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Digitalpakt Schule – der falsche Ansatz

Warum werden wissenschaftliche Fakten und Erfahrungen aus anderen Ländern, die angeblich so weit voraus sind (und jetzt dabei sind, alles wieder zurückzudrehen), bei dem Hype um den Digitalpakt Schule weitestgehend ausgeblendet? Vor allem wohl aus zwei Gründen: Die Schulen sind zum einen durch chronische Unterfinanzierung so heruntergewirtschaftet, dass nach jedem Strohhalm gegriffen wird, um eine bessere Ausstattung zu erhalten. Wer kann es sich da noch erlauben, eine differenzierte Haltung zu bewahren, wenn es endlich Aussicht auf ein bisschen Geld gibt?

Zum zweiten sitzen im Beratungsgremium der Bundesregierung in Sachen »Digitalisierung in der Bildung« nicht etwa Hirnforscher/innen, Pädagog/innen oder Erziehungswissenschaftler/innen. Nein, da sitzen SAP, Bitkom und die Telekom. Welche Interessen haben die wohl, wenn nicht die Steigerung der Umsätze in ihrem Segment?

Der Bund stellt fünf Milliarden Euro bereit, um die Schulen finanziell bei der Digitalisierung zu unterstützen. Der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil hat daraus jeder Schule einen Sockelbetrag von 30.000 Euro zugesagt. Damit wird einem gesellschaftlichen Trend nachgehechelt, »den Anschluss nicht zu verpassen« und die Schüler/innen »fit zu machen« für die digitale Welt von morgen. Wer das nicht im selben Atemzug befürwortet, wird schnell in die Schublade angeblicher Modernisierungsverweigerer gesteckt. Bevor diese Schublade geschlossen wird, sollte man sich neben vielen weiteren zumindest diese Fragen einmal stellen: Ist das wirklich so viel Geld, was die Schulen jetzt erhalten? Für die Bertelsmann Stiftung wurde ausgerechnet, was die Ausstattung der Schulen mit Digitaltechnik tatsächlich kosten würde. Wenn sich fünf Schüler/innen ein Gerät teilten, würde das je nach Ausstattungsvariante jährlich zwischen gut 70.000 und knapp 137.000 Euro pro Schule kosten. Soll jede/r Schüler/in über ein Gerät verfügen, sind die Kosten dementsprechend höher. Und das umfasst allein die Hardware. Zudem übernehmen die Schulen mit dem Digitalpakt etliche weitere Verpflichtungen: für Betrieb und Wartung sowie für Fortbildungsprogramme. Durch den Digitalpakt sind die Schulbudgets jetzt also für Jahre im Voraus für Digitaltechnik verplant – und stehen damit für bewährte, nicht-technikbasierte pädagogische Konzepte nicht mehr zur Verfügung. Die Frage drängt sich auf, ob die Schulen so überhaupt handlungsfähig bleiben.

Ist der Nutzen vom Einsatz digitaler Lehrmedien im Unterricht wissenschaftlich belegt? Nein, im Gegenteil! Selbst der OECD-Bericht »Students, Computers and Learning: Making the Connection« von 2015 zeigt: Die verstärkte Nutzung digitaler Medien führt nicht zu besseren Schüler/innenleistungen. Investitionen in die digitale Ausstattung der Schulen konnten keine nennenswerten Verbesserungen der Leistungen in den Bereichen Lesekompetenz, Mathematik oder Naturwissenschaften erzielen. Es kommt stattdessen auf die Lehrkräfte an. Die Förderung von Grundkenntnissen in Rechnen und Schreiben trage deutlich mehr zur Angleichung von Bildungschancen bei, so das Ergebnis. Besonders an den Grundschulen sollte übrigens verstärkt auf das Schreibenlernen per Hand gesetzt werden. Kinder sind auf das »Begreifen« von Dingen angewiesen – in beiderlei Hinsicht, die dieser Begriff impliziert: etwas angreifen, aber auch etwas verstehen. Die haptische Ebene ist entscheidend für das Verstehen: Was wir mit den Händen machen, bildet sich direkt im Gehirn ab.

