Ist das die Diagnose, der wir uns auch hierzulande stellen müssen? Ist unser demokratisches Rückgrat gefährlich angeknackst? Unsere republikanische Robustheit nicht mehr so standfest wie wir gerne beschwören? Aber wo und wann gab es das dramatische Ereignis, das uns auf die Krankenstation brachte? Das ist die falsche Frage. Wenn der Demokratie ihre Widerstandsfähigkeit abhanden zu kommen droht, ist der Prozess schleichend – wenn auch nicht weniger gefährlich. Um es medizinisch zu sagen: Es geht nicht um eine gewaltsame Wirbelfraktur, sondern um Osteoporose – um Knochen, die porös werden.
Denn freiheitliche Gesellschaften verlieren den aufrechten Gang meist nicht durch einmaliges Umfallen, sondern durch fortgesetzte kleine Stolperer. Typisches Symptom: Gleichgültigkeit. Ein Nachgeben hier, ein Wegsehen dort. Eine Formulierung, die man früher zurückgewiesen hätte, wird heute stehen gelassen. Wir schweigen, wo Widerspruch angebracht wäre. Tolerieren, dass andere ausgegrenzt werden. Nicht aus Überzeugung – sondern aus Müdigkeit, aus Vorsicht, aus dem leisen Gefühl, dass es sich nicht mehr lohnt, zu widersprechen.
Das politische Rückgrat gibt langsam nach
Wenn wir uns anpassen, weil es bequemer ist, weil es sicherer scheint, weil der Preis für Haltung plötzlich spürbar wird. Denn Haltung zu bewahren ist ja auch anstrengend. Ex-Kanzler Helmut Schmidt hat es trocken zusammengefasst: »Demokratie ist keine bequeme Staatsform.« Deshalb zeigt sie sich auch nicht in der Pose, sondern in der Praxis. Für diese Praxis hat der Philosoph Immanuel Kant eine erstaunlich klare Anleitung formuliert, die auch heute durchaus als Vademecum taugen kann. Nicht zuletzt mit Blick auf soziale Medien, Shitstorms oder populistische Dauererregung. Dabei sind Kants drei Maximen des »Gemeinsinns« eine ziemliche Zumutung – und vielleicht gerade deshalb aktueller denn je. Auf den ersten Blick wirken die drei Maximen ziemlich unscheinbar: selbst denken, mit sich selbst einstimmig denken, an der Stelle des anderen denken. Doch zusammengenommen sind sie Anforderungen, die keine Ausflüchte zulassen.
Die erste Maxime: Selbst denken. Das klingt für uns harmlos, fast banal. Doch auch heute noch ist es radikal. Denn selbst denken heißt, sich nicht treiben zu lassen – weder von Schlagzeilen noch von Stimmungen. Sich dem Strom der Meinungen auszusetzen, ohne sich von ihm mitreißen zu lassen. In einer Zeit, in der wir mit jeder Position sofort einem Lager zugeordnet werden, grenzt das fast an Verweigerung. Selbst denken verlangt, Unsicherheit auszuhalten, statt sie vorschnell durch einfache Gewissheiten zu ersetzen. Wer selbst denkt, kann sich nicht einfach hinter »alle sagen das« verstecken. Es gibt keine Ausrede.
Hier zeigt sich das Spannungsfeld, das demokratisches Denken durchzieht: die Fähigkeit, Ambiguität auszuhalten, ohne dabei beliebig zu werden. Ambiguitätstoleranz – dieses sperrige Wort – beschreibt genau das: die Bereitschaft, Widersprüche stehenzulassen, ohne sie sofort aufzulösen. Unterschiedliche Perspektiven zu akzeptieren, ohne den Versuch, sie zu glätten. Diese demokratische Stärke ist zugleich eine Gefahr. Denn wer Ambiguität ernst nimmt, kann sich in ihr verlieren. Wer jede Perspektive versteht, dem fehlt der Mut zur Entscheidung. Hier wird das politische Rückgrat auf die Probe gestellt: Wie lässt sich Offenheit mit Standfestigkeit verbinden?
»Die innere Stimmigkeit ist kein Luxus, sie ist der Kompass – und zeigt verlässlich die Richtung.«
Kants zweite Maxime gibt darauf eine unerbittliche Antwort: Mit sich selbst einstimmig denken. Das bedeutet nicht Starrheit, aber Konsistenz. Wer Ambiguität aushält, darf sich nicht darin einrichten. Muss erkennen, wann es notwendig wird, sich festzulegen und
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