»Mann der Arbeit, aufgewacht! Du hast lange nix geschafft!« Für flache Witzchen war das Bundeslied des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins schon immer eine dankbare Vorlage. Doch was aus der CDU seit Monaten ertönt, klingt wie eine parodistische Verkehrung von Georg Herweghs Arbeiterhymne nach dem Motto: »Alle Räder stehen still, weil kein Arm sich rühren will.« So nämlich lautet der Befund des neuen Bundeskanzlers: Die Deutschen seien nicht mehr produktiv genug, im EU-Arbeitszeitvergleich nur von Dänen und Niederländern unterboten. Kein gutes Licht, das auf den »Mann der Arbeit« fällt. Verbunden mit dem Rat, er solle sich gefälligst wieder mehr anstrengen.
Friedrich Merz formuliert es bekanntlich so: »Mit Vier-Tage-Woche und Work-Life-Balance werden wir den Wohlstand dieses Landes nicht erhalten können.« Ein parodistisches Glanzlicht zu dieser Prognose setzte Carsten Linnemann. Rentner zum Beispiel würden zu wenig arbeiten, sagte der CDU-Generalsekretär in einer Talkshow. Noch immer ringt man beim Gedanken an diesen Auftritt ein wenig um Fassung.
»Scheinbar überholte Debatten aus den Arbeitskämpfen der alten Bundesrepublik leben wieder auf.«
Das Ergebnis solcher Alarmrufe: Scheinbar überholte Debatten aus den Arbeitskämpfen der alten Bundesrepublik leben wieder auf. Nach Jahrzehnten von Produktivitätszuwächsen bei gleichzeitiger Arbeitszeitverkürzung winken auf einmal Steuererleichterungen für reaktivierte Ruheständler und zusätzlich geleistete Überstunden. Sind die Zeiten also vorbei, in denen liberale Lockerer das Sagen hatten? Als man den Arbeitsstress mit sanften Psychedelika therapieren wollte, mit Viertagewoche und bedingungslosem Grundeinkommen? Heute erschallt markig die Aufforderung des Kanzlers, an der Arbeit doch bitte gefälligst wieder Freude zu haben.
Hier droht eine Auseinandersetzung, die auf Dauer zur erhofften Hebung der Arbeitsmoral wenig beitragen dürfte. Der lautstarke Appell, die Produktivität kollektiv zu steigern, könnte das Bedürfnis nach der Work-Life-Balance sogar noch verstärken. Schließlich gründet deren Konjunktur gerade in der Frage, was ich selbst von dem entfachten Arbeitsfuror eigentlich habe. Warum sollte er für mein Leben maßgeblich sein? Zwei Vorstellungen von gesellschaftlicher Mitwirkung treffen hier aufeinander, die jede für sich einseitig ist. Konservative Arbeits- und Maßhalteappelle nämlich waren in der Geschichte der Bundesrepublik immer schon auf eine Schwächung individueller Interessen ausgerichtet. Realitätsfern ist allerdings auch die entgegengesetzte Forderung, Arbeit gänzlich auf individuelle Bedürfnisse zuzuschneiden. Erfolgreiche Mitwirkung nämlich verlangt eine Berücksichtigung individueller ebenso wie gesellschaftlicher Interessen. Vor allem dafür sollte der Staat die Voraussetzungen schaffen.
»Ist die Erwartung an den braven Bürger, dass er sich klaglos ins Räderwerk der gemeinschaftlichen Interessen fügt?«
Der Alarmismus in der gegenwärtigen Debatte um Arbeit und Produktivität ist nicht unbegründet. Die Verrentung von über zehn Millionen Babyboomern während der kommenden zehn Jahre könnte die Sozialkassen überfordern und Deutschland auf Dauer volkswirtschaftlich strangulieren. Nicht von ungefähr sind es auch die Älteren, denen die Appelle zu neuer Anstrengung gelten. Die Frage jedoch lautet, wer sich von solchen Appellen aus welchen Gründen angesprochen fühlen sollte. Was ist die Erwartung an den braven Bürger? Dass er sich klaglos ins Räderwerk der gemeinschaftlichen Interessen fügt? Und wenn ja, als Rädchen wovon? Wen gilt es zu retten? Den Staat, die Nation? Die Wirtschaft, die Dax-Konzerne und Großunternehmen, deren Interessen alles andere untergeordnet werden muss?
