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China und Indien – Wirtschaftsmodelle im Vergleich

Auf die Chancen und Herausforderungen der Globalisierung reagierten China und Indien in unterschiedlicher Weise und mit unterschiedlichem Erfolg. Obwohl beide Länder ihre Wirtschaftsmodelle reformierten und sich in die internationale Arbeitsteilung integrierten, weist China inzwischen ein deutlich höheres Entwicklungsniveau und höhere Durchschnittseinkommen als Indien auf. Im Gegensatz zu Indien kann von China darüber hinaus eher erwartet werden, dass es schneller in der Wertschöpfungskette aufsteigt und damit die »Falle der mittleren Einkommen« (middle income trap) überwindet. Der Vergleich zwischen China und Indien zeigt damit, dass demokratische Systeme nicht automatisch wirtschaftlich erfolgreicher als autoritäre sind. Allerdings spielen institutionelle Rahmenbedingungen und daraus resultierende Pfadabhängigkeiten eine wichtige Rolle, deren Bedeutung oft unterschätzt wird und auf die an dieser Stelle nicht eingegangen werden kann.

Zu Beginn der politischen Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 und der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 sahen sich beide Länder ähnlichen Herausforderungen gegenüber. Das wirtschaftliche Entwicklungsniveau war gering, die Verkehrsinfrastruktur, die Energieversorgung und der Bildungssektor unzureichend ausgebaut. Mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Bruttosozialprodukt von 50 US-Dollar in China bzw. 60 US-Dollar in Indien im Jahr 1952 zählten beide Länder zu den ärmsten weltweit. Der Agrarsektor spielte eine zentrale Rolle und beschäftigte den überwiegenden Teil der Erwerbstätigen. Mit einer Bevölkerung von 575 bzw. 370 Millionen Menschen waren China und Indien bereits 1952 die bevölkerungsreichsten Staaten. Vor diesem Hintergrund war das Aufholen (catching up) gegenüber den bereits stärker entwickelten Industrieländern zunächst das wichtigste Ziel für die politischen Führungen in China und Indien.

Um dieses Ziel zu erreichen, setzte die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) als wichtigste Kraft nach der Gründung der Volksrepublik China auf ein sozialistisches Wirtschaftsmodell sowjetischer Prägung. Charakteristische Merkmale waren die Dominanz staatlicher Unternehmen im Industriesektor, die Zuweisung von Ressourcen auf bürokratischem Weg statt über Märkte, eine verbindliche mittel- und langfristige staatliche Planung und eine binnenorientierte Entwicklungsstrategie. Obwohl China in der Phase des Aufholens hohe Wachstumsraten der industriellen Produktion (durchschnittlich 10,5 % pro Jahr zwischen 1952 und 1978) erzielte und damit der Aufbau einer industriellen Basis gelang sowie sich das Angebot öffentlicher Güter wie Bildung, Gesundheit und Infrastruktur deutlich verbesserte, blieben die Einkommen und der Lebensstandard niedrig. Aus Furcht vor einer Abwendung der Bevölkerung von der Partei und um die verlorene Legitimität wieder herzustellen, begann die KPCh nach dem Tod Mao Zedongs (der nahezu alle politischen Spitzenämter besetzt hatte) mit einem Reformkurs. Ziel der Ende 1978 beschlossenen »Vier Modernisierungen« (in den Bereichen Landwirtschaft, Industrie, Verteidigung sowie Wissenschaft und Technik) wurde ein schnelles Wirtschaftswachstum – verbunden mit einer Verbesserung des Lebensstandards. Als »Architekt der Reformen« vertrat Deng Xiaoping in der KPCh einen pragmatischen Kurs des Zusammenspiels von Markt und Plan, staatlichem und privatem Eigentum sowie außenwirtschaftlichen Reformen. Bis Anfang der 90er Jahre wurde das bestehende Modell jedoch nicht grundsätzlich infrage gestellt und auch die außenwirtschaftliche Öffnung eher selektiv vorangetrieben.

