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© una.knipsolina/photocase.de (Ausschnitt)

Die alten und die neuen Milieus

Der Mann im Garten lächelt gequält. In seinem Teich schwimmen Koi-Karpfen, die üppigen Hortensienblüten wiegen sich im Wind, der Walnussbaum trägt so viele Früchte wie noch nie. Eigentlich lebt Axel Jenniges im Paradies, seit mehr als 30 Jahren schon. »Ja, früher war es schön hier«, sagt der 59-Jährige und legt die Stirn die Falten. »Heute haben wir Nachbarschaft.« Er spricht es aus wie eine Krankheit.

7.000 neue Nachbarn hat der Mann mit dem silbergrauen Haar und der sanften Stimme bekommen, in weniger als zehn Jahren hat sich sein Dorf mehr als verdoppelt. Widdersdorf, eine kleine Ortschaft am Rand von Köln, spaltet sich seitdem in zwei Teile. Da ist das alte Dorf mit dem architektonischen Mix aus Backsteinfassaden, Sechzigerjahre-Bauten und Fachwerk, erstmals erwähnt im Jahr 1109. Auf der anderen Seite der neue Teil, fast 1.000 Jahre später erschaffen und mittlerweile das größte private Neubaugebiet Deutschlands. Hier reihen sich vor allem würfelförmige Häuser aus Stahl, Glas und Beton fein säuberlich aneinander.

Widdersdorf könnte überall sein in Deutschland. Überall da, wo an den Stadträndern in kurzer Zeit Retortendörfer aufploppen und Hunderttausende zuziehen: weil die Wohnung in der Innenstadt zu eng und zu teuer ist, weil die Arbeit einen Umzug nötig machte oder weil Deutschland neue Heimat werden soll.

Die Jenniges sitzen auf einer weißen Bank in ihrem Garten und referieren das lange Sündenregister der Neubürger, wie sie sie nennen: Sie grüßen nicht. Sie sind fremd. Sie sind hochnäsig. »Die sehen in uns die Dorfdeppen«, da sind sich die Jenniges sicher. »Die haben sich nicht nur ein Grundstück, sondern ein ganzes Stück Dorf gekauft«, sagt Axel Jenniges, »das ist nicht mehr meine Heimat«. Seit 35 Jahren ist er selbstständiger Kälteanlagenbauer, er hat nie etwas anderes gemacht, nirgendwo länger gewohnt als hier.

Ein ganzes Leben hat das Ehepaar in dem Backsteinhaus mit Spitzdach verbracht, drei Kinder erzogen. Axel Jenniges öffnet das Gartentor und stapft über den Acker, der noch übrig geblieben ist. »Wir haben hier besten Mutterboden, auf dem wir uns gerade bewegen«, referiert er. »Nach der Lehmschicht kommen feinste Löss-Gegenden.« Nie könnten sich die Jenniges vorstellen, das Wort Heimat von diesem Ort zu lösen.

Wenige Schritte weiter entlang des Feldwegs tritt ein Paar durch das Gartentor. Inés Reinprecht-van de Sandt, eine fröhliche Frau von 46 Jahren, weiße Bluse zu rotem Lippenstift und farblich passendem Nagellack, und ihr Mann Nico. Vor ihnen erstreckt sich das Feld, das links an den Hof der Jenniges grenzt. »Ich bin so glücklich, dass wir dieses Grundstück bekommen haben mit diesem Blick«, schwärmt sie. Schräg gegenüber, auf dem Dach der Jenniges, wehen zwei Fahnen: eine des 1. FC Köln und eine in Schwarz-Rot-Gold. Jeder solle sehen, dass dort ein Deutscher wohnt, hatte Axel Jenniges gesagt.

Die van de Sandts würden niemals eine Deutschlandfahne auf dem Dach hissen. Die Nation spielt für sie keine Rolle, Heimat ist für sie da, wo ihre Familie ist. Sie sind viel rumgekommen. Wien, Siegerland, Marburg, Aachen. Vor fünf Jahren haben sie die Doppelhaushälfte gebaut. Sie wollen bleiben – erstmal. »Ich dachte nie, dass das was fürs Leben ist«, sagt Inés Reinprecht-van de Sandt.

Um den Kredit abzuzahlen, gehen beide Eltern arbeiten. Vater Nico pendelt jeden Morgen zu einer Maschinenbaufirma im Ruhrgebiet. Der Beruf von Mutter Inés ist weniger eindeutig. Auf ihrer Webseite präsentiert sie sich als Beraterin, Personalreferentin, Logopädin und psychologische Trainerin. Dort schreibt sie über das »Burnout als Chance« und ihren multiprofessionellen Lebenslauf, bietet individuelles Coaching bei der Karriereplanung an. Im Wohnzimmer hat sie ein Wandtattoo angebracht mit Mantras und Sinnsprüchen, dort heißt es: »If you don’t like your Job, quit.« Wenn Du Deinen Job nicht magst, kündige.

