Deutschland war nie ein Land, dem es an Ingenieurskunst oder institutioneller Stärke gefehlt hätte. Deutschland hat sich nach einem verheerenden Krieg neu erfunden. Es hat eine Industriegesellschaft in eine führende Exportnation verwandelt. Es hat nach der Wiedervereinigung Millionen Menschen integriert. Und wenn Deutschland entscheidet, dass etwas wirklich zählt, dann erzielt es Ergebnisse. Der »PISA-Schock« von 2001 ist ein gutes Beispiel dafür. Er löste tiefgreifende Bildungsreformen aus, durch die sich die Lernergebnisse in Deutschland im folgenden Jahrzehnt schneller verbesserten als in vielen europäischen Nachbarländern.
»Stagnation bei Bildungsreformen bedeutet Rückschritt bei den Ergebnissen.«
Aber die Zeiten haben sich geändert. Und wenn Deutschland sein Bildungssystem nicht für die Herausforderungen von morgen neu erfindet, wird es weiter zurückfallen. Denn Stagnation bei Bildungsreformen bedeutet in einem anspruchsvoller werdenden Umfeld Rückschritt bei den Ergebnissen. Was gestern gut genug war, reicht morgen nicht mehr: nicht für eine Arbeitswelt, die ständig neue Kompetenzen verlangt; nicht für eine KI-Welt, in der wir neu definieren müssen, was Menschen besser können als Maschinen; und nicht für eine polarisierte Gesellschaft, in der die Fähigkeit, Brücken zu bauen, über Zusammenhalt entscheidet.
Es geht um weit mehr als Schule
Deutschlands Schulen von heute sind Deutschlands Wirtschaft, Gesellschaft und Demokratie von morgen. Sie entscheiden darüber, ob das Land an der technologischen Spitze bleibt. Ob die soziale Marktwirtschaft weiterhin Aufstiegschancen eröffnet. Und ob die nächste Generation einer Welt voller KI und Unsicherheit mit Angst begegnet – oder mit Zuversicht.
Die jüngsten PISA-Ergebnisse sind keine angenehme Lektüre. Die Leistungen in Mathematik und Lesen sind erneut gesunken. Und wer weiter zurückblickt, sieht ein noch ernsteres Bild: 2025 fielen die Ergebnisse auf die niedrigsten Werte seit Beginn der Erhebung. Eine Zahl hat mich dabei besonders nachdenklich gemacht: Fast jeder zweite deutsche 15-Jährige sagt: Wenn Evidenz und Bauchgefühl kollidieren, sollte das Bauchgefühl gewinnen. Natürlich sehen wir Ähnliches auch in anderen Ländern. Aber in einer KI-Welt ist das brandgefährlich. KI liefert Antworten, die überzeugend, flüsssig und plausibel klingen – auch wenn sie falsch sind.
Wer die Zukunft meistern will, muss lernen, nicht der plausibelsten Antwort zu folgen, sondern der bestbegründeten. Das Problem hier ist nicht, dass deutsche Lehrkräfte zu wenig Physik, Chemie oder Biologie unterrichten. Das Problem ist, dass zu wenige Schülerinnen und Schüler lernen, wie Wissenschaft funktioniert: Fragen stellen, Zweifel zulassen, Belege prüfen, Hypothesen testen. Zu oft unterrichten wir Naturwissenschaften wie Religion: Wir erklären eine Theorie, lassen sie einüben und prüfen am Ende, ob die vorgegebene Antwort sitzt. Aber genau das kann die KI besser. Die Aufgabe der Schule is deshalb nicht länger, Fertigwissen zu reproduzieren. Sie muss junge Menschen befähigen, Wissen zu prüfen, zu hinterfragen und neu zu bewerten. Aber all das bedeutet nicht, dass Deutschlands Abstieg unausweichlich ist. Im Gegenteil. PISA zeigt wichtige Stärken auf. Was jetzt fehlt, ist der Mut, daraus sehr viel entschlossener etwas zu machen.
Fangen wir bei den Schülerinnen und Schülern an. 77 Prozent der deutschen 15-Jährigen betonen ihr Interesse, Neues zu lernen – mehr als im OECD-Durchschnitt. Fast zwei Drittel sagen, dass sie sich extra anstrengen, wenn eine Aufgabe schwierig wird. Und besonders bemerkenswert: 76 Prozent verfügen über das, was Psychologen ein »Growth Mindset« nennen – die Überzeugung, dass Erfolg nicht einfach von der Intelligenz abhängt, mit der man geboren wurde, sondern von Anstrengung und Leistungsbereitschaft. Darauf kann Schule bauen. Denn die Zukunft gehört denen, die bessere Fragen stellen, weiterlernen, wenn alte Antworten nicht mehr tragen, und den Mut haben, sich immer wieder neu zu erfinden.
Deutschland bringt auch weiterhin herausragende Schülerinnen und Schüler hervor. Neun Prozent der 15-Jährigen gehören in Naturwissenschaften zu den internationalen Spitzenperformern – mehr als im OECD-Durchschnitt. Deutschlands Problem ist nicht der Mangel an Exzellenz. Das Problem ist, dass Exzellenz viel zu wenig Anerkennung findet, und viel zu stark davon
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