Irgendwann hatte Judith Borowski genug. Die Geschäftsführerin von Nomos Glashütte, einem Uhrenhersteller im Sächsischen Erzgebirge, hatten schon die wütenden Proteste im Umfeld der Flüchtlingskrise 2015/16 in Sachsen erschüttert. Damals geriet das Bundesland wiederholt negativ in die Medien, etwa als Busse mit Geflüchteten angegriffen wurden.
Heidenau, aber auch Bautzen und Freital waren plötzlich Synonyme für das hässliche Deutschland, für Fremdenhass und Rechtsradikalismus. Im August 2018 kam es dann am Rande des Chemnitzer Stadtfestes zu Ausschreitungen gegen Geflüchtete und Menschen mit Migrationsbiografien. Ein jüdisches Restaurant wurde angegriffen, der Hitlergruß wurde in dokumentierende Fernsehkameras gezeigt. Wieder Sachsen, wieder Gewalt, wieder Rechte.
»Die liberale Demokratie ist eine Grundbedingung des unternehmerischen Erfolgs.«
Bei Nomos Glashütte meldeten sich besorgte Kundinnen und Uhrenliebhaber aus der ganzen Welt, die wissen wollten, welche Haltung das Unternehmen zu den Vorfällen, zur AfD und zu rechter Gewalt habe, was Nomos gegen Fremdenhass tue. Auf Borowskis Initiative schrieb die Geschäftsführung einen offenen Brief, in dem sie sich von rechtem Gedankengut und rassistischer Aggression distanzierte. In einem Spiegel-Porträt über das Unternehmen machte die Geschäftsführerin deutlich, dass es Nomos ohne die friedliche Revolution, die liberale Demokratie und ihre begleitende wirtschaftliche Ordnung nicht gegeben hätte. Daraus leitete Borowski die Selbstverpflichtung für das Unternehmen ab, sich offen für die Demokratie einzusetzen und demokratische Werte am Arbeitsplatz zu stärken.
Es wurden Workshops für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angeboten, um sie für Rassismus und Rechtsextremismus zu sensibilisieren, um zu erläutern, wie man sich verhalten kann, wenn man auf rechtes Gedankengut trifft und wie man dagegen argumentiert. Judith Borowski stellt immer wieder klar, dass die Demokratie eine Grundbedingung des unternehmerischen Erfolgs von Nomos ist und somit auch vom Unternehmen zu verteidigen sei.
Wirtschaftsnetzwerk für Demokratie
2021 schlossen sich Nomos Glashütte und fünf andere Unternehmen einem neuen Netzwerk an, das sich für die Demokratie einsetzt: dem Business Council for Democracy (BC4D), einer Initiative der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung, der Robert-Bosch-Stiftung und des Thinktanks Institute for Strategic Dialogue (ISD) Germany. Inzwischen besteht das Netzwerk aus 90 Unternehmen und Arbeitgebern. Viele Unternehmerinnen und Unternehmer haben Diversität und Nachhaltigkeit schon länger auf dem Radar – unter den Eindrücken der politischen Entwicklungen in den letzten Jahren weitet sich der Blick nun auf das unternehmerische Engagement für die demokratische Gesellschaft.
»Vor allem die Führungsebenen sind gefordert.«
Vor allem die Führungsebenen sind gefordert. Wie sollen Unternehmen beispielsweise darauf reagieren, wenn im Intranet Verschwörungsmythen verbreitet werden? Sollten Beiträge moderiert werden, auch wenn dies den Vorwurf der Zensur einbringt? Wie reagiert die Geschäftsführung, wenn Mitarbeitende Hassbeiträge in den sozialen Medien teilen? Desinformationen können Unternehmen selbst betreffen und stellen ein hohes Reputationsrisiko dar. Die Belegschaft darüber aufzuklären, wie man sich souverän im digitalen Zeitalter als Bürgerin oder Bürger informiert und beteiligt, ist im unternehmerischen Interesse.
