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Zum 150. Geburtstag von Minna Faßhauer, der streitbaren Rätekommunistin Deutschlands erste Ministerin

Minna Faßhauer – Wer kennt ihren Namen? Bereits zu ihren Lebzeiten wussten nur wenige von ihr, jedenfalls außerhalb von Braunschweig, ihrer Wirkungsstätte. Vielleicht hatte man im Winter 1918/19 von ihr gehört. In der Sozialistischen Republik Braunschweig, so erzählte man sich, hatten die Revolutionäre doch tatsächlich eine Waschfrau, ein Dienstmädchen, eine Flaschenspülerin oder was ihr sonst noch zugeschrieben wurde, an die Spitze des Bildungsressorts gehievt. Am 10. November 1918 war dies geschehen und damit gelangte erstmals in der deutschen Geschichte eine Frau auf den imaginären Ministersessel.

Dienstmädchen war Minna Faßhauer tatsächlich gewesen, später arbeitete sie in einer Konservenfabrik. Zur Arbeiterbewegung kam sie um die Jahrhundertwende. Seit 1903 gehörte sie der SPD an. Durch ihr selbstbewusstes Auftreten fiel sie schnell auf und wurde zu einer der einflussreichsten Aktivistinnen der örtlichen Partei. 1916/17 trennte sich der Braunschweiger Ortsverein fast geschlossen vom Berliner Parteivorstand und schloss sich der USPD an. Faßhauer machte diesen Schritt nicht nur mit, sondern wandte sich auch dem Spartakusbund zu und gehörte zum »Revolutionsklub«, der im Verborgenen in der Braunschweiger USPD die Fäden zog.

Da war es keine Überraschung, dass Minna Faßhauer »ministrabel« erschien, als der Herzog gestürzt und die Sozialistische Republik Braunschweig ausgerufen wurde. Am 10. November wurde ihr das Ressort für Volksbildung zugewiesen, mit 43 Jahren, genau einen Monat nach ihrem Geburtstag. Ihre Mitrevolutionäre – alle Volkskommissare stammten aus den Reihen der USPD – trauten der Frau dann doch nicht ganz. Ein Mann wurde ihr als gleichberechtigter Ressortchef beiseitegestellt, während alle anderen Volkskommissare alleine ihr Ministerium leiteten – sie waren ja Männer.

Drei Entscheidungen von bleibender Bedeutung

Drei Erlasse aus Faßhauers Amtszeit sind von bleibender Bedeutung: Sie beendete die Aufsicht der Kirche über die Volksschulen, erleichterte den Kirchenaustritt und verbot Völkerverhetzung und Fürstenverherrlichung im Geschichtsunterricht. Alle drei Entscheidungen lagen auf der Linie der Schulpolitik der neuen Regierungen im Reich und in den anderen Ländern, aber sie erfolgten auf Faßhauers Initiative.

Am 21. Februar 1919 endete ihre Amtszeit schon wieder. Sie, die Spartakistin, war nicht einverstanden, dass die USPD eine Koalition mit der MSPD einging. Auch ihr Landtagsmandat, errungen am 22. Dezember auf der Liste der Unabhängigen, legte sie nieder. Im März beteiligte sie sich an der Gründung der lokalen KPD, in der sie aber nicht lange blieb. Mit der großen Mehrheit der Braunschweiger Kommunisten brach sie im Herbst 1919 mit der KPD, nachdem ein Reichsparteitag die Beteiligung an Parlamentswahlen beschlossen hatte. Faßhauer war eine entschiedene Rätekommunistin und schloss sich daher im April 1920 der neuen Kommunistischen Arbeiterpartei an. Für kurze Zeit überflügelte die KAPD die KPD. Lenin versuchte, die Neugründung für die Kommunistische Internationale (Komintern) zu gewinnen. Aber der KAPD-Delegierte August Merges, Freund und Mitstreiter von Faßhauer und im Winter 1918/19 Präsident der Sozialistischen Republik Braunschweig, berichtete vom Gründungskongress der Komintern, dass in Moskau eine Partei, die Bolschewiki, herrsche und nicht das Proletariat.

Gegen die Alleinherrschaft einer Partei

In den 20er Jahren machte Faßhauer mehrere Spaltungen und Gründungen rätekommunistischer Kleingruppen mit; es ging um Details, die zum Forschungsgebiet der Tomologie gehören, wie Willy Brandt die Sektenkunde einst nannte. In Braunschweig war sie bei Protesten stets dabei. Typisch für sie eine Szene bei Teuerungsunruhen im August 1923: Als ihr ein KP-Mitglied zurief: »Man, nicht aufregen!«, antwortete sie mit einem Satz, der als Motto ihres politischen Lebens gelten kann: »Feste aufregen!«. In diesen Jahren war sie nur noch eine Randfigur, die nervte, kaum ernstgenommen wurde.

Es zeichnet Faßhauer aus, dass sie von der Alleinherrschaft einer Partei nichts hielt und daher nicht in die Versuchung geriet, sich dem Stalinismus anzunähern. Aber zugleich rief sie zum bewaffneten Aufstand gegen die Weimarer Demokratie auf. Das war völlig illusionär, und selbst wenn es eine realistische Einschätzung der Kräfteverhältnisse gewesen wäre, hätte dies Deutschland in einen blutigen Bürgerkrieg gestürzt. Klassenhass überlagerte bei Minna Faßhauer alles andere.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten hielt sich Faßhauer zurück. Dennoch inhaftierten die Nazis sie 1935 unter dem Vorwurf des Hochverrats. Trotz eines Freispruchs vor Gericht wurde sie in das KZ Moringen bei Göttingen eingeliefert. Dort blieb sie zwar nur drei Monate, erlitt aber dauerhafte gesundheitliche Schäden. Nach der Befreiung von der NS-Diktatur schloss sie sich der KPD an, so wie manche andere ihrer rätekommunistischen Mitstreiter aus der Weimarer Zeit. Aber sie war weiterhin nicht bereit, sich blind der Parteilinie zu unterwerfen.

