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Ein neues Buch versammelt Texte der Pop-Journalistin Ingeborg Schober Auf der Suche nach dem Kern der Musik

Ingeborg Schober prägte in den 70er Jahren den noch jungen deutschen Musikjournalismus maßgeblich mit. In der ältesten Geschichte des gerade erschienenen Buches Die Zukunft war gestern – Essays, Gespräche und Reportagen ist Ingeborg Schober ratlos. Sie soll ein Interview mit Stephen Stills und Chris Hillman führen, zwei amerikanischen Rock-Ikonen der 70er Jahre, die damals, 1972, unter dem eher kurzlebigen Bandnamen Manassas auftreten. Allein, die Gruppe, die am Abend vorher ein tolles Konzert gegeben hat, ist im Regina Hotel, wo die Pressekonferenz und damit auch das Interview stattfinden sollen, nicht anzutreffen. Die Journalistin ruft bei der Plattenfirma an, in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung, für die sie berichten soll, bei den Kollegen der Abendzeitung und der tz. Nirgendwo kommt sie weiter. Schließlich erfährt sie: Womöglich findet die Pressekonferenz im Sheraton statt. Also ab ins Sheraton: »Natürlich ist der Ballsaal leer bis auf amerikanische Ladys, rosa gepudert mit regenbogenfarbenen Lidern, Abendkleidern wie Eiscreme neben Smokingtypen; auch an der Bar nur ältere, lüstern blickende Herren mit grauen Schläfen«, schreibt sie. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Ingeborg Schober kommt doch noch zu ihrem Interview. Aber der Weg dorthin, der nicht nur zahllose Telefonate, sondern auch misstrauische Hotelangestellte und bayerische Chauffeure in der Krachledernen kreuzt, ist fast unterhaltsamer.

Das von der Münchner Journalistin und Autorin Gabriele Werth, einer Weggefährtin Schobers, herausgegebene Buch fasst die interessantesten Texte der 1947 geborenen Journalistin zusammen, die meisten davon erschienen in den 70er und 80er Jahren in den Musikzeitschriften Musikexpress und Sounds bzw. dem vereinigten Musikexpress/Sounds. Zwischen diesen Texten erinnern sich Zeitgenossen an Ingeborg Schober, die Liste reicht von der Fernsehmoderatorin Sandra Maischberger (die in den 80er Jahren als freie Musikjournalistin arbeitete) über den Musiker Hellmut Hattler (v. a. bekannt geworden als Bassist der Jazzrock-Formation Kraan) bis zu dem Autoren und Journalisten Karl Bruckmaier, der die schönsten Worte zu der 2010 verstorbenen Autorin findet: »Aufklärung durch lässiges Vorleben. Kritik durch kurzes, kehliges Lachen.«

Das Erweckungserlebnis der Ingeborg Schober dürfte ein Ausflug ins damalige Epizentrum der Popkultur gewesen sein: Die Gewinnsumme eines Drehbuchwettbewerbs ist es, die sie 1967 in eine Reise ins »Swinging London« investiert, von der sie »nicht nur ausstaffiert als Flower-Power-Kind, sondern auch innerlich vorpräpariert, mit indischem Flatterhemd und kurioser LSD-Brille, mit Räucherstäbchen (…), mit den neuesten Platten unterm Arm« nach München zurückkehrt. Sie schreibt erste Magazintexte für die Popzeitschrift Hit, dreht einen Film über die Musikerkommune Amon Düül II. Ab 1970 gehört sie zum Stammpersonal der BR-Sendung Club 16. Für Sounds schreibt sie zwei Jahre später; das eingangs erwähnte Interview mit Stills und Hillman ist ihr erstes für das Magazin.

Was war das für eine Welt, für die Ingeborg Schober damals eine Eintrittskarte löste? Nun, vor allem eine, die im Entstehen begriffen war. Musikmagazine gab es zwar schon eine ganze Weile, die Geschichte von Blättern wie dem US-amerikanischen Billboard und dem britischen New Musical Express (NME) reicht zurück bis in die 1890er bzw. 1940er Jahre. Doch zunächst waren diese Zeitschriften eher Branchen- bzw. Verlautbarungsblätter, die noch keinerlei Kulturkritik übten und zur Musik als Jugendkultur nur wenig Verbindung hatten. Das später wohl bekannteste Musikmagazin der Welt, der Rolling Stone, wurde erst 1967 gegründet. Schon ein Jahr vorher wurde in Solingen Sounds aus der Taufe gehoben, eine Zeitschrift, deren Schwerpunkt zunächst auf Free Jazz lag, die sich aber rasch der Popmusik zuwandte. Der Musikexpress folgte zwei Jahre später als Ausgründung aus einem holländischen Magazin.

