Mehr als drei Jahrzehnte haben wir über die deutsche Wirtschaft und Politik berichtet, fühlte sich unsere Wahlheimat wie ein Zufluchtsort gegenüber unseren Herkunftsländern an: den USA und Großbritannien. Denn auch schon vor Donald Trump und dem chauvinistischen Brexit konnte man spüren, wie sich die inneren Spannungen und das wachsende Unbehagen der amerikanischen und britischen Gesellschaften zuspitzten. Die nationalen Verantwortlichen suchten Sündenböcke. Für Großbritannien war der Hauptbösewicht die EU, in Trumps zweiter Amtszeit wurde der Kreis der Feinde noch einmal stark ausgeweitet und schließt nun sogar auch Deutschland ein. So zerreißen die einst so starken transatlantischen Beziehungen.
Doch trotz Spaltung gibt es in den USA viele Anlässe, sich als Amerikaner zu fühlen, unabhängig davon, welchem politischen Lager man zuneigt. Am 4. Juli, dem Unabhängigkeitstag, versammelt sich ein Großteil der Nation bei unzähligen Feuerwerken, an Thanksgiving isst man Truthahn und einmal im Jahr schaut man den Super Bowl. An diesen nationalen Ritualen kann man einfach teilnehmen, unabhängig davon, wo man geboren wurde oder welche Sprache man in seiner Familie spricht. Sie vermitteln ein Gefühl der Zugehörigkeit und sind Bausteine des Nation Building.
In Deutschland hat das Thema Migration zu einer ähnlichen gesellschaftlichen Spaltung geführt wie in den USA.
Unser einst positiver Blick auf Deutschland beginnt sich nun langsam zu ändern, und das ist besorgniserregend. Wie konnte es dazu kommen? In Deutschlands hat die Fixierung auf das Thema Migration mittlerweile zu einer ähnlichen gesellschaftlichen Spaltung geführt wie in den USA. Dabei hat die unkontrollierte Zuwanderung zwar sicherlich die kommunalen Ressourcen belastet, aber deren Eindämmung wird gewiss nicht dazu führen, dass sich Familien sicherer fühlen, dass sich die Jobaussichten oder die Chancen verbessern, eine bezahlbare Wohnung zu bekommen – oder die Finanzknappheit von Rentnern und Sozialhilfeempfängern gelindert wird, die zum Teil kaum über die Runden kommen.
Früher war im alten Westen ein einendes Band das Credo »Wohlstand für alle«. Davon ist in Gesamtdeutschland wenig übriggeblieben. Nach der Wiedervereinigung wurde die Spaltung zwischen Ost und West zwar noch eine Zeit lang mit Transferzahlungen und mit Großinvestitionen etwa in die Infrastruktur zugekleistert. Neue Autobahnen und restaurierte Stadtzentren suggerierten eine Annäherung, auch im Osten ging es nun ja offensichtlich aufwärts. Bis hin zur Regierung von Friedrich Merz herrscht bei manchen immer noch die typisch deutsche Nachkriegsmentalität: Wenn es ein Problem gibt, muss es mit Geld gelöst werden.
Deutsche Identitätslücke
Vernachlässigt aber wurde der Verlust von Identität und Gemeinschaft im Osten, den viele durch die Folgen der systemischen Schocktherapie erlitten hatten. Die Erwartung, dass sich die Spaltung mit der Zeit von selbst lösen wird, ist naiv, aber sie entspricht der Unbeholfenheit des Landes im Umgang mit Problemen. In ähnlicher Weise hat man so getan, als würden die neuen nationalistischen Neigungen mit genügend Wohlstand schon irgendwie verschwinden. Der Aufstieg der AfD hat gezeigt, wie falsch diese Annahme war. Es braucht eben doch mehr als Geld für das eigene Wohlbefinden.
Der postnationale Ansatz Deutschlands mag in den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg sinnvoll und unvermeidlich gewesen sein, aber heute bedarf es eines bewussteren, erweiterten Ansatzes, um die Bindekräfte einer Gesellschaft zu stärken, die nach Jahrzehnten der Zuwanderung komplexer und vielfältiger geworden ist.
