Die deutsche Erinnerungskultur galt lange als Vorbild – entstanden aus der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. Doch mit dem Tod der letzten Zeitzeug:innen und in einer zunehmend polarisierten Gesellschaft steht das Versprechen von »Nie wieder« auf dem Prüfstand. Wie schaffen wir es, dass künftige Generationen es noch hören – und danach handeln?
Am 9. Mai 2025 starb Margot Friedländer, eine der letzten und bekanntesten Zeitzeuginnen der Shoah. Als jüdische Holocaust-Überlebende sprach sie bis ins hohe Alter unermüdlich mit Jugendlichen, Lehrkräften und Politiker:innen über Mitgefühl, Verantwortung und Zivilcourage. Dabei rückte sie einen oft unterschätzten Aspekt des Erinnerns in den Mittelpunkt: die emotionale Dimension. Wer Margot Friedländer einmal live erlebt hat, weiß, wie tief sie Menschen mit ihren Worten berühren konnte.
Ihr Tod markiert einen Einschnitt: Bald wird die deutsche Erinnerungskultur ohne lebende Zeitzeug:innen auskommen müssen. Viele in meiner Generation – heute in den Dreißigern – haben noch mit Eltern oder Großeltern über den Zweiten Weltkrieg gesprochen, diskutiert, gestritten. Diese schmerzhaften, aber wichtigen Auseinandersetzungen fehlen den Jüngeren zunehmend. Das wirft eine drängende Frage auf: Wie lässt sich historische Verantwortung künftig vermitteln – gerade in einer Zeit, in der eine lebendige Erinnerungskultur besonders wichtig ist?
Das demokratische Selbstverständnis der Bundesrepublik ruht auf der Aufarbeitung des Nationalsozialismus.
Diese Frage wiegt umso schwerer angesichts der politischen Entwicklungen. Die AfD, eine Partei mit teils offen geschichtsrevisionistischen Positionen, gewinnt an Einfluss. Führungsfiguren wie Björn Höcke stellen das staatlich verankerte Gedenken infrage, fordern eine »180-Grad-Wende« der Erinnerungspolitik. Solche Forderungen sind nicht bloß Provokation – sie greifen das Fundament der Bundesrepublik an, deren demokratisches Selbstverständnis maßgeblich auf der Aufarbeitung des Nationalsozialismus beruht. Doch genau diese Aufarbeitung war kein Selbstläufer. In den ersten Nachkriegsjahrzehnten dominierten auch in der Bundesrepublik Schweigen, Verdrängen und Entlasten. Die NS-Zeit wurde als abgeschlossene Vergangenheit betrachtet, viele Täter und Mitläufer kehrten ungeschoren ins bürgerliche Leben zurück. Eine Wende setzte erst in den 60er Jahren ein – mit dem gesellschaftlichen Aufbruch, den die 68er-Bewegung auslöste.
Die 68er als Zäsur: Auflehnung gegen das Schweigen
Die Studierendenproteste von 1968 markierten eine Zäsur in der bundesdeutschen Erinnerungspolitik. Sie forderten nicht nur demokratische Reformen, sondern vor allem eine radikale Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit. Die Protestbewegung brach das kollektive Schweigen auf und machte die Verdrängung selbst zum Gegenstand politischer Kritik und kultureller Verarbeitung.
Wichtige Etappen dieser Entwicklung waren der Frankfurter Auschwitz-Prozess (1963–1965), mit dem die systematische Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden erstmals umfassend juristisch aufgearbeitet wurde, sowie die Gründung erster Gedenkstätten, etwa in Dachau. In der breiten Öffentlichkeit wurde dies jedoch erst später als gesamtgesellschaftliche Aufgabe wahrgenommen – unter anderem durch die Ausstrahlung der US-amerikanischen TV-Serie Holocaust im Jahr 1979, die Millionen Deutsche emotional mit der Shoah konfrontierte.