Am 28. Juli 1949 starb Faßhauer an einem Gehirnschlag. Der Streit um ihr politisches Vermächtnis begann schon am Grab. Die SPD beließ es bei einem Kondolenzschreiben, aber immerhin, das auch der Presse zugeleitet wurde. Die KPD beanspruchte die Revolutionärin und Antifaschistin für sich, obwohl sie in ihren fast 45 Jahren politischer Aktivität ganze fünf Jahre der Partei angehört hatte, 1919 und ab 1945. Artur Krull, in der Weimarer Zeit Rätekommunist wie Faßhauer, hielt auf Wunsch der Familie eine Trauerrede, in der er gegen die »privatkapitalistischen« wie auch gegen die »staatskapitalistischen Herrscher« wetterte. »Staatskapitalistisch« stand eindeutig für die Sowjetunion. Seine Rede kann nicht anders als antistalinistisch verstanden werden. Er positionierte die Tote und sich selbst als Kritiker der Herrschaft der KPdSU. Die Parteien, auch die KPD, nannte er »totalitär«. 1950 zog er die Konsequenzen und verließ die KPD. Es mag überraschen, dass er der SPD beitrat, aber nicht wenige frühere Rätekommunisten, die nach 1945 auf Meinungsfreiheit innerhalb der KPD gehofft hatten und auf mehr Unabhängigkeit von Moskau, wandten sich ab 1947 der Sozialdemokratie zu. Für sie war der Kampf gegen den freiheitsbedrohenden Stalinismus die wichtigste Aufgabe. Das verband sie mit der SPD; so sahen es auch manche bisherigen Anarcho-Syndikalisten, die sich damals ebenfalls der Sozialdemokratie anschlossen.

Demokratie erfordert Kompromissbereitschaft

Wie soll man heute an Minna Faßhauer erinnern? Eine einfache positive Würdigung erlaubt ihr Werdegang nicht. Sie stand gegen Hitler und Stalin, aber auch gegen die parlamentarische Demokratie. Sie kämpfte – jedenfalls bis 1933 – für eine neue Klassenherrschaft, die des Proletariats, nicht für eine Gleichheit aller. Faßhauer vertrat in der Weimarer Republik ein Politikkonzept, das Kompromisse verwarf, stattdessen den Kampf bis zum vollständigen Sieg über den Gegner propagierte.

Der Erfolg der parlamentarischen Demokratie nach 1945 beruht auf der Kompromissbereitschaft der Beteiligten. Als Vorbild für heutige Politik kann Minna Faßhauer schwerlich dienen. Das ändert nichts daran, dass ihr Eintreten gegen den Ersten Weltkrieg und ihr Kampf gegen Ausbeutung und Elend Respekt verdient. Und wenn es um den Widerstand gegen den Nationalsozialismus geht, treten sonstige Bedenken gänzlich zurück.

Wäre es denn Minna Faßhauer überhaupt recht, von diesem Staat geehrt zu werden? Da habe ich meine Zweifel. Sie beginnen schon damit, dass die rätekommunistische Bewegung nun wahrlich jedem Personenkult abhold war. Und soll es in Faßhauers Sinn sein, wenn man heute über alle Differenzen und Differenzierungen hinweg so täte, als gäbe es keine fundamentalen Unterschiede zwischen der Gesellschaft, die sich Minna Faßhauer erträumte, und unserer Demokratie?

2013/14 kam es in Braunschweig zu einer intensiven Debatte über diese Fragen, ausgelöst durch einen Antrag der Partei »Die Linke«, die Stadt möge Minna Faßhauer ehren. Der Antrag hatte keinen Erfolg, aber er motivierte zu einer ganzen Reihe von Initiativen. So kam 2014 ein Musical über ihr Leben zur Aufführung. Die Internetseite www.minna-fasshauer.de erinnert an die Revolutionärin, die Deutschlands erste Ministerin war. Mittlerweile wurde auch ein Dokumentarfilm über sie produziert. All das bewirkt vermutlich mehr als ein simples Straßenschild mit ihrem Namen.

Manche der Initiativen aber gehen nicht ehrlich mit Minna Faßhauer um. Die Partei »Die Linke« oder die DKP nehmen das Gedenken an sie nicht zum Anlass, über die stalinistische Vergangenheit ihrer Partei zu sprechen. Dazu fällt kein Wort. Von Faßhauer wird ein weichgespültes Bild gezeichnet, als wäre sie Pazifistin und Demokratin nach heutigem Verständnis gewesen. Mit (selbst)kritischer Präsentation der Geschichte hat das wenig zu tun.

Übrigens stellte Braunschweig nicht nur die erste Ministerin in der deutschen Geschichte, sondern auch die zweite. Im Mai 1946 wurde die Sozialdemokratin Martha Fuchs Kultusministerin des Landes, bevor es im neugegründeten Niedersachsen aufging.

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