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Ein Lehrstück Bob Dylan und der Nobelpreis

Schon heute steht fest: Die Historie der Reaktionen auf die Verleihung des Literaturnobelpreises 2016 wird sich bald zum Gegenstand zahlreicher, mit dem methodischen Besteck unterschiedlichster Disziplinen ausgerüsteter, Wissenschaftler entwickeln. Weil Bob Dylans Kunst sich nicht in die Grenzen von Literatur-, Medien- und Musikwissenschaft, von Philosophie und Theologie einsperren lässt, weil er nicht nur der Kollege von Philip Roth, Adonis und Peter Handke ist, sondern auch von Woody Guthrie, Leonard Cohen und Joni Mitchell, bleiben analytisches Loben und Tadeln fast immer limitiert, in einem bestimmten Wortsinne provinziell.

Dass sich diese Provinzialität in Blogs und Leserbriefen besonders bemerkbar macht, verwundert kaum in Zeiten, in denen die Schattenseiten der sozialen Netzwerke immer deutlicher hervortreten, ohne dass jemand eine realitätsgesättigte Vorstellung davon hat, wie man der Fehlentwicklungen Herr werden könnte. Tobias Rüther hat durchaus recht, wenn er betont, dass auch Literaturwissenschaftler das musikalische und popkulturelle Phänomen »Dylan« leicht verfehlen. Zu diesem Phänomen gehören eben auch Performance, Mode, Körperlichkeit, Charisma, Schwere und Leichtigkeit, tödlicher Ernst und sich nicht ihrer selbst schämende Flüchtigkeit. Oder um es auf eine personalisierende Formel zu bringen: Das Phänomen braucht einen, der Augen (umfassende literarische Bildung) hat wie Heinrich Detering und im Reflektieren geschulte Ohren wie Richard Klein, es braucht schließlich einen zeitgenössischen Georg Simmel, der nicht nur Mode philosophisch zu reflektieren versteht, sondern auch all die essenziellen medialen Aspekte, von denen sich eben nicht abstrahieren lässt.

Dass die Reaktion auf die Vergabe des Literaturnobelpreises an Dylan zwiespältig war, verwundert nicht, es gehört zu den Bräuchen beim wichtigsten literarischen Preis. Wenn also Autoren und Kritiker wie Mircea Cărtărescu, Christian Kracht und Denis Scheck das Lob anderer Autoren wie Joyce Carol Oates und Salman Rushdie oder des (zu feiner Differenzierung fähigen) Durs Grünbein zu konterkarieren suchen – in manchmal witzigen (»die cordhosigste Entscheidung«, so Moritz von Uslar) oder professionell-verächtlichen Formulierungen –, kann das nicht überraschen. Auf dem Feld der Kunst- und Literaturpreise geht es immer auch um Neid, Konkurrenz, Macht oder Hegemonie qua Reputation. Dabei zeigt sich, dass viele trotz aller (Post-)Modernität mit der altehrwürdig-grobschlächtigen Differenzierung von Hoch- und Unterhaltungskultur noch immer nicht souverän umgehen können, ja vor möglichen Folgen Angst haben.

Auf dem Weg zum Klassiker?

Tatsächlich zeitigt die Verleihung eines Nobelpreises Konsequenzen. Das demonstriert gerade der vorliegende Fall, auch wenn Dylan natürlich bereits zuvor eine feste Größe der Gegenwartskultur war. Dafür gibt es eine Reihe von Belegen. Seit einiger Zeit gibt es in Tulsa, Oklahoma, ein universitäres Dylan-Archiv, das sein Werk in einer Weise pflegt, wie bei uns das Werk Theodor W. Adornos oder Walter Benjamins gepflegt wird. Sein deutscher Verlag, der auf die Vergabe des Preises offensichtlich nicht vorbereitet war, plant seriös und ansprechend (um nicht zu sagen: klassikeradäquat) aufgemachte Neuausgaben der Werke Dylans, zumal seiner Lyrics in der bewährten Übersetzung von Gisbert Haefs, die den Platz von Carl Weissners Nachdichtungen besetzt hat. Neben Neuauflagen des experimentellen Prosatextes Tarantula (1970) und des ersten Bandes der Chronicles (2004) wird ganz neu der Band Planetenwellen ediert. Zum ersten Mal können wir eine zweisprachige Auswahl von Dylans Gedichten und Prosatexten bis 1974, ergänzt um einige programmatische Texte aus den letzten Jahren, angemessen rezipieren, nachdem Wolf Biermanns ambitionierter Versuch einer deutschsprachigen Version der 11 Outlined Epitaphs nicht zuletzt an dessen Selbstverliebtheit gescheitert ist. Kluger Herausgeber, Übersetzer und Kommentator ist Heinrich Detering, Dylans bei uns einflussreichster, aber hoffentlich nicht allzu hegemonialer Interpret.

In diesen Texten wird der literarische Ehrgeiz des jungen Artisten unmaskiert sichtbar: Seinen Schallplatten gab er komplette Gedichtzyklen und lyrische Prosa bei, seine Langgedichte erschienen in Zeitschriften der Folk- und der Beatszene, das Poem Last Thoughts On Woody Guthrie rezitierte er wirkungsvoll im Konzert. Tatsächlich waren seine Lyrics eine Art »Ideenwerkstatt«, sie gaben dem Novizen unter anderem die Möglichkeit zu Selbstkommentaren gegenüber Freund und Feind (an ihnen mangelte es bereits in den frühen Jahren nicht), sie verbanden die Poesie seiner Songs mit den Traditionen Arthur Rimbauds, Bertolt Brechts und der Beat-Poeten. Dylan selbst steht solchen Tendenzen der Erhebung zum »Klassiker«, zum Kreator des »Ur-Meters« (Edo Reents), an dem sich künftige Singer-Songwriter-Kollegen zu messen haben, nicht ohne Distanz gegenüber. In den Stolz über die beinahe endgültige Anerkennung mischt sich die Angst vor musealer Petrifizierung. Bereits in den 60er Jahren hieß es in Dylans Visions of Johanna: »Inside the museums, infinity goes up on trial«.

