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Wie ein Gefühl der Schwäche demokratisch auch mobilisieren kann Die zwei Seiten der Angst

Der berühmteste Satz zu diesem Thema stammt von Franklin Delano Roosevelt, der 1932 zum 32. Präsidenten der USA gewählt worden war. Im März 1933 hielt er seine Einführungsrede und schwor das amerikanische Volk auf eine Politik ohne Angst ein. Denn Angst, als »namenloser, vernunftloser, ungerechtfertigter Schrecken«, blockiere den »Vormarsch« und beschleunige den »Rückzug«.

»Nichts muss man mehr fürchten als die Furcht selbst.« Henry David Thoreau

Dieser Satz wurde ebenso oft zitiert wie aus dem Kontext gerissen oder in einen falschen Zusammenhang gestellt. Was Roosevelt meinte, war nicht die Angst vor Nazideutschland, wo seit Ende Januar 1933 eine neue Regierung an der Macht war, die aus ihren aggressiven Zielen keinen Hehl machte. Aus Washingtoner Perspektive lagen Europa und Berlin in weiter Ferne. Sehr viel näher lag die eigene miserable wirtschaftliche Lage. Seit 1929 war die Arbeitslosigkeit auf 25 Prozent gestiegen und der Massen-konsum eingebrochen. Es begann ein ökonomischer Teufelskreis mit gravierenden Folgen für das demokratische Gefüge. Roosevelt und seine Berater stellten sich dem entgegen und entwickelten den New Deal: einen neuen Handel zwischen Regierung und Bürgerschaft, in dem die Regierung in eine kraftvolle Vorleistung ging und hohe Investitionen in die nationale Infrastruktur tätigte. Diese Investitionen, so hoffte man, würden die Arbeitslosigkeit senken und eine Steigerung der Nachfrage nach sich ziehen. Aber warum legte der demokratische Präsident Roosevelt in seiner Inaugurationsrede den Fokus auf Angst? Weshalb fand er Angst so kontraproduktiv?

Erstens: Der Satz war bereits prominent, bevor Roosevelt ihn aussprach, und er kursierte nicht zuletzt in Wirtschaftskreisen. Ursprünglich stammte er wohl von dem jungen Schriftsteller Henry David Thoreau, der 1851 in sein Tagebuch schrieb: »Nothing is so much to be feared as fear«. Gemünzt war die Aussage damals auf Religion und Kirche. Die Angst vor dem Tod, meinte Thoreau, sollte kein Argument für Kirchen- oder Gottesgläubigkeit sein. 1931 schlug der liberale Wirtschaftstheoretiker John Maynard Keynes in die gleiche Kerbe, als er sich gegen Pessimismus und Defätismus als die Wirtschaft und den Konsum lähmende Gefühle und Einstellungen wandte. Stattdessen betonte er die konstitutive Kraft positiver Gefühle und warb für Mut, Hoffnung, Vertrauen und Zuversicht. Man müsse sich an die optimistische Hypothese halten, dann werde diese auch Wirklichkeit. Das leuchtete dem amerikanischen Präsidenten ein.

Zweitens: In Roosevelts Satz stecken zwei weitere semantische Hinweise. Zum einen wird Angst als lähmend beschrieben. Das entsprach der psychologischen Lehrmeinung, die Angst und Furcht, oft synonym gedacht, als aus Schwäche resultierende und mit Schwäche einhergehende Affekte klassifizierte. Der Präsident wusste, was Schwäche bedeutete: 1921 war er an Polio erkrankt und konnte seine Beine fortan nicht mehr bewegen. Zum anderen erklärte er die Wirkungen von Angst mit Kriegsmetaphern: Angst verhindere den Vormarsch (advance) und motiviere den Rückzug (retreat). Die militärische Begrifflichkeit diente der Dramatisierung; auch die geballte wirtschaftliche und sozialpolitische Kraftanstrengung, mit der Roosevelt die Weltwirtschaftskrise kontern wollte, galt als existenzieller Kampf, der nicht durch Gefühle der Angst geschwächt werden sollte.

