Tief beeindruckt stehe ich vor den 27 europäischen Flaggen und das mitten in Tokyo – bei der Delegation der Europäischen Union in Japan. Hier bin ich ganz Europäerin und sehr stolz darauf, ich sehe, dass es auch meinem österreichischen Kollegen so geht. Gerade im direkten Vergleich zu Japan, einem Land mit einer sehr starken nationalen Identität, fällt es mir nicht leicht zu bestimmen, was denn diese europäische Identität ausmacht. Einheit in Vielfalt? Demokratie? Wohlfahrtsstaatlichkeit? Meinungsfreiheit? Reiche Kultur und schöne Landschaften? Doch sind es nicht eben diese europäischen Werte, die sowohl von innen wie von außen bedroht werden? Steigt der Wert des europäischen Zusammenhalts angesichts äußerer Bedrohungen? Hat Trumps Lust auf Grönland und Putins Angriffskrieg das europäische Band gestärkt?
Personale – soziale – kollektive Identität
Europäische Identität ist eine komplexe Angelegenheit – werden hier doch zwei recht unscharfe Begriffe verbunden. Wo genau verlaufen die Grenzen Europas, wer also gehört dazu? Selbst wenn das Vereinigte Königreich die EU 2016 verlassen hat, so bringen die Kriege und Krisen Großbritannien und die EU wieder einander näher. Die politische Führung Russlands macht nicht zuletzt durch den Angriffskrieg auf die Ukraine klar, sich in keinem Fall dem europäischen Gedanken anschließen zu wollen. Zugleich bleibt der EU-Beitritt für die Ukraine und Länder des Westbalkans ein erstrebenswertes Ziel. Es gibt aktuell 46 europäische Länder, von denen 27 Staaten mit 450 Millionen Einwohnern in der Europäischen Union sind.
»Identität ist nie statisch, sondern dynamisch, flexibel und ein lebenslanger Prozess.«
Auch der Begriff der Identität macht es uns nicht leichter. Die individuelle (auch personale) Identität nach Erik H. Erikson beschreibt das subjektive Gefühl, eine einzigartige, über die Zeit hinweg beständige Person zu sein. Sie verbindet das eigene Selbstbild mit der sozialen Anerkennung durch andere Menschen und Gruppen. Nach Erikson entsteht individuelle Identität durch die Bewältigung psychosozialer Krisen. So ist Identität nie statisch, sondern dynamisch, flexibel und ein lebenslanger Prozess.
Die Sozialpsychologen Henri Tajfel und John Turner greifen den Prozessgedanken in ihrer »Social Identity Theory« von 1979 auf. Sie beschreiben soziale Identität als einen Prozess sozialer Kategorisierung, Identifikation und des Vergleichs zwischen Gruppen. Menschen ordnen sich und andere bestimmten Kategorien zu – Geschlecht, Klasse, Ethnizität, Religion oder Nation – um die Komplexität der Welt handhabbar zu machen. Den jeweiligen Kategorien werden nun bestimmte Eigenschaften und Werte (»die Rheinländer sind lustig«) zugeschrieben – und damit auch sich selbst und anderen. Ergibt sich die personale Identität aus der Gesamtheit der individuellen Eigenschaften, Charakteristika und Erlebnissen, so setzt sich die soziale Identität aus der Summe der Zugehörigkeiten zu bestimmten Kategorien (Religion, Nation etc.) und den mit ihnen assoziierten Werten und Eigenschaften zusammen.
Je nach Situation werden jedoch nur einzelne Kategorien der sozialen Identität aufgerufen, sodass auch von multiplen sozialen Identitäten (Marilynn Brewer) gesprochen wird. Konflikte zwischen unterschiedlichen Aspekten der personalen und/oder sozialen Identität(en) können entstehen, doch sie müssen einander nicht aus-schließen. Vielmehr zeigt sich der jeweils auszutarierende Balanceakt zwischen dem Bedürfnis nach Einzigartigkeit und dem Wunsch nach Zugehörigkeit. Dies gilt auch für die europäische Identität, es ist möglich Saarländerin, Deutsche und Europäerin zu sein. Oder mit anderen Worten: Das Gefühl Europäer zu sein, ist für viele EU-Bürger integraler Bestandteil ihrer sozialen Identität.
»Trotz Krisen und Politikverdrossenheit wird der Glaube an die EU von einer überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung getragen.«
Das regelmäßig durchgeführte Eurobarometer hält uns auf dem Laufenden über die Einschätzungen und Bewertungen der EU-Bürgerinnen und -Bürger über die EU-Institutionen, EU-Politik und EU-Identität. Deutlich wird, dass trotz Krisen und Politik-verdrossenheit der Glaube an die Europäische Union von einer überwiegenden Mehrheit der EU-Bevölkerung getragen wird: 67 Prozent der Befragten waren 2025 der Ansicht, dass die Europäische Union ein Ort der Stabilität in einer unruhigen Welt ist. Deutlich mehr als die Hälfte (59 Prozent) der Befragten EU-Bürger
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