Dylan, lange Zeit ein Liebling der Intellektuellen, auf Kongressen und Tagungen analytisch seziert, stand und steht solchen Vereinnahmungen und Vivisektionen nicht unkritisch gegenüber. Er beharrt auf seiner Souveränität. Wie Adam Kirsch in der New York Times schrieb, ist die Verleihung des Nobelpreises für den Geehrten und Sich-Geehrt-Fühlenden wegen seines Selbstverständnisses nicht unproblematisch: »To be a Nobel laureate, however, is to allow ›people‹ to define who one is, to become an object and a public figure rather than a free individual. The Nobel Prize is in fact the ultimate example of bad faith: A small group of Swedish critics pretend to be the voice of God, and the public pretends that the Nobel winner is Literature incarnate. All this pretending is the opposite of the true spirit of literature, which lives only in personal encounters between reader and writer.« Für den existenzialistisch grundgestimmten Dylan liegt darin eine Gefährdung, wenn nicht gar eine Zumutung. Er hat stets verzweifelt versucht, »to retain his freedom in the face of the terrific pressure of fame«.

Souveränität fehlt manchmal im Lager der Literaten (seltener bei den Musikkollegen) nach dem faktischen Bedeutungsverlust der zu Klassikern mutierten Avantgarde. Furcht kommt vor einer Verwässerung des Literaturbegriffs auf. Sie ist zwar angesichts der aktuellen Literaturproduktion nicht völlig unberechtigt, verfehlt im Fall Dylans aber ihr Ziel. Damit soll die Legitimität kritischer Resonanz nicht angezweifelt werden. Mit Kritik kann der Preisträger, der sich heute gerne als moderner Traditionalist des anderen Amerika versteht, durchaus umgehen. Schon 1970 äußerte er selbstbewusst: »Miles Davis wurde ausgebuht, Hank Williams wurde ausgebuht, Strawinsky wurde ausgebuht. Man ist ein Niemand, wenn man nicht manchmal ausgebuht wird.« In seiner Rede zur Verleihung des MusiCares Award 2015 sagte er nicht ohne Ironie: »Doch zu meiner Überraschung musste ich feststellen, dass meine Songs von Anfang an polarisierten.« Immer wieder machte er die Beobachtung, dass seine Texte willkürlich, gleichsam »postfaktisch« umgedeutet wurden. Inzwischen ist er davon überzeugt, dass gerade auf dem Sektor der Kunst Missverständnisse bei der Rezeption unvermeidlich sind.

Einer von uns?

Natürlich kommt auch in seinem Fall die Vergabe des Nobelpreises spät, zu spät. Axel Honneth, kein Dylanologe, aber ein zeitdiagnostisch-sensibler Bewunderer, hat hervorgehoben, wie bahnbrechend vor nunmehr 50 Jahren Dylans Fähigkeit war, spielerisch »die Kluft zwischen dem Existenzialismus der 50er Jahre und dem Geist der Revolte der 70er Jahre« zu schließen. Damals wurde Dylan zu einer Person der Zeitgeschichte (was ihm selbst nicht gefiel, was aber Historiker wie Sean Wilentz von der Princeton University zu luziden Studien über Bob Dylan in America inspirierte), und schon damals hätte er den Preis verdient. Gerade aus der Perspektive derer, die er mit den Mitteln seiner Kunst dazu motivierte, sich »ohne Verrat unseres vielstimmigen Ichs als Glieder einer umfassenderen Bewegung« zu begreifen, »die sich den Verfehlungen dieser Welt widersetzt« (Honneth).

Aber: Kann man dem notorischen Liebhaber des I’m Not There (so auch der Titel der exzellenten Dylan-Filmbiografie von Todd Haynes) tatsächlich attestieren, er sei »einer von uns«? Sein enigmatisches Verhalten nach der Preisvergabe, das einer taz-Autorin Anlass zum »Fremdschämen« gab und sogar Anlass, über die Zahl der von Dylan gezeugten Kinder zu spekulieren, spricht in meinen Augen eher dafür: Die Anerkennung seiner Grenzen sprengenden künstlerischen Praxis ist eine Sache, die persönliche Teilnahme an einem Ritual, von dem die Erniedrigten und Beleidigten in der Regel ausgeschlossen sind, eine andere. Der Affront steht einem Mann gut zu Gesicht, dessen Werk und Person Georg Lukács’ Diktum bekräftigt: »Die Kunst ist – im Verhältnis zum Leben – immer ein Trotzdem«.

Navid Kermani betonte in seiner Dankesrede zur Verleihung des Marion Dönhoff Preises am 4. Dezember, er habe Freiheit von Amerika gelernt. Mit dem Pathos begründeter persönlicher Dankbarkeit bezeichnete der habilitierte Orientalist die Plattencover und Booklets von Dylan und Neil Young sogar als »heilige Schriften«. Und er fügte – konsensfähiger – hinzu: »Ich verneige mich vor Bob Dylan, der in der nächsten Woche den Nobelpreis bekommt.« Dem soll hier nichts hinzugefügt werden.

 

Kommentare (1)

  • Schulze
    Schulze
    am
    super

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