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Kinderarmut in Deutschland Dieser ganze dreckige Alltag

Wodurch zeichnet sich eine Zivilisation aus? Eine Gesellschaft dazu, die sich sozial nennt? Eine, die in ihren Grundsätzen jedem ihrer Bürger die gleichen Rechte verspricht?

Mit ein wenig Pathos in der Stimme könnte man proklamieren: Eherner Grundsatz einer solchen Gesellschaft müsste sein, dass sie sich derer annimmt, die Hilfe benötigen, dass sie die Starken in die Pflicht nimmt, den Schwachen zu helfen. Dass sie die stützt, die nicht aus eigener Kraft stehen können. Arme Kinder zum Beispiel

Da gäbe es in Deutschland einiges zu tun: Rund zwei Millionen Kinder sind hierzulande von Armut bedroht, das ist jedes Fünfte. Diese Zahl ist bis Mitte der Nullerjahre angestiegen und sinkt seitdem nicht. Besonders häufig arm sind Kinder von Arbeitslosen, Alleinerziehenden und solche mit mindestens zwei Geschwistern. Ihre Familien müssen mit weniger als 60 % des mittleren Einkommens auskommen. Das bedeutet oft: Sie leben in beengten Wohnungen in rauen Stadtvierteln, haben zu wenig Geld, um etwas zu unternehmen, machen in vielen Fällen nie Urlaub. Zwei Millionen Leben, die nur schwer zu unserem hehren Anspruch von Zivilität passen

Dementsprechend heftig fällt auch die Selbstkritik in Medien und Politik aus, wenn wieder einmal eine Studie erscheint, die unserem Land bescheinigt, arme Kinder nur unzureichend zu stützen und zu schützen. »Wie kann das sein?«, heißt es dann in Leitartikeln. »Das ist buchstäblich ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft«, kommentiert der Norddeutsche Rundfunk. »Kinderarmut ist eine Schande«, urteilt der Tagesspiegel. »Wir müssen etwas ändern«, bekräftigen auch Politiker, Jahr um Jahr

»Kinderarmut ist eines der beschämendsten Probleme in unserem Land«, sagte 2007 die damalige Familienministerin Ursula von der Leyen. »Für mich ist die Bekämpfung von Kinderarmut ein sehr wichtiger Punkt«, sagte die aktuelle Familienministerin Manuela Schwesig im Jahr 2014. »Kinderarmut ist ein bedrückendes Problem«, sagte auch Arbeitsministerin Andrea Nahles im Mai 2016

Seit mehr als zehn Jahren berichte ich in Fernsehreportagen sowie Zeitungs- und Buchtexten immer wieder über arme und abgehängte Kinder in Deutschland. Dabei habe ich u. a. Janina getroffen, die zu dem Zeitpunkt elf Monate alt war. Ihre Eltern bekamen ihr Einkommen vom Amt. Wie jeder in ihrer Familie. Als ich sie an einem Oktobertag besuchte, hatten ihre Eltern noch sieben Euro von ihrem Hartz-IV-Geld übrig. Zu wenig, um bis zur November-Überweisung über die Runden zu kommen. So ging es ihnen oft am Ende des Monats: kein Geld für Windeln, kein Geld für Feuchttücher und bei jedem Klingeln an der Tür die große Sorge, das Jugendamt käme vorbei, um das Kind mitzunehmen und damit den einzigen Antrieb, diesen ganzen dreckigen Alltag auszuhalten

Ich habe Sascha getroffen, blass und schlau, zehn Jahre alt. Er hatte gesehen, wie seine Mutter weinte, als die Grundschullehrer ihm eine Empfehlung für die Hauptschule ausstellten. Jetzt saß er da, sprach mit den Freunden über die Zukunft, die für einen Zehnjährigen genau das sein sollte, was sie für seine Klassenkameraden war: ein Ort für Träume und Spinnereien. Einer wollte Hundeverkäufer werden, einer Präsident von Afrika, einer – natürlich – Fußballstar. Und Sascha? Der war ernst, weil er ahnte, welchen Platz ihm die Erwachsenen längst zugewiesen hatten: »Wenn ich hier den Hauptschulabschluss mache«, sagte er, »kann ich ja höchstens Kloputzer werden«