Der von den 68ern angestoßene Wandel hatte bleibende Auswirkungen: Die Bundesrepublik entwickelte mit der Zeit ein neues historisches Selbstverständnis – getragen von der Einsicht, dass die Erinnerung an die NS-Verbrechen zur nationalen Identität gehören muss. Hier wurzelt der Begriff »Erinnerungskultur«, der aus den geisteswissenschaftlichen Diskursen in die breite Öffentlichkeit gelangte.
Der Historikerstreit und die Krise des Erinnerns
Diese Erinnerungskultur war jedoch nie unumstritten. Der sogenannte Historikerstreit in den 80er Jahren offenbarte, wie tief die Frage nach der Singularität des Holocaust die Gesellschaft spaltet. Der konservative Historiker Ernst Nolte stellte die Shoah in einen vermeintlichen Zusammenhang mit den Verbrechen des Stalinismus. Ein Versuch der Relativierung, dem Intellektuelle wie Jürgen Habermas, Saul Friedländer und Hans Mommsen entschieden widersprachen. Der Holocaust, so ihre Mahnung, sei in seiner Dimension beispiellos.
Eine Erinnerungskultur zu etablieren, bedeutete von Anfang an auch: kämpfen. Gegen das Vergessen, gegen das Verharmlosen und gegen ein Geschichtsbild, das Täterperspektiven verharmlost.
Der Nahostkonflikt erschüttert das gesellschaftliche Klima.
Heute steht das Gedenken an die NS-Verbrechen erneut unter Druck – von verschiedenen Seiten. Zum einen durch den politischen Rechtsruck: Rechtsextreme Akteure stellen das Erinnern offen infrage, fordern eine Abkehr vom schuldbewussten Geschichtsbild und relativieren die Shoah. Zum anderen erschüttert die Eskalation des Nahostkonflikts auch hierzulande das gesellschaftliche Klima. In zahlreichen Städten kommt es zu pro-palästinensischen und manchmal auch pro-israelischen Demonstrationen. Besonders in der politischen Linken verschärft sich der Streit: Während einige in Israels Politik Ausdruck kolonialer Unterdrückung sehen, erinnern andere an Deutschlands unverrückbare Verantwortung gegenüber dem jüdischen Staat.
Neue Herausforderungen, neue Perspektiven
Zusätzlich verstärkt ein wachsendes Gefühl der Entfremdung die Krise: Viele junge Menschen empfinden klassische Gedenkformate wie Mahnmale, Schulprojekte oder Gedenktage als abstrakt und wenig zugänglich. Aktuelle Studien, etwa die „MEMO Deutschland«-Reihe des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (Uni Bielefeld, zuletzt 2024), zeigen: Zwar befürwortet eine Mehrheit der Bevölkerung weiterhin das Gedenken an den Holocaust, doch die emotionale Bindung nimmt ab – besonders bei Jüngeren ohne familiäre Bezüge zur NS-Zeit. Auch viele Menschen mit Einwanderungsgeschichte erleben die dominante, staatlich geprägte Erinnerungskultur als wenig anschlussfähig. Begriffe, Rituale und historische Bezüge wirken häufig fremd, weil der Bezug zur eigenen Lebensrealität fehlt.
Gerade vor diesem Hintergrund wächst das Bedürfnis nach einer erweiterten, inklusiveren Form des Erinnerns. Im Zuge aktueller gesellschaftlicher Debatten um Kolonialismus, Migration und strukturellen Rassismus fordern viele eine Öffnung der Erinnerungskultur – nicht als Ablösung, sondern als Ergänzung: mit dem Ziel, unterschiedliche Erfahrungen von Gewalt und Ausgrenzung miteinander in Beziehung zu setzen. Der Kulturwissenschaftler Michael Rothberg hat mit seinem Konzept der »multidirektionalen Erinnerung« einen wichtigen Impuls geliefert. Die Shoah soll darin nicht relativiert, sondern in ihrer historischen Einzigartigkeit als Bezugspunkt verstanden werden – um neue Formen kollektiven Gedenkens zu ermöglichen, die verschiedene Perspektiven miteinander ins Gespräch bringen.
