Geradezu lustvoll und mit virtuoser Koloratur singen Verleger seit jeher das Lied vom Niedergang der Buchbranche. Schuldige finden sich immer, mal sind es die Buchhändler, weil sie zu mutlos sind und nichts wagen, oder weil sie zu forsch sind und die Konkurrenz aufkaufen und als Ketten den Markt dominieren. Die Literaturagenten sind gefährlich, treiben sie doch die Autorenhonorare in die Höhe, gar nicht zu reden von der unverständigen Presse. Als das eigentliche Übel aber müssen die ungebildeten und nur an leichter Ware interessierten Leser herhalten.
Dabei ist der hiesige Buchmarkt einmalig. Mit seiner Vielfalt an Verlagen und der Dichte der Buchhandlungen, dem System mit Zwischenbuchhandel, Vertretern, Börsen und Messen ist er im internationalen Vergleich der am besten entwickelte, ausgefeilte, funktionierende und der bunteste. Wir dürfen stolz darauf sein, und wir werden darum beneidet. Der Staat hat einiges getan: für ein robustes Urheberrecht gesorgt, den festen Ladenpreis und die reduzierte Mehrwertsteuer eingerichtet. Können wir also getrost weiterklagen, wissend, dass es schon irgendwie weitergehen wird?
Ich meine nein. Zwar hat der Buchhandel in der Coronazeit bis zur Erschöpfung gearbeitet und durch Einfallsreichtum brilliert, und viele, vor allem kleinere Verlage haben nicht zuletzt dank der großartigen Unterstützung durch »Neustart Kultur« die Dornröschenzeit überdauert. Aber die Pandemie und dann der Ukrainekrieg haben als Katalysatoren gewirkt und bedrohliche, längst sichtbare Entwicklungen beschleunigt. Die Brücke über die sich die Branche seit einiger Zeit hangelt, wird immer fragiler. Und wer sägt nicht alles an den Stützpfeilern.
Where have all the readers gone …
Digitalisierung heißt das hassgeliebte Stichwort aller Kulturpessimisten. Sie ist schuld an allen negativen Entwicklungen. Über den Leserschwund wird seit Jahren räsoniert. Den ersten Aufschrei gab es, als bekannt wurde, dass dem Buchhandel zwischen 2012 und 2016 sechs Millionen Käufer abhandengekommen waren. Zwischen 2018 und 2022 waren es »nur« noch vier Millionen, von etwa 44 Prozent auf 39 Prozent der Bevölkerung.
»Nicht nur die Fähigkeit, umfangreichere Texte und komplexe Zusammenhänge zu erfassen schwindet.«
Zum Verlust von Lesern kommt der Rückgang der Lesezeit. In allen Altersgruppen nimmt die Nutzung digitaler Angebote zu. Fragmentiertes Lesen führt zu einer schrumpfenden Aufmerksamkeitsspanne. Aber nicht nur die Fähigkeit, umfangreichere Texte und komplexe Zusammenhänge zu erfassen schwindet. Die PISA-Studien bescheinigen seit Jahren deutschsprachigen Kindern beschämende Basis-Lesekompetenzen. Maßnahmen dagegen bleiben lächerliches Stückwerk, in den Koalitionsverträgen hingegen taucht kein Wort häufiger auf als Digitalisierung.
Die mangelnde konkrete Anstrengung des Staates wird flankierend akzeptiert von der Mehrheit der Gesellschaft. Elektronische Geräte haben Bücher als Statussymbol abgelöst. Bücher belasten die heutige Lebensweise, Ikea dachte sogar über die Einstellung des ikonischen Möbels Billy nach.
Den Sortimentsbuchhandel, er allein setzt im Jahr immerhin knapp zehn Milliarden Euro um, trifft es von mehreren Seiten. Der Schwund der Leser führt zu rückläufigen Stückzahlen. Da die Verlage die Ladenpreise hochgesetzt haben (dazu später mehr), können die Umsätze mühsam gehalten werden. Durch Homeoffice und fehlenden Tourismus infolge der Pandemie hat die fatale Verödung der Innenstädte noch einmal Fahrt aufgenommen. Die Frequenz im Handel war teilweise komplett eingebrochen.
