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picture alliance / REUTERS | Gleb Garanich

Letztlich ist die Diktatur gegenüber der Kultur chancenlos Der Traum von Freiheit

Am 8. Juni wurde der ukrainische Tenor Vladyslav Horaj bei einem Freiwilligeneinsatz nahe Sumy von einer russischen Rakete getötet. Horaj, seit Jahrzehnten Ensemblemitglied der Oper in Odessa, galt manchen als der beste Sänger seines Fachs, über die Landesgrenzen hinweg. Er trat in Paris, Lissabon, London und New York auf, seit 2022 auch immer öfter, um für die Verteidigung der Ukraine zu werben. Den Erlös vieler Konzerte spendete er für die Ausrüstung ukrainischer Soldaten.

Seit Mai 2025 erlebt die Ukraine die heftigsten Luftschläge seit Beginn des russischen Angriffs­krieges. Doch in den täglichen Berichten über Drohnen- und Raketen-Attacken symbolisiert die Nachricht vom Tod des Sängers das brutale Ausmaß – und weckt die Erinnerung an das zer­bombte Theater in Mariupol, in dem Bewohner Schutz gesucht hatten: Von Anfang an geht es Putin nicht nur um die Eroberung fremden Staatsgebiets, sondern auch um die Aus­löschung der ukrainischen Kultur. Mit der Einführung der alten stalinistischen Hymne nach seinem Machtantritt 1999 hatte er lautstark angekündigt, dass er die Geschichte des russischen Imperialismus neu schreiben will.

Gerade deshalb sei Musik nicht nur die wirksamste Seelenmedizin, sondern zugleich eine Waffe, »menschliche, demokratische Werte hochzuhalten – gegen Putins Faschismus!« sagt der Pianist Alexey Botvinov, der sein Festival »Odessa classics« dieses Jahr zum vierten Mal im Exil eröffnet – zeitgleich zur Todesnachricht von Vladislav Horaj, den er seit seiner Zeit als Opern­direktor in Odessa kannte. Ob er überhaupt in diesem Jahr eine Bühne finden würde, sei bis zuletzt unklar gewesen. Die Zusage, auf Schloss Elmau spielen zu dürfen, eine Über­raschung – denn die politische Bedeutung des Ortes, an dem Regierungsvertreter der wichtigsten Industrienationen drei Jahre zuvor \\\ANLESEN\\\ ihre uneingeschränkte Solidarität mit der Ukraine bekundeten, unterstreiche jetzt inmitten des Zermürbungskrieges die Notwendigkeit des Festivals.

Botvinov hatte »Odessa Classics« 2015 als Antwort auf die russische Annexion der Krim gegründet, mit dem dringenden Anliegen, die Eigenständigkeit und die Bedeutung ukrai­nischer klassischer Musik zu zeigen und ihre vielfältigen Verbindungen zu westlicher Kultur offen zu legen.

Odessa und der Traum vom freiheitlichen Leben

Als Hafenstadt symbolisierte Odessa bereits zu Sowjetzeiten den Traum vom freiheitlichen Leben. 1933, im Jahr von Hitlers Machtergreifung, eröffnete der Geiger und Pädagoge Pjotr Stoljarski hier das erste staatliche Musikinstitut für hochbegabte Kinder, ein Novum in Europa, das die Musikpädagogik revolutionieren sollte: Bis heute dient Stoljarskis Schule als Vorbild zur Erziehung musikalischer Exzellenz. So entwickelte sich Odessa zum Mekka der Violin­virtuosen. Legendäre Künstler wie David Oistrach, Nathan Milstein, Emil Gilels, aber auch Svyatoslav Richter verbindet man mit der Stadt und Botvinov, selbst in sechster Generation aus Odessa stammend, war es ein Anliegen, mit seinem Festival weitere bemerkenswerte, unbekannte ukrainische Musikernamen einem größeren Publikum zugänglich zu machen. Wie Valentyn Sylvestrov, der seine Musik als eine einzige große Meditation betrachtet, die sich gegen jede Form der Vereinnahmung wendet und die der Komponist lediglich hör- bzw sichtbar macht.

