Ein Geschäftsmann aus Genua, Antonio de Noli, reiste Mitte des 15. Jahrhunderts an die westafrikanische Küste, um Pferde gegen Sklaven einzutauschen. Dabei stieß er auf eine unbewohnte Inselgruppe, die Kapverden. DieAneignung dieses Landes machte keine großen Schwierigkeiten. Eine Gruppe von Kaufleuten fand: ein idealer Ort für den Anbau von Zuckerrohr und Baumwolle. Die dafür notwendigen Arbeitskräfte kauften sie vom afrikanischen Festland. Bald kamen die Kaufleute auf die Idee, dass sie solche Arbeitskräfte auch an entfernte Orte liefern konnten. Einhundert Jahre später verkauften Händler auf den Kapverden 75.000 versklavte Afrikaner auf die karibischen Zuckerplantagen und auf die amerikanischen Baumwollfelder. Indem sie die Kapverden in ein »gigantisches Gefangenenlager« verwandelten, brachten sie eine neue Dynamik in die Warenströme der atlantischen Welt – der Auftakt zu einem Riesengeschäft, das von Jahrhundert zu Jahrhundert lukrativer wurde: 1770 arbeiteten in den USA, Brasilien und Kuba eine Million versklavte Menschen; 1860 fast sechs Millionen.
Der Kapitalismus – aus Gewalt geboren
Sklaven schufteten die wenigen Jahre, die sie am Leben blieben, auf Zuckerrohrfeldern und Kaffeeplantagen. Sie sammelten Kautschuk von den Gummibäumen und kratzten kostbaren Guano-Dünger von den Felsen. Ernteten Baumwolle und Indigo. Schürften Gold und Silber. Allein aus den Silberminen von Potosí förderten sie im 16. Jahrhundert 17.000 Tonnen, im 18. Jahrhundert 51.000 Tonnen, was heute einem Gegenwert von 40 Milliarden US-Dollar entspricht. Der silbergedeckte spanische Peso verdrängte den zuvor dominierenden arabischen Dinar und erleichterte den Handelsverkehr weltweit.
»Kriegskapitalismus« – so nennt der deutsche Historiker Sven Beckert, der an der US-amerikanischen Universität Harvard lehrt, diese Variante des Frühkapitalismus. Wenngleich auch der spätere Kapitalismus nur selten friedlich war. Auf beeindruckenden 1.200 Seiten breitet Beckert seine Geschichte aus. Flüssig geschrieben, packend erzählt, wie aus einem Guss von vier Übersetzern aus dem Englischen ins Deutsche übertragen. Dennoch: keine erbauliche Lektüre. Aber dringend zu empfehlen. Die schiere Fülle des Materials kann einen erschlagen. Die Ströme von Blut, die Grausamkeiten und Gemeinheiten können Leserinnen und Leser verstören, überwältigen, ja ekeln. Wer noch weiterhin behaupten möchte, dass der Kapitalismus die Welt zivilisiert und befriedet habe, wird hier eines Schlechteren belehrt. Der Kapitalismus, wie ihn Beckert aus einer historischen und globalen Perspektive überzeugend darstellt, brachte zwar gigantische Produktivitätssteigerungen hervor. Doch die waren nur möglich durch Raubbau, Diebstahl, Zwang und Gewalt. Durch Totschlag und Mord.
Üblicherweise wird der Beginn des Kapitalismus auf das 18. Jahrhundert datiert und in England verortet. Beckert spannt einen viel weiteren Bogen: in eindrücklichen Schilderungen nimmt er uns mit auf die orientalischen Handelswege der islamischen Welt, nach Basra, Oman, Hormus und Siraf. In der blühenden Großstadt Aden lebte Mitte des 12. Jahrhunderts ein sagenhaft reicher Kaufmann namens Rāmisht, der drei Schiffe besaß. Pferde, Elfenbein, Gold und Silber exportierte er nach Indien und China und importierte Porzellan, fein gewebte Stoffe und Pfeffer.
