NG/FH: Herr Bude, bestimmt das Sein eigentlich noch das Bewusstsein, wie es manche Linken seit Karl Marx behaupten?
Heinz Bude: Ja natürlich. Die Frage ist aber schon, wie man das Sein versteht. Wir leben heute in einer Klassengesellschaft ohne Klassen…
…und die Menschen wählen deshalb nicht mehr nach Klassenlage?
Deshalb taucht das Problem auf, dass man sie anders ansprechen muss. Die berühmte Neue Mitte von Gerhard Schröder war so ein Versuch, der damals relativ gut funktioniert hat. Der Begriff hatte einen Wirklichkeitskern. Wir hatten eine Revolution der Arbeitswelt, insbesondere in den gut bezahlten Bereichen, mit digitalen Elementen und auch Dienstleistungselementen in ganz neuer Kombination. Es war eine Politik, die diese Veränderung zur Kenntnis genommen und daraus eine Strategie abgeleitet hatte.
Es war aber auch noch eine Zeit, in der die Menschen die Gesellschaft gemeinsam, kollektiv erlebt haben. Stecken heute nicht alle zuerst in ihren eigenen Blasen?
Das gemeinsame Erleben gibt es doch heute auch noch – nur mit einem negativen Vorzeichen: Wir befinden uns in einer schlechten Stimmung. Das ist ein sehr weit verbreitetes Empfinden. Gefühlslagen müssen ja nicht immer enthusiastisch nach vorne gerichtet sein, sie können sich auch resignativ nach hinten richten.
Wer das Land schlechtredet, hat Wahlerfolg?
Wer zum Ausdruck bringt, dass grundsätzlich etwas nicht stimmt, hat Wahlerfolg.
Ist das eine Grundstimmung, die sich auf reale Fakten und Inhalte bezieht – oder eher eine, zumal in der digitalen Kommunikationswelt, die sich von den Anlässen losgelöst hat?
Wenn man den Leuten wirklich zuhört, dann stellt man fest, dass sie von ihrer Ratlosigkeit überzeugt sind. Das ist die Grundstimmung in allen möglichen gesellschaftlichen Gruppen. Nehmen wir den Zustand des Gesundheitssystems. Über die neue Hüfte beschwert sich niemand. Aber wenn es um die Wartezeiten beim Arzt geht, explodiert das Publikum. Mit einer gerechteren Verteilung von Wohlfahrtsgütern verbessert man die Stimmung sicher nicht.
Also bestimmt hier doch das Bewusstsein das Sein?
Nein. Aber es ist so, dass es im gemeinsamen Erleben um andere Probleme geht als um diejenigen, die dafür erklärt werden. Schauen Sie auf das Beispiel Österreich. Unter den gegenwärtigen Bedingungen kann ich mir keinen ausgefeilteren Wohlfahrtsstaat vorstellen. Das ändert aber nichts daran, dass die Blauen dort auf ein Drittel der Stimmen kommen. Österreich widerlegt die Strategie, durch einen besseren Wohlfahrtsstaat die Stimmung drehen zu können.
Wäre die stärkere Konzentration auf das Thema Arbeit ein besserer Weg?
Es kommt darauf an, wie man das angeht. Wir haben nicht das Problem, dass uns die Arbeit ausgehen würde. Was die Leute allerdings spüren, ist, dass das bisherige deutsche Produktionsmodell mit der Automobilwirtschaft als Zugpferd in Zukunft nicht mehr haltbar ist. Die entscheidende Frage zum Verständnis der Stimmung lautet also: Was löst die verbreitete Ratlosigkeit aus, worauf bezieht sie sich? Ohne eine klare Analyse der Lage kommt man politisch nicht weiter. Stimmungen beziehen sich auf eine Situation. Sie sind nicht Ausdruck subjektiver Einbildungen, sondern objektiver Verhältnisse. Das Gefühl der Ratlosigkeit angesichts einer verschlossenen Zukunft teilt das Publikum schließlich mit der Spitze des politischen Personals.
Ihr Rat gegen die Ratlosigkeit?
Ich gebe den Rat, dass wir in der Tat unser Produktionsmodell anders ausgestalten müssen. Es liegt zum Beispiel auf der Hand, dass ein Zusammenhang zwischen Arbeitsaufkommen und Wertschöpfung existiert. Schärfer formuliert: Wenn die einzelnen weniger arbeiten, werden alle ärmer. Das haben die Leute schon kapiert.
…klingt nach Merz.
Da hat er halt Recht. Arbeitszeitreduzierung durch technologischen Fortschritt auszugleichen, funktioniert nicht mehr. Wobei es nun aber schon darauf ankommt, das Arbeitsvolumen so auszuweiten, dass die Leute den Sinn dessen verstehen und nicht denken, da würde ihnen nur etwas aufgedrückt. Es ist eine neue Situation, die alle angeht.
Führt nicht in Wirklichkeit eher die zunehmende soziale Spaltung dazu, dass Themen je nach Perspektive extrem unterschiedlich empfunden werden und kein gemeinsames Wir mit der Politik mehr gewollt ist?
Die Einkommens- und Vermögensunterschiede bringen die Leute nicht wirklich auf die Palme. Es ist im digitalen Kapitalismus nur weniger fassbar, wer aufgrund welcher Leistungen was verdient.
Also eher kulturelle und habituelle Spaltungen?
Schauen Sie sich den neuen Bürgermeister von New York an. Der kommt aus einer privilegierten Familie, der Vater ist Professor. Seine Frau präsentiert sich mit tollen Kleidern und in eleganten Posen. Er ist Träger eines Lebensstils, von dem es sonst immer heißt, das sei eine elitäre Minderheit.