Innerhalb der ersten sieben Jahre entwickelte sich Odessa Classics so zu einem klassischen Musikfestival mit internationaler Ausstrahlung. Daniel Hope, Thomas Hampson, und Mischa Maisky traten dort auf. Mit Ausbruch des Krieges habe er Konzerte dieser Größe inmitten eines Kriegsgebietes aber nicht mehr verantworten wollen, sagt Botvinov und nach Alternativen gesucht. Die Solidarität, vor allem der ersten beiden Jahre sei überwältigend gewesen. In Deutschland, der Schweiz, Griechenland, und der Türkei öffneten sich die Türen.

»Odessa entwickelte sich einst zum Mekka der Violinvirtuosen.«

Mehr als 60 Konzerte habe er seitdem für Odessa Classics gespielt. Jetzt im vierten Jahr des Krieges werde es trotz anhaltenden Zuspruchs von Publikum und Kollegen immer schwieriger, Sponsorengelder aufzutreiben – auch weil bisherige Partner wie das Beethoven Festival in Bonn oder der Bremer RathsChor inzwischen selbst finanzielle Probleme hätten. Die Ursachen sieht Botvinov in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen der Kriege: Inflation, Rechtsruck, Spendenmüdigkeit.

Musik als symbolische Geste der Hoffnung

Dass er Odessa Classics weiter am Leben halten will, steht für Botvinov außer Frage: Natürlich kann Musik die Bombardements nicht stoppen – aber wieviel Hoffnung steckt in dieser symbolischen Geste! Am Ende wird sich herausstellen, dass die Diktatur gegenüber der Kultur chancenlos ist: Stalin und Putin kommen und gehen. Bachs Fugen oder Sylvestrovs uner­gründliche Melodien werden uns weiter begleiten.“

»Botvinov spielt weiter Tschaikowski, Rachmaninoff oder Prokofiev.«

Trotz und gerade wegen der russischen Aggression dürfe man aber nicht plakativ sein. Gerade wenn man an künstlerische Freiheit und die Demokratie glaube. Und so spielt Botvinov neben ukrainischem Repertoire weiterhin Tschaikowski, Rachmaninoff oder Prokofiev – Werke, die er nicht Putins Propaganda überlassen möchte. Bewusst teilt er mit russischen Künstler-Kollegen die Bühne, die Putins Angriffskrieg verurteilen. Wie Grigori Sokolov, der an der Spitze des Klavierolymps steht und die aus Charkiw stammende Dinara Klinton, die das diesjährige Festival mit einer packenden Version von Chopins zweiter Klaviersonate eröffnete, selbst vorgeschlagen hatte (zufällig hatte er sie auf youtube entdeckt!). Oder wie den Schriftsteller Michail Schischkin, der sich für eine Revision, eine antinationalistische Lesart russischer Dichter – von Puschkin, Tolstoi über Gogol bis Bulgakow einsetzt – und dabei die verhängnisvolle Allianz mit den Mächtigen betont.

So umgeht Botvinov Richtlinien des ukrainischen Kulturministeriums, die fordern, russische Werke aus Spielplänen und Programmen zu streichen – und russische Künstler einer Prüfung zu unterziehen, was in der Praxis einem Boykott gleichkomme, erklärt Botvinvov. Er habe das im ersten Schockmoment verstanden, halte es aber mittlerweile für falsch. Für seine Haltung erntet Botvinov auch heftige Kritik aus den eigenen Reihen.

Botschafterin ukrainischer Musikkultur

Auch die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv war lange vor Putins Angriffskrieg eine leidenschaftliche Botschafterin ukrainischer Musikkultur. Als international gefragte Musikerin und General­musikdirektorin des Teatro di Bologna warb sie im Februar 2022 als eine der ersten ukrainischen Kulturschaffenden in Italien für die Unterstützung ihres Landes. Seitdem arbeitet sie konsequent daran, ukrainisches Repertoire nicht nur punktuell, sondern über eine ganze Spielzeit hinweg mit herausragenden Orchestern auf verschiedenen Kontinenten aufzuführen. Die Namen zeitgenössischer ukrainischer Komponistinnen und Komponisten wie Bohdana Frolyak, Yuri Laniuk, Viktoria Poleva, Evgeni Orkin sind dank Lynivs Engagement einem größeren Publikum bekannt geworden.

