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Zum 80. Geburtstag der Friedenskämpferin und Folksängerin Joan Baez Die Unruhestifterin

Der Ausgang der jüngsten Präsidentschaftswahl in den USA wird ihr eine große Genugtuung gewesen sein – hatte sie doch schon vor dem Herbst 2016, also geraume Zeit vor dem Amtsantritt von Donald Trump, in etlichen Interviews und Stellungnahmen, vor den drohenden Gefahren von dessen verheerender Innen- und Außenpolitik gewarnt. Und bereits 2017 mit dem frechen Song Nasty Man spontan eine beißende Satire auf einen nicht näher genannten Wüterich im Garten des Weißen Hauses verfasst, der gesunde Pflanzen aus den Beeten seines Vorgängers herausreißt, auf dem gepflegten grünen Rasen vor seinem Amtssitz hin und her irrt und auch sonst nur schwer unter Kontrolle zu bringen ist. »Ein kleines Lied aus politischer Notwehr«, als Video verbreitet, über einen Durchgedrehten und notorischen Narzissten, das sicher nicht zu ihren stärksten Eingebungen gehört – seinerzeit aber hochaktuell, notwendig und einfach unverzichtbar für sie war.

Amüsiert, augenzwinkernd und dennoch zutiefst besorgt beschwor sie darin das Bild eines »zukünftigen Diktators« und »Lügners« herauf, der ein »Reich des Bösen« errichte und den Planeten Erde demnächst um Entschuldigung für sein Tun bitten müsse. Sie verspottete ein »Männlein«, das einfach in jeder Hinsicht falsch liege, um dessen Tweets sich niemand schere, und das, so ihre Hoffnung, bald wieder in Vergessenheit geraten werde. Ironisch setzte sie in ihrem unverblümten Songtext Trumps Hang zu Superlativen und albernen Übertreibungen ein mit dem erklärten Ziel, die Zuhörer zum Lachen zu bringen – ein Lachen, das ihnen bis zum Ende des Jahres 2020 mehrmals im Hals steckengeblieben sein dürfte… Jetzt, eine Legislaturperiode später, nach der soeben erfolgten Wahlniederlage des so oft erratisch und willkürlich agierenden Republikaners, lagen, durch eine glückliche Fügung, Joe Bidens Amtseinführung vor dem Washingtoner Capitol am 20. Januar 2021 und ihr eigener 80. Geburtstag, am 9. Januar, nur anderthalb Wochen auseinander.

Zwei schöne Gelegenheiten zum Feiern: ein Zufall mit Symbolwert. Sowie ein Grund zum Aufatmen für eine zuletzt arg gebeutelte Nation, jedenfalls für etwas mehr als die Hälfte ihrer Wählerschaft, und ganz besonders für die engagierte, auch im hohen Alter unverdrossen weitersingende Jubilarin. Ein Grund aber auch zur Erleichterung für diese Ausnahme-Vokalistin, der billige Triumphgefühle fremd sind, die jedoch, wenn es um die Durchsetzung ihrer persönlichen Überzeugungen – getragen von Friedens- und Freiheitsliebe, von Menschenwürde und sozialer Gerechtigkeit – geht, sich nicht unterkriegen lässt, noch nie ein Blatt vor den Mund genommen und stets erstaunliche Energien entfaltet hat.

Die Rede ist von Joan Baez, durch deren Schaffen und Wirken sich die Ideale von Pazifismus, gewaltfreiem Widerstand und zivilem Ungehorsam seit ihren Anfängen gegen Ende der 50er Jahre wie ein roter Faden ziehen. Dass diese große Unbeirrbare mit schottisch-mexikanischen Wurzeln im Laufe ihrer musikalisch-politischen Karriere oft als starrsinnige, uneinsichtige »Pasionaria« bezeichnet, als Blauäugige oder gar Naive belächelt und als Nestbeschmutzerin verunglimpft worden ist, hat der Leidenschaft, mit der sie konsequent für eine gerechtere Welt focht und als Kriegsgegnerin auf den Plan trat, keinen Abbruch getan. Und ihrer früh erworbenen und fortdauernden Popularität erst recht nicht.

Für zahllose Anhänger rund um den Globus stellt diese Ikone des Folk die musikalische Galionsfigur der Bürgerrechtsbewegung und eine authentische Zeitzeugin dar. Baez wird als »barfüßige Madonna« gerühmt und im In- und Ausland verehrt, gilt als Inbegriff moralischer Geradlinigkeit. Seit nunmehr sechs Dekaden streitet sie, so kompromisslos wie unerschrocken, mit ihrer Gitarre und ihrer einzigartigen Stimme gewappnet, auf den Bühnen und Kriegsschauplätzen rund um den Globus unermüdlich für eine lebenswerte, humane Gesellschaftsordnung.

