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Bereits im 2. Jahrhundert n. Chr. unterteilte Ptolemäus in seinem Geographischen Leitfaden (Geōgraphikē hyphēgēsis) die Welt in drei große Einheiten: Europa, Asien und Libyen. Die geografischen Umrisse Europas sind aber zu unzuverlässig, um als Kriterium für das Verständnis oder die Definition Europas zu dienen. Es handelt sich eher um ein Phänomen, eine Idee, als um ein bestimmtes Gebiet oder einen Ort (auch wenn es natürlich seinen Raum hat), doch Goethes Europa ist nicht das Europa von Dante oder Miłosz. Wenn man eine Belarussin fragt, ob Spanien zu Europa gehört, wird sie zweifellos sagen: »Natürlich«, aber wenn man so etwas eine Spanierin fragt, antwortet sie vermutlich, dass das Land jahrhundertelang der arabischen Welt näherstand. Schweizer:innen verfassen Bücher, in denen sie sich die Frage stellen, ob sie zu Europa gehören, auch Belarus:innen tun das. Als ob viele in Europa Zweifel hätten, ob sie europäisch oder europäisch genug sind. Nichts ist so deutlich hier. Sogar wenn man über den Europatag spricht, findet man den 5. Mai, den 8. Mai und den 9. Mai als Daten: der 5. Mai erinnert an die Gründung des Europarates 1949, der 8. Mai steht für das Ende des Zweiten Weltkriegs in europäischen Ländern, der 9. Mai gilt als der Ursprung der Europäischen Union im Jahr 1950. Die tatsächliche Gründung der Europäischen Union 1992 scheint die Dinge noch komplizierter gemacht zu haben. Öfter wird EU als Synonym für Europa verwendet, was heißt, wenn das Land kein Mitglied der EU ist, ist es von Europa ausgeschlossen. Dazu gibt es Euro-Zone und Schengen-Zone, die unterschiedliche Mitglieder haben: Montenegro zum Beispiel ist nicht in der EU, benützt aber den Euro als Valuta, die Schweiz hat Franken, ist jedoch im Schengenraum und man braucht kein extra Visum, um in die Schweiz zu reisen, wenn man ein Schengen-Visum hat.
»Sprachlich, religiös, ethnisch, politisch ist Europa nicht einig, aber gerade diese Inhomogenität ist Ausgangspunkt für europäische Identität.«
Vielleicht hilft die Etymologie? Sieht man sich den Ursprung des Wortes »Europa« in der griechischen Sprache an, so setzt es sich aus zwei Wortstämmen zusammen: »eurys«, was »weit« bedeutet, und »ops«, was »Gesicht« oder »Auge« bedeutet – so etwas wie »weit blickend«, was eine Beschreibung der Küstenlinie Europas sein könnte, die die Griechen von ihren Schiffen aus sahen, oder die Bedeutung »Festland« hat. Eine andere Sichtweise besagt, dass das Wort »Europa« seinen Ursprung in der semitischen akkadischen Sprache hat, die im alten Mesopotamien gesprochen wurde. Dort bedeutet das Wort »erebu« »Sonnenuntergang«, da aus mesopotamischer Perspektive die im Westen untergehende Sonne über Europa niederging. Und natürlich gibt es auch mythologische Versionen, darunter die bekannte, dass Europa die Tochter des phönizischen Königs war, die von Zeus entführt und vergewaltigt wurde. Alle drei Versionen liefern fruchtbare metaphorische Ideen darüber, was Europa und seine Kultur ausmacht.
Sprachlich, religiös, ethnisch, politisch und sogar klimatisch ist Europa nicht einig, aber gerade diese Inhomogenität dient als Ausgangspunkt für europäische Identität und europäische Kultur. Wenn etwas so undeutlich ist oder besser gesagt vielfältig, ist es schwer, es zu definieren. Hier lässt sich eine Parallele zum Feminismus ziehen, dessen größte Herausforderung ist, dass Frauen nicht wie eine homogene Gruppe funktionieren, weshalb es auch so viele Feminismen gibt. Wahrscheinlich könnte man also auch über mehrere Europas sprechen.
Was hält Europa zusammen?
Es muss aber etwas Gemeinsames geben, etwas, was Europa zusammenhält. Neben dem Erbe der antiken griechischen und römischen Kultur wurde von westlichen Intellektuellen das Christentum erwähnt, wenn sie über die Wurzeln oder die gemeinsamen Grundlagen der europäischen Kultur schrieben, wie zum Beispiel Georg Wilhelm Friedrich Hegel oder T. S. Eliot. Darin steckt zweifellos ein Funken Wahrheit. Zwar blühten in den Gebieten Deutschlands, Frankreichs und Großbritanniens vor dem Eintreffen des Christentums heidnische Glaubensvorstellungen, was sie mit Osteuropa und den Balkanländern verband. Der Unterschied, der heute spürbar ist, besteht darin, dass letztere eine stärkere und engere Verbindung zu den historischen Religionen bewahrt haben, deshalb dokumentierten Ethnografen in Belarus, der Ukraine und Litauen noch bis ins 19. und 20. Jahrhundert hinein eine äußerst reichhaltige heidnische Folklore.