Drittens: Roosevelt rief damit zugleich einen starken Topos amerikanischen Selbstbewusstseins auf: das kulturelle Narrativ einer vorwärtsdrängenden Gesellschaft, die Grenzen verschiebe, »offene« Räume erobere und sich stetig neu erfinde. Ihr Leitmotiv seien Freiheit und Selbstbestimmung, seit der erkämpften Unabhängigkeit und Staatsgründung im 18. Jahrhundert fest in die Verfassung des Landes eingelassen. Mut und Pioniergeist, Selbsttätigkeit und Nachbarschaftshilfe zeichneten diese Gesellschaft aus, Angst aber gehöre nicht zu den Eigenschaften, die Amerika groß gemacht hätten. »We can do it« stand auf einem ikonischen Kriegsplakat von 1943. Aber die Botschaft, die die junge Frau im blauen Arbeitsdress mit ihren kräftigen Armen und der geballten Faust ausstrahlte, war älter. Amerika und die Amerikaner trauten sich etwas zu, sie duckten sich nicht angstvoll weg, sondern boten der Herausforderung die Stirn.

»Angst passte nicht zu einer Demokratie, in der Bürger:innen Verantwortung für ihr persönliches und kollektives Geschick übernahmen.«

Viertens: Angst widersprach nicht nur dem amerikanischen Selbstgefühl. Sie passte auch nicht zu einer Demokratie, in der Bürger:innen Verantwortung für ihr persönliches und kollektives Geschick übernahmen und selbstbewusst darüber entschieden, wie und nach welchen Regeln sie miteinander leben wollten. Diese Entscheidungen sollten idealiter nicht auf Angst beruhen, sondern auf Zuversicht und wechselseitigem Vertrauen.

Angst galt als Herrschaftstechnik vor- und undemokratischer Regime. Schon Machiavelli hatte seinem Fürsten 1513 empfohlen, durch Furcht zu regieren. Im frühen 20. Jahrhundert gab es keine Fürsten mehr, aber es gab Diktaturen, faschistische wie in Italien und Deutschland und kommunistische wie in der Sowjetunion. Auch sie regierten durch Terror und versetzten diejenigen in Angst und Schrecken, die sie als ihre Feinde ansahen. Das konnten, wie bei Stalin, politische Gegner, Funktionseliten oder »sozial schädliche Elemente« sein, die den »großen Säuberungen« der 30er Jahre zum Opfer fielen. Unter Mussolini und Hitler gerieten jene, die den ideologischen und »rassischen« Anforderungen nicht entsprachen, ins Visier der Geheim- und Sicherheitspolizei.

Angst funktionierte hier als Instrument, die Bevölkerung gefügig zu halten und Widerstand im Keim zu ersticken. Darüber hinaus schürten die diktatorischen Regime im Volk die Angst vor äußeren Feinden und deren »fünften Kolonnen«. In Deutschland gehörten dazu, an vorderster Stelle, der »asiatische« Bolschewismus und das »internationale Judentum«. Das nationalsozialistische Regime betätigte sich, sehr erfolgreich, als »Angst-unternehmer«: Es entwarf Bedrohungsszenarien, mobilisierte Ängste und Ohnmachtsgefühle und stellte sich selber als Retter in der Not dar.

Fünftens: Angstunternehmer gibt es auch in Demokratien. Roosevelt gehörte nicht dazu, McCarthy schon. Auch die CDU der frühen Bundes-republik schürte die Angst vor dem Kommunismus östlich der Elbe und versprach, ihn in Schach zu halten. Die Partei Alternative für Deutschland heizt seit 2015 die Ängste vor Migration und »Umvolkung« an und inszeniert sich als politische Kraft, die solche »Gefahren« abwenden will und kann.

»Demokratien zeichen sich dadurch aus, dass sie auf positive, selbststärkende Gefühle setzen.«

Dennoch zeichnen sich Demokratien gemeinhin dadurch aus, dass sie auf positive, selbststärkende Gefühle setzen. Dazu zählt vor allem vertikales und horizontales Vertrauen: das der Bürger:innen in die Regierung, das der Regierung in die Bürger:innen und das Vertrauen der Bürger:innen zueinander. In diesem Vertrauen drückt sich zivilgesellschaftliches Selbst-bewusstsein aus; zugleich wird es durch Institutionen stabilisiert, die nach transparenten und verlässlichen Regeln handeln. Es ist, anders als die in vor- und undemokratischen Verhältnissen hochgehaltene Treue, an Bedingungen geknüpft, wird nur auf Zeit geschenkt und kann wieder entzogen werden.