Ist Hard- und Software immer als Werkzeug zu verstehen? Ja. Man kann damit arbeiten, muss man aber nicht. Die Fähigkeit, von digitalen Medien sinnvoll Gebrauch machen zu können, erwerben Kinder nicht im Internet oder beim Wischen über Tablets. Denken wird im direkten Austausch mit leibhaftig anwesenden Menschen erlernt. Denken heißt, Zusammenhänge herstellen, das Gegebene kritisch hinterfragen, Urteilsvermögen entwickeln. Und dazu braucht es Lehrkräfte sowie pädagogische und therapeutische Fachkräfte, die genügend Zeit haben, ihre Schüler/innen zur Interaktion anzuleiten. Denn der eigentliche pädagogische Prozess erfolgt über die beteiligten Personen auf beiden Seiten: Entscheidend ist die Beziehungsarbeit zwischen Lehrkraft und Schüler/in.

Sind uns andere Länder wirklich so weit voraus? Allein ein Blick ins US-amerikanische Silicon Valley zeigt: Dort gibt es gerade einen Boom an Privatschulen. Hauptsächlich für die reichen Eltern, die Wert darauf legen, dass ihre Kinder von Lehrer/innen aus Fleisch und Blut unterrichtet werden. Die staatlichen Schulen dort hingegen sind voll digitalisiert. So lernen die ärmeren Schichten. Die soziale Interaktion wird also zum Luxusgut. Übrigens: Vorreiter der Digitalisierung wie Steve Jobs und Bill Gates haben ihren eigenen Kindern bis zum Alter von 14 Jahren den Umgang mit Tablets und Smartphones sogar verboten, weil es aus ihrer Sicht Geräte der reinen Unterhaltungselektronik seien.

Was bedeutet personalisiertes oder individualisiertes Lernen? George Orwells Big Brother lässt grüßen: kleinteilige Protokollierung aller Handlungen und permanente psychometrische Lernstandsmessungen. Die Erstellung von Lern- und Persönlichkeitsprofilen, aus denen eben nicht nur die nächsten Aufgaben berechnet werden. Schüler/innen drohen dadurch zu »automatisch bearbeiteten Werkstücken« zu werden, denen per Software wiederum automatisiert abprüfbare »Kompetenzen« antrainiert werden.

Worauf kommt es tatsächlich an? Entscheidende Fragen sind zunächst zu klären: Was genau sollen die Schüler/innen überhaupt am Rechner lernen? Müssen sie dafür online sein? Und wenn ja, welche Daten gehen dabei ins Netz? Wozu und an wen? Darüber hinaus müssen folgende Grundsätze gelten: Im Fokus steht die soziale Interaktion. Es werden keine privaten Endgeräte verwendet, sondern diese werden von der Schule gestellt. Es werden keine Schülerdaten gespeichert und keine Lernprofile angelegt. Lehrkräfte behalten ihre Methodenfreiheit und entscheiden selbst über Medieneinsatz und -technik nach Beantwortung dieser Fragen: Welche Klasse habe ich? Welche Altersstufe? Welches Fach? Wie ist die Gruppe zusammengesetzt?

Essenziell ist, dass es genügend gut ausgebildete Lehrkräfte sowie therapeutische und pädagogische Fachkräfte gibt, die ausreichend Zeit für Fort- und Weiterbildung sowie für die Interaktion mit ihren Schüler/innen haben. Wie das aber angesichts des Fachkräftemangels konkret umgesetzt werden könnte, dafür bräuchte es dringend einen Pakt!

Kommentare (1)

  • Werner Creutziger
    Werner Creutziger
    vor 2 Wochen
    Ein sehr guter Beitrag. Die Verfasserin sagt, was längst hätte laut gesagt (und gedruckt) werden sollen. Ich stimme ihr in jeder Hinsicht zu.

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