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Luftwurzeln in einem Kiefernwald, der im 19. Jahrhundert gepflanzt wurde. © picture alliance / imageBROKER | Alf Jönsson

Jürgen Kocka über das lange 19. Jahrhundert Durchbruch der Moderne

Die Nationalgeschichtsschreibung erlebt derzeit eine Renaissance. In den letzten Jahren sind zahlreiche neue Bücher erschienen, deren Autorinnen und Autoren sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit der Geschichte der deutschen Nation und des Nationalstaats befassen. Die Titel reichen von Deutschland. Globalgeschichte einer Nation (Andreas Fahrmeir) über Demokratie. Eine deutsche Affäre (Hedwig Richter) bis hin zu Wie wir wurden, was wir sind (Heinrich August Winkler). Eckard Conze befasst sich mit der Geschichte des Deutschen Kaiserreichs und dessen Nachwehen, Jens Jäger untersucht das »vernetzte Kaiserreich« als Ausgangspunkt für »Modernisierung und Globalisierung in Deutschland«; und Dieter Langewiesche präsentierte kürzlich unter dem Titel Vom vielstaatlichen Reich zum föderativen Bundesstaat eine »andere deutsche Geschichte«.

Der Umstand, dass sich im vergangenen Jahr die Gründung des Deutschen Kaiserreichs zum 150. Mal jährte, hat die Konjunktur der neuen Nationalgeschichtsschreibung sicherlich befördert. Nach transnationaler und europäischer Geschichte, Globalgeschichte und Empire rückt, so scheint es, die Nation zurück in den Fokus.

Wandel des Geschichtsbildes

Der Berliner Historiker Jürgen Kocka hat nun einen lesenswerten Überblick zur deutschen Geschichte im »langen 19. Jahrhundert« vorgelegt. Das Buch ist eine Aktualisierung seiner 2001 in der Reihe »Gebhardt. Handbuch der deutschen Geschichte« erschienenen Darstellung desselben Themas, wobei die Forschungsdiskussion der zurückliegenden zwei Jahrzehnte umfassend berücksichtigt wird. Denn, so Kocka, »die vorherrschenden Vorstellungen vom 19. Jahrhundert haben sich in den letzten Jahrzehnten und Jahren gründlich verändert«.

Mit dem Wandel dieses Geschichtsbildes befasst er sich ausführlich, was aufschlussreich ist. Lange Zeit wurde das 19. Jahrhundert in der Rückschau als Pfad hin zur Gründung des deutschen Nationalstaats rekonstruiert. Die Zeitgenossen hielten noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die, wie die Berliner Illustrierte Zeitung es nannte, »Einigung und Wiedererrichtung des deutschen Reiches« für das größte historische Ereignis des 19. Jahrhunderts; sowie Bismarck für die überragende historische Persönlichkeit seiner Epoche.

Zugleich waren sich die Zeitgenossen sehr wohl der gewaltigen Entwicklungsdynamiken bewusst, technologisch und industriell, aber auch in den Wissenschaften und Künsten. Die Kommunikationsrevolution hatte dazu geführt, dass sich ein interessiertes Publikum tagtäglich in der Zeitung über die Vorgänge in der Welt informieren konnte, auch international, etwa indem man auch in Berlin problemlos die Londoner Times am Kiosk bekommen konnte.

Die Folge war eine wachsende Verflechtung der europäischen Gesellschaften, wie man sie vorher nicht gekannt hatte. Diese Entwicklung wurde in den letzten Jahren im Rahmen einer stark transnational orientierten Geschichtswissenschaft umfassend beleuchtet; auch hierauf geht Kocka ein.

Der Erste Weltkrieg veränderte den Blick auf das 19. Jahrhundert grundlegend. Mit ihm, so die verbreitete Einschätzung, sei das »bürgerliche Zeitalter« endgültig untergegangen. Die Bezeichnung des 19. Jahrhunderts als einer »bürgerlichen Epoche« entstammt jedoch der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg; sie war eine rückblickende Zuschreibung vor dem Hintergrund der Kriegsschrecken, kein Selbstbild der Zeitgenossen. Mit der Erfahrung des Krieges traten zunehmend auch die dunklen Seiten des 19. Jahrhunderts in den Vordergrund, wie nationale Hybris und gewalttätige Abgrenzung gegenüber den Feinden im Inneren und Äußeren.

Dieses Negativbild wurde nach 1945 noch verstärkt. Der Nationalstaatsgedanke und eine auf die Nation ausgerichtete Geschichtsschreibung waren in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg diskreditiert. Stattdessen trat der europäische Fokus in den Vordergrund, in dem nunmehr auch die deutsche Nationalgeschichte des 19. Jahrhunderts verortet wurde. Zuletzt kam dazu noch eine globalhistorische Perspektive, in der die umfassende Vernetzung sowie sich gegenseitig beeinflussende Entwicklungsdynamiken im Vordergrund standen. Anders als gut 100 Jahre zuvor war von einem triumphalistischen Fortschrittsglauben nicht mehr viel übrig, wenn vom 19. Jahrhundert die Rede war.