Auch Oksana Lyniv tritt für einen differenzierten Umgang mit russischer Kunst ein. Es sei wichtig, zwischen dem künstlerischen Wert eines Werks und dessen Missbrauch zu unter­scheiden. In ihrer Funktion als Chefdirigentin des Theaters in Bologna, für das russische Werke zum Repertoire gehören, sei es unmöglich, den Forderungen des ukrainischen Kultur­ministeriums zu entsprechen. Sie habe Verständnis für Menschen, die unmittelbar vom Krieg betroffen sind und dies anders sehen und fordert unterschiedliche Maßstäbe für ukrainische Künstler im In- und Ausland.

»Zwischen dem künstlerischen Wert eines Werkes und dessen Missbrauch unterscheiden.«

Bereits 2017 rief Lyniv das Mehrsparten-Kulturfest LwiwMozArt ins Leben, um das Erbe des noch immer unbekannten Mozart Sohns Franz Xaver sichtbar zu machen. Noch als Studentin in Lwiw hatte sie entdeckt, dass Franz Xaver Mozart als Generalmusikdirektor am Lemberger Königlichen Theater eine Verbindungsfigur zwischen Galizien und der westeuropäischen Musiktradition war – ein bis dato unbeachteter Aspekt innerhalb der Musikwissenschaft, der nicht nur neues Licht auf einen der wichtigsten Komponisten der Musikgeschichte wirft, sondern die Ukraine als europäische Kulturnation neu verortet. Nach Putins Angriff auf die Ukraine wurde auf Lynivs Betreiben hin aus dem Festival in Kooperation mit dem Mozarteum Salzburg die Initiative »Mozart for solidarity« geboren: ein Projekt, in dem Künstler:innen aus Kriegsgebieten nach Salzburg kommen konnten, um Werke von Mozart-Vater und -Sohn auf historischen Instrumenten aufzunehmen und in Interviews ihre Erfahrungen teilten.

Als großes Herzensprojekt sieht Lyniv die Gründung des ukrainischen Jugendsinfonie­orchesters, das sie – ebenfalls 2017 – nach dem Vorbild des deutschen Bundesjugendorchesters ins Leben rief und womit sie die ukrainische klassische Musikszene nicht nur um einen bedeutenden Klangkörper bereicherte, sondern auch eine nachhaltige Struktur für deren Zukunft und Wettbewerbsfähigkeit schuf. Unmittelbar nach Putins Überfall organisierte sie noch im März 2022 für 150 junge Musiker:innen und deren Familien ein Evakuierungscamp in Ljubiljana. Mit Hilfe weiterer Unterstützer konnte das ukrainische Jugendsinfonieorchester bereits im Juni 2022 seine internationale Tournee »united for the future« starten und trat bei bedeutenden Festivals wie dem Bachfest Leipzig und dem Lucerne-Festival auf.

Klangkörper werden zu Waffen gegen Kriegspropaganda

Eine zentral organisierte ukrainische Kulturszene aus dem Exil gibt es bislang nicht. Vielmehr sind zahlreiche, zumeist private, teilweise staatlich geförderte Projekte und Initiativen entstanden, die sich inzwischen vernetzen und unterstützen. All das spricht für die Vielfalt ukrainischer Kultur, die in ihrem Reichtum erst durch das Prisma dieses Krieges erkannt wurde. Ein prägnantes Beispiel ist der Komponist Dmytro Bortnjanskyj, ein Zeitgenosse Mozarts aus dem Dorf Hluchiw (heute Oblast Sumy), der als hochbegabter Schüler der Hluchiwer Sängerschule früh an die kaiserliche Kapelle nach St. Petersburg geholt wurde und nach einem Studium in Italien zurück in die russische Hauptstadt kehrte. Noch immer gilt er als Begründer der russischen Chorkunst – obwohl er von der ukrainischen mehrstimmigen Gesangstradition geprägt wurde.

Sowohl Alexey Botvinovs »Odessa Classic«-Festival als auch das von Oksana Lyniv gegründete ukrainische Jugendsinfonieorchester sind kraftvolle Beispiele, was klassische ukrainische Musik aus dem Exil imstande ist zu bewegen. Es sind Instrumente, die über die Selbstver­gewisserung kultureller Eigenständigkeit und Identität hinausgehen. In ihrer Ausstrahlung und Resonanz werden diese Klangkörper zu Waffen gegen Putins Propagandamaschinerie, zu Botschafterinnen, die sich außerhalb der Frontlinien für einen differenzierten Dialog ein­setzen. Und damit den Boden bereiten für neue Begegnungen – und für Frieden.

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