Die Zeit des Kalten Krieges – so bleiern sie sich damals anfühlte – war doch bei allen Drohgebärden zwischen Ost und West – zwischen Washington und Moskau – ein Hort der Stabilität. Zumindest im Vergleich zu heute. Eine bipolare Welt. Die Länder des Südens, damals abschätzig »Dritte Welt« genannt, schlossen sich entweder einem der beiden Pole an, oder suchten als sogenannte »Blockfreie« einen Weg dazwischen. Nach der Selbstauflösung der Sowjetunion schien für kurze Zeit das »Ende der Geschichte« (Francis Fukuyama) gekommen. Der Eiserne Vorhang und die Mauer fielen. Der Zwei-Plus-Vier-Vertrag zwischen den beiden deutschen Staaten und den Siegermächten hatte den Weg frei gemacht für eine friedliche Nachkriegsordnung. So schien es eine Weile. Ob der Geist dieses Vertrages die spätere Ausdehnung der NATO nach Osten legitimierte oder nicht, bleibt eine entscheidende Frage. Jedenfalls währte die Phase nur kurz, in der die Vereinigten Staaten von Amerika »unipolar« über die Welt herrschen konnten. Mittlerweile ist China zur Weltmacht aufgestiegen und Putins Russland will sich mit dem Status einer »Regionalmacht« (O-Ton Barack Obama) nicht zufriedengeben. Etwa die Hälfte der Menschheit gehört inzwischen einem Bündnis namens BRICS plus an, die südostasiatischen Staaten haben sich mit Asean Plus Three (APT) um Japan, China und Südkorea erweitert. Die »Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit« umfasst inzwischen zehn Nationen. Kurzum, das internationale Machtgefüge ist weltweit in Bewegung.
Die Rivalitäten zwischen Groß- und Mittelmächten könnten vielleicht durch die analytische Metapher »Multipolarität« auf den Begriff gebracht und dadurch besser verstanden werden. Das schlägt jedenfalls der Diplomat und langjährige Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Politik, Volker Perthes, mit seinem Buch Die Multipolarisierung der Welt vor.
Den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wie schon zuvor die Annexion von Teilen Georgiens versteht Perthes als Antwort Russlands auf die fortgesetzte Osterweiterung von NATO und EU und als Versuch, einen verlorenen imperialen Kultur- und Herrschaftsraums wiederherzustellen. Das ist die machtpolitische Perspektive. Allerdings ignoriere ein solcher Blick die Souveränität und die Sicherheitsbedürfnisse der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten, die sich nicht länger als Pufferstaaten missbrauchen lassen wollen. Die einzige Gefahr, die von der Ukraine für Russland ausgegangen sei, war allenfalls politisch in dem Sinn, dass eine erfolgreiche demokratische Ukraine eine russische Opposition hätte ermutigen und stärken können.
Wiederaufstieg Chinas zur Weltmacht
Den Aufstieg Chinas zur Weltmacht versteht Perthes als Wiederaufstieg zu seiner »natürlichen« Position, denn Jahrtausende über war China eine bedeutende Macht. Allerdings habe China kein Interesse daran, die USA als Welthegemon abzulösen. China wolle nicht die Position und die Aufgaben der USA als globale Ordnungsmacht übernehmen, sondern sie auf Augenhöhe wirtschaftlich, politisch und militärisch heraus-fordern. Mit der BELT & ROAD Initiative (auch »Seidenstraße« genannt) hat China etwa 1.000 Milliarden US-Dollar in die Infrastruktur anderer Länder investiert. Ein Betrag, der die Investitionen der USA und der EU bei weitem übersteigt. Mit dieser keinesfalls uneigennützigen Strategie hat sich Peking weltweit Einfluss und Zugänge verschafft. China nutzt geschickt Lücken, die die USA unter Trump hinterlassen haben.
»BRICS+ ist ein Zusammenschluss von Ländern, der annähernd die Häfte der Weltbevölkerung repräsentiert.«
Perthes warnt auch davor, BRICS+ (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika plus Ägypten, Äthiopien, Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate) als dezidiert antiwestlichen Zusammenschluss zu begreifen und zu unterschätzen. Es sei ein Klub nichtwestlicher Mitglieder der G20 und anderer Mittelmächte, der annähernd die Hälfte der Weltbevölkerung repräsentiert. Viele Länder des Globalen Südens haben zwar den Überfall Russlands auf die Ukraine verurteilt, aber dennoch Sanktionen gegen Russland nicht zugestimmt. Im Übrigen seien viele südliche Staaten – und zwar keineswegs nur die autokratischen – der Ermahnungen aus dem Westen hinsichtlich Demokratie und Menschenrechte überdrüssig. In Südafrika beispielsweise ist unver-gessen, dass der sogenannte Wertewesten bis zuletzt an der Seite des Apartheidregimes stand, während die Sowjetunion die Befreiungsbewegung unterstützte. Die Länder des Südens betrachteten die gegenwärtige internationale Ordnung in vielerlei Hinsicht als unfair und wollten sich vom Westen nicht vorschreiben lassen, mit welchen Staaten sie zusammenarbeiten dürften und mit welchen nicht.
Perthes beschreibt sachlich distanziert, Fischer mahnt, klagt und fordert.
Volker Perthes skizziert in seinem Buch weiterhin den Nahen Osten, Afrika, Südostasien, Indien und nicht zuletzt die Europäische Union als bedeutende Mittelmächte oder als kommende Machtpole. Unausweichlich scheint für ihn, dass die künftige Welt »multipolar« aussehen wird. Gewinner und Verlierer stehen noch nicht endgültig fest, doch dass die USA und damit auch »der Westen« schließlich weniger bedeutend sein werden, sei gewiss. Er schreibt betont kühl und sachlich, Diplomatensprache eben. Gelegentlich schimmert seine Eitelkeit durch, etwa wenn er hervorhebt, welche Politiker und Diplomaten er persönlich getroffen hat. Und er bleibt nicht gefeit vor unsinnigen Formulierungen wie beispielsweise der »humanitären Katastrophe«, wenn er eigentlich eine menschliche Katastrophe meint. Ein Fauxpas, der übrigens auch dem ehemaligen Außenminister Joschka Fischer in seinem Buch Die Kriege der Gegenwart und der Beginn einer neuen Weltordnung passiert, das schon vor einem Jahr erschienen ist. Perthes beschreibt distanziert – der Ex-Außenminister mahnt, klagt und fordert. Allerdings wirkt sein Buch
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