Die Zwischenüberschriften sind Textzeilen der Rap-Rockband Kraftclub; alle Einschübe sind Aussagen von Chemnitzer Bürgerinnen und Bürgern, die durch die SPD-Landtagsfraktion per Postkartenaktion zur Kulturhauptstadt befragt wurden.
In Zeiten, in denen Berlin vielleicht immer noch arm, aber eben nicht mehr »sexy« ist – in denen die Wochenzeitung DIE ZEIT fragt, ob eigentlich niemand mehr nach Berlin will – klingt der Text des Kraftklub-Liedes »Ich will nicht nach Berlin« plötzlich sehr viel selbstbewusster und weniger nach einem »Pfeifen im Walde« in der sächsischen Provinz. Es ist ein neuer Ausdruck von Stolz und Selbstbewusstsein, das sich seit dem Kulturhauptstadtjahr 2025 nicht mehr nur aus dem Image des Underdogs und der gekränkten Persönlichkeit erklärt. Natürlich ist auch Chemnitz immer noch arm und die Stadt wurde nicht über Nacht »sexy«. Genauso wäre es eine völlige Überforderung eines Kulturhauptstadtjahres gewesen, zu erwarten, dass Chemnitz auf einmal eine pulsierende Metropole wird, die Verluste der Deindustrialisierung vergisst und keine Probleme mehr hat. Aber die Stadt ist reich geworden durch die Dynamik der Kulturprojekte und durch gemeinsame Aktionen der Stadtgesellschaft. Und das war auch ein bisschen sexy.
Insgesamt kamen laut offizieller Bilanz der Stadt Chemnitz mehr als zwei Millionen Menschen in die Kulturhauptstadt zu Besuch. Die Zahl der Übernachtungen stieg zwischen Januar und September 2025 um fast ein Viertel. Im Sommer lag die Quote sogar bei ungefähr 50 Prozent. Museen und Kunstsammlungen zeigten sich überaus zufrieden, sie hatten mit überregional strahlenden Ausstellungen wie den »European Realities« ihren Beitrag dazu geleistet.
Ich will nicht nach Berlin
Das Bild der Stadt hat sich in diesem Jahr normalisiert und ausdifferenziert: Wir wissen seit Jahren, dass Ostdeutschland und vor allem Sachsen Probleme mit rechter Gewalt, rechtsextremen Milieus und entsprechenden Wahlergebnissen haben. Und gleichzeitig ist die Mehrheit gerade in den Städten ambivalent, differenziert und zum Teil eben auch progressiv. Die Realität vor Ort vor allem in größeren Städten unterscheidet sich von der Darstellung in westdeutschen Medien. Zivilgesellschaftliche Strukturen werden darin oft marginalisiert oder in einer Opferrolle dargestellt – motivierend und verbindend wirkte das nicht gerade. Was gelungen scheint, ist mehr »als eine Rehabilitation einer geschundenen Stadt (…) Entgegen den Vorhersagen der Skeptiker, die in der Vergabe des Titels an Chemnitz entweder eine Hybris oder ein Trösterchen sahen, hat die vielgeschmähte Stadt die selbstgewählte Aufgabe nicht dank importierter UFOs bewältigt. Solche musste man in dem genau ein Dreiviertelkilo schweren Programmbuch geradezu suchen« (Michael Bartsch in der taz).
»Es hat sich geändert, dass die Chemnitzer stolz auf ihre Stadt sind.«
Erstens ist die Kulturhauptstadt als beispielhaftes Basis- und Beteiligungsprojekt zu nennen. Dies ist mehr als »Beteiligung der Bürgerschaft«. Die Bürgerinnen und Bürger waren selbst »kulturelle Elite« im Sinne Antonio Gramscis, um Botschaften der Mitte jenseits der Polarisierung zu stärken. Die Mitarbeit von 1.300 Volunteers oder die Idee der 3.000 Privatgaragen als Kunstort. 4.000 gepflanzte Apfelbäumchen oder das Projekt »tanzende Nachbarn«. Die gemeinsamen Aktionen zum Advent von Basteln bis zum Weihnachtslieder-Singen waren solche unaffektierten Aktionen, auch wenn sie in der Umsetzung und vielleicht auch im Bezug auf das Niveau einer Kulturhauptstadt kleiner ausfielen, als man sich dies gewünscht hätte. Vielleicht kann man aus dem Kulturhauptstadtjahr Chemnitz lernen, wie man der Dynamik rechtsextremer Kräfte, der schlechten Laune und des Kulturkampfes etwas entgegensetzen kann.
Spätestens seit Steffen Maus, Linus Westhäusers und Thomas Lux' »Triggerpunkten« wissen wir, wie die affektive Polarisierung unsere Gesellschaft auseinandertreibt. Das Kulturhauptstadtjahr war hingegen eher von Differenziertheit und Gemeinschaft geprägt und nicht
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