Möglicherweise hat die eine oder der andere am 4. Juli etwas neidisch in die USA geschaut, zehn Tage später dann nach Frankreich. Die Feierlichkeiten zum Gedenken an die Ratifizierung der Unabhängigkeitserklärung 1776 in Philadelphia beziehungsweise das Föderationsfest 1790 in Paris vermitteln zwar immer noch den Eindruck, hier stehe das jeweilige Land zusammen. Die Allermeisten wissen aber inzwischen, dass das ein Trugbild ist und auch diese beiden Nationen mittlerweile zutiefst gespalten sind. Rituale wie ein offizielles Gedenken überdecken nur für einen kurzen Moment die Gräben.
Ohne emotionale Strahlkraft
Deutschland hat den Tag der Deutschen Einheit. Doch während die Vereinigten Staaten und die Grande Nation die große Inszenierung mögen, mit nationalem Pathos, Fahnenmeer, Militärparaden (neuerdings ja auch in den USA) und quasi zivilreligiöser Aufladung, kommt hierzulande der 3. Oktober reichlich blutarm daher. 1990 trat an diesem Tag der Einigungsvertrag von Deutschland Ost und West in Kraft, ein wichtiges Datum zweifelsohne, das aber kaum emotionale Strahlkraft besitzt.
2025 wird das Saarland Ausrichter des jährlich üblichen »Einheitsfestes« sein. Auf der entsprechenden Website heißt es: »Der Tag der Deutschen Einheit ist eine tolle Chance, unser Land zu präsentieren. (…) Wir wollen unser Saarland im allerbesten Licht präsentieren. Feiern wir, was uns verbindet.« Das Bundesland also zuerst, das deutschlandweit Verbindende danach. Das heutige Deutschland, so der Subtext, ist historisch ein Zusammenschluss der Länder gewesen, auch deshalb wird die Einheitsfeier über den Bundesrat und die Länder, nicht auf nationaler Ebene organisiert.
Ist das bemerkenswert, vielleicht sogar bedauerlich? Keineswegs. Schließlich wusste schon Otto von Bismarck, dass einem »das Hemd näher als der Rock (das Jackett)« sitzt. Und auch, wenn 16 Länder ein Deutschland ergeben, so sind sie untereinander doch auch Konkurrenten, um finanzielle Ressourcen, Unternehmensansiedlungen, kluge Köpfe, Touristen usw. Aber sie – manchmal auch nur ihre Regionen – prägen das Lebensgefühl, die lokalen Identitäten viel stärker als die nationale Ebene.
»Aus dem 3. Oktober erwächst keine nationale Erzählung.«
Zweifel sind daher angebracht, ob sich die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein am 3. Oktober – oder überhaupt – intensiver für das Saarland oder das national Verbindende interessieren werden. Dänemark liegt eben dem Norden doch viel näher, Österreich dem Süden, letztlich auch Frankreich dem Saarland. In Zeiten offener Grenzen (wie lange noch?) sind oft engere Beziehungen ins nahe Ausland entstanden als zu einem weit entfernten deutschen Bundesland. Auch wenn der 3. Oktober wichtig ist Gemeinsamkeit zu zeigen – eine nationale Erzählung erwächst daraus nicht.
Andererseits vermissen manche inzwischen tatsächlich das wärmende Lagerfeuer nationaler Rituale, ob das anderen nun gefällt oder nicht. Der Tag des Mauerfalls hätte zumindest im Ost-West-Kontext vielleicht ein solches entfachen können, aber der 9. November ist nun mal in mehrfacher Hinsicht vorbelastet (Hitlerputsch 1923, Pogromnacht 1938). Überhaupt: der Nationalsozialismus. Die zwölf Jahre Barbarei haben den nationalen Impetus nachhaltig diskreditiert, auch wenn man ihn von rechts seit einiger Zeit nun mit Vehemenz wiederzubeleben versucht.
Zu einer positiven nationalen Erzählung sollte aber eben nicht nur schwermütiges Geschichtsbewusstsein gehören, sondern auch etwas Unbekümmertheit möglich sein. Kaum ein positiv besetztes Datum indes, das nicht auch eine Schattenseite hat. Selbst die Franzosen wollten nicht an den blutigen Sturm auf die Bastille 1789 erinnern und entschieden sich dann für das Föderationsfest im Jahr darauf. Und der Beschluss dazu jährlich daran zu erinnern, kam dann auch erst 90 Jahre später.
