Organisiert wird die Messe von Susanne Dagen, die das Buchhaus Loschwitz in Dresden leitet und seit Jahren eine Brückenfunktion zwischen dem Literaturbetrieb und der Neuen Rechten einnimmt. Dagen sitzt für die Freien Wähler im Stadtrat Dresden, hat sich der AfD-Fraktion angeschlossen, wähnt sich in einer Diktatur lebend und kooperiert mit den einflussreichsten Rechtsextremisten des deutschsprachigen Raums. Als Martin Sellner, dem Kopf der rechtsextremen Identitären Bewegung, im Sommer 2020 seine YouTube- und Twitter-Accounts wegen Gewalt- und Terrorismusverherrlichung gesperrt worden waren, lud sie ihn unter einem Decknamen in ihre YouTube-Literatursendung »Aufgeblättert. Zugeschlagen. Mit Rechten lesen« ein und spielte auf Sellners Telegram-Kanal an, auf dem er seine politischen Botschaften weiterverbreiten konnte.
Strategiewechsel
Mit einer Camouflage-Strategie arbeitet auch die geplante Buchmesse, indem sie ihre politische Ausrichtung verdeckt hält und suggeriert, »die Vielfalt und Kreativität des Verlagswesens« zu feiern. Dabei ist sie Ausdruck von Kontinuität und Strategiewechseln der neurechten Literaturarbeit. Denn für Literaturmessen interessiert man sich dort schon länger. Geschickte Auftritte und Aktionen auf den Frankfurter Buchmessen 2017 und 2018 haben neurechten Verlagen eine enorme Aufmerksamkeit beschert. Als sich die Messeleitungen Gegenstrategien überlegt hatten, zogen sich die zentralen Player zunehmend von den großen Messen zurück und etablierten – oft unterstützt von der AfD – kleine Gegenmessen, etwa 2023 in Mainz und 2024 in Berlin. Diese Parallelstruktur adressierte vor allem die eigene Szene – nicht-rechte Besucher:innen waren nicht erwünscht, die Ausstellungsflächen waren klein, wurden geheim gehalten und mit Sichtblenden abgeschirmt.
Die jetzt geplante Messe folgt einer anderen Strategie: Erstmals zieht man auf ein Messegelände, platziert einen professionellen Webauftritt, gibt sich als unpolitisch und strebt eine Publikumsmesse für die breitere Öffentlichkeit an. Es geht nicht mehr um eine neurechte Selbstvergewisserung, sondern – so führt Dagen im Videogespräch mit Götz Kubitschek und Ellen Kositza aus, den einflussreichsten neurechten Netzwerkern – um eine Normalisierung extrem rechten Denkens.
»Erstmals strebt man eine Publikumsmesse für die breitere Öffentlichkeit an.«
Ablesen lassen sich gewachsene Ambitionen und taktische Umorientierung auch an den Titeln der beiden wichtigsten neurechten Strategieschriften der letzten Jahrzehnte. Während sich Kubitschek 2007 noch mit einer Provokation zufriedengab, zielt Sellners Buch, das 2023 in Kooperation mit Kubitschek und in dessen Antaios Verlag erschienen ist, auf einen Regime Change von rechts. Es geht also ums Ganze
Metapolitische Agenda
Dass man sich dabei in bemerkenswertem Umfang mit Literatur befasst, hängt mit dem Selbstverständnis der Neuen Rechten zusammen. Es handelt sich um eine Strömung innerhalb des Rechtsextremismus, die sich um Intellektualität bemüht, um damit innerhalb der eigenen Kreise ihren Führungsanspruch legitimieren und nach außen satisfaktionsfähig auftreten zu können. Statt auf kurzfristige Wahlerfolge setzt man – angelehnt an den italienischen Kommunisten Antonio Gramsci und den US-amerikanischen Politologen Gene Sharp – auf die sogenannte Metapolitik. Wer das politische System umbauen möchte, so die Grundüberzeugung, muss zunächst die Deutungshoheit im kulturellen Raum gewinnen. Literatur wird deshalb in Rezensionen und Essays, in Literaturbeilagen, Podcasts und Sendungen als Hebel genutzt, um den öffentlichen Diskurs nach rechts zu verschieben.
