Das maßgeblich vom Bund sowie vom Land Hessen und der Stadt Frankfurt finanzierte Bauvorhaben ist ein Ausrufezeichen, das zugleich auch Fragen hervorruft. Welchen Formate werden angeboten und an welches Publikum möchte sich die Jüdische Akademie richten? Wie wird das Verhältnis zu vergleichbaren Bildungseinrichtungen gestaltet? Kann diese Institution einen Beitrag zur Zivilisierung des öffentlichen Diskurses leisten? Und warum entsteht die Akademie in Frankfurt – und nicht etwa in Berlin?
Für eine jüdische und nicht-jüdische Öffentlichkeit
Das von Zvonko Turkali Architekten geplante Gebäudeensemble wird eine Institution beherbergen, die schon seit Längerem im Entstehen begriffen ist. Mit ihren Konferenzen, Seminaren und Studientagen hat die 2012 gegründete, von Sabena Donath und Doron Kiesel geleitete Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden programmatische Vorarbeit geleistet. Deren für eine interessierte jüdische und nichtjüdische Öffentlichkeit zugänglichen Formate verhandeln diverse Themen mit historischen und gegenwärtigen Bezügen zur jüdischen Gemeinschaft. Der jährlich stattfindende »Jewish Women* Empowerment Summit« fokussiert zudem jüdisch-feministische Perspektiven.
Sabena Donath und Doron Kiesel werden die Jüdische Akademie leiten – flankiert von Programmleitungen für »Israel und der Nahe Osten«, »Jüdische Gegenwart«, »Jüdische Geschichte, Kultur und Tradition«, »Politik und Gesellschaft« sowie »Professionalisierung jüdischer Gemeinden und Institutionen«. Im Eröffnungsjahr sollen diese fünf Säulen, so Sabena Donath, eine »thematische Repräsentanz« bekommen, um dann »in ein fulminantes Konferenz- und Seminarprogramm« zu münden. Die formelle Eröffnung der Jüdischen Akademie ist für den Herbst geplant.
Potenzial für ein anziehungskräftiges Zentrum für Bildungsinitiativen und Diskurse.
Eine wesentliche Rolle werden laut Doron Kiesel Kooperationen »mit anderen Institutionen des Zentralrats und auch mit regionalen und überregionalen Institutionen« spielen. Die Akademie kann dabei auf die etablierte Zusammenarbeit mit mehreren Bildungseinrichtungen aufbauen. Bei dem 2021 begonnenen, auf fünf Jahre ausgelegten Forschungsprojekt »Zerbrechliche Nachbarschaft. Gedenkbuch der Synagogen und jüdischen Gemeinden in Hessen« kooperiert sie mit dem Buber-Rosenzweig-Institut für jüdische Geistes- und Kulturgeschichte der Moderne und der Gegenwart. Für Christian Wiese, Leiter des an der Frankfurter Goethe-Universität angesiedelten Buber-Rosenzweig-Instituts, besitzt die Jüdische Akademie das Potenzial, »ein anziehungskräftiges Zentrum für differenzierte, forschungsnahe Bildungsinitiativen und Diskurse zu werden«. Die Akademie sei zudem Kooperationspartner des 2026 eröffneten Forschungsverbunds »Dynamiken des Religiösen. Ambivalente Nachbarschaften zwischen Judentum, Christentum und Islam in historischen und gegenwärtigen Konstellationen«, dem neben der Goethe-Uni auch die Universitäten in Gießen, Mainz und Marburg angehören.
Partizipation an öffentlichen Diskursen
Seit 2024 regelt ein Vertrag die »dauerhafte und regelmäßige wissenschaftliche Zusammenarbeit« zwischen dem Zentralrat der Juden und der Goethe-Universität. Eine Kooperation besteht auch mit der vom Zentralrat getragenen Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. »Wir haben enge Verbindungen zu akademischen Einrichtungen«, sagt Doron Kiesel. Gleichwohl betonen Donath und Kiesel den eigenständigen Auftrag ihrer Institution: »In den Kooperationen wird unser Profil deutlich erkennbar sein.« Die Jüdische Akademie habe, so Kiesel, nicht vorrangig vor, ihren Gästen zu Bildungsabschlüssen zu verhelfen, »sondern wir ermutigen und befähigen sie, an einem öffentlichen Diskurs zu partizipieren, der ihnen ansonsten nur selten zugänglich ist.«
Die Akademie arbeite anhand zeitgemäßer wissenschaftlicher Standards, wie Sabena Donath unterstreicht. Zugleich stehe sie für eine eigene Form der Bildung, »wo insbesondere relevante gesellschaftliche oder gesellschaftspolitische Themen aus jüdischer Perspektive verhandelt werden«. »Und wir erleben auch in der nichtjüdischen Welt ein großes Interesse daran«, sagt Donath. So könnten in der Jüdischen Akademie Betroffenenperspektiven auf Antisemitismus auf Augenhöhe verhandelt werden.
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