In diesem Sinn appellierte Roosevelt 1933 an das Vertrauen der amerikanischen Bürger:innen, die ihn mit großer Mehrheit zu ihrem Präsidenten gewählt hatten. Er versprach eine kraftvolle und aufrichtige Regierungsführung und bat um Unterstützung, um die schwere Krise bewältigen zu können. Das wechselseitige Vertrauensverhältnis suchte er medial zu bekräftigen. Berühmt waren Roosevelts abendliche fire side chats aus den Jahren 1933 bis 1944, vom Radio übertragen und von Millionen Menschen verfolgt. Über die Zeit entwickelte sich ein echtes Gespräch: Hörer:innen schrieben ihm, berichteten von ihren Sorgen und Problemen. Der Präsident ging darauf ein, erklärte, vermittelte Zuversicht. Damit investierte er in eine persönliche und politische Vertrauens-beziehung, in der Ängste gleichermaßen ausgesprochen und kleinge-arbeitet werden konnten.

Eine andere Art, Ängsten Gehör zu verschaffen, entwickelte sich in der Bundesrepublik seit den 50er Jahren. Sie begann mit öffentlichen Aktionen gegen die Wiederbewaffnung, in denen sich die Angst vor einem Dritten Weltkrieg artikulierte. Sie setzte sich fort im Protest gegen die Notstands-gesetze der späten 60er, die man als Rückkehr der starken Exekutive auf Kosten von Parlament und Bürgerrechten deutete. Seit den 70ern organisierte sich die Angst vor Atomkraftwerken, Aufrüstung, Umwelt-verschmutzung und Klimawandel in immer neuen sozialen Bewegungen.

Angst als kommunikative Ressource, die Bürgersinn und zivilgesellschaftliches Engagement antreibt.

Angst war hier kein Gefühl der Schwäche. Die Angst der Vielen, lautstark auf die Straße gebracht, verlieh Stärke und machte Eindruck. Ihre hohe Signal- und Mobilisierungswirkung lag nicht zuletzt daran, dass sie sich auf Erscheinungen richtete, die alle Bürger:innen betrafen. Das sogenannte Restrisiko von Atomkraftwerken konnte, wie die Katastrophe in Tscherno-byl 1986 bewies, ganze Landstriche vergiften; unter einem Krieg, der durch Aufrüstung wahrscheinlicher wurde, würden alle leiden; saurer Regen machte nicht vor dem eigenen Gartentor halt, und die globale Erwärmung hinterließ überall Spuren. Die Angst davor war folglich keine partikulare, und wer sich dazu bekannte, hatte nicht bloß die eigenen Belange im Sinn. Im Gegenteil entwickelte sich Angst zu einer kommuni-kativen Ressource, die Bürgersinn und zivilgesellschaftliches Engagement antrieb. Sie passte damit zur Lebensform einer Demokratie, die auf die aktive Partizipation der Bürger:innen angewiesen ist.

Die Angstunternehmer

Es hat gedauert, bis Parteien jenseits der Grünen dies verstanden und lernten, Ängste nicht mehr als irrational und vernunftlos zur Seite zu schieben. Gelernt haben aber auch jene Kräfte, die sich seit einem Jahrzehnt am rechten Rand etablieren. Sie treten als veritable Angst-unternehmer auf, die Ängste schüren und ideologisch zurichten: vor »Umvolkung« und Globalisierung, vor Brüssel, dem Euro und »Genderwahn«. Damit rechtfertigen sie das Ressentiment gegen »die da oben« und den Hass auf vulnerable Gruppen.

Einer derart aggressiven Angstkommunikation geht es nicht um Diskurs- und Anschlussfähigkeit – sie will polarisieren, um jeden Preis. Auch hier lähmt Angst nicht, im Gegenteil: Sie vitalisiert und transportiert Energie. Doch diese steht quer zu demokratischen, auf Respekt, Empathie und Verständigung bedachten Umgangsformen. Sie setzt auf Ausgrenzung, markiert Feindschaften und zielt auf eine totalitäre Gesellschaft, die abweichende Meinungen als Verrat ansieht. Anders als Roosevelt es 1933 formulierte, müssen Demokratien Angst nicht unbedingt fürchten. Als Medium sozialer Mobilisierung mit hoher öffentlicher Signalwirkung ist sie allerdings nur solange demokratietauglich und -kompatibel, wie sie politische Kommunikation öffnet statt schließt. Parteien oder Bewegungen, die diese Öffnung verhindern, gefährden die Demokratie.

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