Um dabei erfolgreich zu sein, empfiehlt Kubitschek in einem Artikel seiner Zeitschrift Sezession von 2017 mit dem bezeichnenden Titel »Selbstverharmlosung« drei unterschiedliche Strategien. Die erste besteht in einer »Schaffung neuer Gewohnheiten«: Eine Rechtsverschiebung des privaten und öffentlichen Sprechens soll erreicht werden, indem man provozierend vorstößt in die »Grenzbereiche des gerade noch Sagbaren und Machbaren«. Die zweite Strategie wird von Kubitschek als »Verzahnung« bezeichnet. Sie zielt darauf ab, radikale Positionen salonfähig zu machen, indem man »auf Sprecher aus dem Establishment verweist, die dasselbe schon einmal sagten oder wenigstens etwas ähnliches«. Kubitschek ist der Überzeugung, dass Prestigegewinne nicht von Verbotsverfahren verhindert werden, sondern vor allem von einer »emotionalen Barriere«, die man in traditionell konservativen Kreisen gegenüber der extremen Rechten noch empfindet. Zur Auflösung dieser Barriere empfiehlt er drittens eine strategische »Selbstverharmlosung«, also »die Vorwürfe des Gegners durch die Zurschaustellung der eigenen Harmlosigkeit abzuwehren und zu betonen, dass nichts von dem, was man fordere, hinter die zivilgesellschaftlichen Standards zurückfalle«.
Man muss Kubitschek nicht böswillig interpretieren, sondern nur lesen, um zu verstehen, worum es der Neuen Rechten eigentlich geht: zivilgesellschaftliche Standards abzuschaffen. Zu dieser Einsicht ist auch das Bundesamt für Verfassungsschutz gekommen, das den Antaios Verlag als »gesichert rechtsextrem« einstuft.
Alle drei von Kubitschek empfohlene Strategien prägen die neurechte Literaturpolitik. Gerade das Widersprüchliche, das im Zugleich von Selbstverharmlosung und schleichender Radikalisierung liegt, lässt sich mithilfe von Literatur bestens in den kulturellen Diskurs einspeisen. Auf Sympathiegewinne außerhalb der eigenen Kreise zielt etwa das von Kositza gemeinsam mit Caroline Sommerfeld verfasste, vergleichsweise harmlose Buch Vorlesen (2019), das Dutzende Kinder- und Jugendbuchklassiker als hilfreich für die Persönlichkeitsentwicklung empfiehlt, Vorlesen als eine »Unterform des Kuschelns« versteht und mit seiner Kritik an der Nutzung digitaler Medien in bildungsbürgerlichen Kreisen offene Türen einrennt.
Es geht um Deutungshoheit im kulturellen Raum.
Verzahnungsstrategien kann man beobachten, wo Kubitschek mit Iris Wolffs Roman Lichtungen (2024) einen Publikumserfolg lobt, der auch in den Feuilletons gefeiert wurde. Von Kubitschek wird das Buch mit dem in neurechten Kreisen beliebten Heimatdiskurs verkoppelt – dabei unterschlagend, dass sich der Roman einem nationalistischen Heimatkonzept gerade verweigert. Metapolitisch ergiebig sind solche Besprechungen dadurch, dass Menschen, die online nach Rezensionen von Erfolgsbüchern suchen, unwissentlich auf neurechte Kanäle gelenkt werden – und so ein Erstkontakt hergestellt wird, der mit positiven, weil literaturbezogenen Emotionen verbunden ist.
Auch die in der Sezession im Herbst 2024 publizierte Liste 100 Jahre, 100 Romane, die von der gleichnamigen SPIEGEL-Liste angeregt wurde, ist ein Musterbeispiel der Verzahnung. So ist der Anfang der Liste kaum von derjenigen des SPIEGEL zu unterscheiden: Thomas Mann, Franz Kafka und Arthur Schnitzler führen sie an. In diesem vermeintlich seriösen Framing wird aber ideologisch gearbeitet: Systematisch werden z. B. Autorinnen gestrichen und dafür Romane über die ehemaligen deutschen Ostgebiete und von Autoren mit NS-Affinität aufgenommen. Insbesondere in der jüngeren Literatur werden unverhohlen rechte Szene-Romane aus den einschlägigen Verlagen gelistet (etwa John Hoewers EuropaPowerbrutal aus dem Jungeuropa Verlag, der auch den Podcast Von rechts gelesen betreibt), um sie durch die Reihenbildung zu nobilitieren und zu kanonisieren.