Sollte es in Deutschland ein einigendes, positiv besetztes Datum sein, dann müsste man schon weit zurückgreifen: Die von der ersten deutschen Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche verabschiedete Reichsverfassung vom 28. März 1849 böte sich etwa an. Auch wenn diese Revolution letztlich scheiterte, so war sie doch Teil der liberalen, bürgerlich-demokratischen und nationalen Einheits- und Unabhängigkeitserhebungen. Doch kaum jemand erinnert sich heute noch daran.
Die Gefühle erreicht am ehesten der Fußball
Über lange Zeit konnte man in der Bundesrepublik wenigstens stolz auf »Made in Germany« sein. Doch das war und ist viel zu abstrakt technokratisch. Die Gefühle der Menschen erreicht manchmal am ehesten noch der Fußball: das »Wunder von Bern« 1954, woraus das darniederliegende Land wieder Selbstbewusstsein schöpfte, ganz besonders. Auch das »Sommermärchen« 2006, bei dem sich Deutschland trotz aller Unkenrufe weltoffen und fröhlich präsentierte oder die Fußballweltmeisterschaft 2014, die für die deutsche Mannschaft mit dem Titel endete.
Da sah man dann auch das fröhlich unbekümmerte Leuchten in manchen Augen, wenn Schwarz-Rot-Gold geschwungen wurde. Das hatte was von positiver nationaler Euphorie, weit weg von der Politik. Doch so etwas trägt eben höchstens für einen Sommer. Wenn überhaupt: In einer Umfrage kurz vor dem Beginn der EM 2024 äußerten 88 Prozent, dass die Deutschen sich früher von Fußballturnieren mehr mitgerissen fühlten. Emotionen sind nicht planbar.
In der Bundesrepublik ist das Bundesland entscheidend
Auch Symbole, Rituale und Traditionen spielen bei der Identitätsbildung eine entscheidende Rolle. Doch im föderalen Deutschland waren auch hierbei immer schon die Bundesländer und Regionen die entscheidenden Bezugspunkte. Der Rheinische Karneval etwa ist so ein herausragendes Beispiel; in Teilen Deutschlands »fünfte Jahreszeit« und das Hochamt des Frohsinns, wird er anderswo bestenfalls verständnislos belächelt.
Keine gemeinsamen Rituale also, aber auch kein »Gründungsmythos«. Warum nicht der 23. Mai als Nationalfeiertag, der Tag, an dem das Grundgesetz in Kraft trat? Bitte nicht, werden viele im Osten der Republik sagen. Weil die DDR 1990 der BRD faktisch nach Artikel 23 beitrat und keine neue Verfassung formuliert wurde, hat das Grundgesetz im Osten nie die symbolische Bedeutung erlangt wie im Westen. Das hätte man anders haben können, durch Ausarbeitung einer gemeinsamen neuen Verfassung. Genau das war aber mehrheitlich nicht gewollt gewesen.
»Aus Weltoffenheit erwächst noch keine Identität.«
Wie man es also dreht und wendet: Kein Ereignis, keine Tradition bietet sich an für eine überwölbende positive nationale Erzählung. Alle Versuche, dies zu ändern, wirken bemüht, jedenfalls nicht »echt«. Und es bleibt auch der Einwand: Wozu mit Krampf etwas konstruieren, was im Alltag kaum jemand wirklich vermisst? Andere Länder haben eine andere Geschichte – und wohl auch andere emotionale Traditionen im Vergleich zur deutschen Reserviertheit. Den Rechten, die hier eine Lücke behaupten, wird man mit dem Hinweis auf andere Identitätsanker Paroli bieten müssen. Ja: Menschen brauchen mehr als Regeln, denen sie folgen sollen. Mehr auch als einen kühlen »Verfassungspatriotismus«. Die Nation als gemütliche Heimstatt aller ist jedoch keine Antwort, die zu Deutschland passt.
»Aber wir sind doch auch schon längst Europäer«, werden da manche einwerfen. Hinter dieser vermuteten »europäischen Identität«, die das Nationale möglichst hinter sich lassen, zumindest ergänzen möchte, verbirgt sich aber oft nicht mehr als Weltoffenheit, aus der noch keine Identität erwächst. Sie ist zudem exklusiv, denn man muss sie sich auch leisten können.


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