Wer mit einer guten Homepage ausgestattet war, wer im Speckgürtel sitzt und engen Kontakt zu seinen Kunden pflegt, konnte zwar den Umsatz zeitweilig sogar erhöhen. Unterm Strich bleibt jedoch der Sortimentsbuchhandel (über ihn gehen circa 40 Prozent des Buchverkaufs) neun Prozent unter seinem Umsatz vor der Pandemie. Gewinner ist der Onlinehandel, zuvorderst Amazon. Nun ließe sich einwenden, Hauptsache die Bücher kommen an die Leser. Aber kommen sie wirklich dorthin ohne den beratenden, empfehlenden, enthusiastischen Buchhändler? Der im besten Fall nicht nur über enorme Kenntnisse seiner Ware verfügt, sondern weiß, was seine Kunden interessiert und schon bei der Bestellung eines Titels den entsprechenden Abnehmer im Kopf hat. Von der Buchhandlung als Ort des Austauschs und als kulturellem Treffpunkt nicht zu reden.
In vielen Buchhandlungen steht ein Generationswechsel an. Lange Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung führen oft dazu, dass Buchhandlungen geschlossen oder an eine Kette verkauft werden, mit dem zwangsläufigen Ergebnis, dass das individuelle Gesicht des Ladens verschwindet zulasten der Vielfalt und lediglich das eingeschränkte Einheitssortiment eines Zentrallagers angeboten wird. Die »Sortimentsbuchhandlung« heißt nicht zufällig so, trifft doch jeder Buchhändler eine eigene Auswahl für sein Angebot. Findet sich trotzdem eine, ein junger, engagierter Kandidat, so scheitert die Übergabe nicht selten an den Banken: Warum eigentlich erhalten Fitnessstudios oder Gastrobetriebe leichter einen Kredit als Buchhandlungen? Ach ja, letztere haben ja nur bedrucktes, also wertloses Papier im Lager, für die Bilanz nicht von Relevanz – das gilt im Übrigen auch für Verlage.
»Lieferengpässe und Kostensteigerungen haben Teuerungen nach sich gezogen, die die Verlage kaum mehr in den Griff bekommen.«
Verlag I: Verlegen und verbreiten. Verlage sind Wirtschaftsunternehmen, arbeiten auf eigenes Risiko, den eigenen Vorstellungen entsprechend, schielen jedoch nicht auf maximalen Gewinn, sonst würden sie etwas anderes herstellen und vertreiben. Ich spreche hier nicht über Wissenschaftsverlage, Onlineplattformen oder Selfpublisher, für sie gelten andere Bedingungen. Es geht um die Publikumsverlage, die großen Gruppen wie die kleinen, oft nur aus einer Person bestehenden Verlage mit unterschiedlichsten Interessensschwerpunkten. Verlage leben einerseits vom Verkauf von Exemplaren, nicht nur den physischen, den gedruckten, sondern gleichermaßen von E-Books oder Hörbüchern, die heute beinahe nur noch über Downloads verkauft werden. Zum anderen übernehmen sie die Verwertung von Rechten.
Verlag II: Gut und schön. Ein Verlag ist eine bemerkenswerte und durchaus widersprüchliche Mischung aus einer Ansammlung von verrückten Trüffelschweinen voller Ideen und einer vorfinanzierenden, zumeist klammen Bank. »Ein Verlag ist die Summe seiner Autoren«, hat der bedeutende spanische Verleger Jorge Herralde einmal gesagt. Kluge Autoren achten nicht nur auf die Höhe der Vorschüsse. Manuskripte müssen kenntnisreich und skrupulös betreut werden, oft reicht ein Lektoratsdurchgang nicht, manchmal ist »betreutes Schreiben« notwendig. Da diese Arbeit erst auf den zweiten Blick sichtbar ist, wird an ihr als erstes gespart.
Der Verlag soll aber nicht nur ein »gutes«, sondern auch ein schönes Buch liefern, das heißt, Sorgfalt bei Herstellung und Ausstattung walten lassen. Lieferengpässe bei Papier und Kartonagen und Kostensteigerungen bei der energiefressenden Verarbeitung haben in den letzten drei Jahren Teuerungen nach sich gezogen, die die Verlage derzeit kaum mehr in den Griff bekommen.
Sieg der kaufmännischen Logik?