Tatsächlich hat sich der erinnerungspolitische Fokus bereits erweitert, etwa durch die verstärkte Aufarbeitung der kolonialen Verbrechen des Deutschen Kaiserreichs. Der Völkermord an den Herero und Nama (1904–1908) galt lange als randständig im deutschen Geschichtsbewusstsein. Erst 2021 erkannte die Bundesregierung ihn offiziell als Genozid an. Trotz ausbleibender Reparationen war dies ein symbolischer Schritt – ein Signal für das Bemühen, Erinnerung globaler, postkolonialer und vielfältiger zu denken.
Strukturelle Parallelen zwischen Kolonialismus und Holocaust?
Gleichzeitig entzündet sich daran neue Kritik. Historiker wie Jürgen Zimmerer fragen nach strukturellen Parallelen zwischen Kolonialismus und Holocaust – zugespitzt etwa in der Formel »Von Windhuk nach Auschwitz?«. Der Politikwissenschaftler A. Dirk Moses provozierte 2021 mit seinem Essay Der Katechismus der Deutschen, in dem er eine erinnerungspolitische Orthodoxie kritisierte, die aus seiner Sicht migrantische und postkoloniale Perspektiven systematisch ausblendet.
Beobachter wie Meron Mendel sprechen angesichts dieser Debatten bereits von einem „Historikerstreit 2.0«. Im Zentrum steht die Frage, wie sich die Erinnerung an die Shoah in eine pluralere Gedenkkultur einfügt – und ob sowie in welchem Maß Vergleiche oder Bezüge zu anderen Gewaltverbrechen zulässig sind, ohne die Einzigartigkeit des Holocaust zu relativieren.
Zwischen digitalem Wandel und persönlicher Erzählung
Angesichts dieser vielfältigen Herausforderungen steht die Erinnerungskultur an einem Wendepunkt. Eine mögliche Antwort auf die Krise des Erinnerns liegt – wie könnte es in diesen Zeiten anders sein – in der Technologie. Besonders Künstliche Intelligenz (KI) gilt vielen als Hoffnungsträger: Sie soll Geschichte nicht nur bewahren, sondern neu, interaktiver, multimedialer und emotionaler erfahrbar machen. Vor allem jüngere Menschen, die sich von klassischen Formaten wie Gedenktafeln oder Schulbüchern oft nicht mehr angesprochen fühlen, könnten so besser erreicht werden.
Ein bekanntes Beispiel dafür sind sogenannte Zeitzeugen-Avatare. In Projekten wie Dimensions in Testimony der USC Shoah Foundation wurden Holocaust-Überlebende viele Stunden lang befragt und gefilmt, nicht nur zu historischen Fakten, sondern auch zu persönlichen Erinnerungen. Aus ihren Antworten entstand eine große Videodatenbank. Mithilfe moderner KI kann man später mit einem digitalen Abbild dieser Personen interaktiv kommunizieren: Man stellt eine Frage, und das System wählt die passende Antwort aus dem Videoarchiv. Es wirkt, als würde man mit einem Zeitzeugen sprechen.
Erinnerung braucht Resonanz
Doch so beeindruckend diese Technologien auch sind – sie haben Grenzen. Können Algorithmen Mitgefühl erzeugen? Ersetzen Videoantworten echte Begegnungen?
Entscheidend bleibt: Erinnerung braucht Resonanz. Und die entsteht nicht allein durch Technik, sondern vor allem im Persönlichen. Hier sind auch wir Kriegs(ur)enkel gefragt. Wir können den Jüngeren davon erzählen, wie stark die Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs unsere Familien geprägt haben. Erinnerung muss etwas in uns auslösen, sie muss berühren, Verbindungen schaffen. Wer je ein offenes Gespräch mit den eigenen Großeltern über deren Kriegserlebnisse geführt hat, weiß: Erinnerung wirkt, wenn sie persönlich wird.


Kommentare (0)
Keine Kommentare gefunden!