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Die Gefühlsgemeinschaft der AfD hat für viele eine große Anziehungskraft Ermächtigung und Widerstand

Die AfD liegt in aktuellen Umfragen (Anfang März 2026) bundesweit bei knapp 24 Prozent, mit Blick auf die kommenden Wahlen in den Bundesländern zwischen 17 Prozent (Berlin) und 39 Prozent (Sachsen-Anhalt). Seit ihrer Gründung hat die Partei deutlich an Wähler*innen hinzugewonnen. Scheiterte sie 2013 mit 4,7 Prozent noch knapp am Einzug in den Bundestag, ist sie derzeit mit 20,8 Prozent dort stärkste Oppositionspartei. Schaut man sich die Wanderung der Wähler*innen bei der Bundestagswahl 2025 an, zeigt sich, dass es der AfD gelungen ist neben Nichtwähler*innen auch Wähler*innen aus allen anderen Parteien zu mobilisieren – allein rund drei Millionen von FDP, SPD und Union. Im Vergleich dazu war die Abwanderung von der AfD zu anderen Parteien nur gering-fügig, wie die kürzlich erschienene Analyse »Wohin des Weges?« der Bertelsmann Stiftung zur Wähler*innenwanderung bei der Bundestagswahl 2025 zeigt. Die AfD konnte demnach 86 Prozent ihrer früheren Wähler*innen binden – deutlich mehr als die anderen Parteien.

»Warnungen der Verfassungsschutzbehörden sind mit Blick auf AfD-Anhänger*innen als eher wirkungslos einzuschätzen.«

Journalistische Leitmedien erreichen AfD-Anhänger*innen in der Regel ebenfalls nicht (mehr). Bekanntermaßen fühlen diese sich dort nicht repräsentiert, sehen gar eine »Lügenpresse« am Werk und beziehen ihre »Wahrheiten« dementsprechend vorwiegend über Kanäle, die ihre Weltsicht bestätigen: seien es AfD-eigene Produktionen wie Newsletter, Mitgliedszeitungen oder Auftritte in den sozialen Medien sowie teils extrem rechte Zeitschriften, Blogs, YouTube-Kanäle, Telegram-Chats, Facebook-Gruppen, TikTok und weiteres mehr.

Auch die öffentlichen Warnungen der Verfassungsschutzbehörden sind mit Blick auf AfD-Anhänger*innen als eher wirkungslos einzuschätzen. Die Landesverbände in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind als »gesichert rechtsextremistisch« eingestuft. Im Mai 2025 hatte das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) die gesamte Partei ebenfalls in diese höchste Beobachtungsstufe eingeordnet. Die AfD klagt dagegen. Das Hauptsacheverfahren steht noch bevor. Im Eilverfahren war die AfD erfolgreich und wird vom BfV damit aktuell (wie seit 2021) als »rechtsextremistischer Verdachtsfall« geführt. Sollte das Hauptsacheverfahren zu Ungunsten der AfD ausgehen, wäre gleichwohl fraglich, ob dies bei AfD-Wähler*innen einen nennenswerten Eindruck hinterlassen würde. Schließlich sind sie ihrer Partei auch bisher, trotz der gerichtlichen Bestätigungen als »rechtsextremistischer Verdachtsfall«, weitestgehend treu geblieben.

Wer sich der AfD-Gemeinschaft angeschlossen hat, lässt sich von Warnungen oder kritischen Einwänden in aller Regel nicht mehr irritieren oder gar zur Umkehr bewegen. Die AfD entfaltet auf ihre Anhänger*innen eine durchaus starke Anziehungskraft. Weder lässt sich dies mit der hartnäckigen, jedoch falschen These vom »unideologischen Protest« erklären, noch braucht es wiederum ein klares rechtsextremes Weltbild, um sich bei der AfD wohlzufühlen. Eine Antwort liefert meine gleichnamige empirische Studie zur Gefühlsgemeinschaft der AfD. Darin untersuche ich die gefühlspolitisch erzeugte Anziehungskraft der Partei und die geteilte Gefühlswelt ihrer Unterstützer*innen.