Oder Ercan, Nesthäkchen einer achtköpfigen Familie, der gerne so viel gelernt hätte und sich ärgerte, dass er jeden Morgen in diese Schule gehen musste, in der die Klos ständig verstopft waren und der Schulhof seit Langem wegen Bauarbeiten gesperrt, diese Schule, in der ihm so oft der Kopf wehtat, weil es in der Klasse so laut war, wenn seine Mitschüler fluchten und störten und die Lehrer »Ruhe!« schrien

Ich habe all die Statistiken gelesen. Und weiß, dass Janinas, Saschas und Ercans Lebenschancen schlechter sind als die ihrer Altersgenossinnen und -genossen. Mehr als in vielen anderen Industrieländern entscheidet bei uns die soziale Herkunft über die Zukunft von Kindern. Ich kenne die Auswertungen von Schuleingangsuntersuchungen: Bereits mit sechs Jahren können sich arme Kinder im Schnitt schlechter konzentrieren, sind häufiger übergewichtig als ihre nicht armen Altersgenossen. Sie können schlechter zählen und sprechen. Ich weiß, dass es der Schule viel zu selten gelingt, diesen Startnachteil wettzumachen: Arme Kinder bekommen im Schnitt schlechtere Noten, bleiben häufiger sitzen, wechseln seltener aufs Gymnasium als ihre wohlhabenderen Mitschüler. Das gilt übrigens sogar, wenn die Eltern selbst einen hohen Bildungsstand haben. Ich kenne die Analysen, wonach ein Kind, das arm ist, gefährdeter ist später Drogen zu nehmen, geschlagen zu werden, straffällig zu werden. Der Malus der Armut bleibt oft ein Leben lang, bis zum (früheren) Ende: Die statistische Lebenswartung eines Jungen, der in eine arme Familie geboren wird, liegt elf Jahre niedriger als die eines wohlhabenden

Seit zehn Jahren sehe und höre und lese ich all das und obwohl ich mit solchen Worten zurückhaltend bin, fällt es mir schwer, dieses unwürdige Theater aus Statistiken, Betroffenheitsbekundungen und der unveränderten Lebensrealität der armen Kinder anders als heuchlerisch zu bezeichnen. Würden wir unser Bekenntnis zur Zivilität ernst nehmen, müsste daraus doch zwangsläufig die Konsequenz folgen, Kinderarmut entschlossen und unverzüglich zu bekämpfen

Was zu tun wäre, liegt auf der Hand: herausragende Bildungseinrichtungen für die ganz Kleinen zum Beispiel, vor allem in den Vierteln, in denen die Armut groß ist. Endlich verlässliche Ganztagsgrundschulen, in denen die Kinder nicht am Nachmittag nur betreut werden, sondern in denen alle gemeinsam, auch nach zwölf Uhr noch lernen, Sport treiben, musizieren und ein warmes Mittagessen bekommen. Zudem müsste endlich der unwürdige Zustand beendet werden, dass ein armes Kind dem Staat weniger wert ist als ein armer Erwachsener und der Hartz IV Regelsatz zum Beispiel für einen Zehnjährigen rund 100 Euro im Monat niedriger ist als der für jedes seiner Elternteile

Jeder, der Kinder hat, weiß doch, dass diese häufiger neue Kleidung brauchen als Erwachsene, gesundes Essen, Bücher und Stifte. Jeder, der Kinder hat, weiß, wie viel schwerer es ihnen fällt zu verzichten als den Eltern, die die Lage einschätzen können. Und Verzicht bedeutet nicht, die zum Klischee aufgeblasenen Markenschuhe nicht kaufen zu können, sondern sich all das nicht zu leisten, was die Freunde tun: Schwimmunterricht, Zoobesuche und, wenn es regnet, ein Kinobesuch mit Popcorn. Auch die insgesamt 200 Milliarden Euro, die Deutschland investiert, um Ehen und Familie zu unterstützen, müssten dringend zielgenauer verteilt werden. Es gibt über 150 Familienleistungen. Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung hat 2016 berechnet, wie sich all dieses Geld auf arme und reiche Kinder verteilt. Das Ergebnis war überraschend: 13 % der Fördersumme landen bei den reichsten 10 % der Familien, nur 7 % bei den Ärmsten. In Euro ausgedrückt: Ein armes Kind ist dem Staat monatlich im Schnitt 107 Euro wert, ein reiches 199. Ein absurdes System