Beschwörung einer »formierten Gesellschaft«
Immer wieder adressieren Spitzenpolitiker der Union derzeit ein nebulöses »Wir«. Wie das sein könne, dass »wir« heute nicht mehr Arbeitsstunden leisteten als vor 30 Jahren, fragte Friedrich Merz im vergangenen Herbst. Schließlich habe sich die Zahl der Beschäftigten seither um sieben Millionen erhöht. Kanzleramtsminister Thorsten Frei assistierte im Mai, »wir alle« müssten aufpassen, dass wir »vor lauter Work-Life-Balance« nicht die Arbeit aus dem Blick verlören. Den Eindruck des Fahnenappells versuchen die Produktivitätsbeschwörer der CDU zwar tunlichst zu vermeiden. Thorsten Frei ließ wissen, er sei weit davon entfernt, anderen zu erklären, wie sie ihr Leben führen sollten. Dennoch bleibt die Frage offen, welche Art der Mitwirkung hier verlangt wird. Worum geht es, wenn »wir alle« so dringend »aufpassen« müssen?
Der Verdacht steht im Raum, dass vor allem Folgsamkeit intendiert sein könnte. Zu schaffen, ohne aufzumucken. Dunkel erinnert man sich des aktuellen CDU-Wahlprogramms, in dem der ärgerliche Begriff der »Leitkultur« wieder auftauchte. Ähnlich wie darin eine kollektive Werteordnung als Ideal beschworen wurde, klingen auch die Forderungen nach Mehrarbeit wie der Appell zum gehorsamen Werkeln im Gesamtkollektiv. Man fühlt sich an Helmut Kohls »geistig-moralische Wende« erinnert, sogar an die »formierte Gesellschaft« Ludwig Erhards aus den 60er Jahren. Damals ging es um den Appell, die Pluralität der Einzelinteressen aufzulösen, sie dem »Gemeinwohl« einer wachsenden Wirtschaft unterzuordnen: Nicht länger aus der Reihe zu tanzen, nicht für Partikulares aufzubegehren, sondern gemeinsam das Bruttoinlandsprodukt zu steigern.
Die Beschwörung einer »formierten Gesellschaft« wirkte schon damals illiberal, ja autoritär. Umso mehr gilt das heute, in einer digitalisierten Wirtschaft mit hochgradig individualisierten Berufsbiografien und flexibilisierten Arbeitszeitmodellen. Wir leben in einer Gesellschaft, die für das Kommando zu kollektiver Kraftanstrengung kaum einen Resonanzraum bietet. Im Gegenteil, derlei Ansagen dürften den Kampf um partikulare Interessen eher befeuern, genau wegen jener Wünsche, über die Friedrich Merz & Co. so leichtfertig hinwegreden. Ist es verwerflich, sich für die eigene Mitwirkung so etwas wie subjektive Erfüllung zu wünschen? Darf man von der Hingabe an eine Sache nicht erwarten, dass sie das eigene Leben bereichert? Kaum jemand wird das bestreiten. Auch Friedrich Merz hat in solchen Zusammenhängen bereits von »Selbstverwirklichung« gesprochen. Nur scheint er zu glauben, dass sich letztere vor allem in dem Wunsch nach noch mehr Arbeit manifestiert.
»Die Arbeitswelt wird immer seltener als bereichernd erlebt.«
Genau darin jedoch besteht die Crux der gegenwärtigen Arbeitswelt: Sie wird immer seltener als bereichernd erlebt. Laut der Berufestudie des Versicherers HDI von 2023 nimmt die Zahl derjenigen kontinuierlich ab, denen ihre Arbeit viel bedeutet. 56 Prozent der Arbeitnehmer würden ihren Job sofort kündigen, wenn sie finanziell darauf nicht mehr angewiesen wären. Über 80 Prozent träumen von der Viertagewoche. Wie sollen diese Menschen auf Appelle zur Mehrarbeit reagieren, zumal wenn sie sich längst ausgelastet oder überlastet fühlen, nur über ein geringes Einkommen verfügen und wenig Aussicht auf eine auskömmliche Rente haben?