Indien sah sich nach der politischen Unabhängigkeit nicht nur mit den Herausforderungen des wirtschaftlichen Aufholprozesses konfrontiert, sondern auch mit den enormen Erblasten der Kolonialzeit. Hierzu gehörten die Abspaltung Pakistans, die Integration von Fürstenstaaten wie Hyderabad und Kaschmir sowie die Gründung neuer Bundesstaaten. Das britische Erbe wirkte sich auch auf die Wahl des politischen Systems aus. So wurde von der konstituierenden Versammlung eine neue auf demokratischen Prinzipien basierende Verfassung entworfen und der Weg zu ersten freien Wahlen im Jahr 1952 geebnet. Ordnungspolitisch dominierte in Indien wie in China die Vorstellung von einem starken Staat, der das catching up fördert. Daraus folgte eine mittel- und langfristige Indikativplanung für Schlüsselbereiche der Industrie durch eine staatliche Planungskommission, die lediglich Empfehlungen gibt, hohe staatliche Investitionen im Industriesektor, der Aufbau großer staatseigener Unternehmen und die Diskriminierung privater Unternehmen in bestimmten Branchen durch ein Lizenzierungssystem. Dies schränkte nicht nur die Investitions- und Importtätigkeit der nicht staatlichen Industrie ein, sondern führte aufgrund der zusätzlichen Abschottung der lokalen Industrien vor ausländischer Konkurrenz durch hohe Zölle und Zugangsbarrieren zu einem Rückgang der internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Gelockert wurde das Lizenzsystem erst Mitte der 70er Jahre, um Einfuhren von Maschinen und Rohstoffen zu erleichtern. Niedrige Wachstumsraten und nicht zuletzt ein sich durch sinkende Telekommunikations- und Transportkosten beschleunigender Globalisierungsprozess veränderten die Rahmenbedingungen für die indische Wirtschaftspolitik. So wurden in einigen Branchen wie beispielsweise der staatlich geförderten Automobilindustrie Mitte der 80er Jahre erste Deregulierungsmaßnahmen eingeführt, Importzölle gesenkt und die Kooperation mit ausländischen Herstellern erlaubt. Die dominante Importsubstitutionspolitik wurde jedoch nur langsam aufgegeben, sodass sich Indiens Anteil am weltweiten Export von 0,5 % im Jahr 1980 in den folgenden zwei Dekaden nur relativ geringfügig erhöhte (2000: 0,8 %).

Ordnungspolitische Reformen

Die Globalisierung mit ihrer weltweiten Vernetzung von Handels- und Investitionsaktivitäten löste Anfang der 90er Jahre eine Welle ökonomischer Liberalisierung in vielen Ländern aus. Im Standortwettbewerb um ausländische Investitionen und die Integration in Wertschöpfungsketten multinationaler Unternehmen versuchten sich viele Länder besser zu positionieren, um an dem damit verbundenen Kapital- und Technologietransfer teilhaben zu können. In China erforderte die notwendige Deregulierung und Liberalisierung des chinesischen Wirtschaftsmodells von der politischen Führung eine Re-Definition ihrer ideologischen Basis, die sich auf den Marxismus-Leninismus berief. Mit dem Terminus »sozialistische Marktwirtschaft chinesischer Prägung« konnte dem Markt als Verteilungsmechanismus ein zentraler Stellenwert eingeräumt und Privateigentum als gleichberechtigte Eigentumsform anerkannt werden. Private Unternehmer erhielten die Bezeichnung »builders of socialism« und konnten damit als Mitglieder in die KPCh aufgenommen werden. Mit diesem ideologischen Spagat wurde es möglich, weitgehende Reformen durchzuführen, gleichzeitig jedoch das Machtmonopol der Partei und zentrale Entscheidungsstrukturen aufrechtzuerhalten. Dazu gehört die staatliche Kontrolle über das Finanz- und Währungssystem sowie über die großen Konzerne im Rohstoff-, Transport- und Telekommunikationssektor. In Vorbereitung auf den Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) Ende 2001 passte China sein Wirtschaftsmodell in vielen Bereichen an und bekannte sich zu den Grundprinzipien des Freihandels. Trotz dieser Reformen unterscheidet sich das chinesische noch deutlich von westlichen Wirtschaftsmodellen, vor allem hinsichtlich der zentralen Rolle des Staates in der Wirtschaft und der Verflechtung der industriepolitisch relevanten Akteure.