Die Formel ist einfach: 1. Niedrigere Auflagen (siehe Leserschwund) führen zu höheren Stückkosten. 2. Höhere Herstellungspreise führen ebenfalls zu höheren Stückkosten. 3. Setzt der Verlag den Ladenpreis hoch, so verbleibt zum Beispiel von sechs Euro mehr für den Endkunden lediglich ein Euro für den Verlag. Der Rest geht an den Staat, den Buchhändler, den Autor, den Vertrieb. Da die laufenden Kosten des Verlags steigen (etwa Löhne, Miete, Marketing, Werbung, Veranstaltungen), kann die Steigerung der Herstellungskosten nicht mehr ausgeglichen werden.
Konkret: In der sehr aufwendig ausgestatteten roten SALTO-Reihe (in 35 Jahren knapp 400 erschienene Titel, einschließlich Alan Bennetts »Souveräne Leserin«) hat vor zehn Jahren die durchschnittliche Auflage von 4.000 Exemplaren zu einem Gewinn von 50 Cent pro Exemplar geführt. Heute steht unterm Strich bei Auflagen von 3.000 Exemplaren ein Minus von 50 Cent. Der Ladenpreis ist etwa um sechs Euro gestiegen. Der kühle Kaufmann würde sagen: die Reihe einstellen.
Von sechs Euro mehr für den Endkunden bleibt ein Euro für den Verlag.
Der kühle Kaufmann würde zudem vorschlagen: Vertreibt Eure Bücher nicht über die großen Ketten und Onlinehändler, die von Euch aufgrund ihrer Marktmacht immer höhere Rabatte fordern. Nehmt keine Bücher zurück, das erhöht die Vertriebskosten. Plant die Auflagen genauer. Setzt die Ladenpreise noch weiter hoch. Und vor allem: Habt Mut zu kleineren Programmen, macht weniger Titel in höheren Auflagen, baut Autoren auf, deren Titel in die Backlist gehen. Schickt die Lektoren weg und lasst die KI die Bücher setzen.
Gut gebrüllt, Kaufmann, sagen die Trüffelschweine. Und woher, bitte, sollen dann die verrückten Bücher und neuen Ideen kommen?
Verlag III: Geistiges Eigentum. Nur vom Verkauf der Exemplare, also ohne die Lizenzierung von Rechten für eine angemessene Beteiligung von Urheber und Verlag, könnten weder die einen noch die anderen überleben. Die Rede ist von der Lizenzierung für Taschenbuch-, Buchgemeinschafts-, Sonderausgaben, Hörbücher oder für Übersetzungen in andere Sprachen; oder von der Erlaubnis zur Bearbeitung als Hörspiel, Theaterstück oder gar Film.
Nicht zu unterschätzen sind die sogenannten »Kleinlizenzen«, das heißt die Genehmigung, Teile (einen Ausschnitt aus einem Roman, eine einzelne Erzählung) abzudrucken (oder etwa zu senden). Und schließlich spielen Verwertungsarten eine Rolle, die der Verlag selbst gar nicht lizenzieren kann. Hier springen die Verwertungsgesellschaften ein, etwa die VG Wort. Zwei klassische Beispiele: die Ausleihe in der Bibliothek und das Kopieren von geschützten Texten.
Sinkt der Gewinn aus dem Verkauf von Exemplaren (siehe oben), wächst die Bedeutung des Rechteverkaufs. Mit der scheinbar unendlichen Verfügbarkeit von allem und jedem im Netz nimmt jedoch das Bewusstsein bei »Usern« im öffentlichen und politischen Leben rapide ab, dass geistiges Eigentum geschützt ist und für die Nutzung bezahlt werden muss.
»Die Gewinner sind die großen Plattformen wie Google.«
Ich spreche nicht nur von Fans, die hundertfach, wenn nicht tausendfach Erich-Fried-Gedichte auf ihren Seiten ins Netz stellen, illegal. Auch nicht von Plattformen, die ohne Genehmigung und Honorierung Spielfilme anbieten. Ich denke an Politiker. Die Piraten sind immerhin wieder verschwunden, ihre Haltung findet sich jetzt in allen etablierten Parteien. Erst nach jahrelangem mühsamen Kampf gelang es, wieder Ausschüttungen der Verwertungsgesellschaften an die Verlage festzuschreiben. Politiker schielen auf den öffentlichen Druck: Alles soll überall und jederzeit verfügbar sein. Kostenlos. Die Gewinner sind die großen Plattformen, die »global player« wie Google. Längst haben die alten Freund-Feind-Schemata ausgedient: Verlage und Autoren sitzen in einem Boot. Gelingt uns kein Bewusstseinswandel, ist die wunderbare Branchenvielfalt genauso gefährdet wie das Auskommen von Urhebern.