Wirkmächtige Gefühlspolitik

Wer die AfD isoliert betrachtet und sie wie andere Parteien bloß entlang von programmatischen Positionen zu verstehen versucht, wird am Ende wenig über sie verstanden haben. Was die AfD und ihr »neurechtes« beziehungsweise ex­trem rechtes Vorfeld seit Jahren erfolgreich verbreiten, sind in erster Linie Geschichten vom Niedergang und der politischen Zerstörung Deutschlands. Die AfD und ihr Vorfeld entfalten gesellschaftliche Wirkung als Geschichtenerzähler*innen, Deutungsgeber*innen und Gefühlsarbeiter*innen – ob auf Wahlkampfveranstaltungen oder auf TikTok. Mit ihren Narrativen vermitteln sie Unterdrückungs- und Bedrohungsgefühle, kultivieren systematisches Misstrauen und markieren Schuldige (konstant dieselben).

»Bedrohungsszenarien haben sich zu einer ›Gefühlswelt‹ verdichtet.«

Die Bedrohungsnarrative haben sich zu einer Gefühlswelt verdichtet, aus der heraus immer mehr Menschen die Welt deuten und wahrnehmen: seien es Interaktionen im Alltag, die Regierungsarbeit, Gerichtsurteile, die mediale Berichterstattung oder wissenschaftliche Studien. Journalismus wird in dieser Gefühlswelt etwa zur »Lügenpresse«, Verfassungsschutzberichte zum nächsten Beweis für politische Zensur und »Meinungsdiktatur«, Sozial- und Kulturwissenschaften zu »linker Ideologie«, Rassismuskritik zum »Hass auf Deutsche«, Klimaschutz wird zum »ideologischen Klimawahn«, zur »systematischen Deindustrialisierung« oder drohenden »Ökodiktatur« umgedeutet, die Unterstützung der Ukraine zum »Volksverrat« erklärt und Zuwanderung in »Überfremdung« und »Bevölkerungsaustausch« übersetzt.

In der alltäglichen Gefühlswelt werden aus solchen Begriffen und Welterklärungsformeln sich permanent selbst bestätigende Deutungsschemata. Zur Verdeutlichung: Wer davon ausgeht, dass in Deutschland eine »Islamisierung« und »ethnische Verdrängung« stattfindet, kann mit dem von rassistischen Narrativen geprägten Blick auf das »Stadtbild« permanent Beweise für die eigene Weltsicht finden. Wer gar davon ausgeht, dass Zuwanderung in »ethnische Bürgerkriege« mündet, vermag dann in nicht-deutschen Flaggen am eigenen Wohnort eine »Kriegserklärung« und in den Körpern von Geflüchteten »Kampfmaschinen« erblicken.

»Wer sich auf die dramatischen Weltdeutungen einlässt, wird bei dem antreibenden Gefühl landen, etwas für ›das eigene Land‹ tun zu wollen.«

Bedrohungs- und Untergangsnarrative gibt es in vielen Varianten und mehr oder weniger extremen Ausprägungen. Sie zirkulieren über unterschiedliche Formate: von Zeitschriften, über politische Reden, bis Memes oder Reels. Es ist nicht erforderlich von jeder verschwörungsmythischen Variante überzeugt zu sein, um sich von der Vorstellung einer »nationalen Widerstandsgemeinschaft« angezogen zu fühlen. Es reicht aus, das Grundgefühl zu teilen, wonach »die Deutschen« in Gefahr seien und »Deutschland« politisch zerstört werde. Wer sich auf die dramatischen Geschichten und Weltdeutungen einlässt, den alltäg­lichen Blick, das eigene Denken und Fühlen daran ausrichtet, wird früher oder später bei dem antreibenden Gefühl landen, etwas für sich, die Familie und »das eigene Land« tun zu wollen: »Widerstand« leisten zu »müssen«. Dieses Gefühl wirkt ermächtigend. Es treibt sehr viele Menschen zur AfD-Wahl, manche Menschen treibt es in den Aktivismus und einen Teil davon gar zu Gewalttaten.