Würde der Staat stattdessen jedem Kind, egal wie alt, egal aus welcher Familie, das zahlen, was es zum Leben braucht, wäre das nicht nur ein klares Zeichen dafür, dass alle Kinder gleich viel wert sind, sondern auch eine wirksame Waffe gegen die Armut. Kindergrundsicherung nennen das Wissenschaftler und schlagen vor, dass sie 500 Euro pro Kind und Monat betragen sollte und als Familieneinkommen steuerpflichtig wäre. Das klingt nach naiver Träumerei? Auf 30 Milliarden Euro schätzt ein Team der Heinrich-Böll-Stiftung die Mehrkosten pro Jahr. Allein die Abschaffung des Ehegattensplittings würde etwa 20 Milliarden einbringen

Möglich wär es also. Voraussichtlich werden DIE GRÜNEN als erste Partei mit einer ähnlichen Forderung in den Bundestagswahlkampf ziehen. Allerdings ist das nicht mehr als ein Anfang, denn der politische Wille, eine solche Kindergrundsicherung tatsächlich umzusetzen, ist begrenzt. Dabei hat das Thema Ungleichheit momentan Konjunktur. 82 % der Deutschen sagten in einer repräsentativen Studie, dass die soziale Ungleichheit in diesem Land zu groß sei. Marcel Fratzscher, der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, hat dem Thema im Frühjahr 2016 ein Buch mit dem Titel Verteilungskampf gewidmet. Darin stellt er als einer der führenden Ökonomen des Landes noch einmal klar: »Deutschland ist heute eines der ungleichsten Länder in der industrialisierten Welt«. Insbesondere – da landen wir wieder bei den armen Kindern – die Aufstiegschancen seien in unserer boomenden, auf den ersten Blick kerngesunden Volkswirtschaft extrem ungleich verteilt

Nun aber kommen wir zu dem Punkt, der mich über die Natur des Menschen rätseln lässt. Denn viele reagieren auf diesen, von ihnen selbst konstatierten Missstand nicht mit Empörung und Protest, nein, sie beginnen den armen Kindern und ihren Familien die alleinige Verantwortung für ihre Lage zuzuschieben. Oder, wie es der Soziologe Oliver Nachtwey in seinem Band Die Abstiegsgesellschaft formuliert. »Die Mitte kündigt die Solidarität mit den Schwächeren auf; indem sie sich abgrenzt, vergewissert sie sich ihrer selbst.«

Wie das klingt, lese ich regelmäßig in Kommentaren, die ich zu Analysen und Reportagen über die Lage armer Kinder erhalte. Darin heißt es dann: »Warum produzieren arme Erwachsene so viele Kinder?« »Ich kann dieses Gejammer um mehr Geld nicht mehr hören. Was helfen würde? Ordnung, Pünktlichkeit, Strebsamkeit.« Oder: »500 Euro sollte jedes Kind pro Monat erhalten? Da werden sich in vielen Familien Papi und Mami freuen und das Geld in einen neuen Großbildschirm investieren.« Oder: »Schuld ist nicht die Gesellschaft, sondern ganz alleine die Eltern, die Ihren Arsch nicht hochkriegen.« Und schließlich: »Das größte Risiko, arm zu werden, ist die Trennung der Eltern. Daher ist die Armut der Kinder Folge der Lebensentscheidung der Eltern. Dafür möchte ich nicht aufkommen müssen.«

Natürlich gibt es auch andere Zuschriften. Menschen, die betroffen sind, die helfen und die auch oft im Kleinen Großes erreichen

Aber ganz ehrlich: Unterm Strich scheinen die meisten ganz gut damit klarzukommen, dass zwei Millionen Kinder bedroht von Armut groß werden. Am Ende scheinen sie der Mehrheit der Bürger egal zu sein

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