An einem Freitagabend im Winter, die Sonne ist längst untergegangen, arbeitet Inés Reinprecht-van de Sandt in ihrem Kellerbüro. Sie klickt sich gerade auf ihrem Laptop durch die PowerPoint-Präsentation für das nächste Kundenseminar, da kommt die Tochter Greta, acht Jahre alt, reingetappt und schmiegt sich an sie. »Wir haben uns den ganzen Tag nicht gesehen«, flüstert die Mutter und nimmt ihr Kind in den Arm. Dann muss sie mit ihrem Mann noch Termine besprechen, das Treffen beim Japaner am Wochenende, die kommenden Drehtage von Greta. Seit Neuestem fahren sie die Tochter regelmäßig zu einem Filmset, weil sie die Kinderhauptrolle in einer Fernsehserie spielt und von einer Schauspielkarriere träumt.

Es sei manchmal schwierig, Job, Freizeit und Familie zu verbinden, sagt sie. »Aber es wäre für mich auch keine Option, nicht zu arbeiten.« Wer weiß schon, was noch kommt? »Man sagt nicht mehr: Ich bin jetzt Bäcker in Köln und ich bleibe mein Leben lang Bäcker in Köln«, sagt sie. »Heute überlegen wir uns: Könnte man noch was anderes machen? Oder ziehen wir irgendwann woanders hin?« Sie erlebe das bei sich selbst, aber auch bei Klienten.

Die van de Sandts sind die perfekten Bewohner einer modernen Welt: anpassungsfähig, flexibel, stets bereit, weiterzuziehen. Sie hängen ihr Herz nicht an Orte, sie brauchen sie nicht, um sich irgendwo zugehörig zu fühlen. Lieber identifizieren sie sich über ihren Job, über ihre Reisen und Interessen. Widdersdorf ist ein Standort, der gut in ihre aktuelle Lebensphase passt. Ihren beiden Töchtern soll die Welt offen stehen. Die Digitalisierung ermöglicht ihnen neue Arbeitsmodelle und Erleichterung im Alltag, die Globalisierung günstige Flugtickets nach Dubai und ganzjährig frische Ananas im Obstsalat.

Anne Jenniges, die Frau im Haus auf der anderen Seite des Feldweges, hat in vielen Wahlmöglichkeiten noch nie einen Mehrwert gesehen. Sie meidet selbst den riesigen Supermarkt im neuen Einkaufszentrum. »Der ist mir zu groß«, sagt sie. Zu viel Auswahl erschlage einen doch. In ihrem Leben ist immer klar gewesen: Frauen kümmern sich vorrangig um die Kinder, Männer verdienen das Geld. Es ging ihnen gut, sie haben es nie infrage gestellt. Wenn die Jenniges von der »Work-Life-Balance« sprechen, dann nur mit ironischem Unterton. Bald werden sie ihr Unternehmen an einen jungen Mann abgeben. Axel Jenniges scheint bei dem Gedanken unwohl zu sein. »Für die Jugend ist Freizeit das höchste Gebot«, sagt er. Der Nachfolger wolle ständig frei machen, oder er melde sich krank. »Aber die Arbeit muss getan werden, da muss jeden Monat die Kohle da stehen, zackzack!«

Seitdem sich ihr Umfeld so verändert hat, haben sie ihren Freundeskreis enger gezogen. Etwa beim traditionellen Herbstfeuer. Früher waren ihre Partys legendär, das halbe Dorf kam. Doch seit das Neubaugebiet da ist, feiern sie kleiner, nur mit engen Freunden, ohne die Nachbarn. Die Männer kennen sich von einem Kölner Karnevalscorps. Session für Session haben sie miteinander verbracht, in blau-weißer Uniform, auf dem Kopf den Federhut. Sogar in einer chinesischen Hotelanlage sind sie als Botschafter deutscher Kultur aufgetreten. Das schweißt zusammen.

Der Grillmeister, ein Mann mit Schnauzbart und guter Laune, hat den Rost vollgeladen mit Steaks, Würstchen und Bauchspeck. »Fleisch sollte sein«, sagt er. Gott sei Dank gebe es keine Veganer in seiner Verwandtschaft. »Wenn ich nur grün essen wollte, wäre ich eine Kuh geworden.« Am Holztisch auf der Wiese sitzen die Herren. Am Essplatz vor der Hütte die Damen. An diesem Abend ist die Welt für sie so wohlgeordnet, so schön, so »normal«, wie sie schon immer war: die Männer machen Feuer, die Damen schauen dabei zu, die fetten Steaks schmecken herrlich wie immer und das Bier fließt in Strömen.