Die aktuellen Diskussionen über die Bewertung des 19. Jahrhunderts vor allem des Deutschen Kaiserreichs beschreibt Kocka als »distanzierter, ambivalenter, gelassener«. Die größere zeitliche Distanz erlaubt ein differenzierteres Urteil, die »Mehrschichtigkeit« der Epoche tritt in den Vordergrund.

Diese »Mehrschichtigkeit« skizziert der Autor entlang vier wegweisender Entwicklungsdynamiken: die Durchsetzung des Kapitalismus im Zuge der Industrialisierung; das Bevölkerungswachstum und die daran geknüpfte Zunahme sozialer Mobilität; die Herausbildung einer bürgerlichen Kultur und Klassengesellschaft; sowie der Prozess der Nationsbildung, der eng mit dem Krieg verbunden war.

Auf all diesen Feldern vermag Kocka aufzuzeigen, wie vielgestaltig und verwoben sich die Entwicklungen seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert gestalteten. Die Industrialisierung beförderte sukzessive einen ökonomischen und technologischen Wachstums- und Strukturwandel, durch den sich das 19. Jahrhundert in Deutschland – wie in vielen anderen westlichen Ländern auch – grundlegend von der vorangegangenen Epoche unterschied.

Parallel dazu wuchs die deutsche Bevölkerung zwischen 1780 und 1914 um das Dreifache, während sich das Sozialprodukt im gleichen Zeitraum sogar verzehnfachte. Doch blendet Kocka die Schattenseiten dieser Entwicklung nicht aus; neben ausbeuterischen Arbeitsbedingungen für die Arbeiter verweist er auch auf die Umweltbelastungen, die mit der rasanten Industrialisierung einhergingen – ein Aspekt, der erst in jüngster Zeit von der Geschichtsforschung verstärkt in den Fokus genommen wurde.

Darüber hinaus lieferte das 19. Jahrhundert den Durchbruch beim Ringen um Freiheit und Rechtsstaatlichkeit – in Deutschland, aber auch weltweit. In vielen Weltregionen gelang es in dieser Zeit, die Sklaverei zu beenden. Erstmals bot sich einer Vielzahl von Menschen die Möglichkeit einer individuelleren, selbstbestimmteren Lebensgestaltung – durch die Überwindung des Feudalismus, soziale Absicherung, aber auch durch verbesserte Bildung und den Ausbau der Infrastruktur.

Und so verwunderlich das heute klingen mag: Das politische Vehikel dafür war der Nationalstaat. Er stand für ein Gleichheits- und Partizipationsversprechen, das sich an alle Angehörige der Nation richtete. Dieser Integrationsprozess war jedoch nur möglich durch harte Abgrenzung nach innen – gegen die vermeintlichen Feinde der Nation – und vor allem nach außen; Kocka erinnert daran, dass die überragende Mehrheit der Nationalstaaten aus Kriegen hervorgegangen sind.

Das gilt auch für Deutschland, wobei – auch das ist ein wichtiges Strukturelement des 19. Jahrhunderts – die innereuropäischen Kriege in der Regel als eingehegte Kabinettskriege geführt wurden, bei denen die Zivilbevölkerungen meist verschont blieben. Allerdings war dies nur eine Seite der Medaille. In den Kolonialkriegen legten die europäischen Mächte, Deutschland eingeschlossen, sehr viel weniger Zurückhaltung an den Tag. Im Bewusstsein zivilisatorischer Überlegenheit schreckte man auch nicht vor brutalen Massakern an den Zivilbevölkerungen zurück, ein Thema, mit dem sich die Geschichtsforschung derzeit wieder intensiv befasst, insbesondere unter der Fragestellung, inwieweit die kolonialen Grausamkeiten in einer Linie mit den späteren Verbrechen der Nazis und dem Holocaust zu sehen sind.

Kocka gelingt es, auf lediglich 150 Seiten (die übrigen rund 90 Seiten sind Anhang) die Janusköpfigkeit des 19. Jahrhunderts eindrucksvoll herauszuarbeiten. Das prägende Kennzeichen der Epoche ist für ihn der Prozess der umfassenden Modernisierung, der praktisch keinen Bereich von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft aussparte. Mit diesem »Durchbruch der Moderne«, der sich Schritt für Schritt etwa zwischen 1780 und 1914 abspielte, wurden wichtige Grundlagen geschaffen, die uns bis in die Gegenwart begleiten. Dass diese Phase des Aufbruchs und der Erneuerung mit einem brutalen Weltkrieg endete, macht die Epoche nicht zuletzt zu einem »Lehrstück historischer Bildung«.

Jürgen Kocka: Kampf um die Moderne. Das lange 19. Jahrhundert in Deutschland. Klett-Cotta, Stuttgart 2021, 240 S., 30 €.

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