Vom Sinn der Arbeit
Der Wunsch nach einer Work-Life-Balance ist schon heute die Reaktion auf eine Arbeitswelt, an der mitzuwirken als eher unbefriedigend empfunden wird. Wenn ich schon keinen Sinn in dem sehe, was ich tue, so der Gedanke, möchte ich wenigstens nebenher ein sinnvolles Leben führen. Dieser Vorsatz mag fragwürdig sein. Das ändert allerdings wenig daran, dass der Appell zur kollektiven Anstrengung eher die Aversionen triggert, die jenem Vorsatz zugrunde liegen. Dabei ist die Kritik an solcher Selbstdistanzierung von der Arbeitswelt durchaus nicht unberechtigt. Zwar stimmt der bekannte Satz, dass wir nicht leben, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um möglichst gut zu leben. Doch die französische Philosophin Julia de Funès folgert im Interview mit der Süddeutschen Zeitung daraus, dass Arbeit überhaupt nur »sinnvoll« sein könne, wenn sie »im Dienst unserer Existenz steht«.
Diese Forderung geht deutlich zu weit. Jede Arbeit hat ihren Sinn zunächst in sich selbst, in den Zwecken, die erfüllt werden, den Aufgaben, die erledigt werden müssen. Es gibt keine Arbeit, die sich vollständig dem Dienst an der eigenen Existenz unterwerfen ließe. Selbst eine schöpferische, hochgradig an das individuelle Können angepasste Tätigkeit verlangt Hingabe an die Sache selbst, verlangt es, die Sache zur eigenen Sache zu machen, auch mit den Zumutungen, die das üblicherweise mit sich bringt. Insofern ist der Hinweis zutreffend, dass Arbeit ein grundsätzliches Bekenntnis zur Mitwirkung erfordert. Keine noch so fein austarierte Work-Life-Balance ändert etwas daran, der eigenen Tätigkeit einen inhärenten, also in der Arbeit selbst begründeten, Sinn abgewinnen zu müssen. Nur ist es eben leider zu wenig, die entsprechende Bereitschaft zur Hingabe als Bringschuld politisch einzufordern.
»Eine produktive Gesellschaft erfordert auch, dass die eigene Mitwirkung eine Aussicht auf subjektive Erfüllung bietet.«
Ja, eine produktive Gesellschaft erfordert die Bereitschaft jedes Einzelnen zur Mitwirkung und Verantwortung für die eigene Tätigkeit. In dieser Hinsicht haben die Appelle aus der Union ihre Berechtigung. Die Forderungen nach Work-Life-Balance, Viertagewoche oder einem bedingungslosen Grundeinkommen jedoch sind weit mehr als Indikatoren für Arbeitsunwillen oder sogar Faulheit. Eine produktive Gesellschaft erfordert nämlich auch, dass die eigene Mitwirkung eine Aussicht auf subjektive Erfüllung bietet. Ohne Möglichkeiten zur »Selbstverwirklichung« stellt sich die Frage, weshalb ich mich auf die Arbeitswelt überhaupt einlassen sollte. Deshalb dürfte die nachlassende Bereitschaft zur Hingabe vor allem symptomatisch dafür sein, dass viele ihre Möglichkeiten zur Mitwirkung für unbefriedigend halten.
Beispiele dafür sind oft genug genannt worden. Mangelnde Betreuungsmöglichkeiten für Kinder hindern Millionen Frauen an einer Beschäftigung in Vollzeit. Ähnliches gilt für die Besteuerung von Ehepaaren und die Bevorzugung der Einverdienerfamilie. Das dysfunktionale Rentensystem schließlich unterminiert die Aussicht der Jüngeren auf eine gute Altersversorgung.
Dies ist genau der richtige Ort für ordoliberale Bekenntnisse, für Reformen mit dem Ziel, gesellschaftliche Möglichkeiten zur Mitwirkung zu verbessern. Schließlich ist der Kapitalismus immer stark, wenn er dem Einzelnen Chancen eröffnet, neue Wege zur Mitwirkung und Betätigung bahnt. Es gäbe also eigentlich viel zu tun, jenseits der moralisierenden Arbeitsappelle. »Bundeskanzler, aufgewacht! Denn jetzt bist Du an der Macht!«


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