Welche Auswirkungen Künstliche Intelligenz (KI) für diesen Bereich und die Branche insgesamt haben wird, ist noch kaum abzusehen. Klar ist, dass jede Nutzung zu Trainingszwecken ein urheberrechtlich relevanter Vorgang ist – dass aber umgekehrt ein durch KI erzeugter Text per se nicht geschützt sein kann. Klar ist auch eine Umwälzung in vielen Berufsfeldern, etwa bei den Übersetzern.
Buchbesprechungen
Die deprimierenden Entwicklungen bei den klassischen Rezensionsmedien, Zeitung und Rundfunk, gehen auf tatsächliche und vermutete Änderungen bei den Lesern zurück: Rezensionen müssen kurz und dürfen nicht zu komplex sein oder auf zu viel Wissen zurückgreifen (Achtung: Fremdworte!), ganzstündige Sendungen überfordern die Zuhörer und so weiter. Das Feuilleton hat seine Kompassfunktion verloren – und ist für den Verkauf nicht mehr in nennenswertem Umfang hilfreich.
Wir sollten uns also freuen, wenn bei BookTube oder BookTok 200.000 vorwiegend junge Frauen den Influencerinnen zusehen, wie sie ihre Bücher in kleinen Videos inszenieren, mit wenig Text und viel Gefühl, aber mit dem Ergebnis, dass in der Gruppe der 16- bis 29-Jährigen seit 2017 der Buchkauf um acht Prozent gestiegen ist. Dass komplexe Inhalte über andere Blogs mit sehr viel weniger Followern besprochen werden, hilft ein wenig über den Bedeutungsverlust des klassischen Feuilletons hinweg.
Gesetzgeber und öffentliche Hand
»Solide Rahmenbedingungen für eine Branche, die ein nennenswerter Wirtschaftsfaktor ist, wären schon ein riesiger Schritt.«
Häufig wird nach struktureller Verlagsförderung gerufen. Wie wunderbar wäre eine solche Förderung! Aber wie kann sie gerecht, nicht interventionistisch und reglementierend-lenkend gestaltet sein? Solide Rahmenbedingungen für eine Branche, die ein nennenswerter Wirtschaftsfaktor ist, wären schon ein riesiger Schritt: Sicherstellen von Lese- und Medienkompetenz als wesentliche Kulturtechniken an den Schulen; Bibliotheken – gedruckte Bücher bleiben ein Wissensspeicher noch in 500 Jahren – finanziell besser ausstatten, damit sie Anschaffungen tätigen und die Nutzung vergüten können (letzteres gilt derzeit insbesondere im Streit um das E-Lending); Hochschulen finanziell ausstatten für die Bereitstellung von Texten im Intranet; bessere Bedingungen für den Buchhandel schaffen (Stichwort Innenstädte, KfW-Kredite); den öffentlich-rechtlichen Rundfunk stärken als Garant der Meinungsfreiheit und -vielfalt und als »Programm auch für Minderheiten«; Aufmerksamkeit bei allen urheberrechtlichen Entwicklungen (etwa KI).
Vielleser pflegen eine komplexere Weltsicht, sie nehmen andere Menschen als vielschichtiger wahr und verfallen weniger reflexhaft in Gut-Böse-Schemata. Wer in Geschichten eintaucht, lernt neue Perspektiven kennen und häuft einen fiktiven Erfahrungsschatz an, der bei realen Problemen zu unkonventionellen Lösungen anregt.
Leser sind mit höherer empathischer Fähigkeit und kognitiver Flexibilität ausgestattet – soweit eine jüngst veröffentlichte Studie der Princeton University. Bücher dienen der Unterhaltung, sind aber weit mehr. Sie helfen neue Welten zu erschließen, real existierende, virtuelle und zukünftige. Sie stehen scheinbar gegen den Zeitgeist, weil sie anstrengend sind und konzentriertes widerständiges Denken fordern. Dennoch scheint es kein Naturgesetz, dass unsere hoch entwickelte Gesellschaft die geistige Verarmung der Nichtleser hinnimmt.

Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!