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Bosnien – nur wenn falsche Narrative keinen Platz mehr haben, kann es nach dem Genozid Hoffnung geben Erinnern, konsequent sein

Ein Raum, brechend voll mit Mördern und ihren Verteidigern. Es ist keine Gerichtsverhandlung, sondern eine Lesung. Zwischen den Genozidleugnern und Tätern steht ein Mann auf, dessen bloße Existenz die Lüge zerbricht: Nedžad Avdić. Das war 2015, eine Veranstaltung in Srebrenica, dem Ort, an dem ab dem 11. Juli 1995 in wenigen Tagen mehr als 8.372 Bosniaken, also bosnische Muslime, von serbischen Soldaten ermordet wurden. Es war der Tiefpunkt des letzten Genozids an Bosniaken, der von 1992 bis 1996 dauerte. Mehr als 104.000 Menschen wurden ermordet, die überwiegende Mehrheit der Opfer waren Bosniaken. Nedžad Avdić war 17 Jahre alt, als er 1995 während der Gräueltaten in einer Grundschule in Petkovci Zuflucht suchte. Dort waren rund 1.000 Menschen. Überlebt haben nur zwei. Nedžad, mit drei Kugeln angeschossen, lag blutend unter den Leichen seiner Nachbarn, Familienangehörigen und Freunden. Die Mörder hielten ihn für tot – nur so überlebte er. 20 Jahre hat er geschwiegen, nun ging er hin, hörte zu und brach zum ersten Mal sein Schweigen.

Während der gesamten Zeit des letzten Genozids an Bosniaken musste die Bevölkerung Konzentrationslager, Vergewaltigungslager, Hungersnot, Massaker und die längste Belagerung einer Hauptstadt in der neueren Geschichte überstehen. Sie wurden Opfer wahnhafter Visionen von »Großserbien« und »Großkroatien«, die Bosnien unter sich aufteilen wollten. In Deutschland sollte man diesen Hintergrund kennen, denn fast eine halbe Million Bosnienflüchtlinge lebten hier. Doch oftmals werden die vier Jahre Genozid auf fünf Tage in Srebrenica reduziert. Und das Trauma beschränkt sich noch nicht einmal nur auf die Zeit von 1992 bis 1996. Im Zweiten Weltkrieg verübten serbische Nazikollaborateure einen weiteren Genozid an bosnischen Muslimen und ermordeten zehntausende.

»Hoffnung wächst dann, wenn Überlebende das Schweigen verweigern und die Relativierung ablehnen.«

Wie leben Nedžad und all die anderen nach ihren furchtbaren Erlebnissen weiter? Wie schöpfen sie wieder Hoffnung? Auf individueller, gesellschaftlicher und politischer Ebene. Hoffnung wächst dann, wenn Überlebende das Schweigen verweigern und die Relativierung ablehnen. Viele suchen Gemeinschaft in Familie, Freundeskreis oder Vereinen – von Vereinen im Genozid vergewaltigter Frauen, Vereinen von Überlebenden aus Lagern bis zu lokalen Vereinen, wo Überlebende verschiedener Städte zusammenkommen. Dort erleben sie Erfolge: Kriegsverbrecher, die verurteilt werden, Denkmäler, die an die Gewaltexzesse erinnern, Kinder, die die Erinnerung weitertragen.

Auch die Rückkehr in den jeweiligen Heimatort schenkt Hoffnung. Das beste Beispiel ist Kozarac: Dort, in der Gemeinde Prijedor und Umgebung, mussten alle Nicht-Serben am Oberarm weiße Bänder tragen und an ihre Häuser weiße Laken hängen. Es war das erste Mal seit dem Holocaust, dass Menschen zur Vernichtung markiert wurden. Danach wurden sie in die Lager deportiert. In Trnopolje, im Konzentrationslager für Kinder und Frauen, erinnert heute tatsächlich ein Denkmal  – an die Täter: Eine graue Betonsäule mit Engelsflügeln und christlichem Kreuz ehrt die serbischen KZ-Wächter und Mörder, Soldaten, die im Bosnien-Krieg gefallen sind – eine Provokation. Dennoch kehrten sehr viele Bosniaken zurück in diese Region, vor allem nach Kozarac.

