In dieser neuen Weltlage gerät die Wissenschaft zu den großen globalen Herausforderungen, wie Klima-, Biodiversitäts- und Gesundheitskrise sowie internationale Zusammenarbeit für Nachhaltigkeit ins Zentrum politischer Auseinandersetzungen. In den Worten Edward Heartney’s, US-amerikanischer Repräsentant in der Generalversammlung der Vereinten Nationen am »International Day of Peaceful Coexistence«: »The United States rejects and denounces the Agenda 2030 for sustainable development and the sustainable development goals, and will no longer reaffirm them as a matter of course.« Vergleichsweise bekennt sich die EU trotz interner Debatten um die Gestaltung von Transformationsprozessen zur Nachhaltigkeit weiterhin zur Agenda 2030. In den Mission Letters der Europäischen Kommission 2024–2029 wird sie als zentrale Referenz verankert. Auch China hat auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 seine Unterstützung für die Agenda wiederholt bekräftigt.
Die Herausforderungen spiegeln sich somit nicht nur in der nationalen Wissenschaftspolitik wider, sondern auch in der Reorganisation internationaler Kooperationsstrukturen. Während multilaterale Institutionen um ihre Handlungsfähigkeit ringen, wächst die Bedeutung bi- und plurilateraler, wie auch regionaler Allianzen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Welche Rolle kann und muss Wissenschaft künftig in einer sich wandelnden Weltordnung übernehmen?
Ignoranz statt Erkenntnis. Zukunftsgestaltung im Blindflug
Bereits mit seiner Amtseinführung als 47. US-Präsident erklärte Donald Trump der Agenda 2030 der Vereinten Nationen den »Krieg«. Neben dem erneuten Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen und der WHO sowie dem Abbau internationaler Kooperationsprogramme wie USAID erfolgten gezielte politische Angriffe auf Wissenschaftsbereiche, die sich mit Umwelt, Klima, Gender oder Ungleichheit beschäftigen. Zu den gewählten Strategien zählte u.a. eine Liste verbotener Wörter (inklusive Begriffe wie »Gender«, »Diversität«, »Klimawandel«), die massive Kürzung von Forschungsmitteln und Offline-setzen von Datenbanken, das Verhindern von Reisen der Wissenschaft zu internationalen Klimaverhandlungen. Es sind Strategien, die in der »Soziologie der Ignoranz« (»Sociology of Ignorance«) erhoben werden. David J. Hess spricht beispielsweise vom aktiven Unsichtbarmachen wissenschaftlicher Erkenntnisse (»unseen science«) und die Verhinderung künftiger Forschung (»undone science«). Auch die deutsche Soziologin Gudrun Lachenmann beschrieb bereits in den 90er Jahren sogenannte »Systeme des Nichtwissens«, die gezielt bestimmte Wissensbestände ausblenden oder marginalisieren
Zielscheibe populistischer Rhetorik
Es sind die grundlegenden Arbeitsbedingungen der Wissenschaft, die insbesondere in den Bereichen der Klima-, Umwelt- und Nachhaltigkeitsforschung angegriffen werden: Wissenschaftsfreiheit, die für die Wissenschaft notwendigen (virtuellen) Infrastrukturen und die Möglichkeiten zum transnationalen Austausch, grundlegend für Kreativität, Wissensentwicklung und Innovation. Die Wissenschaft und mit ihr die Nachhaltigkeitsagenda als Ganze geraten so ins Fadenkreuz politischer Ideologisierung und werden zu Symbolen einer Polarisierung zwischen regelbasierter Kooperation und »deal-basierter« Machtpolitik.
Diese Entwicklung betrifft jedoch nicht nur die USA. Weltweit werden Wissenschaftler*innen, die sich mit Themen wie sozialer Ungleichheit, Klimagerechtigkeit oder Migration befassen, zunehmend Zielscheibe populistischer Rhetorik. Die politische Rahmung von Wissenschaft entscheidet mit darüber, welche Forschung gefördert, blockiert oder diskreditiert wird. Insofern wird die Wissenschaft selbst zum politischen Akteur – häufig ungewollt.
Diese Prozesse treffen auf einen ohnehin schon hohen Grad der Fragmentierung im globalen, oder genauer: zwischen den weitestgehend national organisierten Wissenschaftssystemen weltweit. Während die Afrikanische Union sich auf das Ziel von ein Prozent des BIP eines jeden Landes für Forschung und Entwicklung (F&E) auszugeben (zum Vergleich: die EU strebt drei Prozent an), geeinigt hat, liegen die durchschnittlichen F&E-Investitionen mit 0,3–0,4 Prozent des BIP deutlich unter dem angestrebten Ziel. Die Abhängigkeit von ausländischen Wissenschaftsgebern mittels Kooperationen sind in zahlreichen Niedrigeinkommensländern sehr hoch. Hinzu kommt die strukturelle Marginalisierung afrikanischer Forschung in der globalen Zirkulation und Rezeption von Wissenschaft. Diese strukturelle Benachteiligung von Wissenschaftler*innen afrikanischer Institutionen bedeutet, dass eine gleichberechtigte Ausgestaltung internationaler Wissenschaftskooperationen besonderer Aufmerksamkeit bedarf.
Angriff auf grundlegende Arbeitsbedingungen der Wissenschaft.