»Die gigantischen Produktivitätssteigerungen des Kapitalismus waren nur möglich durch Raubbau, Diebstahl, Zwang und Gewalt.«
Dieser Fernhandel war natürlich noch kein Kapitalismus. Beckert nennt diese Orte »Inseln des Kapitalismus«. Dort entwickelte sich allerdings ein zentrales Merkmal, das später konstitutiv werden sollte: Nämlich dass Kaufleute ihr Vermögen einsetzten, nur um es zu vergrößern, und zwar nicht nur durch Kaufen und Verkaufen, sondern durch Investitionen in Landwirtschaft und in die Produktion von Textilien, Glas und Schiffen. Auf diesen metaphorischen und teilweise realen »Inseln des Kapitalismus« entfaltete sich über die Jahrhunderte eine Wirtschafts- und Lebensweise, die wir seit etwa 200 Jahren »Kapitalismus« nennen. Beckert begreift ihn als einen anhaltenden Prozess, der auch heute nicht abgeschlossen ist, sondern täglich weiterhin stattfindet: Eine Weltrevolution.
Dass dann die eher rückständigen Europäer im frühkapitalistischen Wettlauf schließlich die islamische Welt ein- und überholten, erklärt Sven Beckert mit einer Reihe von Faktoren, die hier aus Platzgründen nicht ausgeführt werden können. Dazu gehörte die allmähliche Auflösung des Feudalismus, die den Adel direkt in die Arme einer erstarkenden Kaufmannschaft trieb. Dabei darf man sich die europäische Konkurrenz um Kolonien, Rohstoffe, Handelsgüter und Zwangsarbeiter nicht als friedlichen Wettbewerb vorstellen: Europäische Nationen befanden sich im ständigen Krieg untereinander. Der Staat spielte stets eine entscheidende Rolle. Konkurrierende Handelsschiffe wurden durch die Kriegsmarine vertrieben oder versenkt. Die Portugiesen plünderten mehrfach Mombasa. »In einer Orgie der Gewalt«, bei der die muslimische Bevölkerung massakriert wurde, riss sich Afonso de Albuquerque Goa unter den Nagel.
Die niederländischen Kaufleute erhoben sich Mitte des 16. Jahrhundert gegen die spanische Herrschaft. Der Krieg dauerte zwanzig Jahre. Die Kaufleute übernahmen die politische Macht. Karl Marx nannte die Niederlande eine »kapitalistische Musternation«. Die niederländische Ostindien Kompanie VOC hielt um das Jahr 1700 zwischen 10.000 bis 15.000 Soldaten unter Waffen und hatte über 200 Schiffe unter ihrem Kommando. Für Beckert eine Vorläuferin heutiger Gewalthändler wie Blackwater in den USA und Wagner in Russland.
Der Fernhandel als »Insel des Kapitalismus«, Beginn einer Weltrevolution.
Die VOC versuchte stets – wie die anderen Akteure auch - Monopole zu gewinnen. Als die lokalen Muskatnusshändler auf den Bandainseln sich weigerten, den Handel mit Einkäufern aus anderen Ländern einzustellen, nahm die VOC sie gefangen, köpfte und vierteilte sie. Von der Bevölkerung überlebten keine zehn Prozent das Massaker. Die Überlebenden wurden deportiert, versklavt und verkauft. Der Völkermord zerstörte die Gesellschaft von Banda, resümiert Sven Beckert. Souverän wechselt der Autor, der bereits vor zehn Jahren mit King Cotton eine erste Globalgeschichte des Kapitalismus vorgelegt hat, zwischen Vogel- und Froschperspektive: Zwischen die großen Erzähllinien knüpft er immer wieder individuelle Episoden und Geschichten. Als auf Barbados die freigelassenen Sklaven der Drax-Hall-Plantage ihre Jahresabrechnungen erhielten, waren fast alle in den roten Zahlen. Da sie nun durch Schulden an die Familie Drax gebunden waren, blieb ihnen keine andere Wahl, als weiterhin auf Drax Hall zu arbeiten.