Wegbereiterin eines neuen Musikjournalismus

Blättert man in den alten Ausgaben dieser Magazine, fällt vor allem eines auf: Was genau Musikjournalismus sein sollte, wurde in den 70er Jahren noch verhandelt, jedes Heft war ein Experiment. Die meisten Texte waren eher aus Fan-Sicht und ohne allzu viel Hintergrundwissen geschrieben. Woher sollte dieses Hintergrundwissen auch kommen? Selbst grundlegende Informationen wie die Diskografie einer Band, ihre Herkunft oder die Namen ihrer Mitglieder, die man heute mühelos im Internet nachschlagen kann, ließen sich damals ja nur mit gehörigem Aufwand in Erfahrung bringen. Auch sprachlich machten die Artikel meist wenig Staat. In frühen Ausgaben des Musikexpress standen Sätze wie »Meiner Meinung nach verlöscht das heilige Feuer um Pink Floyd allmählich. Trotzdem eine dufte Platte für jeden, der das glaubt« (über Pink Floyds legendäre Platte Dark Side Of The Moon) oder über ein Teen-Idol der 70er Jahre: »David Cassidy verbreitet so ungefähr die gleiche Atmosphäre wie vor 10 Jahren Cliff Richard. Selbst äußerlich sind die beiden sich sehr ähnlich, finde ich.«

Ingeborg Schobers Texte dagegen besaßen, das zeigt dieses Buch noch einmal deutlich auf, ganz andere Qualitäten. Sie arbeitete sich nie geschmäcklerisch an Äußerlichkeiten ab, sondern suchte mit einer blitzgescheiten Neugierde nach dem Kern der Musik. In der deutschen Autorenlandschaft nahm sie damit bis weit in die 70er Jahre eine Sonderstellung ein, vergleichbar war sie eher mit britischen oder US-amerikanischen Kritiker/innen, etwa Sylvie Simmons (NME) oder Geoffrey Cannon (Guardian).

Die Genres, denen sie sich widmete, waren vielfältig, wobei sie durchaus ihre Spezialgebiete hatte. Eines davon waren deutschsprachige Bands. Im weiten Feld zwischen Krautrock auf der einen und Neuer Deutscher Welle auf der anderen Seite spielt sich ein guter Teil der Geschichten in diesem Buch ab. Sie handeln von den bayerischen Freistil-Bluesern Sparifankal oder den Rock’n’Rollern Spider Murphy Gang, von Annette Humpes Ideal oder den Ärzten, deren Drummer Bela B. schon im Vorwort zitiert wird: »Ich lernte damals immerhin unseren späteren Bassisten Rod kennen, der damals noch bei den Rainbirds spielte. Mit dem ging ich dann noch zu einer Geburtstagsfeier der Münchner Musikjournalistin Ingeborg Schober. Als Musikfanatiker war ich Fan ihrer Texte über Musik.«

Vielleicht hatte er ihre Texte über die Musikszene Düsseldorfs gelesen. Sie gehören zu den besten in diesem Buch, porträtieren zärtlich die Rheinmetropole, in den 70er Jahren nicht nur dank der Gruppe Kraftwerk so etwas wie das popmusikalische Epizentrum des Landes: »Warum ist (klingt) es am Rhein so schön?«, fragt sie, um die Antwort gleich selbst zu geben: »Weil es genügend Beispiele dafür gibt, dass die Umgebung, in diesem Fall eine durch Industrialisierung scheußlich zerstörte und zersiedelte Gegend, nicht nur den Menschen prägt, sondern auch seine kreativen Produkte.« Einordnung trifft auf Information. Und: Schober schreibt sehr genau über das musikalische Personal der Stadt, attestiert der Band La Düsseldorf die »kritische Distanz hinter der dunklen Sonnenbrille« und berichtet über einen »neuen Musikertypus, ohne Manager-Tross und Händchenhalter (…), kritisch sich selbst gegenüber«.