Deutschland braucht diese Zuwanderung, nicht nur für die Stabilisierung des Arbeitsmarktes und des Rentensystems. Doch wie eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung belegt, haben weit mehr als die Hälfte der zwölf Millionen Menschen, die zwischen 2015 und 2022 nach Deutschland zugewandert sind, das Land schon wieder verlassen. Die allermeisten hatten Schwierigkeiten, sich als Teil der deutschen Gesellschaft zu fühlen.
Es fehlen Narrative für ein Gefühl der Solidarität.
Zudem fühlen sich inzwischen auch von den anderen viele einsam und sozial ausgegrenzt. Die Gesellschaft franst also aus und bedarf gezielterer Anstrengungen, um ein Gefühl der Solidarität zu schaffen. Nötig ist ein positives Narrativ, um die deutsche Identitätslücke zu füllen. Das bedeutet, dass wir uns der schwierigen Aufgabe des Nation-Building neu stellen müssen, bevor ein rechtes Wiederaufleben von »Blut und Boden« zu stark wird. Der vielzitierte Verfassungspatriotismus oder der dünne Ersatz durch eine paneuropäische Identität reichen erkennbar nicht aus.
Gemeinschaft in der Vielfalt
Eine Voraussetzung für ein gelingendes Nation-Building ist in Deutschland schon einmal sehr gut. Hier herrscht nämlich eine viel kollektivere Mentalität als in den USA, wo immer noch der pionierhafte Individualismus fast alles prägt. Es geht jetzt darum, die Vielfalt Deutschlands anzuerkennen und zugleich Möglichkeiten zu schaffen, ein positives Gemeinschaftsgefühl zu erleben und daraus eine nationale Identität zu formen. Da dieses Feld momentan eher einem Vakuum gleicht, braucht es nicht viel, um es mit Inhalten zu füllen.
Der kalte und bürokratische Tag der Einheit am 3. Oktober ist dazu aber sicherlich nicht geeignet. Eher denkbar, aber nicht zwingend und nur als Beispiel genannt, wäre da schon eher die Wiedererinnerung an den 17. Juni – den Nationalfeiertag im Westen zu Ehren der Opfer, die die Ostdeutschen beim Aufstand 1953 gebracht haben. Ein derart historisch begründeter Tag könnte viel besser auch genutzt werden, um gesellschaftliche Grenzen zu thematisieren – auch solche, die aufgrund ideologischer Differenzen entstanden sind. Und solche, die noch in unseren Köpfen existieren.
Die kurze kreative Periode der Weimarer Republik
Auch die zwölf Jahre der nationalsozialistischen Barbarei und der Holocaust sowie die kolonialen Massaker an den Herero und Nama müssen immer und immer wieder bearbeitet, dieser Opfer muss gedacht werden. Das vielfach gebrauchte »Nie wieder« darf nicht zu einem Hashtag unter vielen verkommen. Auch hier wäre ein Ansatzpunkt. Aber man muss diese Diskussion über solche Bezugspunkte dann auch wollen, man muss sie führen.
Auf dieser notwendigen Basis müsste Deutschland dann aufbauen und auch an positivere Zeiten seiner Vergangenheit anknüpfen. Die Weimarer Zeit mit ihren neuen – wenn auch vertanen – Chancen ist so ein Beispiel. Obwohl sie in einer Tragödie endete, wurden vor gut 100 Jahren Maßstäbe in Bezug auf Demokratie und individuelle Rechte gesetzt, die eine kurze Periode beispielloser Kreativität einleiteten. Auch eine solche breitere Würdigung der deutschen Geschichte könnte dem Land helfen, mit mehr Zuversicht in die Zukunft zu blicken.
Es gibt noch keine fertige, entscheidungsreife Idee – und es handelt sich eher um einen Prozess und eine Änderung der Einstellung als um einen einzigen Königsweg. Aber das Problem muss jetzt angenommen und bearbeitet werden. Es mangelt sehr an Bezügen, auf die alle Deutschen stolz sein könnten, auch Zugezogene. Um den rechten Trommlern den Wind aus den Segeln zu nehmen, wird ein positiv aufgeladener »German Dream« dringend gebraucht.



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