Der Rückzug der USA als bis vor kurzem größter Geber öffentlicher Entwicklungszusammenarbeitsgelder (Official Development Assistance – ODA), insbesondere im Gesundheitsbereich, verschärft diese Lage dramatisch. In Südafrika, Uganda und Kenia sind Dutzende HIV- und Tuberkulose-Studien sowie zahlreiche Forschungseinrichtungen in ihrer Existenz bedroht. Der Abbruch von Austauschprogrammen und der Verlust von Stipendien und Studienplätzen für afrikanische Studierende in den USA führen zu einem dramatischen Einbruch transnationaler Wissenskooperation. Besonders Nordafrika ist betroffen: Allein in Ägypten verloren 1.000 Studierende ihre USAID-Stipendien. Sollte der Vorschlag der Trump-Administration vom 2. Mai 2025, die Ausgaben des State Department für Bildungs- und Kulturaustauschprogramme um 93 Prozent (ca. 691 Milliarden US-Dollar) zu kürzen, durch den Kongress bestätigt werden, würde dies das gesamte Fulbright-Programm betreffen und die Lage weiter verschärfen.
Folgen für die afrikanische Wissenschaft
Zudem führen die Kürzungen der öffentlichen Entwicklungsmittel auch in der Wissenschaft in Afrika zu Kürzungen. Besonders betroffen innerhalb der Wissenschaft sind Gesundheitswissenschaften und Medizin, sowie Landwirtschaft. Die Afrikanische Entwicklungsbank schätzt den Rückgang ausländischer Finanzierung nach Afrika bis Ende 2025 auf 39,84 Mrd. US-Dollar. Wissenschaftler*innen berichten bereits jetzt von abgebrochenen Projekten, internationalen Partnerschaften und einem zunehmenden »brain drain« in Richtung Asien oder Europa. Der Rückgang der Zahlungen geht, wenn auch in großen Teilen nicht ausschließlich auf die USA zurück, sondern laut OECD-DAC (2025) auf die Kürzungen der Entwicklungszahlungen durch alle größeren Geberländer, namentlich: USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich.
Trotz dieser Herausforderungen entstehen neue Dynamiken: In vielen afrikanischen Ländern wird verstärkt über alternative Finanzierungsmodelle diskutiert, etwa »Solidarity Levies« oder Public-Private-Partnerships. Gleichzeitig intensivieren sich innerafrikanische sowie Süd-Süd-Kooperationen (AfricaCDC, 2025). Europa – insbesondere Deutschland – kann in dieser Lage eine strategische Rolle einnehmen: Es sollte gezielt partnerschaftliche Wissenschaftskooperation fördern, Stipendien- und Austauschprogramme ausbauen und gemeinsame Förderinstrumente mit Wissenschaftsgebern in Afrika entwickeln und stärken. Wichtig ist hierbei jedoch bestehende Machtasymmetrien zu reflektieren und systematisch gleichberechtigte Wissensproduktion sicherzustellen.
Nachhaltigkeitswissenschaften als Fundament der Zukunft
Nachhaltigkeitswissenschaften stellen die epistemische und normative Grundlage für nachhaltige Zukunftsgestaltung. Ihre zunehmende Politisierung verweist auf ihre Relevanz: Sie wird zum umkämpften Symbol einer regelbasierten, liberalen Weltordnung. In einer multipolaren Welt, in der über unser heutiges Handeln entschieden wird, ob wir auch in Zukunft gemeinsam kooperierend oder aber destruktiv konkurrierend Zukunft gestalten, kommt wissenschaftlicher Integrität, gleichberechtigter Wissenschaftskooperation und transregionaler Nachwuchsförderung eine besondere Bedeutung zu. Vor diesem Hintergrund gilt es jedoch Wissenschaftskooperation neu zu denken: nicht als technokratische Transferleistung, sondern als politischen und sozio-kulturellen Akt gegenseitiger Anerkennung und gemeinsamer Aushandlung von Zukunft.
Zukünftig werden Fragen der globalen Governance, der Bildungsgerechtigkeit sowie der Digitalisierung entscheidend dafür sein, wie nachhaltig und sozial ausgeglichen internationale Wissenschaftskooperation funktioniert. Dabei muss auch die Rolle von nichtstaatlichen Akteuren – etwa Stiftungen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Unternehmen – stärker berücksichtigt werden. Es gilt neben der rein wissenschaftlichen Wissensproduktion, die Breite der Gesellschaften einzubinden und für nachhaltige und kollaborative Zukunftsgestaltung zu mobilisieren.
Fazit: Wissenschaft und Agenda 2030 verteidigen
Die Agenda 2030 ist für die einen ein verbindliches Leitbild und Handlungsrahmen für globale Nachhaltigkeit, für die anderen ein Ausdruck vermeintlicher »Wokeness«. Doch ihre Grundprinzipien – Regelbasierung, Partizipation, Gerechtigkeit – sind heute aktueller denn je. In Zeiten autoritärer Rückschläge und wissenschaftsfeindlicher Ideologisierung braucht es ein entschiedenes Eintreten für wissenschaftliche Kooperation, Nachhaltigkeit und internationale Ordnung. Die Wissenschaft muss ihre Rolle als kritischer Begleiter, der Orientierung ermöglicht sowie dringend benötigtes System- und Transformationswissen für den klimastabilisierenden und sozialverträglichen Umbau von Sozial- und Wirtschaftssystemen weltweit bereitstellt, behaupten – jetzt erst recht.

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