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5. März 2026. Bombardierte Mädchenschule im Iran ©

picture alliance / Anadolu | Stringer

Tausende Opfer im Iran und nun auch noch Krieg Das Leid ist unermesslich

Am vierzigsten Tag nach dem Tod von Reza Tabarak tanzte seine Tochter mit einem Foto ihres Vaters auf das T-Shirt geheftet, einem Bild in den Händen in die Höhe gestreckt, neben seinem Grab. Ein Video zeigt sie, vielleicht 16 oder 18 Jahre alt, inmitten anderer Menschen in Trauerkleidung, Freunde und Familie, wie sie weint. Und dabei tanzt. Reza Tabarak wurde am 8. Januar bei Protesten gegen das Regime in Bushehr in Südiran erschossen. Niemand kennt ihn, niemand weiß wie er aussieht, wird sie in dem Instagram-Post zitiert, mit dem der kurze Clip verbreitet wurde. Eine Gruppe junger Frauen tanzt und singt mit ihr zu einem Popsong, einige halten ebenfalls großgezogene Fotos von Reza Tabarak dabei hoch. Seine Tochter trägt weite schwarze Jeans, ein schwarzes T-Shirt und offene Haare.

So wie die Vierzigtagesfeier für ihren Vater werden viele Trauerfeiern für die Getöteten des Januar-Massakers zu Feiern des Lebens. Statt der gängigen schiitischen Klagerituale am Grab, feiern ihre Angehörigen ihr Andenken und ihr Leben, das sie geopfert haben, als sie gegen das Regime auf die Straßen ihrer Städte gingen. Sie gaben ihre Leben um zu leben, für freie, lebenswerte Leben, scheinen die neu zelebrierten Rituale zu sagen. Nicht nur die Vierzigtagesfeiern werden zu Gedenkfesten, auch Geburtstage, Hochzeitsfeiern, Jahrestage.

Der 21jährige Sajjad Samadi wurde bei den Januarprotesten in Gonabad, im Nordosten Irans lebensgefährlich angeschossen und aus Angst vor der Gewalt der Revolutionsgarden, die bis in die Krankenhäuser reichte, nicht ärztlich versorgt. Schließlich starb er an seiner Schussverletzung. Einen Monat nach seinem Tod am 8. Januar, wäre er zweiundzwanzig Jahre alt geworden. Videos, die am 10. Januar auf Social Media hochgeladen wurden, zeigen eine Geburtstagsfeier, die seine Familie und Freunde an seinem Grab für ihn geben. Menschen in Trauerkleidung, die tanzen und singen. Am Schluss des Clips werden die Kerzen auf einer Geburtstagstorte angezündet, die Anwesenden singen für Sajjad. Die Feiern an den Gräbern der Getöteten sind Formen des Widerstands, Feste des Lebens, gleichzeitig eine Art der Traumabewältigung.

Die Zahlen der Getöteten der Januarproteste sind immer noch unklar – die Menschenrechts-Medienagentur HRANA, die in Virginia sitzt, hat über 7.000 Tote verifiziert und ermittelt noch in über 10.000 Fällen. Ärzt:innen, die die Notversorgung in iranischen Krankenhäusern im Januar geleistet haben, sprechen im Times-Magazine von über 30.000 Todesopfern des Regimes. Wie hoch auch immer die Zahlen nach unabhängigen Untersuchungen ausfallen werden: Das Leid der Angehörigen, die Trauer in der Bevölkerung sind unermesslich.

Die Tehraner Akkustikband Pallett mit Sänger Omid Nemati veröffentlichte am 27. Februar auf ihrem Instagram-Account einen neuen Song mit dunkler Atmosphäre: Wir weinen, wir tanzen, Freunde Hand in Hand, singt Nemati. Der ist bisher weder auf dem Spotify- noch auf dem Youtubekanal der Band zu finden. Für den Upload auf Instagram scheint die sporadische Internetversorgung der letzten Tage zum Glück gereicht zu haben. Weil die Toten dieses Jahres die Liebsten der Lebenden waren, hat die Band ihren Song untertitelt.