Das Buch endet in den späten 80er Jahren, aus dem aktuellen Jahrtausend stammt lediglich ein Text: Für die »SZ Diskothek«, eine Reihe, in der die Tageszeitung jeweils anhand einer CD und eines Buches ein Pop-Jahr nacherzählte, schrieb Ingeborg Schober wenige Jahre vor ihrem Tod über 1974 und den Stellenwert deutscher elektronischer Musik. Texte von ihr über Popmusik las man, sieht man von einigen Künstlerbiografien ab, da schon deutlich weniger, was wohl auch einer nachlassenden Auftragslage geschuldet war: Dass Pop ab den 90er Jahren auch in Deutschland vermehrt in den Feuilletons der Tageszeitungen stattfand, half Ingeborg Schober nicht unbedingt weiter. Der Sound des Musikjournalismus hatte sich gewandelt. Zeitschriften wie Tempo oder Jetzt, das Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, sowie die Journalistenschulen brachten eine neue Generation an Autor/innen hervor, die eine andere Sprache sprachen. Jugendlicher. Unmittelbarer. Knalliger. Vielleicht auch: mehr um sich selbst kreisend. Und all das war Schober natürlich nicht. »Ab und an bekam sie noch von der Süddeutschen Zeitung Aufträge für Kulturrezensionen. Die bedeuteten für sie zunächst vor allem Spesen für das obligatorische Getränk am Spielort und meist lange Fußmärsche heimwärts durch das nächtliche München, um Fahrgeld zu sparen; alles für einen Artikel, der möglicherweise gar nicht erscheinen würde, falls ihn eine Anzeige verdrängte«, schreibt die Münchener Kulturmanagerin Gaby Dos Santos in ihrer Erinnerung.

Und heute? Würde Ingeborg Schober mit ihrer Neugierde, mit ihrem Sendungsbewusstsein nicht mehr offene Türen einrennen? Der digitale Wandel der letzten Dekaden hat den Musikjournalismus gleich doppelt getroffen. Einmal leiden nicht nur die Printmedien darunter, dass sie keine Deutungshoheit mehr besitzen. Wo Ingeborg Schober die Leser/innen noch an die Hand nahm, wo sie ein Wissen besaß, das der Leserschaft fehlte und dieses nur allzu gerne teilte, stehen die Türen zur Information heute längst weit offen. Natürlich, ein/e Journalist/in bekommt immer noch vorab Alben zugeschickt, mittlerweile meist digital. Und selbstverständlich werden nach wie vor Interviews geführt. Aber die Superstars umgehen den Weg über die Medien häufig, sie sind ihnen egal, weil sie über ihre sozialen Netzwerke ihre Anhänger/innen direkt ansprechen können. Was denen sonst noch gefallen könnte, entscheiden die Algorithmen der Streamingdienste mit beängstigender Treffsicherheit. Und Interviews? Die sind heute zumindest bei den Superstars häufig streng choreografierte Gesprächssimulationen. In einer Hotellobby auf eine Band warten, diese irgendwie erwischen, mit ihr ohne Wissen und strenger Aufsicht von Plattenfirmenpersonal sprechen? Passiert selten.

Der zweite Punkt wiegt ebenso schwer: Zwar wird heute mehr neue Musik veröffentlicht als jemals zuvor. Aber die interessiert eher die Nische. Die einschlägigen Zeitschriften werden immer dann gut verkauft, wenn vom Cover altbekannte Gestalten blicken. Bruce Springsteen, die Beatles, Eric Clapton, Depeche Mode: Im Grunde genommen verwalten sie eher ein Erbe und den in die Jahre gekommenen Geschmack der in die Jahre gekommenen Leserschaft. Es ist Archivarbeit, immer Gleiches wird neu verpackt. Wie gesagt: Für Neugierde ist da nur noch wenig Platz. Aber eine junge Ingeborg Schober hätte das alles vermutlich kaum interessiert.

Ingeborg Schober: Die Zukunft war gestern (Hg. von Gabriele Werth). Andreas Reiffer, Meine 2021, 400 S., 24 €.

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