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Neue Bücher zu einem alten, aber immer noch aktuellen Thema Die lange Straße der Sklaverei

Historisch betrachtet spielt sicherlich die Ausbeutung durch Kolonialismus und Sklaverei eine wesentliche Rolle. Auf den ersten 60 Seiten ihres Buches Entmenschlicht beschreibt das Schweizer Autorenduo Martin Arnold und Urs Fitze daher zunächst folgerichtig die Geschichte der Sklaverei. Hinreichend bekannt ist der transatlantische Dreieckshandel des 17. Jahrhunderts. Afrikanische Männer und Frauen wurden über den Atlantik verschleppt und zur Sklavenarbeit auf den Mittel- und Südamerikanischen Plantagen gezwungen. Kaffee, Baumwolle und Gummi wurden dann in Europa weiterverarbeitet und mit großem Gewinn verkauft.

Die Schiffe segelten mit billigen Tauschwaren nach Afrika weiter, um sie gegen neue Sklaven einzutauschen. »Mit der rohen Gewalt der Peitsche und dem langen Arm des Geldes verschleppten Europäer 12,5 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner in die Sklaverei«, schreiben Arnold und Fitze. Aufgeklärte Philosophen wie John Locke und Jean-Jacques Rousseau störten sich daran wenig bis gar nicht. Montesquieu, dem Theoretiker der Gewaltenteilung, wird gar der Satz zugeschrieben: »Sklaven müssen sein, sonst wäre der Zucker zu teuer.«

Formell »abgeschafft« wurde die Sklaverei in Europa 1863. Gastgeber der Antisklaverei-Konferenz von 1890 in Brüssel war der belgische König Leopold II., welcher trotzdem im Kongo eine Schreckensherrschaft errichtete, der die Hälfte der Bevölkerung zum Opfer fiel. Erst 1926 unterzeichneten 36 Staaten ein internationales Abkommen gegen die Sklaverei. Wenig später begann das nationalsozialistische Deutschland seinen Vernichtungskrieg im Osten. Ohne Ausplünderung und Zwangsarbeit hätte er kaum so lange andauern können. Auch die sowjetischen Straflager funktionierten wesentlich auf der Grundlage von Zwangsarbeit.

Im Zentrum des Buches Entmenschlicht stehen jedoch Sklaverei und Zwangsarbeit im 21. Jahrhundert: Die moralisch gefeierte Abschaffung der Sklaverei, so die zentrale These, verschleiere nur, dass sie unter anderen Vorzeichen weiterlebe. Nicht nur vor unserer Haustür, sondern auch dahinter. Dazu gehöre das System der häuslichen Pflege durch osteuropäische Pflegekräfte. Sie stehen rund um die Uhr sieben Tage die Woche für Kranke und Gebrechliche zur Verfügung, erhalten aber nur einen geringen Lohn. Natürlich bei »freier Kost und Logis«. Manche mögen sich vielleicht noch einreden, ein gutes Werk zu tun, da die Pflegekräfte in ihrer Heimat vielleicht gar kein Einkommen erzielen könnten. Doch das seien nur dürre Rechtfertigungen für ein der Sklaverei nicht unähnliches Ausbeutungsverhältnis.

Nicht weit vor unserer Haustür liegt die Region Almería in Südspanien, der Obst- und Gemüsegarten Westeuropas: 40.000 Hektar Land unter Folie und Glas. Knapp 100.000 Menschen schuften dort, zu einem offiziellen Mindestlohn von nicht einmal 50 Euro pro Tag. Die überwiegend migrantischen Schwarzarbeiter erhalten, wenn sie Glück haben, 30 Euro. Viele der empresarios, wie die Agrarunternehmer genannt werden, waren einst selbst migrantische Arbeiter. »Wenn es eine Hölle gibt, befindet sich ein Vorhof dazu in Almería«, schreiben die Autoren. Diesen Abschnitt des Buches wünschte man sich allerdings weniger blumig, dafür detaillierter.

Eine Form der modernen Sklaverei ist die Schuldknechtschaft, wie sie in Lateinamerika immer noch verbreitet ist: Aufseher locken Arbeiter mit hohen Lohnversprechen an. Am Ende erhalten sie nur ein Taschengeld, denn ihre Arbeitgeber stellen ihnen horrende Kosten für Transport, Unterkunft, Verpflegung, Kleidung, Essen und sogar für Werkzeuge in Rechnung. Solange diese »Schulden« nicht abgearbeitet sind, dürfen sie den Arbeitsplatz nicht verlassen.

Nach unterschiedlichen Schätzungen schuften weltweit zwischen 20 bis 40 Millionen Menschen als Schuldknechte. Frauen häufig in der Zwangsprostitution. Daran sind meist das organisierte Verbrechen und der Drogenhandel beteiligt. Terrorgruppen pressen Kinder zum Militärdienst. Und oft sind es auch Kinder, die in improvisierten Minen ohne Sicherheitsvorkehrungen nach seltenen Erden schürfen müssen. Ohne seltene Erden keine Mobiltelefone und keine Hochleistungsbatterien.

