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Peter Thiel ©

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Rebecca Blackwell

Die Welt in der Hand der Cyber-PlutokratenDas Thiel-Phantasma

Einige von Peter Thiels Irrtümern sind besonders verblüffend, etwa seine Abscheu vor den Menschenrechten. Der kalifornische Investor gilt als der Intellektuelle unter den Tech-Milliardären, gewissermaßen als Vordenker. Der Gang durch sein Gedankengebäude beeindruckt unter anderem neurechte Politiker. Es ist ein eher düsterer Bau im Stil der Ultralibertären, die sich damit rühmen »dunkle Aufklärung« zu betreiben und Demokratie zu attackieren. Anstatt abzuschrecken wirkt der Bau auf einige Politiker wie ein attraktiver Palast, etwa auf US-Präsident Donald Trump und seinen Vize J. D. Vance. Hellauf begeistert von Thiels Weltsicht ist auch Javier Milei, Argentiniens Präsident mit der Kettensäge. In dessen Steuerparadies ist Thiel im Sommer 2026 samt Ehemann und Kindern umgezogen. Milei schwärmte, zwei »Anarcho-Kapitalisten« hätten einander gefunden.

Hohe Summen investiert Thiel in Wahlkämpfe von Gleichgesinnten wie Trump und Vance, der einmal für Thiel Capital tätig war, wie Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz nach dem Verlust seines Amtes. Der CDU-Politiker Jens Spahn besuchte bei Dialogforen Thiels Gedankenbau. Moritz Döpfner, Sohn des Springerchefs Mathias Döpfner, war eine Zeitlang Personalchef bei Thiel Capital; Ende September 2026 erhielt Thiel den Axel-Springer-Award für das »außergewöhnliche Schaffen« neuer Märkte. Gemeint ist unter anderem Palantir, Thiels Firma, die Software für Überwachungssysteme liefert. Beteiligt war Thiel an Facebook und PayPal, was ihm enorme Gewinne einbrachte, beteiligt ist er heute an SpaceX, Pharmafirmen, Kryptowährungen und seit August 2026 am argentinischen Ölkonzern Vista Energy.

Thiel und andere aus dem Silicon Valley bilden eine neue Kaste von Tycoons, mit denen sich Demokratien im Dauerkompromiss arrangieren: Staat und Wirtschaft sind abhängig von digitaler Technologie aus dem Privatbesitz von Milliardären. Kommunikation, Verwaltung, Militär – nichts geht ohne sie. Alle Bürger, die Google, Microsoft, Amazon, Social Media, ChatGPT oder PayPal nutzen, liefern jede Sekunde Daten an Plutokraten.

»Für Peter Thiel basieren Menschenrechte auf der naiven Annahme, der Mensch sei gut. Fundamental falsch! ruft er. Menschliche Natur ist gewalttätig!«

Neurechte Klientel ist nicht nur fasziniert vom Finanzrausch der Tech-Elite, sondern auch von deren »disruptivem« Denken. Für Peter Thiel basieren Menschenrechte auf der naiven Annahme, der Mensch sei gut. Fundamental falsch! ruft er. Menschliche Natur ist gewalttätig! Gesellschaften haben sich aus Bluttaten entwickelt, aus Konkurrenz und Krieg, nur durch das mythisch überhöhte Opfern von Sündenböcken sei Rivalität beigelegt worden. Solche Ideen fischt Thiel aus dem Teich des katholischen Anthropologen René Girard, bei dem er und andere künftige Tech-Unternehmer in den 80er Jahren Vorlesungen an der Universität Stanford hörten. Gern zitiert Thiel auch den NS-Staatsrechtler Carl Schmitt, der Freund-Feind-Dynamiken zum Kern von Politik erklärte, doch zurück zu Schmitt könne man »nach 1945 nicht mehr«.

Der Gott der Konzerne

Dafür bietet Thiel mit Nietzsche die Botschaft: Gott ist tot! Ihr werdet noch sehen, was Ihr davon habt! Der 1967 in Frankfurt am Main geborene Sohn evangelikaler Eltern, der ein Jahr später mit ihnen nach Amerika kam, versteht sich als Katholik. Er soll J. D. Vance bewogen haben zu seiner Auffassung von Religion zu konvertieren, kompatibel mit Visionen wie denen des italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti. Schlimmster Feind ist die Aufklärung samt allem, was sie im Schlepptau hat: Parlament, Sozialstaat, Steuern, Kartellamt, die Europäische Union, die Vereinten Nationen. Bei Curtis Yarvin, einem beliebten Tech-Blogger, repräsentiert all dies die abrissreife, woke »Kathedrale der Macht«. Demokratie sei inkompatibel mit Freiheit, behauptet Thiel, ihre Institutionen seien der »Antichrist«, der trügerische Versprechungen zu Frieden und Sicherheit macht, was in die Apokalypse münde. Als Notbremse diene ein »Aufhalter«, der »Katechon«, den Thiel im Typus Trump erkannte.