Darüber hinaus fordern auch Mitarbeiterinnen oder Kunden immer stärker eine ethische und moralische Orientierung von Unternehmen ein, wie den Einsatz für eine offene Gesellschaft, den Rückzug aus Märkten wie Russland oder eine klare Haltung gegen Radikalismus. Die Flüchtlingssituation 2015/16 und aktuell als Resultat des Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine, aber auch die Pandemie haben gesellschaftliche Konflikte in die Belegschaften von Unternehmen getragen. Wie positionieren sich diese in Zeiten des Fachkräftemangels, aber auch angesichts gesellschaftlicher Spannungen zum Thema Migration? Wie werden Belegschaften befriedet, wenn sich Mitarbeitende weigern, der 3G-Regel zu folgen oder ideologische Unterschiede durch das Verhältnis zum Maskentragen sichtbar und zu Konflikten werden?
Die gesellschaftlichen Spannungen, welche die letzten Jahre geprägt haben, machen am Werkstor nicht halt, sondern prägen die Gespräche am Arbeitsplatz und die Forderungen an Unternehmensleitungen, mit ihren exponierten gesellschaftlichen Rollen klare Positionen zu beziehen und eine Haltung einzunehmen. Was macht dies mit der Wirtschaft und wie kann sich daraus demokratisches Engagement oder demokratische Innovation ergeben, die über die Demokratisierung von Unternehmen durch Mitbestimmung und Betriebsräte hinausgeht?
Disney vs. DeSantis
Im Sommer 2022 trat im US-Bundesstaat Florida mit dem Parental Rights in Education Bill ein umstrittenes Gesetz in Kraft, welches es Lehrkräften an staatlichen Schulen untersagt, die sexuelle Orientierung oder geschlechtliche Identität im Unterricht zu thematisieren, Begriffe wie »lesbisch« oder »trans« dürfen von ihnen nicht verwendet werden. Die Republikanische Partei, die hinter dem Gesetz steht und sich auf evangelikal-christliche Sensibilitäten stützt, argumentierte, dass Themen wie Homosexualität oder Geschlechtsumwandlung in der Familie besprochen werden sollten, wenn überhaupt, aber nicht im staatlichen Schulunterricht.
Das Vorhaben löste einen Proteststurm aus. Kritikerinnen warfen Floridas Republikanischer Partei und Gouverneur Ron DeSantis vor, die Diskriminierung sexueller Minderheiten zu befördern und sie unsichtbar zu machen, indem unter anderem Homosexualität in Schuleinrichtungen tabuisiert wird. Was die Kontroverse von anderen Streitfragen der polarisierten amerikanischen Öffentlichkeit rasch unterschied, war die Ausweitung auf den größten privaten Arbeitgeber Floridas: die Walt Disney Company.
Der Konzern beschäftigt in dem US-Bundesstaat rund 75.000 Menschen und generiert Milliarden Dollar für den Staat durch Steuereinnahmen und den Tourismus. In den sozialen Medien machten Mitarbeitende schnell ihrem Unmut darüber Luft, dass sich Disney zum Gesetzgebungsverfahren nicht äußerte und keine Position für LGBTQI-Rechte bezog. Der Druck auf die Konzernspitze wuchs und schließlich entschuldigte sich der damalige CEO Bob Chapek in einem offenen Brief an die Disney-Belegschaft für sein Schweigen und bekannte sich zu Offenheit und Toleranz. Er versprach, dass Disney ein treuer Verbündeter im Kampf um Gleichberechtigung sein werde.
Damit ging Disney auf Konfrontation zu DeSantis, der wiederum Steuervorteile des Konzerns infrage stellte, woraufhin Disney seinerseits eine milliardenschwere Investition nach Kalifornien umleitete. Trotz politischem Gegenwind in Florida positionierte sich Disney unter dem Druck der Mitarbeitenden also als Vorreiter für die offene Gesellschaft.
