In der neueren Geschichte der Kulturpolitik ist es damit schon das zweite Mal, dass dieser Politikbereich einen gesellschaftlichen Umbruch erlebt, der ihn zu einer Anpassungsreaktion zwingt. Schon im Übergang von der Industriemoderne zur nachindustriellen Gesellschaft (auch: Post- oder Spätmoderne) in den 1960er und 1970er Jahren wurden auch in der kulturpolitischen Debatte Problemlagen identifiziert, die mit diesem gesellschaftlichen Strukturwandel in Verbindung gebracht wurden. Sie hatten eine Reform der Kulturpolitik zur Folge, die sich als »Neue Kulturpolitik« explizit gesellschaftspolitisch aufstellte und aus der viele Innovationen hervorgingen.
Die Kulturpolitik erlebt einen gesellschaftlichen Umbruch.
Nach gut 50 Jahren erlebt diese Kulturpolitik nunmehr einen Wandel, den es in den folgenden Jahren mit hoher Aufmerksamkeit zu erörtern und zu gestalten gilt, wenn denn Gestaltung noch eine realistische Option ist. Im Angesicht einer heraufziehenden »postliberalen Gesellschaft« (Ingolfur Blühdorn) steht Vieles von dem auf dem Spiel, was in der Gesellschaft der Singularitäten (Andreas Reckwitz) selbstverständlich geworden war. Mit Blick auf das bevorstehende Ende der spätmodernen Multioptionsgesellschaft geht es für die Kulturpolitik darum, in einer Gesellschaft zu bestehen, die sozial auseinanderdriftet, politisch nach rechts kippt und kulturell durch ein großes »Unbehagen« gekennzeichnet ist, weil der utopische Spirit der (Post-)Moderne längst durch Zukunftsangst und den Verlust sicher geglaubter Errungenschaften abgelöst ist. In den kulturpolitischen Debatten der letzten Dekade, namentlich in jenen Diskussionen, die im Zusammenhang mit den Kulturpolitischen Bundeskongressen stattfanden, wurden diese Probleme bereits angesprochen, ohne dass daraus bereits schlüssige Anpassungskonzepte oder sogar -strategien für eine neue Neue Kulturpolitik entstanden wären. Immerhin gibt es inzwischen einige Begriffe, die die Probleme markieren. So ist von Adaption, Resilienz und Resonanz die Rede. Können diese Konzepte bei der Bewältigung der kulturpolitischen Herausforderungen behilflich sein, die in der Polykrise entstehen oder sogar zielbildend werden für eine neue Kulturpolitik als Gesellschaftspolitik?
Adaptive Kulturpolitik
Den Begriff der »adaptiven Kulturpolitik« hat vor allem der frühere Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft Tobias J. Knoblich geprägt. So plädierte er bereits im Jahr 2023 in seinem Auftaktaufsatz zur Grundsatzdiskussion der Kulturpolitischen Gesellschaft für einen kulturellen Paradigmenwechsel und für eine Kulturpolitik der Transformation und der Adaption und verknüpfte diese mit Begriffen wie »Nachhaltigkeit« und »Resilienz«. Die damit verbundene Anpassung, die die Option der überlegten Begrenzung des Kulturangebotes ausdrücklich zulässt und der »additiven Kulturpolitik« ein Ende setzen will, nimmt Ideen der Soziologen Andreas Reckwitz und Hartmut Rosa auf, die den Fortschritts- und Steigerungsimperativ der Moderne infrage stellen.
Der Fortschritts- und Steigerungsimperativ der Moderne wird infrage gestellt.
In seiner Vorstellung einer adaptiven Kulturpolitik geht Knoblich in Anlehnung an beide Autoren von einem Wachstums- und Entwicklungsbegriff aus, der eine Akzentverschiebung beinhaltet: Weiterentwicklung steht danach nicht mehr unbedingt für Steigerung und Reichweitenvergrößerung, sondern bezieht sich in programmatischer Absicht auch darauf, Kultur als Raum permanenter Veränderung, Aushandlung und Innovation zu begreifen und dadurch Transformation zu ermöglichen und gleichzeitig der Falle des Weiter-so und des Stillstands zu entgehen. Erst die Kombination beider Perspektiven (Adaption und Transformation) sind für ihn eine wegweisende Option.
Resiliente Kulturpolitik
Auch der neue Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, Markus Hilgert, hat nach seiner Wahl im November 2025 bereits einen programmatischen Aufbruch gefordert. Er spricht sich für eine »Kulturpolitik der Resilienz« als kulturpolitischen Leitbegriff aus. Dabei geht er von der Annahme einer »zweifachen Vulnerabilität« des Kultursektors aus, die er einerseits in der immer noch festzustellenden politischen Marginalität und der Prekarität des Kultursystems sowie andererseits in den gegenwärtigen gesellschaftlichen Krisen erkennt. Er argumentiert, dass durch die Steigerung der kulturellen Resilienz die Gesellschaft und die Demokratie auch insgesamt widerstandsfähiger werden und fordert, die »kulturellen Ökosysteme« gegenüber Krisen und anti-demokratische Einflüsse zu sichern, ohne kulturelles Schaffen zu instrumentalisieren. Demokratie brauche resiliente Räume, die Teilhabe sichern und die Kritikfähigkeit fördern.
Ähnlich wie Knoblich fordert Hilgert auch eine Abkehr vom reinen Wachstums- und Innovationsimperativ hin zu einer verlässlich finanzierten kulturellen Infrastruktur. Er ist überzeugt, dass eine resiliente Kulturpolitik Deutschland dabei unterstützen kann, auf die Polykrisen zu reagieren und gleichzeitig an ihrem originären Auftrag festzuhalten, kulturelle Vielfalt, demokratische Werte und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken. Auch hier wird also die Anpassungsfähigkeit von Kultur und Kulturpolitik gefordert.
Resonante Kulturpolitik
Ideen zu einer »Kulturpolitik der Resonanz« gibt es derzeit in ausformulierter Form noch nicht. Tobias Knoblich geht zwar in seinem oben zitierten Auftaktaufsatz explizit auf den Resonanzbegriff von Hartmut Rosa ein, indem er von Kultur als »resonantem Raum in Hinblick auf Grenzen, Respekt und Einpassung (Kulturpolitik der Adaption)« spricht. In seiner gleichnamigen Dissertation zitiert er den Resonanztheoretiker als Kronzeugen für eine »kulturpolitisch untersetzte Postwachstumsgesellschaft«.
Bereitstellung von Spielräumen für die Demokratisierung von Kultur.
Dies hätte der Auftakt sein können für die Idee einer Kulturpolitik, die sich an der Resonanztheorie von Rosa orientiert. Denn dieser hatte schon damit und hat auch mit seiner neuen Publikation Situation und Konstellation (2026) viele anregende Argumente für einen kulturpolitischen Reformansatz geliefert. Bemerkenswert und hoch plausibel sind im aktuellen Buch die Aussagen zum Verschwinden der Handlungsspielräume
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