Auffällig ähneln religiös getönte Anwürfe der Ultralibertären dem Raunen von Putins Hausphilosophen Alexander Dugin, der ebenfalls mit dem Begriff »Katechon« hantiert, und satanisiert wird der demokratische Westen auch vom Islamismus. In allen Fällen verschwimmen die Trennlinien zwischen roher Interessensbehauptung, Verschwörungsdünkel und Irreführung. Thiel und Co schwebt eine Art Tech-Totalitarismus vor, Regierungen von Eliten, effektiv wie Konzerne, an der Spitze absolutistische Intelligenz, in der Fläche Monopole ohne jede Konkurrenz. Kapital wäre herrlich fluide, nirgends vom Pfeil des Finanzamts zu treffen. Gott, sagt Thiel, erfreue sich an der Akkumulation »unermesslichen Reichtums«.

»Wissenschaft sollte eines Tages ›wie das Christentum Unsterblichkeit im Angebot haben‹«

Mit Trump ist er inzwischen nicht mehr so zufrieden. Es gebe noch zu wenig Fortschritt, klagte er 2025 im Video-Interview mit Ross Douthat von der New York Times, jede menschliche Grenze ließe sich sprengen. Thiel hat daher nicht vor zu sterben, sondern will sich einfrieren lassen, um aufgetaut zu werden, sobald die Medizin soweit ist. Wissenschaft sollte eines Tages »wie das Christentum Unsterblichkeit im Angebot haben«, der Glaube spreche nicht dagegen: »Das Wort Natur kommt nirgends vor im Alten Testament.« Gläubig, doch ohne Huld, gibt sich Thiel in dem Gespräch. Er wirkt bis in die Gesichtsmuskeln durchtrainiert, alert und drahtig, ein Bodyguard seiner selbst.

Big Bang und die Unschuld

Liebenswert schräg sind die Nerds der Serie Big Bang Theory. Die weltweit erfolgreichste Sitcom, entstanden von 2007 bis 2019, erzählt von jungen Kaliforniern zwischen Videospielen und Uni-Computern. Sheldon, ein genialer, hypochon­drischer Physiker unter Asperger-Verdacht, fürchtet sich vor Keimen und Körperlichkeit. Er und seine Freunde verstehen mehr von Informatik und Science-Fiction als vom Flirten. Im Lauf der Serie kommen Frauen dazu, die jungen Nerds lernen soziales Verhalten und Lieben.

Big Bang Theory wird in 70 Ländern der Erde millionenfach gesehen, in ganz Europa wie in Brasilien, Indien, China, Russland, Saudi-Arabien und Südafrika. Die Serie wirkt wie ein spielerischer, globaler Einführungskurs in den Homo Digitalis und gegen die Furcht vor der Transformation, die er repräsentiert. Whiz Kids waren einst auch Thiel und Musk, ebenso Larry Page und Sergey Brin, die 1998 das Konzept für Google, inzwischen »Alphabet«, entwarfen. Aus ihrer Idee für Web Crawler zum Page Ranking im Internet erwuchs ein milliardenschwerer Weltkonzern.

Die Unschuld des »Big Bang« als Metapher für den Ursprung einer neuen Ära steht, ist zerstoben seit einige der Nerds von einst eine weltumspannende, ökonomische Machtfülle erlangten, wie es sie in der Geschichte noch nie gabt. Page und Brin halten vom Konzern mit jetzt rund 200.000 Mitarbeitern »nur« noch ihre Anteile. Mit 260 Milliarden Dollar Vermögen steht Larry Page, nach Elon Musk (SpaceX, Tesla, Twitter/X) und vor Jeff Bezos (Amazon), auf Platz zwei der Forbes-Liste der Superreichen, Sergey Brin mit 240 Milliarden auf Platz vier.

Auf Platz sechs rangiert mit 217 Milliarden, Mark Zuckerberg, Eigner von Meta Platforms, wozu Facebook, Instagram und WhatsApp zählen. Peter Thiel siedelt mit »nur« etwa 28 Milliarden weiter unten auf der Liste, sein Einfluss auf Politik und Startups, die er finanziert, ist gleichwohl massiv.