Videos der wiedererbauten Moscheen, Schulen und Häuser von Kozarac verbreiten sich in sozialen Medien und geben auch Genozidüberlebenden in anderen Ecken Bosniens Hoffnung: Eines Tages kehren auch wir zurück, inšallah! Viele schöpfen auch Hoffnung aus ihren Beiträgen zur Erinnerungs- und Konsequenzkultur: als Zeugen in Gerichtsprozessen gegen Kriegsverbrecher, Aktivis­ten gegen Leugnung, Redner oder Lehrende über den Genozid. Es gibt sehr viele Bücher, eine ganze Flut von Biografien, in denen Bosniaken das Überlebte verarbeiten und weitertragen. Was die Hoffnung trübt ist, dass die allermeisten Bücher nicht übersetzt wurden, auch das von Nedžad Avdić nicht, weil Verlage außerhalb Bosniens davon ausgehen, in Deutschland, Frankreich oder Österreich gäbe es kein Interesse. Damit kommen wir zur nächsten Ebene.

Aus psychologischer Sicht ist das schlimmste, was man traumatisierten Menschen antun kann, ihr Trauma zu leugnen oder nicht ernst zu nehmen. Es ist also die Aufgabe der Gesellschaft, Genozidüberlebende zu unterstützen durch aktive Erinnerungskultur, Respekt, sowie Konsequenzen für die Leugner. Leider erlebt man, zumindest außerhalb von Bosnien, zu oft das Gegenteil. Statt Betroffenen zuzuhören, weiß man etwa in Deutschland oft nicht mal, wer überhaupt die Betroffenen sind. Mehrmals erleben Bosniaken, dass serbische Medienleute, Autoren oder Aktivistinnen als Betroffene eingeladen werden und eine Bühne bekommen um über den Genozid zu sprechen. Das können sie natürlich tun, es ist aber nicht die Perspektive der Überlebenden, sondern der Tätergemeinschaft. Wenn Organisatoren dies nicht verstehen und die jeweiligen serbischen oder auch kroatischen Personen es nicht klarstellen wollen, dann kann das Resultat nur kontraproduktiv und verharmlosend werden.

Falsche Narrative dominieren: Das Bild vom »Pulverfass Balkan«, in dem »alle gegen alle« kämpften, verzerrt die Realität: Über 90 Prozent der Kriegsverbrechen im Angriffskrieg gegen Bosnien wurden von der serbischen Seite verübt, die übrigen fast komplett von der kroatischen Seite. Bosniaken wurden in der Ideologie Großserbiens nicht als Menschen angesehen, sondern als »genetisch entstelltes Material«. Über 50.000 bosniakische Frauen und Mädchen wurden in einem Netzwerk von Vergewaltigungslagern systematisch gefangen gehalten, damit sie weder Suizid begehen noch abtreiben konnten. Sie wurden vergewaltigt und gezwungen, Kinder mit »serbischem Blut« zu gebären.

»Wir brauchen Konsequenzen, Aufarbeitung und aktive Erinnerungskultur.«

Oft wird von Versöhnung gesprochen, so als wäre Genozid eine Frage von beiderseitiger Schuld, statt der systematische Versuch einer Gruppe, eine andere auszurotten. Es gibt nichts zu »versöhnen«, weil die Opfer den Tätern nichts angetan haben. Trotzdem wird dies von Nicht-Bosniaken, von Nicht-Betroffenen ständig gefordert. Die Vorsitzende des Vereins »Mütter von Srebrenica«, Munira Subašić, erklärte mir bei einem Treffen in Salzburg, sie habe nicht das Recht, im Namen ihres ermordeten Sohnes jemandem zu vergeben oder sich zu versöhnen. Und wenn sie als Mutter nicht dieses Recht für ihren Sohn habe, sagte sie, woher sollten es dann irgendwelche Fremden haben? Diese Versöhnung wird es nie geben und wir brauchen sie auch nicht. Was wir brauchen sind Konsequenzen, Aufarbeitung und aktive Erinnerungskultur.

