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picture alliance / 0 | Wolfgang Filser

»Braucht progressive Politik mehr Emotionen?«

Wenn es um Emotionen in der Politik geht, kann man bisweilen den Eindruck haben, dass sehr viele Menschen vor allem an »Typen« wie Franz Josef Strauß oder Gerhard Schröder denken. Laut, markig, zugespitzt – Emotion in erster Linie als Fähigkeit zum kernigen und impulsiven Auftritt. Wenn wir über diese Art verwendeter Emotionen sprechen, bin ich nicht überzeugt, dass progressive Politik mehr von ihnen braucht.

Aber es macht wohl Sinn zunächst zu klären, was überhaupt Emotionen sind. In der Literatur kann man erfahren, dass Emotionen »Reaktionen auf bewusst oder auch unbewusst wahrgenommene innere oder äußere Reize« sind und verschiedene Bestandteile umfassen: Von einem »subjektiven Gefühl«, über einen »kognitiven Prozess« (etwa, dass eine Situation als lustig bewertet wird), bis hin zu einer »sichtbaren körperlichen Reaktion« (jemand lacht, weint, verstummt) und einem folgenden »Verhalten« (etwa Zu- oder Abwendung). Ausgehend von dieser Definition braucht progressive Politik nicht nur selbst ein »mehr« an Emotionen, sondern sie braucht vor allem »mehr« davon, Emotionen bei anderen zu aktivieren oder zu erzeugen. »Demokratische Emotionalisierung« nennt der Politikberater Johannes Hillje dies in seinem jüngsten Buch Mehr Emotionen wagen. Wie wir Angst, Hoffnung und Wut nicht dem Populismus überlassen. In seinem Text macht er entlang eigener empirischer Befunde klar, dass Menschen (von konservativ bis progressiv und teils auch im rechtspopulistischen Spektrum) für demokratische Emotionalisierung sehr wohl empfänglich sind. Sein Plädoyer: Populisten nicht alleine auf dem Spielfeld der Emotionen lassen, die eigene Emotionalisierung, aber nicht deren Vorgehensweisen anbiedern, sondern eine eigene emotionale, demokratische Ansprache entwickeln.

»Populisten nicht allein auf dem Spielfeld der Emotionen lassen.«

Man kann nicht alleine in der oftmals technokratischen Nüchternheit der viel beschworenen »evidenzbasierten Politik« den Grund für erstarkenden Populismus und Extremismus finden. Dazu ließe sich eine lange Liste weiterer komplexer Themen und Herausforderungen aufführen. Aber diese Nüchternheit ist darüber hinaus auch ein Problem der politischen Mitte, wenn es ihr nicht gelingt Leidenschaft, Tatkraft, Energie und Enthusiasmus auszustrahlen. Der frühere Präsident der Europäischen Kommission, Jaques Delors, beschrieb diese Herausforderung einmal sehr schön. Mit Blick auf eine (seiner) größten Errungenschaften, den EU-Binnenmarkt, wies er schon bei dessen Einführung hin: »Man verliebt sich nicht in einen großen Binnenmarkt« und machte damit deutlich, welche Bedeutung Emotionen in der politischen Kommunikation haben, selbst dann, wenn die betreffende politische Entscheidung mit Vorteilen für Viele verbunden ist. Dies gilt umso mehr, wenn es um stark politisierte Themen geht, die unter einer zunehmenden affektiven Polarisierung in Form von Lagerdenken und Feindbildern leiden.

Räume für Irrationalität

Gerade da müssen Räume für Emotionen sichtbar werden, denn wir alle begegnen unterschiedlichsten Lebenssituationen genau damit – mit Emotionen. Für das progressive Lager bedeutet ein »mehr an Emotionen« deshalb ein mehr an Räumen für Irrationalität. Für Ambivalenzen und Widersprüche im menschlichen Verhalten, obwohl doch Wissenschaft oder im Zweifel man selbst, »sicher weiß«, dass es doch eigentlich anders laufen müsste, die »richtigen Wege« doch allzu offensichtlich scheinen. Für hoch strittige und immens veränderungsprovozierende Politikfelder, wie Migrations- oder Klimapolitik, läge in der stärkeren Anerkennung und Thematisierung dieser Emotionen eine große Chance, denn eine der wirkmächtigsten Emotionen überhaupt ist Angst. Während sie in dem einen Fall aus weiten Teilen des progressiven Lagers gerne mal als unbegründet abgetan wurde (und teils noch wird), scheint sie im anderen Fall angemessen im Sinne des Antriebs für mehr klimaschutzorientiertes Verhalten. Aber in beiden Fällen ist sie bedeutsam für die Frage, wie Menschen Politik begegnen. Wie wirkmächtig Emotionen auch schon lange vor Social Media und Digitalisierung sein konnten, zeigt in der Rückschau der Blick auf das vielfach beschriebene Phänomen der »German Angst«.

Die Bedeutung von Emotionen – etwa für die Wahlentscheidung von Menschen – betont auch die Wahlforschung, von »Parteibindungen« (eine doch recht emotional angelegte Verbindung) bis hin zur Frage, welche Gefühle Menschen mit verschiedenen Parteien verbinden. Für progressive Politik muss es darum gehen, mit einem Mehr an Emotionalität die Nüchternheit eigener Anliegen stärker aufzubrechen. Vielleicht hilft es schon, jedes Anliegen stärker auf seine emotionale Anschluss-fähigkeit hin zu befragen. Worum geht es eigentlich bei einer Erhöhung des Mindestlohns? Um Erleichterung? Freude? Fürsorge? Zufriedenheit? Sicherheit? Welchen emotionalen Anker bietet das Bild eines klimaneutralen Lebens? Freude? Hoffnung? Zuversicht? Sicherheit? Fürsorge? Und wie gehen progressive Kräfte mit dem Wissen um, dass viele Menschen ausweislich von Umfragen durchaus andere Gefühle mit den jeweiligen Ideen verbinden?

»Bei hoch strittigen Politikfeldern läge in der Anerkennung von Emotionen eine großeChance.«

Keine gute Idee scheint zu sein, Emotionen klein zu reden, sie als unbegründet abzutun. Weiß man doch aus eigenem Erleben, wie etwa Wut, Unsicherheit, Angst oder Traurigkeit eigene Perspektiven dominieren können. Es braucht also ein »Mehr« auch in dem Sinne, dass es gerade in einer Zeit von Transformation, Verunsicherung und Umbrüchen Raum und intensive Auseinandersetzung mit den vielfach dominierenden Emotionen braucht: mit Verlust, Erschöpfung, Scham, Traurigkeit, Unsicherheit, Angst. Nur wenn dafür Zeit und Raum ist, kann es auch gelingen daraus langfristig »gute Emotionen« zu entwickeln und Vertrauen aufzubauen. Vertrauen als Grundlage dafür – emotional gesprochen – gegenüber progressiver Politik neugierig, interessiert, freudig, überrascht, erstaunt, erwartungsvoll, unbeschwert oder gar zufrieden zu sein. In diesem Sinne braucht progressive Politik, für die eigenen Anhänger und gerade für jene darüber hinaus, ein »Mehr« an Emotionen – und vielleicht auch für sich selbst.

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