Was dann?
Wir müssen über das deutsche Produktionsmodell reden. Es geht um die Ingenieurskunst digitaler Steuerung. Der Amazoneffekt hat die Formen des Konsums grundlegend verändert. Ausgehend von den Büchern bis hin zum Käse.
Wir müssen auf den Siemenseffekt und die digitale Fabrik setzen. Das deutsche Ding ist die Materialität der Digitalität. Am Ende müssen Produkte rauskommen, mit denen die Leute in ihrem Alltag etwas anfangen können. Am Rechner können sie Brillen und Fassadenelemente ausdrucken, aber keine Autos, erst recht keine Beatmungsgeräte, Klimaanlagen und Kehrmaschinen.
Und was ist mit der politischen Großwetterlage?
Das Staatensystem ist durch den Hegemoniekonflikt zwischen China und den USA geprägt. Da geht es nicht allein um die Anzahl der Flugzeugträger, sondern um die Attraktivität einer Lebensweise. In beiden Gesellschaften ist die Massenloyalität nicht mehr auf Dauer gesichert – das ist die große Chance Europas und seiner Fähigkeit, unterschiedliche soziale Kräfte kompromisshaft zusammenzuführen. Zumal in Deutschland: Die hiesige Koalition aus Union und SPD wäre in Polen, Frankreich oder in Großbritannien undenkbar. Darin liegt, so merkwürdig für unsere Ohren sich das anhört, eine innovative Kraft für Europa insgesamt.
Braucht sie dazu dann nicht eine klarere und vor allem gemeinsame Botschaft? Hat sie dazu überhaupt gemeinsame Kraft?
Da kann sich durchaus ein komplexes politisches Modell bilden, in dem sich das Besondere dieser Koalition zeigt – mit Positionen und Personen, die nicht nur parteipolitisch zuzuordnen wären. Es braucht ein Set vom Kernbegriffen, um die herum so etwas wie eine Kernspannung entsteht. Ein attraktives politisches Angebot enthält immer eine Spannung in der zentralen Botschaft. Historisch haben die großen Volksparteien immer aus solchen Spannungen heraus gelebt, haben sie ausgetragen und sind damit interessant geworden.
Das können sie heute nicht mehr?
Sie treten auf, als würden sie jeweils nur eine Richtung kennen. Ich empfinde das als trivialisiert: die Art, wie über Kapitalismus, Frieden oder Gerechtigkeit geredet wird. Ich denke da anders. Wirtschaftliche Entwicklung und soziale Absicherung, individuelle Anstrengung und soziale Einbindung, militärische Stärke und diplomatische Verhandlung, lokale Verankerung und globale Bezugnahme, West- und Ostdeutschland. Die von Oswald von Nell-Breuning stammende Formel von der gerechten Anstrengung, aus der sich niemand herausreden kann, könnte eine Klammer mit Spannung sein.
Ist die Grundemotion im Land nicht eher: Bleibt mir fern mit all dem?
Ich setze dagegen: Die Leute wissen ganz genau, was die Stunde geschlagen hat. Man muss ihnen allerdings ein politisches Angebot machen, das zeigt, wo ihre Energien gefragt sind und welches Können für alle wichtig ist.
Wird das nicht geradezu unmöglich, wenn ständig weltweite Großkonflikte – wie in Nahost – über uns kommen, die kleine innenpolitische Schritte auch ökonomisch wie Petitessen erscheinen lassen?
Aber es ist doch sonnenklar, dass wir Zeugen der Entstehung einer neuen Ordnung der Welt sind. Es wird nicht mehr so, wie es früher war. Und das ist auch gut so.
Aber etwas Klimaschutz hätten wir schon gerne erhalten?
Ja, natürlich. Der Klimawandel ist eine geologische Tatsache, aber da muss nicht das Klima, da müssen die Menschen geschützt werden.
Bleibt da denn überhaupt noch eine Idee für einen optimistischen Ausblick?
Globale und planetarische Veränderungen führen uns gerade die stillen Voraussetzungen des Modells Deutschland vor Augen. Das betrifft die Logik einer Konkurrenzdemokratie mit Volksparteien, den föderalen Bundesstaat mit sehr unterschiedlich tickenden Bundesländern, das Verfassungsgericht, das den Rahmen der politischen Auseinandersetzung setzt, aber nicht über politische Entscheidungen befindet und vor allem die exportorientierte Hochproduktivitätsökonomie, die von billiger Energie, geringen Transportkosten, offenen Märkten und kompetenter Facharbeit gelebt hat, zu der es im Prinzip aber keine Alternative gibt.
Ist das nicht doch dann retro, Rückkehr zum Gestern?
Ich spreche nur aus, was uns gerade Schritt für Schritt wieder klar wird. Die Idee einer großen Transformation, die darüber im Gestus eines höheren Wissens hinweggegangen ist, hat das Wahlpublikum zum Glück aussortiert.
Und das linke Spektrum soll darüber wirklich wieder konservativ werden?
Es sollte die Lebensrealität der Leute ernst nehmen. Nicht auftrumpfend sagen: Wir wissen, wie es geht. Sondern sagen: Wir müssen uns wirklich neu zusammentun. Der Linken ist ein positiver Begriff von Öffentlichkeit abhandengekommen, sie hat immer ausgestrahlt: Wir wissen es besser, Öffentlichkeit ist für uns nur ein Kampffeld. Dummerweise haben die Rechten inzwischen auch Gramsci gelesen. Dass Öffentlichkeit auch ein Feld sein kann, um gemeinsam etwas für unsere Zukunft herauszufinden – das muss die Linke wieder neu lernen.

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