Wenige Jahre später erhielt die Familie Drax von der britischen Regierung für ihre durch das Gesetz befreiten Sklaven eine Entschädigung von 4.293 Pfund, was heute etwa 3 Millionen entspricht. Insgesamt nahm die britische Regierung zur Entschädigung der Sklavenbesitzer (nicht der Sklaven!) auf dem Kapitalmarkt einen Kredit über 20 Millionen Pfund Sterling auf. Das entsprach etwa 40 Prozent des Staatsbudgets und wären heute über 2 Milliarden. Beckert schreibt: »Das Darlehen war so hoch, dass die letzte Rate im Jahr 2015 getätigt wurde, was zu dem bemerkenswerten Umstand führte, dass heutige britische Steuerzahler dafür aufkamen, Sklavenhaltern den Verlust ihres unrechtmäßigen Besitzes an Menschen zu erstatten. (…) Die Plantage gehört immer noch der Familie Drax. Richard Drax, 1958 geboren und Großgrundbesitzer in Südengland, vertrat die Grafschaften Dorset und Gloucestershire als Abgeordneter für die Konservativen im britischen Parlament, wie schon sechs seiner Vorfahren.«
Die vergessene Geschichte Afrikas
Die Sklaverei ist die große Klammer, die Beckerts Kapitalismusstudie mit dem Buch Black History des schwedisch-gambischen Journalisten Amat Levin verbindet. Teilweise verwenden beide Autoren sogar das gleiche Bildmaterial, wie zum Beispiel das Foto des Kautschuksammlers Nsala aus Kongo. Nsala schaut fassungslos auf die abgeschlagenen Gliedmaßen seiner Tochter. »Zur Strafe« waren seine Frau und Tochter ermordet worden, weil er die Kautschukquote nicht erfüllt hatte. Amat Levin verspricht, »die vergessene Geschichte Afrikas - von den Schwarzen Pharaonen bis heute« zu erzählen. Ein Anspruch, der kaum einzulösen ist. Sein Buch besteht aus vier Teilen und reicht von der Frühgeschichte Afrikas, über die Invasion der Portugiesen und den atlantischen Sklavenhandel zu ersten schwierigen Jahrzehnten des Postkolonialismus bis in die Gegenwart. Eher mosaikartig behandelt Levin in kurzen Kapiteln und Porträts einzelne Epochen und Episoden des riesigen Kontinents.
Afrikanische Völker und Reiche besaßen keine gemeinsame »afrikanische« oder »schwarze«Identität.
Erhellend sind seine Erläuterungen, dass die afrikanischen Völker und Reiche keine gemeinsame »afrikanische« oder »schwarze«Identität besaßen. Sie rivalisierten untereinander und bekriegten sich, genau wie in Europa auch. Insofern überrascht es nicht sonderlich, dass schon lange vor dem atlantischen Sklavenhandel das Phänomen Sklaverei existierte. Afrikaner, die Menschen versklavten, verkauften nicht »ihre eigenen Leute« oder »afrikanischen Brüder«, sondern Fremde oder Feinde. Muslimische Sklavenhändler verkauften »Ungläubige«. Im heutigen Äthiopien, schreibt Levin, wurde die Sklaverei erst 1942 verboten. In Saudi-Arabien und Jemen 1962, in Oman 1970. Mauretanien schaffte die Sklaverei 1981 ab. Dort gilt sie aber erst seit 2007 als Verbrechen. Solche Zahlen zeigen, dass wir bei Sklaverei auch über jüngste Vergangenheit beziehungsweise Gegenwart sprechen.
Leider ist das Buch von Levin entweder schlecht geschrieben oder schlecht übersetzt und schlampig lektoriert. Einen Grob-Satz wie den folgenden möchte man nicht lesen müssen, insbesondere nicht nach dem Kapitalismus-Buch von Beckert: »Die Plantagen trugen dazu bei, dass Brasilien während des gesamten atlantischen Menschenhandels zum mit Abstand größten Sklavenimporteur wurde«. Nein: in beiden Fällen waren die Plantagenbesitzer die verantwortlichen Akteure. Als Leser fragt man sich verwundert, warum ein Verlag wie C. H. Beck einem wichtigen, 500 Seiten umfassendes Hardcover-Buch kein anständiges Lektorat spendiert. Lesen sollte man es trotzdem. Auch, weil es zu verstehen hilft, warum nach Jahren der Unabhängigkeit die Wunden von Sklaverei und Kolonialismus bis heute nicht heilen konnten.
Haiti zum Beispiel stimmte 1825 zu, 150 Millionen Francs Entschädigung für die Abschaffung der Sklaverei zu zahlen. Eine astronomische Summe. Nur zum Vergleich: Die USA zahlten etwas zur selben Zeit 15 Millionen für ganz Louisiana. 1914 nahmen amerikanische Marinesoldaten Haitis Goldreserven in Besitz und brachten sie in die National City Bank in New York. Die einstige »Perle der Antillen« gilt heute als das ärmste Land der westlichen Hemisphäre.
Sven Beckert: Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution, Rowohlt, Hamburg 2025, 1.280 S., 42 €.
Amat Levin: Black History. Die vergessene Geschichte Afrikas. Von den Schwarzen Pharaonen bis heute, C. H. Beck, München 2025, 528 S., 32 €.


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