Literatur‹« unter die Lupe genommen. Der Band vereint annähernd 30 Beiträge – Essays, Dokumente, Korrespondenzen und Porträts – und 32 Briefe von Schriftstellern, die man als Autoren aus der DDR kennt, auch wenn manche wie Reiner Kunze oder Siegmar Faust schon länger in der »alten« Bundesrepublik lebten. Man habe dabei, schreibt Berbig, kein endgültiges Urteil abgeben, sondern anhand der reichen archivalischen Bestände »unbefangen« an das Thema herangehen wollen.

Das zeitigt ganz unterschiedliche Ergebnisse. In den einzelnen Essays etwa über Autor/innen wie den in der DDR hochgeschätzten Georg Maurer, über Peter Hacks, Jurek Becker, Irmtraud Morgner oder über die intensive menschliche und künstlerische Beziehung zwischen Helga M. Novak und Robert Havemann wird deren künstlerische Entwicklung und ihre oft belastende Auseinandersetzung mit der SED geschildert. Der Abschnitt mit Dokumenten und Dossiers berichtet über private Zeitungsausschnitte bei Franz Fühmann und Richard Leising, deren Radikalität die politische Haltung der Autoren widerspiegelt und bringt geradezu virtuose Briefe und Gutachten des einflussreichen Verlagslektors (Zensors?) Dieter Schlenstedt, ferner Briefe »ganz nach oben« etwa von Peter Hacks an Alfred Kurella und das mutige Eintreten Hermann Kants für den beinahe geschassten »Buchminister« Klaus Höpcke bei Erich Honecker an den Tag.

Am Berührendsten ist vielleicht der Abschnitt »Persönliches«. Die hier dokumentierte Korrespondenz zwischen Günter Kunert und Jean Amery, die sich beide nicht durch ihre jüdische Herkunft, sondern durch außergewöhnliche Sensibilität in künstlerischen und ästhetischen Fragen verbunden fühlten, zeigt auch eine große menschliche Übereinstimmung. Das Porträt des Kabarett- und Prosaautors Kurt Bartsch zeigt einen trotz aller Widrigkeiten starken und selbstbewussten Autor, der später im Westen als Drehbuchautor der ZDF-Serie Unser Lehrer Doktor Specht – ähnlich wie Jurek Becker mit Liebling Kreuzberg – ahnen ließ, welches Niveau auch massenwirksame TV-Serien haben können.

Der »Clou« des Buches sind sicherlich die Antworten von Autor/innen auf Fragen des Forscherteams, ob sie sich damals als DDR-Autor/innen fühlten, ob sie sich heute noch so sehen und wie sie ihr Werk in diesem Zusammenhang einordnen. Abgedruckt sind 32 Antworten, u. a. von Volker Braun, Durs Grünbein, Christoph Hein, Barbara Honigmann, Bernd Jentzsch, Hermann Kant, Wulf Kirsten, Freya Klier, Lutz Rathenow und Bettina Wegner. Alle Antworten sind überraschend freundlich, nie überheblich oder ironisch oder auf Imageverbesserung bedacht. Die Fragen werden ernsthaft abgewogen, freilich mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen. So antwortet der 1934 geborene Lyriker Wulf Kirsten, er habe sich als Schriftsteller der DDR verstanden: »Die sozialen Verhältnisse, die vorwiegend auf Mangel setzten, haben mich entschieden geprägt.« Ähnlich der 1941 geborene Romancier Jochen Hauser: »Ja, ich habe mich als ›DDR-Schriftsteller‹ verstanden. Ich schrieb für die Leute in der DDR.« Sehr resolut die 1948 geborene Dramaturgin und Autorin Gabriele Herzog: Natürlich sei sie DDR-Schriftstellerin gewesen, »was denn sonst? Ich habe in der DDR gelebt, alle meine Erfahrungen habe ich in diesem eingemauerten Land gemacht, aus dem ich nicht raus durfte«.

Dass man auf die gestellten Fragen nicht nur mit »Ja« oder »Nein« antworten kann, zeigen andere Stellungnahmen. Günter de Bruyn, Jahrgang 1926, erklärt, für ihn sei die deutsche Kultur trotz der Teilung nicht geteilt gewesen: »Der DDR-Schriftsteller war auch deutscher Schriftsteller, so wie früher Goethe in Sachsen-Weimar oder der Preuße Tieck deutsche Autoren waren.« Reinhard Jirgl, Jahrgang 1953, Büchner-Preisträger von 2010, erinnert sich, dass seine Bücher lange verboten waren: »Ich verstehe mich damals wie heute als ein ›deutscher Schriftsteller‹. Wobei dieses Verständnis bis 1989 einigermaßen euphemistisch genannt werden muss, während es heutzutage für mich eine Realität darstellt.« Der im Herbst 2016 verstorbene Hermann Kant (geb. 1926) erinnert lakonisch an seine Rede auf dem DDR-Schriftstellerkongress 1987: »DDR-Literatur ist deutsche Literatur aus einem sozialistischen Land.«

Das Buch zieht auch den Leser in die Fragestellung hinein. Für den, der aus der »alten« Bundesrepublik kommt, mag sie vielleicht etwas akademisch erscheinen. Im anderen Fall aber führt sie zur unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem eigenen Lebensweg. Positiv ist auch zu verzeichnen, dass diese Forschungsarbeit einmal nicht von den ganz großen Namen ausgeht, sondern überwiegend Autoren zu Wort kommen lässt, die weniger im Rampenlicht standen und bei »anstößigem« Verhalten viel schneller die rigide Kulturpolitik der SED zu spüren bekamen. Kaum eine/r der genannten Autor/innen, die bzw. der nicht davon betroffen war.

Leider fallen manche Texte nur sehr kurz aus oder behandeln lediglich kurze Episoden eines Lebens oder einzelne Werke. Zuweilen sind sprachliche Verstiegenheiten zu verzeichnen, etwa wenn von »Sphären in der stratifikatorisch organisierten Gesellschaft der DDR«, von »poetischem und paratextuellem Gestaltungswillen« und von »reger Dialogizität« die Rede ist. Was ist gemeint, wenn es heißt, dass man »das Prägeprofil in seiner Einschärfung erkennen« müsse? Zum Glück sind das Ausnahmen.

Die Berliner Gruppe um Berbig regt mit diesem umfangreichen Band dazu an, die DDR-Literatur unvoreingenommen aus heutiger Sicht zu betrachten. Oder wie der Herausgeber schreibt: »Nur einmal an dieses Kuriosum herantreten, als sähe man es zum ersten Mal.«

Roland Berbig (Hg.): Auslaufmodell »DDR-Literatur«. Essays und Dokumente. Ch. Links, Berlin 2018, 520 S., 50 €.

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