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Warum manche Urteile in sozialen Medien als Statussymbole und Waffen dienen Diskussionen als Moralspektakel

Matondo Castlo, afrodeutscher Moderator des öffentlich-rechtlichen Kinderkanals KiKA, wurde 2022 geschasst, nachdem er im Westjordanland an einer Demonstration gegen die Erweiterung einer Siedlung in der Westbank teilgenommen hatte. Bild titelte »KiKA-Moderator demonstriert mit Israel-Hassern« und stellte ihn als gewaltbereiten Antisemiten dar. Aufgrund der Berichterstattung forderten Politiker der CDU, FDP und Grünen Konsequenzen. Obwohl Castlo erklärte, dass seine Teilnahme nicht politisch motiviert war und er sie als Fehler bezeichnete, hat der KiKA seinen Arbeitsvertrag nicht erneuert. Dabei sind die Verantwortlichen sicherlich nicht von einer schweren Schuld Castlos ausgegangen. Solche Fälle nehmen zu; man findet sie in allen politischen Lagern.

Um zu erklären, was in den vergangenen Jahrzehnten passiert ist, muss man sich vergegenwärtigen, dass Menschen seit Urzeiten bewusst oder unbewusst einem universellen Verhaltensmuster in Gruppen folgen: Sie spielen ein Statusspiel, in dem sie Prestige, also einen hohen Status durch Besitz, Wissen und Fähigkeiten, Beziehungen, Attraktivität, und eben auch durch Moral erhalten können.

In den moralischen Auseinandersetzungen gerade der digitalen Medien geht es immer öfter nicht um die Sache, sondern um Selbstdarstellung.

Die digitalen Medien haben allerdings eine neue Umwelt erschaffen, die uns inzwischen zwingt, ständig Reputationsmanagement zu betreiben, also klare moralische Signale zu senden. So entsteht immer öfter ein Moralspektakel. Das liegt vor, wenn es in der moralischen Auseinandersetzung nicht um die Sache, sondern vorrangig um Selbstdarstellung geht – also wenn moralische Begriffe und Urteile nicht eingesetzt werden, um echte Missstände zu beseitigen, sondern für zwei andere soziale Funktionen: als Symbole für Status und Gruppenzugehörigkeit oder als Waffen, um Macht auszuüben oder sich gegen Angriffe von anderen zu verteidigen. Mindestens drei Faktoren der digitalen Kommunikation spielen für diesen fundamentalen Wandel eine entscheidende Rolle:

Erstens: Moralische Vereindeutigung. In der Urhorde vor über 100.000 Jahren kannten sich alle gegenseitig, daher musste man seinen moralischen Charakter nicht dauernd unter Beweis stellen, und moralische Statussignale ließen sich schwer fälschen. Das ist noch heute im Freundeskreis so. Wer sich hilfsbereit gibt, doch nie beim Umzug aushilft, macht sich lächerlich. In der digitalen Welt hingegen ist man halbanonym unterwegs: Auf Webseiten und sozialen Medien präsentieren wir uns der Öffentlichkeit über einen digitalen Stellvertreter – über das kuratierte Bild unserer Person, gerade weil uns die meisten Menschen nicht persönlich kennen. Für Familie und Bekannte haben wir eine »mentale Personenkartei« im Kopf, in der ihr vielschichtiges Charakterbild gespeichert ist. Um jedoch fremde Menschen einzuschätzen, sind wir auf Stellvertretersignale angewiesen. Eine Regenbogenfahne oder eine Deutschlandfahne im Social-Media-Profil einer Person betrachten wir daher als Abkürzung zu ihrem moralischen Profil.

»Wer eine Mittelposition vertritt riskiert, dass er falsch verstanden oder sogar von einem der extremen Lager vereinnahmt wird.«

Im digitalen Raum muss man daher intensives Reputationsmanagement betreiben, denn alle Äußerungen können auf den Charakter hindeuten und falsch verstanden werden. Das macht moralische Vereindeutigung notwendig durch unmissverständliche Signale, zum Beispiel zur Einwanderung. Wer eine Mittelposition vertritt wie »Einwanderung ja, aber begrenzen«, riskiert, dass er falsch verstanden oder sogar aus einem der extremen Lager vereinnahmt wird (links: offene Grenzen, rechts: geschlossene Grenzen).