»Die Feiern an den Gräbern der Getöteten sind Formen des Widerstandes und Feste des Lebens.«

Jede:r scheint zumindest jemanden zu kennen, der oder die jemanden bei den Januarprotesten – die im iranischen Monat Dey stattfanden – verloren hat. Sie begannen am 8. Dey, die Inflation des Rial lag bei über 42 Prozent und Lebensmittel, Fleisch, Joghurt, Eier, waren für viele bereits zu Luxusgütern geworden. Die Geschäftsleute des Teheraner Bazars schlossen ihre Läden aus Protest gegen Misswirtschaft und Korruption des Regimes und riefen zu Demonstrationen auf. Die wurden mit großer Präsenz der Revolutionsgarden und Freiwilligenmilizen begleitet. Es entstand das ikonische Foto eines einzelnen Demonstranten, der im Schneidersitz auf der Straße saß, vor ihm eine bedrohliche Wand aus Einsatzkräften mit Motorrädern in voller Montur.

In den darauffolgenden Tagen gab es immer mehr Demonstrationen auch in anderen Städten und Landesteilen, in Esfahan, Maschhad und Schiraz, vor allem in kleineren Städten in Westiran. Die Revolutionsgarden, Polizei und Freiwilligenmiliz gingen gerade dort mit großer Härte und teils scharfer Munition gegen die Protestierenden vor. Bis zum 6. Januar gab es 29 Todesopfer. Mittlerweile hatten sich auch Studierendenverbände angeschlossen. Alte Menschen, Jugendliche, Bazaris, Studierende, die Proteste schienen große Teile der iranischen Gesellschaft zusammengebracht zu haben, trotz der immer wiederkehrenden Unterdrückung dieser Widerstandsform.

Die Parolen, die es über Videoclips aus Iran herausschafften, waren ebenso divers: Von »Frau, Leben, Freiheit«, »Tod dem Diktator«, »Freiheit, Freiheit, Freiheit« bis zu »Lang lebe der Shah«. Als die Proteste nach einigen Tagen immer größer und die Sicherheitskräfte zunehmend brutaler wurden, trat der Sohn des 1979 gestürzten Shahs, Reza Pahlavi aus den USA, auf den Plan: Gerade jetzt gälte es für die Menschen im Iran durchzuhalten und weiter zu demonstrieren, so könne das Regime zu Fall gebracht werden, appellierte er auf dem Exilsender Iran International.

Am 8. und 9. Januar verschoben sich die Proteste auf den Abend. Viele Augenzeugenberichte sprechen von Gruppen junger Männer, die die Atmosphäre auf eine bis dahin neue, aggressivere Art angestachelt hätten. Für die Mehrheit der Protestierenden schien dies jedoch nichts geändert zu haben: Noch mehr Menschen kamen und demonstrierten gemeinsam gegen das Regime. Während des Internetshutdowns drangen nur nach und nach über Satellitennetz oder an den Landesgrenzen hochgeladene Videos der kommenden Tage nach draußen. Neben Aufnahmen von den abendlichen Protesten und ihrer Niederschlagung, kamen nun auch Aufnahmen und Berichte von Angehörigen, die ihre vermissten Familienmitglieder in Reihen schwarzer Leichensäcke suchten.

Kaum einen halben Tag nachdem »Wir weinen, wir tanzen« hochgeladen wurde, fielen die ersten Bomben auf Teheran. Bis zum Zeitpunkt an dem dieser Text zu Ende geschrieben wurde, zählt die Human Rights Activist News Agency (HRANA) 1.114 zivile Opfer der israelisch-amerikanischen Angriffe auf Iran, darunter 181 Grundschulkinder unter zehn Jahren. Weitere 880 gemeldete Todesfälle konnten noch nicht verifiziert und zugeordnet werden. 5.402 Zivilist:innen, darunter 100 Kinder, wurden bisher verwundet.

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