Früher war es in Widdersdorf ein bisschen so wie hier im Garten der Jenniges. »Und jeder kannte jeden«, da ist sich der Herrentisch einig. Aufgebracht zeigt der Grillmeister rüber in Richtung Neubaugebiet: »Ich glaube nicht, dass einer, der da ein Haus hat, den Nachbarn zwei Häuser weiter kennt.« Jenniges pflichtet ihm bei. Ein Mann mit Zwirbelbart und grauen Locken stellt sich vor als Mitglied der Widdersdorfer Dorfgemeinschaft, dem Verein, der sich um die Feste im Ort kümmert. Sie täten ja alles, um die Neuen zu integrieren, sagt er, klingt jedoch nicht so, als habe er es wirklich ernsthaft versucht. »Das braucht doch Jahrzehnte – wenn überhaupt. Und dann sind die bestimmt schon wieder weggezogen!« Die meisten seien doch noch nicht einmal Rheinländer, »effektiv Ausländer«, attestiert er. Einige kämen sogar aus England. »Die haben nicht die Mentalität«, ergänzt sein Sitznachbar. »Das, was wir machen von klein auf: Karneval, feiern, Zusammenhalt – das haben die nicht!« Mit jedem seiner Sätze ist sein rheinischer Dialekt ein wenig rheinischer geworden. Ganz so, als wolle er sich selbst seiner Herkunft vergewissern.

Einige der Vorhaltungen, die das alte Dorf aus Jenniges Garten heraus dem neuen gemacht hat, sind leicht als Vorurteile zu widerlegen. Auch Familie van de Sandt grillt mit den Nachbarn von nebenan im Sommer mal ein Würstchen, nur eben im kleineren Stil. Und sie sind in einer WhatsApp-Gruppe organisiert, wo sie Tratsch und Einkaufstipps austauschen oder abgelegte Sachen zum Verkauf anbieten. Die meist jungen Familien haben sich in der offenen, bunten und sich schnell verändernden Welt gut eingerichtet, sie kommen mit den neuen Herausforderungen besser klar.

Erzählt man Wissenschaftlern von Widdersdorf, kommen ihnen die beiden Lager sehr bekannt vor. Die Frage, wie die Menschen zu Veränderung und Vielfalt stünden, sei ein neuer Grundkonflikt, beobachtet die Integrationsforscherin Naika Foroutan. Schon lange lässt sich in Studien eine Art neue Spaltung der Gesellschaft ablesen. Eine, die mit den alten Kategorien »links« und »rechts« nicht mehr beschrieben werden kann. Vielmehr trenne sich die westliche Welt in diejenigen, die befürchten, dass ihre Arbeit auf lange Sicht durch neue technische Entwicklungen ersetzt wird. Sie stehen denen gegenüber, die längst global denken, die weltoffen sind und tolerant. Auch mit dem unterschiedlichen Einkommen habe die Spaltung nichts zu tun, das belegen Studien, sondern mit dem Mindset. Der britische Publizist David Goodhart hat in einer Studie beiden Gruppen griffige Labels angeklebt. Zum einen die »Anywheres«, also die, die überall leben können, weil sie gebildet sind und mobil. Zum anderen die »Somewheres«, also die, die einen festen Ort ihre Heimat nennen. Sie sind besonders verwurzelt, Vertrautheit und Sicherheit sind ihnen wichtig.

Die Jenniges wirken besorgt, dass ihre Überzeugungen bald nicht mehr viel gelten. Werte wie Fleiß, Familie, Heimattreue. Sie hätten sich gewünscht, dass ihre Kinder bei ihnen im Dorf bleiben, es wäre sogar ein Bauplatz im Garten vorhanden und eine Einliegerwohnung. Aber die steht leer. Die Kinder sind weggezogen, die Anziehungskraft der Widdersdorfer Heimat war nicht stark genug. Die Jenniges hatten mal gedacht, das mit ihnen und dem Haus sei für immer. Das hat sich geändert. »Irgendwann wird vielleicht vorne das Schild stehen: ›for sale‹«, sagt Axel Jenniges. »Nicht ›for sale‹«, wirft seine Frau ein, »Zu verkaufen«.

Die Autorinnen sind Teil des Redaktionsteams »docupy« der Produktionsfirma Bildundtonfabrik und des WDR, das über einen Zeitraum von sechs Monaten unter dem Titel #Heimatland an dem Thema arbeitete. Die Dokumentation »Heimatland – Oder die Frage, wer dazu gehört« ist in der ARD-Mediathek und auf YouTube zu sehen. Ein ausführlicher Text zu dem Neubaugebiet ist im Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 1. März 2019 erschienen.

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