Zweitens: Kontextarme Kommunikation. Der zweite Grund liegt in der sprachlichen Kommunikation. Weil jeder Satz für sich genommen unterbestimmt ist, müssen wir die Aussagen von anderen interpretieren. War der Satz »Ich bring Dich um!« ernst gemeint, ein liebevoller Scherz oder ein Zitat aus einem Film? Im Gespräch helfen Tonfall, Mimik und, Gestik des Sprechers, unser Vorwissen und unsere soziale Intelligenz, um zu verstehen, was gemeint war.

In der schriftlichen Kommunikation fallen fast all diese Möglichkeiten weg. Geschriebene Sätze sind deutlich unterbestimmter als gesprochene. In den digitalen Medien ist die Situation noch verschärft, denn hier sind wir oft mit Kontextzusammenbruch konfrontiert. Sätze werden unbeabsichtigt oder vorsätzlich aus dem Kontext der Äußerungssituation herausgerissen, sodass man gar nichts über den Sender, seine Absichten oder sein Zielpublikum weiß.

Versuche legen nahe, dass es von der moralischen Identität der Interpreten abhängt, wie sie kontextarme Sätze verstehen. Je nach moralischer Ausrichtung dichten sie bei Online-Postings stillschweigend die Absichten hinzu. Daher klingen Äußerungen wie: »Free Palestine«, oder: »Es gibt nur zwei biologische Geschlechter« für die einen harmlos, für andere wie ein Aufruf zur Gewalt.

Drittens: Strenge Charakterurteile. Auf sozialen Medien ist die kommunikative Lage noch aus einem weiteren Grund verschärft, weil wir dort ständig Gespräche zwischen uns unbekannten Menschen beobachten. Im Steinzeitdorf hatten moralische Urteile über Dritte, verpackt als Klatsch und Tratsch, dieselbe Funktion, die sie auch heute im Freundes- und Familienkreis haben: Man verhandelt darüber, ob jemand Normen verletzt hat und wie man sich selbst moralisch verortet. Im Idealfall gibt man den Beschuldigten die Chance, sich zu rechtfertigen.

Im digitalen Dorf überspringt man diese Möglichkeiten. Mit dem Smartphone hat außerdem jeder eine soziale Überwachungs-technologie in der Hand, mit der er die vielen Verfehlungen fremder Menschen überprüfen kann. Während wir in der analogen Welt kleinere Fehltritte oft gar nicht bemerken, verleiten die dauerhaften Spuren in den digitalen Medien einige Leute dazu, zu digitalen Archäologen zu werden. Und das führt immer öfter zu Charakter-Attentaten, sozialem Ausschluss oder sogar einem Stigma für die Ewigkeit.

Die Funktionen von Empörung

»Die Digitalunternehmen sind schuld« – an Hass im Netz, der Spaltung der Gesellschaft und an Fake News und Verschwörungs-theorien. So liest man immer wieder, zuletzt von Jürgen Habermas. Doch das ist allenfalls die halbe Wahrheit. Richtig ist, dass die Plattformen emotional-moralischen Nachrichten mehr Sichtbarkeit verschaffen. Wer jedoch nur auf die Algorithmen blickt, übersieht die zweite Hälfte der Wahrheit, die Funktionsweise der menschlichen Natur: Selbst unter idealen Bedingungen verlocken die digitalen Medien zu Selbstdarstellung in allen Prestigebereichen, auch in der Moral.

»Empörung zeigt, welche Werte man vertritt, und schützt den Selbstdarsteller vor Kritik.«