Um wirklich Hoffnung zu schöpfen, muss sich noch vieles ändern: Es muss eine aktive Erinnerungs- und Konsequenzkultur geschaffen werden, in der falsche Narrative keinen Platz mehr haben. Doch anstatt den betroffenen Bosniaken und Ihren Nachkommen und Angehörigen zuzuhören, schenkt man oft selbsternannten »Balkanexperten« Aufmerksamkeit, die sich für die Kulturen, Geschichten, Sprachen, Ethnien, Religionen und politischen Systeme von elf Ländern zuständig erklären. Die Aufgabe der Gesellschaft ist es, Leugner an den Rand zu drängen. Stattdessen bekommen sie Nobelpreise, sitzen im Bundestag oder Redaktionen oder sind Professoren. Solange sich dies nicht ändert, gibt es wenig Hoffnung. Die Aufarbeitung muss konsequent fortgeführt und ein erneuter Genozid auf jeden Fall vermieden werden. Dazu gehören Druck und Sanktionen gegen genozidleugnende Politiker – in Serbien, Bosnien und Deutschland. Ebenso wichtig ist die tatsächliche Umsetzung des Gesetzes zur Kriminalisierung der Genozidleugnung durch konsequente Strafverfolgung. Das Gesetz ist zudem noch nicht gut genug: Wenn die Leugnung als Frage formuliert wird, greift es nämlich nicht.

»Die historische Wahrheit muss weiterhin verteidigt und Konsequenzen daraus gezogen werden.«

Darüber hinaus sollten internationale Sanktionen gegen Personen verhängt werden, die Kriegsverbrecher glorifizieren oder den Genozid leugnen. Und: Überlebende und die Familien der Opfer haben Anspruch auf rechtliche und materielle Entschädigung. Im Bundestag, in den Vereinten Nationen, der Europäischen Union und vor dem Internationalen Gerichtshof muss die historische Wahrheit weiterhin verteidigt und Konsequenzen daraus gezogen werden. Die Verteidigung der staatlichen Einheit und territorialen Integrität Bosniens bleibt dabei ein zentraler Schutzmechanismus. Hoffnung erwächst auch aus der Errichtung und Pflege von Gedenkstätten, der Durchsetzung einer faktenbasierten Bildung in Schulen, Universitäten und der politischen Bildung. Auf Deutschland trifft leider noch kaum etwas davon zu. Doch Denkmäler für den letzten Genozid an Bosniaken gibt es mittlerweile weltweit: in Wien, Luxemburg oder den USA.

Hoffentlich Hoffnung

Dabei greifen alle Maßnahmen ineinander – je mehr Menschen auf politischer, gesellschaftlicher oder individueller Ebene unterstützt werden, desto mehr Hoffnung und Kraft schöpfen sie. Deutschland trägt hier auch eine Mitverantwortung. Nicht »nur« wegen der Ideologie der serbischen Nazikollaborateure aus dem Zweiten Weltkrieg, den Četniks. Sondern auch weil Neonazis aus Deutschland und ganz Europa vor 30 Jahren am Genozid beteiligt waren, nach Bosnien reisten, um, so drückte es später der heutige Generalsekretär der NPD (Heimat) aus, »Muselmänner« zu töten. Heute gehören er und die anderen Deutschen, die meist an der Seite der kroatischen Angreifer mordeten, zu den füh­renden Neonazis des Landes und haben hohe Funktionen in rechtsextremen Netzwerken und Parteien inne.

Der erste Schritt zur Hoffnung ist, all diese Fakten zu akzeptieren, weiterzutragen und Konsequenzen daraus zu ziehen. Wenn Menschen in Kozarac, neben ehemaligen Konzentrationslagern, ihre Häuser und Moscheen wiederaufbauen, wenn Nedžad Avdić sein Schweigen bricht und damit Leugner zum Schweigen bringt, wenn Überlebende des Genozids all das schaffen... Dann zeigt sich, dass Hoffnung nicht einfach entsteht – sie wird erschaffen. Hoffentlich beteiligt sich die deutsche Gesellschaft bald daran.

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