Irrealer Wahn und reale Macht

In groteskem Kontrast zur Machtfülle ultralibertärer Tech-Milliardäre stehen Phantasmen, die sie als »Philosophie« ausgeben, und die Fahrlässigkeit, mit der sie destruktive und irreale Ziele verfolgen. Über Nacht wurden aus Jungs, die in Jeans und verwaschenen T-Shirts vor Bildschirmen hockten, steinreiche Oligarchen. Ganze Etappen der Reifung werden dabei übersprungen, und die überwältigende Dimension exponentiell wachsender Profite dürfte die psychische Kapazität so junger Individuen überstiegen haben. Es war, als hätten sich Wünsche aus kindlicher Omnipotenz und pubertären Science-Fiction-Fantasien erfüllt: Wir sind ja wirklich riesenhaft mächtig! Wie die Helden in Star Trek!

»Politische Fantasie wirkt bislang ratlos gegenüber politischen Scharlatanen.«

Alles scheint möglich in solch einer psychischen Hyperinflation, Politiker kaufen, Institutionen zertrümmern, ewig leben. Elon Musk entwirft Basen auf dem Mond für die Kolonisierung des Mars und will noch mehr als seine bisher 14 Kinder zeugen – und das Phänomen der Tech-Psyche ist nicht nur amerikanisch. Chinas Tech-Milliardär Xu Bo, reich durch Videospiele, soll mit Leihmüttern bis zu dreihundert Kinder gezeugt haben. Pawel Durow, der in Russland geborene Gründer des Netzwerks Telegram, erklärt, er habe durch Samenspenden an die hundert Kinder in die Welt gesetzt.

Hyperreiche Schöpfer von Paralleluniversen faszinieren durch ihre Dreistigkeit gegenüber Weltall und Fortpflanzung, und ihre manifeste Macht über Satelliten und das Internet, dessen Funktionieren so unsichtbar wie allgegenwärtig ist. Politische Fantasie wirkt bislang ratlos gegenüber politischen Scharlatanen, die das Stabilste angreifen, das es in der von Globalisierung und Krisen erschütterten Welt gibt: Demokratien. Demokratien müssen anfangen, der Anomie von privaten Cyber-Imperien robust zu begegnen, sie mit Regulierung, Besteuerung und Dekartellisierung in die demokratische Realität zu transponieren.

Resiliente Demokratie

Peter Thiels Palantir-Partner Alex Karp ist überzeugt, dass ihre Technik Attentate verhindert. Sicher hat er damit Recht. Doch all diese Technik, die Plattformen und Rechenzentren, gehören unter demokratische Kontrolle. Argumente dafür gibt es genug. Für Thiel sind die Attentate vom 11. September 2001 Beweise dafür, dass Demokratie nichts gegen archaisch handelnde Täter ausrichtet. UNO und Menschenrecht seien Illusionen, da sie Destruktivität ausblendeten. Das Gegenteil ist der Fall. Genau wegen der menschlichen Destruktivität, deren Grauen sich im Holocaust gezeigt hatte, wurden die Menschenrechte erklärt. Kritik an der UNO ist zweifellos berechtigt. Mit Russland und China haben zwei Nichtdemokratien Vetorecht im Sicherheitsrat. Gegen Israel wurden mehr UN-Resolutionen verabschiedet als gegen alle anderen Staaten zusammen. Und, und, und. Doch nicht der Abriss der UNO stünde an, sondern ihre Reform.

»Mit Selbstbewusstsein muss Demokratie digitalen Imperien die Stirn bieten.«

Auch Kritik an Demokratien ist berechtigt. Sie leben davon, sie sind Baustellen, und beweglicher Wechsel ist ihre Essenz. Sicher hatten sie zu wenig im Blick, wie volatil Russland nach der Auflösung der UdSSR war, und wie gefährdet islamisch geprägte Regionen durch religiöse Radikalisierung sind. Benebelnde Wirkung auf Teile der Demokratie hat auch die postkoloniale Mode, für Missstände im »Globalen Süden« allein den Norden verantwortlich zu machen und die Brutalität von Regimen im Süden wie Folklore zu dulden. Keine der Schieflagen und Fehldeutungen diskreditiert allerdings den unvergleichlichen Wert von Demokratie. Folgt man der Formel von John Rawls, wonach Demokratien keine Kriege gegen andere Demokratien führen, kommt es, je mehr Demokratien existieren, desto seltener zum Krieg. Mit Selbstbewusstsein muss Demokratie digitalen Imperien die Stirn bieten, und das sind ihre Losungswörter: Besteuern, Dekartellisieren, Regulieren.

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