Als Vorkämpferin für die Überwindung der Rassentrennung und als personifiziertes Gewissen der Flower-Power-Ära stand sie im Rampenlicht, als unbestechliche Instanz und als Grande Dame des Protestsongs hat sie internationale Bekanntheit erlangt. Baez schrieb Geschichte, als sie sich beim legendären Marsch auf Washington mit Martin Luther King solidarisierte, Seite an Seite mit James Baldwin an den Kundgebungen in Selma und Montgomery teilnahm, wehrlose schwarze Schulkinder in den Südstaaten vor einem aufgebrachten weißen Mob beschützte, in Woodstock die Jugend Amerikas aufrüttelte, zur Kriegsdienstverweigerung aufrief, in den Luftschutzkellern von Hanoi sang und sich für die Boat People einsetzte.

Botschafterin der Friedfertigkeit

Schon bald stand die hochangesehene Aktivistin Baez, die sich von keiner Ideologie vereinnahmen und von keinem politischen Lager vor den Karren spannen ließ, an der Seite von Dissidenten, wagte sich ins Herz lateinamerikanischer Diktaturen und bewies ihren Mut inmitten des Bürgerkriegsgeschehens im ehemaligen Jugoslawien.

Die Bandbreite ihrer musikalisch-politischen Aktionen war und ist beträchtlich: Sie reicht vom Kampf gegen Todesstrafe, Armut, Folter, Gräueltaten von Militärregimes, Schwulen- und Lesben-Diskriminierung, den Einsatz von Landminen und den Irakkrieg über Plädoyers für Umweltschutz und Abrüstung bis zur offenen Unterstützung für Barack Obama im US-Wahlkampf zu Beginn des neuen Jahrtausends – eine Parteinahme, deren Einseitigkeit sie, trotz offenkundiger gegenseitiger Sympathie, im Nachhinein eher bedauerte.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges, als es ihr als Jugendliche im Sommer 1959 gelang, schon bei ihrem künstlerischen Debüt beim Newport Folk Festival ein Massenpublikum für sich einzunehmen und in ihren Bann zu ziehen, hatten ihre Zeitgenossen mit Baez eine Unabhängige und Ungebundene vor sich. Eine Nomadin auch – denn ihr weltoffener Vater, ein erklärter Gegner der Rüstungsindustrie, hatte ihr, als sie noch ein kleines Mädchen war, wie dem Rest seiner kleinen Baez-Familie aus beruflichen Gründen eine nomadische Existenz aufgezwungen und sie, alle paar Jahre, von den USA nach Paris und Bagdad und wieder zurück verfrachtet. So dass sie eigentlich nirgendwo Wurzeln schlagen konnte und auch in Amerika zwischen Ost- und Westküste pendelte.

Man erlebte bei ihren Auftritten eine charismatische junge Frau mit indianischen Zügen und dem glockenhellen Sopran eines Engels, der uns Erdenbürgern einen Besuch abstattet, um sich mit beeindruckender Ernsthaftigkeit und unverwechselbarer Aura sofort dem Vortrag jahrhundertealter Volksweisen zu widmen – vorzugsweise melancholische, traditionelle Balladen.

Folk war damals die Musik der Stunde; Gitarre spielende junge Menschen, Liedermacher und Intellektuelle beherrschten die Szene; Rebellion, Unangepasstheit, emanzipatorische Tendenzen und antiautoritäre Slogans dominierten den Zeitgeist. Bereits wenige Monate nach ersten Liederabenden in Studentenkneipen avancierte Joan zum Star, ja zur Lichtgestalt dieser noch im Entstehen begriffenen Bewegung und prägte die Folgejahre, die mit der Kennedy-Euphorie, den Rassenunruhen und dem Beginn des Vietnamkriegs zusammenfielen, als Mahnerin und Wortführerin maßgeblich. Dabei sah sie sich weniger als Instrumentalistin oder Sängerin sondern vielmehr als Aufbegehrende, als unbequeme Politikerin – lediglich diese Einschätzung und Schwerpunktsetzung entsprach ihrem Selbstverständnis.