Da es allerdings ebenso ermüdend wie durchschaubar wirkt, wenn man sich selbst in immer neuen Varianten als edel und gut bezeichnet, kommt die Empörung ins Spiel. Als moralischer Zorn stellt sie sich ganz automatisch ein, wenn wir beispielsweise hören, dass unser Kind gehänselt wird oder das iranische Regime Demonstranten ermordet. Doch Empörung kann man zur Selbstdarstellung verwenden. Wer nach einem Bericht über 300 rechtsextreme Polizisten twittert: »Die ganze Polizei ist von Rechtsradikalen unterwandert«, trifft damit zwei Aussagen: Über die Polizei und über sich selbst, nämlich: »Ich bin gegen Menschenfeinde.« Dieses Manöver ist deshalb so raffiniert, weil es den Empörten gegen Kritik immunisiert. Dass Rechtsradikale in den Sicherheitsbehörden nichts zu suchen haben, steht außer Frage. Bezichtigt man den Twitterer jetzt der Selbstdarstellung, sagt er: »Es geht nicht um mich, es geht um Anti-Rassismus.« Wirft man ihm Übertreibung vor, so kontert er: »Bist du etwa nicht gegen Rechtsradikale?« Empörung zeigt, welche Werte man vertritt, und schützt den Selbstdarsteller gleichzeitig vor Kritik.

Aus der Logik der Empörung entsteht so im Extremfall moralische Effekthascherei, die pure Selbstdarstellung, die im Englischen moral grandstanding heißt. So nennen die Philosophen Justin Tosi und Brandom Warmke moralische Selbstdarstellung, gepaart mit dem Wunsch, Aufmerksamkeit zu erregen. Drei Taktiken sind typisch. Die erste ist die bloße Wiederholung eines Vorwurfs. Das sagt nichts Neues, aber man kann damit seine moralische Zugehörigkeit signalisieren. Wenn sich allerdings alle empören, kann man sich nicht mehr damit hervortun, den Vorwurf einfach zu wiederholen. So kommt es zur zweiten Taktik, dem gegenseitigen Überbieten. Der Erste etwa schreibt empört: »Was der Bürgermeister vor zehn Jahren getwittert hat, ist unerhört«. Der Zweite: »Er sollte zurücktreten«. Der Dritte: »Der gehört ins Gefängnis!«

»Nutzer wollen von anderen als moralische Kämpfer erkannt werden.«

Experimente zu medialen Feuerstürmen (»Shitstorms«) zeigen: Je später sich Nutzer einschalten, desto eher schreiben sie mit »exzessivem Eifer«, wie die Soziologin Katja Rost und Kollegen sagen. Und wer mit Klarnamen postet, regt sich mehr auf als anonyme Nutzer. Mit anderen Worten: Die Nutzer wollen von anderen als moralische Kämpfer erkannt werden. So ist es wenig überraschend, dass die Hauptemotion auf Twitter/X Empörung ist, wie eine große Untersuchung belegt.

Die dritte Taktik besteht in der Hypersensibilisierung für vermeintliche Fehltritte, dem »Prinzessin-auf-der-Erbse-Effekt«. Wer sich als besonders sensibel geriert, sucht mit der Lupe irgendeinen Schaden, um als »schöne Seele«, wie Hegel sagt, als besonders empfindsames und fürsorgliches Geschöpfe wahrgenommen zu werden. Eher unter Progressiven, also Linksliberalen verbreitet, lässt es sich aber inzwischen in allen politischen Lagern beobachten.

Was tun?

Wer im Einsatz für mehr Gerechtigkeit ein Moralspektakel vermeiden will, muss also zuallererst die digitale Dynamik des moralischen Statusspiels verstehen, um sein kommunikatives Handeln daran auszurichten. Das heißt unter anderem, moralische Bescheidenheit zu praktizieren, nicht auf die Manöver von Polarisierungsunternehmern hereinzufallen und sich eine Shitstorm-Resilienz anzutrainieren – denn jeder, der in der Öffentlichkeit steht, wird früher oder später angegriffen, meist unter einem fadenscheinigen Vorwand.

Eine Rückkehr zu evidenzbasierter Politik heißt, sich auf die großen Ziele (wie Gerechtigkeit) zu einigen, um dann mit guten Argumenten über die Mittel (wie Umverteilung, Quote, Gendern) zu streiten, statt die Mittel als Loyalitätssignal der eigenen Gruppe anzusehen. Und es heißt auch, Ideen von moralischer Reinheit, Kontaktschuld und Sonderrechten für Identitätsgruppen scharf zu kritisieren, weil sie dem Ideal der Aufklärung entgegenstehen: dem selbstbestimmten Individuum mit seinen Menschenrechten.

(Alle Quellen im Text finden sich im Buch Moralspektakel.)

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