Entmenschlicht gibt einen Überblick über moderne Formen der Sklaverei, aber leider nur einen groben Überblick auf Kosten von Genauigkeit und Hintergrundanalyse.

Optimismus aus der Vogelperspektive

In seinem Buch: The Journey of Humanity – Die Reise der Menschheit durch die Jahrtausende wundert sich der israelische Autor Oded Galor zunächst einmal darüber, dass sich seit dem Erscheinen der Gattung Homo sapiens bis ins 18. Jahrhundert unserer Zeitrechnung hinein die Lebensbedingungen gar nicht so sehr verändert haben. Wie schon der englische Philosoph Thomas Hobbes formulierte, war das Leben »ekelhaft, tierisch und kurz«. Erst in den vergangenen zwei Jahrhunderten sei die Lebensqualität für viele Menschen in erstaunlicher Weise gestiegen. Dieses »Rätsel des Wachstums« will Galor entschlüsseln. Mit Blick auf die jahrhundertelange Ausbeutung von Kolonien und Sklaven ist dieses Wachstum jedoch gar nicht mehr so rätselhaft.

Die Faktoren Kolonialismus und Sklaverei als Antrieb für die ursprüngliche Kapitalakkumulation in den aufstrebenden Industrieländern erkennt Galor auch an. Er erwähnt sie jedoch eher beiläufig und wie unter »ferner liefen«. Seine zentrale Frage lautet: »Warum entstanden Kulturen und Institutionen, die der technologischen Entwicklung besonders förderlich waren, nur in bestimmten Gesellschaften und in anderen hingegen nicht?« Zwar sei auch die technische Entwicklung in der chinesischen Song-Dynastie und im Abbasiden-Kalifat spektakulär gewesen, aber nicht von Dauer. Im Westen hingegen hält sie bis heute an. Als Gründe hierfür macht Galor institutionelle, klimatische, geografische und kulturelle Faktoren aus.

Lange blieb die Menschheit in der sogenannten malthusianischen Armutsfalle gefangen, so genannt nach dem britischen Ökonomen Malthus, der am Anfang des 18. Jahrhunderts die These aufstellte, jede Ausweitung der Nahrungsbasis werde sogleich durch die Vermehrung der Bevölkerung wieder aufgezehrt. Technische Fortschritte hatten stets ein Bevölkerungswachstum zur Folge. Es war zwar mehr Brot verfügbar, gleichzeitig musste es auf mehr Esser verteilt werden. Deshalb war jeder wirtschaftliche Aufschwung nur von kurzer Dauer. Erst mit der einsetzenden Industrialisierung begann sich ein Bildungswesen zu etablieren. Dampfmaschinen begünstigten, so Galor, Investitionen ins Humankapital. Der Anstieg der Lebenserwartung und der Rückgang der Kindersterblichkeit erhöhten die Dauer der Bildungsrendite. So setzte sich eine Aufwärtsspirale in Gang.

Allerdings, so beeindruckend es sein mag, dass sich die Weltbevölkerung in den letzten 200 Jahren versiebenfacht hat und das Pro-Kopf-Einkommen trotzdem um das 14-fache gewachsen ist: Der drastisch gestiegene Energieverbrauch und Konsum hat auch die Ausplünderung der Ressourcen, die Zerstörung der Biosphäre und den Klimawandel zur Folge. Kann die Reise der Menschheit so weitergehen? Darf man den Ausstieg aus der Armutsfalle mit Blick auf die katastrophalen Nebenwirkungen überhaupt feiern?

Insgesamt zeigt sich Galor optimistisch: Wir müssten uns nur aufraffen und die richtigen Entscheidungen treffen. Er setzt auf die unglaubliche Kraft menschlicher Innovation in Verbindung mit dem Rückgang der Geburtenrate. Dadurch könne die Klimakrise langfristig beherrschbar werden und »in den kommenden Jahrhunderten nur noch eine allmählich verblassende Erinnerung sein«. Allerdings deutet der Autor in einigen dürren Zeilen an, dass bis dahin in einer längeren Übergangsphase ein großer Teil der Menschheit vermutlich heftig leiden müsse. Sein Optimismus ist ein Optimismus aus der Vogelperspektive.

Martin Arnold/Urs Fitze: Entmenschlicht. Sklaverei im 21. Jahrhundert. Rotpunkt, Zürich 2022, 24 €. – Oded Galor: The Journey of Humanity. Die Reise der Menschheit durch die Jahrtausende. Über die Entstehung von Wohlstand und Ungleichheit. dtv, München 2022, 382 S., 26 €.

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