Aufgrund ihrer Erziehung durch ihre freiheitsliebenden, unkonventionellen Quäker-Eltern, aufgrund ihres fremdartigen Namens, ihres aparten, ungewöhnlichen Äußeren und ersten eigenständigen Widerstandsaktionen noch als Teenager schien sie, eine Außenseiterin par excellence, für den Werdegang einer Querulantin und begabten Anführerin geradezu prädestiniert. Doch erst durch die Auseinandersetzung mit der Lehre Mahatma Gandhis und den Austausch mit ihrem fürsorglichen Mentor und spirituellen Begleiter Ira Sandperl, der sie zu ausgiebiger Beschäftigung mit den Grundlagen pazifistischen Gedankenguts ermunterte, wurde sie allmählich zu jener glaubwürdigen Interpretin und »streitbaren Nachtigall« – dieses originelle und auch passende Etikett verdankt sie ihrem Kollegen und Freund Wolf Biermann –, die aus der Musik- und Zeitgeschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts nicht mehr wegzudenken ist.

Folgerichtig wirkte sie beim Aufbau von Amnesty International in den Vereinigten Staaten mit, weigerte sich, den für Rüstungsausgaben verwendeten Prozentsatz ihrer Einkommensteuer zu zahlen, gründete in Kalifornien ein »Institute for the Study of Nonviolence«, schritt quasi überall dort energisch ein, wo man sie wegen unerträglicher sozialer Missstände um Hilfe rief, widerstand den Sirenenrufen der großen Labels, indem sie sich schon am Anfang ihrer Laufbahn für eine kleine, anspruchsvolle Plattenfirma entschied, und versammelte Mitstreiter wie Musikerkollegen mehrfach zu den Konzerten des von ihr mit ins Leben gerufenen Big Sur Folk Festivals – dies alles noch lange vor Vollendung ihres 30. Lebensjahres.

Viele solcher bahnbrechenden Neuerungen und wichtigen Initiativen trugen ihr den Respekt und auch die Bewunderung ihrer Zunftgenossen nebst Abertausender friedensbewegter Menschen auf allen Kontinenten ein, aber für den Friedensnobelpreis kam sie irritierenderweise nie in Frage – daran hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert.

Die Stimme als Waffe

Keine Würdigung des »kleinen schwarzen Schmetterlings« Joan (in den Worten ihrer Freundin Patti Smith) wäre wohl vollständig ohne die Erwähnung der außerordentlich reinen und beinahe »schmerzhaft schönen« Stimme der Baez, die sie selbst als Geschenk der Natur auffasste, zeitlebens dazu bestimmt, sie für höhere Ziele einzusetzen und als eine Art Waffe zu nutzen, anstatt sie für sinnentleerten Belcanto zu vergeuden. Vom Stimmwunder und Publikumsmagneten Baez, von ihrer vokalen Durchschlags- und Faszinationskraft legen Dutzende von Alben und Live-Mitschnitten beredtes Zeugnis ab. Ihrem eindringlichen Ton, ihrem gekonnten Fingerpicking und ihrer beispiellosen Bühnenpräsenz lagen die Zuhörer noch bei ihrer ausgedehnten Abschiedstournee, die sie 2018 und 2019 auch nach Deutschland führte, zu Füßen – wobei ihre musikalischen und darstellerischen Tugenden nie losgelöst oder als Selbstzweck existierten, sondern immer im Einklang mit ihren couragierten politischen Botschaften standen.

Und keine Würdigung wäre komplett ohne das Phänomen Bob Dylan, dessen Präsenz, Persönlichkeit und literarischer Einfluss zahlreiche Spuren in ihrem Werk und ihrer Selbstwahrnehmung hinterließen: jener blutjunge Dylan, den sie zunächst unter ihre Fittiche nahm und an ihrem eigenen Erfolg teilhaben ließ, dem sie den roten Teppich auslegte, um wenig später, als er selbst berühmt wurde, von ihm mit Nichtbeachtung gestraft zu werden. Jener ehrgeizige Dylan, mit dem sie eine Liebesbeziehung einging, von dem sie schnell enttäuscht war, als er nicht mit derselben Intensität wie sie Reformen einklagte, revoltierte oder für einen guten Zweck auf die Straße ging, und von dem sie doch nie wirklich loskam: Bei späteren gemeinsamen Auftritten mit einer Revue quer durch die USA, als schemenhafte Gestalten in einem experimentellen Dylan-Film und als haderndes Paar in ihrem legendären autobiografischen Song Diamonds and Rust sind beide (künstlerisch!) längst wieder vereint.

Baez wie Dylan hatten einander viel zu verdanken, arbeiteten sich aneinander ab, lernten voneinander: ein mutiges Gespann. Von ihm ließ sie sich inspirieren, kreativ zu werden. Sie griff schließlich selbst zur Feder und schrieb eigene Lieder. Und, weit wichtiger, sie erkannte noch vor der Trennung von ihm die Notwendigkeit, ihr Repertoire systematisch zu erweitern: sich nicht mit Traditionals zu begnügen, sondern sich auch an herausragende zeitgenössische Tracks heranzuwagen und Coverversionen bewährter Popsongs vorzulegen. Mittlerweile umfasst der staunenswert umfangreiche Songkatalog von Joan Baez mehrere hundert Titel – auch auf Spanisch, Französisch und Deutsch.