Was Stilgeschichte angeht (Rokoko, Gotik, Klassizismus u.a.) kann man Beispiele davon in osteuropäischen wie auch in westeuropäischen Städten finden: die barocke Sophienkathedrale in Kyjiw (Ukraine), das Schloss Mir (Belarus), das seit dem Jahr 2000 zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt, mit seiner Kombination aus gotischen, Renaissance- und Barockelementen. Oder das »Polazker Notenheft«, ein einzigartiges Denkmal der belarussischen Musikkultur des 17. Jahrhunderts, das mehr als 200 Lieder und Tänze aus der Renaissance und dem frühen Barock osteuropäischer und westlicher Herkunft umfasst.
Gleichzeitig ist anzumerken, dass die europäische Kunst der Moderne unter anderem auf der japanischen Ukiyo-e-Kunst basiert und damit die eurozentrische Erzählung der Kunstgeschichte in Frage stellt. Was als Japonismus bezeichnet wurde, war mehr als eine bloße Begeisterung für exotische Kultur (Orientalismus); der Einfluss japanischer Künstler griff tiefere, wesentliche Bereiche an und führte zu flächiger Komposition, asymmetrischer Perspektive oder der Verwendung reiner Farben durch westliche Künstler:innen wie Gauguin, Degas, Mucha, Cassatt, usw.
Gesellschaftlich hat Westeuropa die alte hierarchische Ordnung der sozialen Klassen und Schichten übernommen; Osteuropa hätte diese möglicherweise ebenfalls beibehalten, wäre da nicht der Einzug der Bolschewiki und das totalitäre Regime des Kommunismus gewesen. Die amerikanische Kultur wiederum basiert auf dem Gedanken der sozialen Mobilität und steht in gewisser Weise im Gegensatz zur europäischen Aristokratie.
Feindseligkeit zwischen West- und Osteuropa
Das Bild vom »verrottenden Westen« wurde zu einem politischen Klischee, das in der sowjetischen und russischen Propaganda gegen Westeuropa und den Kapitalismus eingesetzt wurde. Die Konfrontation zwischen der UdSSR und den USA sowie deren Verbündeten, die im Kalten Krieg mündete, führte zu einer noch größeren Feindseligkeit zwischen West- und Osteuropa. Osteuropa und Balkan gelten nach wie vor als zweitrangig, oder wie es Czesław Miłosznannte »members of the family and poor relations«. Es gibt nur wenige Quellen in westeuropäischen Sprachen über Osteuropa, die von lokalen Wissenschaftler:innen verfasst wurden, was sehr gut die Politik in der Geschichtsschreibung oder anderen akademischen Bereichen veranschaulicht, die Edward Lucas als »Westsplaining« der Region bezeichnet hat.
Trotz der demokratischen Werte, auf die Europa so stolz ist, ist ihre Geschichte voll blutiger Kriege und bewaffneter Konflikte, der Verweigerung von Rechten für Frauen (man denke nur an das Beispiel der Schweiz, die Frauen erst 1971 das Wahlrecht gewährte), ganz zu schweigen von der Kolonialisierung und dem »Orientalismus«. Oft wurden Kriege und Kolonialisierung unter dem Vorwand der »Zivilisierung barbarischer Völker« geführt, was den Begriff der Kultur in diesem Zusammenhang fragwürdig erscheinen lässt. Auch das ist Europa. Während die einen (wohlhabende weiße Männer aus dem Westen) ihr idealistisches Leben schon führen konnten, Privilegien genossen und die Hymne an »Liberté, Égalité, Fraternité« sangen, mussten die anderen (Frauen, selbst aus derselben sozialen Schicht) um diese Rechte und Freiheiten erst noch kämpfen – und ein Jahrhundert darauf warten. Dies veranschaulicht auch eine Besonderheit Europas, nämlich das, was Ernst Bloch als »Ungleichzeitigkeit« bezeichnet hat, wenn in einem einzigen historischen Moment soziale Gruppen und Strukturen aus verschiedenen Epochen nebeneinander existieren. An einem Ort mag es das Jahr 1937 sein, während es 1.000 Kilometer entfernt das Jahr 2026 ist.
Europa als Erinnerungsgemeinschaft
Politik definiert leider sehr oft auch Kultur – neue politische Vektoren versuchen die gemeinsame europäische Geschichte auszuradieren, wie es mit Osteuropa und dem Balkan passiert ist oder
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