Gezielte Meinungskampagnen

Die zugrundeliegende Gefühlswelt ist nicht plötzlich vom Himmel gefallen. »Neurechte« Akteur*innen – in vielen Ländern – arbeiten lange schon daran, ihre Weltdeutungen »unter ihr Volk« zu bringen. Sie docken an die Alltagserfahrungen der Menschen an und haben mit den sozialen Medien einen direkten Zugang erhalten. Die Behauptung, die AfD hole die Einstellungen und Stimmungen in der Bevölkerung bloß ab, greift zu kurz. Die Partei hat schon vor Jahren in einem Strategiepapier von gezielten »Meinungskampagnen« geschrieben. Die zugrundeliegende »neurechte« Strategie lautet Metapolitik. Es geht darum, durch Begriffe, Narrative und Gefühlspolitik die kulturelle Deutungs- und Gefühlshoheit zu erlangen und extrem rechte Positionen normal werden zu lassen. In diesem Sinne beackern die AfD, ihre Jugendorganisation und andere Akteur*innen des »neurechten« Vorfelds die gesellschaftliche Gefühlslandschaft und prägen seit Jahren die Gefühlswelt potenzieller AfD-Wähler*innen.

Zwar dreht sich die Gefühlswelt in der AfD-Gemeinschaft im Kern um Szenarien nationaler Bedrohung (»Islamisierung« etc.) und politischer Unterdrückung (»Meinungsdiktatur« etc.). Doch diese dramatische Drohkulisse bildet zugleich den Ausgangspunkt für das Versprechen der AfD: das Aufhalten der Apokalypse, die erlösende »Rettung« für Deutschland. Vor dem Hintergrund eines fortwährend erzählten und permanent erlebten nationalen Niedergangs wird die Partei für ihre Anhänger*innen zum Symbol der »Hoffnung« auf eine »bessere Zukunft«. Wer sich dort anschließt, kann sich als Teil einer großen und wichtigen Widerstands- und Befreiungsbewegung fühlen.

Die Untergangsnarrative eröffnen somit zugleich ermächtigende und aufwertende Identitäten für AfD-Unterstützer*innen. So sehen sich diese etwa als letzte Demokrat*innen in der imaginierten »Meinungsdiktatur«, als »erwachte« Aufklärer*innen in Anbetracht eines »medial verblendeten Mainstreams« und als Retter*innen »der Deutschen« vor der »politischen Selbstzerstörung«. Wer zu wissen glaubt, was in Deutschland »vor sich geht« und die Schuldigen klar vor Augen hat, kann sich in der AfD-Gemeinschaft bei den Guten fühlen und braucht kritische Einwände gar nicht erst an sich heranzulassen.

»Dass sich AfD-Wähler*innen in größerem Maßstab erreichen und ›zurückgewinnen‹ lassen, ist unwahrscheinlich.«

Internationale Forschung zeigt, dass es Rechtsaußenparteien gerade nicht schwächt und viel eher normalisiert, wenn Parteien des »Mainstreams« sich diesen annähern. In der bundespolitischen Praxis lässt sich hingegen, etwa in der Migrationspolitik, der Versuch beobachten, durch Annäherung an die AfD-Position deren Wähler*innen »zurückgewinnen« zu wollen – gleichzeitig hat die AfD an Zustimmung gewonnen. Dass sich AfD-Wähler*innen in der aktuellen Situation aber überhaupt in größerem Maßstab erreichen und »zurückgewinnen« lassen, ist unwahrscheinlich. Was selten bedacht wird, ist die Gefühlswelt von AfD-Anhänger*innen, aus der heraus jede Regierungsperformanz und jedes konkurrierende Politikangebot gedeutet und erlebt wird. Weshalb sollten Menschen, die den Bruch mit den von ihnen verachteten »Altparteien« als Ermächtigung, Befreiung und »Widerstand« erleben, dorthin zurückkehren wollen? Weshalb sollten Menschen umkehren, wenn sie dort wo sie nun angekommen sind, permanent die Bestätigung erhalten »die Wahrheit« zu sehen und bei den Guten zu sein?

Wenn sich AfD-Wähler*innen auf absehbare Zeit nicht »zurückgewinnen« lassen, dann scheint es geboten, die verbliebenen Demokrat*innen ins Zentrum der politischen Anstrengungen zu rücken. In Anbetracht der (vor allem digitalen) Omnipräsenz von extrem rechten Narrativen wäre es schon ein Gewinn für die liberale Demokratie, wenn nicht noch mehr Menschen in der »neurechten« Gefühlswelt verschwinden würden. »Zurückgewinnen« im größeren Maßstab setzt voraus, dass die Anhänger*innen mit ihrer Partei zu hadern beginnen, aufhören Hoffnung in sie zu investieren und die Gefühlsgemeinschaft der AfD ihre Anziehungskraft verliert. Danach sieht es aktuell nicht aus.

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