Wie sich literarische Texte – im Sinne von Kubitscheks dritter metapolitischer Taktik – für eine Rechtsverschiebung des Sagbaren einsetzen lassen, zeigt z. B. die Arbeit mit demokratiefeindlichen, faschismusaffinen Texten der kanonisierten Autoren Ernst Jünger oder Gottfried Benn. Auch wenn sich die Neue Rechte offiziell vom Nationalsozialismus distanziert: Ein erinnerungspolitischer Schwerpunkt ihres Kanons betrifft die Teilrehabilitation seiner Anhänger, Funktionsträger und Institutionen.
Erinnerungspolitische Wende
Das zeigt sich z. B. in der Beschäftigung mit Ernst von Salomons Roman Der Fragebogen (1951), dessen Schlussteil Hanns Ludin gewidmet ist. Ludin war Gesandter des Deutschen Reichs in der Slowakei und war mitverantwortlich für die Deportation der slowakischen Jüdinnen und Juden. Doch nicht daran stört man sich bei der Neuen Rechten, sondern an Ludins Enkeln, da diese sich kritisch mit ihrem Vorfahren auseinandersetzen: dabei handele es sich – so Ellen Kositza – um einen »feige[n]«, »hinterlistigen Dolchstoß«. Auf das Schicksal der jüdischen Menschen stößt man bei Kositza nur in einer zynischen Pointe: »Hanns Ludin, der die Deportationsbefehle von 60.000 Juden unterschrieb, muß ein beeindruckender Mensch gewesen sein.« Derart schamlose Formulierungen finden sich selbst in Salomons Roman nicht, der sich freilich auch um eine Rehabilitierung des 1947 als Kriegsverbrecher hingerichteten Ludins bemüht.
Literatur wird in den Dienst der Rechtsverschiebung des Sagbaren genommen.
Der Neuen Rechten geht es aber nicht nur um Einzelfiguren, sondern um das Geschichtsbild im Ganzen. Das zeigt ein Videogespräch über Salomon, das Kubitschek 2020 mit Erik Lehnert geführt hat. Lehnert, damals Leiter des Instituts für Staatspolitik und heute Herausgeber der Sezession, sagt darin:
»Dieser Fragebogen ist im Grunde mein Lieblingsbuch von Salomon, weil es die ganze Geschichte, vor allem den 30-jährigen Krieg gegen Deutschland zwischen 1914 und 1945 – einunddreißigjährigen Krieg, ’schuldigung – in einer Prägnanz, und in einer, ja, Schlüssigkeit und auch einer Deutlichkeit darstellt, da gibt’s kein zweites Buch.«
Die von Björn Höcke eingeforderte »erinnerungspolitische Wende um 180 Grad« ist hier Realität geworden: Erster und Zweiter Weltkrieg werden von der Neuen Rechten als »Kriege gegen Deutschland« umgedeutet, nicht nur von randständigen Radikalen: Lehnert ist promovierter Philosoph und leitet seit 2024 die Geschäftsstelle der AfD-Landtagsfraktion Brandenburg.
Insbesondere im Kulturbetrieb und in den Bildungsinstitutionen – auf die es z. B. die 2023 ins Leben gerufene Aktion 451 mit ihren studentischen Lesekreisen abgesehen hat – sollte man sich über zwei Dinge klar werden: dass die Neue Rechte das literarische Feld mit ausgeklügelten und variantenreichen Taktiken bespielt, und dass dies im Rahmen einer metapolitischen Agenda stattfindet, also nicht um der Literatur Willen geschieht. »Harmlosigkeit« und »Selbstverharmlosung« sind zwei völlig unterschiedliche Dinge. Das gilt es auch im Hinblick auf die geplante Buchmesse im Kopf zu behalten: Nicht von ungefähr wirkt der Literaturbezug in deren Titel »Seitenwechsel« bemüht – im Kern geht es darum, Menschen mithilfe der Literatur für das extrem rechte Lager zu gewinnen.


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