Richtige Hits oder Chartstürmer waren eigentlich nicht darunter, sieht man einmal von größeren kommerziellen Erfolgen wie The Night They Drove Old Dixie Down oder Here’s to You ab – und ihrer bedurfte Baez auch gar nicht. An deren Stelle traten nämlich eine ganze Reihe von Dauerbrennern: »signature songs« mit Ewigkeitswert. Die Hymnen We Shall Overcome, Oh Freedom, Gracias a la vida und Amazing Grace gehören dazu, Dylan-Klassiker wie Farewell Angelina, Forever young und Blowin’ in the Wind, mythische Folknummern wie Donna Donna natürlich sowie Standards unter den Protestsongs wie Phil Ochs’ There but for Fortune oder El Preso Numero Nueve – um nur zwei Handvoll zu nennen. Es ist auch das Verdienst der Baez, dass uns heute so viele aussagekräftige, anklagende, versöhnende und Hoffnung spendende Liedtexte aus dieser bewegten Epoche vertraut sind und wir sie auswendig mitsingen können. Damit bescherte sie uns etwas Bleibendes: »Music that matters«, Musik, die etwas zu sagen hat, Musik, die sich nicht mit dem Status quo zufriedengibt, Musik, die zu grundlegender Veränderung aufruft.

Komponistin und Texterin

Dabei ist fast in Vergessenheit geraten, dass Baez seit den frühen 70ern zu einer Songwriterin von hohen Graden geworden ist, auch wenn sie ihre Meriten als Komponistin und Texterin mit typischem Understatement gern in Abrede stellte. Zu meinen Favoriten unter ihren selbstverfassten Liedern zählen das elegische Sweeter for Me, das sehr persönliche, folkige Sweet Sir Galahad sowie To Bobby, eine bittere Abrechnung mit einstigen Weggefährten und zugleich eine ernüchternde Bilanz ihres politischen Engagements mit all seinen Höhen und Tiefen. Und, nicht zuletzt, ihr zweiteiliger Love Song to A Stranger – ein ehrliches Bekenntnis zu einem Begehren, wie es ihr nur namenlose Liebhaber zu verschaffen vermögen.

Diese Weltbürgerin hat sich nicht für immer aus der Öffentlichkeit zurückgezogen, aber sie lässt es inzwischen deutlich ruhiger angehen. Auch weil es ihrer Stimme, wie sie selbst unumwunden zugibt, mittlerweile an Geschmeidigkeit fehlt, weil sie auf ein erfülltes Bühnenleben zurückblicken kann und sich von den Tournee-Strapazen erholen möchte, hat die »musikalische Politikerin« Joan Baez sich vor Jahresfrist nun gegen weitere Tourneen – und für gelegentliche Einzelauftritte entschieden. Ein letztes, für einen Folk-Grammy nominiertes Album ist 2018 noch herausgekommen, doch die meiste Zeit in ihrem kalifornischen Domizil verbringt sie neuerdings mit der Malerei: samt und sonders Porträts von Persönlichkeiten, die ihren Lebensweg gekreuzt haben und denen sie sich seelen- oder wesensverwandt fühlt.

»Mischief Makers« nennt Joan Baez solche Menschen, denen sie auf ihren Leinwänden ein kleines Denkmal setzt: Unruhestifter wie sie selbst. Kluge Köpfe, couragierte Kämpfer, Aktivisten und Vordenker. Václav Havel hat sie auf diesen Gemälden verewigt und Aung San Suu Kyi, Martin Luther King und Bob Dylan, Harry Belafonte und den Dalai Lama. Dazu einige Kinder aus Südostasien, die ihr ans Herz gewachsen sind. Beunruhigend schöne Gesichter.

Auch sich selbst hat Baez für diesen Zyklus gemalt. Nur US-Präsidenten, ob lebende oder bereits verstorbene, sind bislang nicht unter den von ihr Porträtierten. Aus gutem Grund.

Kommentare (1)

  • Detlef Utech
    Detlef Utech
    am 29.01.2021
    Jens das hast du supergut geschrieben. Diese Frau geht mir nie aus dem Kopf und ganz ganz hoher Respekt vor dem was sie geleistet hat. Sie sollte ein Vorbild für uns alle sein. Jens vielen Dank für deine Worte.
    Liebe Grüße
    Detlef

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