In Indien machte die Zahlungsbilanzkrise 1990/91 eine Kreditaufnahme beim Internationalen Währungsfonds (IWF) notwendig. Diese Entwicklung zeigte die Schwächen des bisherigen Modells und löste zahlreiche außen- und binnenwirtschaftliche Reformmaßnahmen aus. Dazu zählten die Abwertung der indischen Währung und die Abschaffung der Devisenbewirtschaftung, die Senkung der Zölle, eine weitgehende Liberalisierung von Investitionen in- und ausländischer Unternehmen im indischen Markt sowie erste Reformen im Finanzsektor. Insgesamt stärkten diese Maßnahmen den Wettbewerb sowie den privatwirtschaftlichen Sektor und führten zu einer größeren wirtschaftlichen Dynamik. Die umfassende direkte staatliche Kontrolle über die Wirtschaft wie vor Beginn der Reformmaßnahmen wurde aufgegeben, neue Industrien wie die IT-Industrie konnten sich schneller entwickeln. Neben diesen Deregulierungs- und Liberalisierungsmaßnahmen verfolgte die indische Regierung weiter eine proaktive Industriepolitik, indem sie Branchen von strategischer Bedeutung und den Ausbau von Exportverarbeitungszonen förderte.

Mit einer Bevölkerung von inzwischen rund 1,4 bzw. 1,3 Milliarden Menschen sind beide Länder auf ein relativ hohes Wachstum und schnellen Strukturwandel angewiesen. Zeitlich versetzt gegenüber China passte auch Indien sein Wirtschaftsmodell an und konnte damit seinen Aufholprozess beschleunigen. Bereits auf einem weitaus höherem Entwicklungsniveau angekommen, versucht China aktuell, sein Wirtschaftsmodell durch neue Zielvorgaben und Maßnahmen auf einen stärker innovationsgetriebenen, ökologisch nachhaltigen und sozial ausgeglichenen Wachstumspfad zu bringen. Ob diese Umsteuerung im Rahmen eines autoritären politischen Systems gelingt, bleibt abzuwarten. In der Zwischenbilanz ergibt sich jedoch eine deutliche Überlegenheit Chinas hinsichtlich der Größe seiner Volkswirtschaft und der Teilhabe seiner Bevölkerung am Wachstum. So ist die chinesische Volkswirtschaft fünfmal so groß wie die Indiens (2017). Die Armut in Indien ist nach wie vor sehr groß, denn 60 % der Inder/innen leben von etwas mehr als drei US-Dollar pro Tag, während dieser Anteil in China bei nur 12 % liegt. Bei anderen wirtschaftlichen Indikatoren wie beispielsweise dem Anteil am weltweiten Export, Umfang der Energieerzeugung, Transportinfrastruktur, Investitionen in Forschung und Entwicklung sowie technischen Innovationen liegt Indien ebenfalls weit hinter China.

Der hohe Entwicklungsabstand Indiens gegenüber China kann jedoch nicht allein mit dem Hinweis auf Unterschiede im politischen System erklärt werden. Auch kulturelle Faktoren wie das Ausmaß der sozialen Mobilität oder die ethnische Homogenität bzw. Heterogenität der Bevölkerung haben Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes. Sie konnten allerdings in die vorliegende Betrachtung nicht einbezogen werden.

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