»Junge Menschen schauen verstärkt darauf, welche Werte Unternehmen vertreten – als Kunden genauso wie als Mitarbeitende.«
Der Fall Disney vs. DeSantis verdeutlicht, unter welchem Erwartungsdruck Unternehmen in liberalen Demokratien heute stehen, sich in turbulenten Zeiten zu gesellschaftlichen und politischen Themen zu positionieren und somit die Weiterentwicklung der Gesellschaft mitzugestalten. So befördern sie den politischen Dialog. Junge Menschen schauen zudem verstärkt darauf, welche Werte Unternehmen vertreten – als Kunden genauso wie als Mitarbeitende. Wenn Unternehmen intensiver darüber nachdenken, wie sie sich mit gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzen, dann schließen sie damit auch an Traditionen der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland an, denn der soziale Friede ist in Demokratien ein wichtiger Pfeiler des unternehmerischen Erfolgs.
Der Arbeitsplatz als Demokratiemotor
Wenn sich Unternehmen mit den Herausforderungen des demokratischen Zusammenlebens auseinandersetzen und sich damit beschäftigen, welchen Beitrag sie für eine bessere Gesellschaft leisten können, dann kommen sie jenseits von Diversität und Nachhaltigkeit heutzutage umgehend auf Fragen der digitalen Bürger- und Debattenkultur. Der Kampf gegen Desinformation oder Hassrede erfordert aufsuchende Bildungsangebote, damit nicht nur Digital Natives die virtuelle Öffentlichkeit gestalten und sich gegen digitale Manipulation wehren können. Der Arbeitsplatz kann somit ein wichtiger Demokratiemotor sein, an dem politische Innovation stattfindet und vermittelt wird.
Umfragen zeigen, dass viele Menschen dem Arbeitgeber großes Vertrauen entgegenbringen – mehr etwa als den Medien, Kirchen oder Parteien. Daraus ergibt sich eine Chance für Demokratieinnovation am Arbeitsplatz. Eine Gesellschaft, die sich ausdifferenziert, braucht Räume für den Austausch und die Schaffung von Verständnis für andere Lebensentwürfe. Mit Unterschieden leben und die Bereitschaft, andere Werte auszuhalten sind Eckpfeiler einer demokratischen Kultur. Diese muss gelernt werden, und warum nicht am Arbeitsplatz?
Vorurteile abzubauen ist die Grundlage für eine Gesellschaft, die konstruktiv mit Unterschieden umgehen will.
Am Arbeitsplatz kann Toleranz geübt werden, kann man trotz Unterschieden gemeinsame Ziele definieren und verfolgen. Der amerikanische Psychologe Gordon Allport hat gezeigt, dass direkter menschlicher Kontakt Vorurteile abbauen kann. Das ist die Grundlage für eine Gesellschaft, die einen konstruktiven Umgang mit Unterschieden verfolgt.
Schulungen wie die des Business Council for Democracy vermitteln wichtige Kompetenzen für das digitale demokratische Zeitalter. Und am Arbeitsplatz kann das für die digitale Bürgergesellschaft relevante Wissen und Digitalkompetenzen gleichzeitig an eine große Anzahl Erwachsener vermittelt werden. Was sind Bots? Wie funktionieren Algorithmen? Welchen Webseiten kann ich vertrauen? Zudem werden aber auch Kompetenzen vermittelt, die gleichfalls dem Umgang mit digitalen und analogen Herausforderungen dienen: Wie halte ich effektiv Gegenrede? Wie spreche ich mit Verschwörungstheoretiker/innen? Wie mache ich einen Faktencheck?
Das Potenzial für eine weitere Stärkung der Demokratie am Arbeitsplatz ist groß, durch öffentliche Positionierung der Unternehmen für gesellschaftliche Offenheit und Pluralismus sowie durch die Schaffung von Angeboten aufsuchender Bildungsarbeit. Das macht Hoffnung, denn Demokratie braucht Fürsprecherinnen, auch in der Wirtschaft.
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