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Die Vielfalt des zeitgenössischen Tanzes Experiment, Ausdruck, Dialog

Zeitgenössischer Tanz ist eine offene, vielseitige Kunstform, die sich ständig weiterentwickelt. Statt festen Regeln zu folgen, experimentiert er mit Körper, Raum und Rhythmus, um aktuelle Themen zu reflektieren, Emotionen auszudrücken und neue ästhetische Erfahrungen zu schaffen. Er ist mehr als nur eine Form der Bewegung – zeitgenössischer Tanz ist Ausdruck, Experiment und Spiegel unserer Zeit. Er überschreitet Grenzen, kennt keine Sprachbarriere und verbindet Menschen – so werden interkultureller Austausch gefördert, Verständnis gestärkt und Barrieren zwischen Menschen abgebaut. Die einzigartige Kraft des Tanzes liegt darin, ohne Worte Bilder zu erzeugen und Menschen auf einer körperlichen und emotionalen Ebene zu berühren.

Choreograf:innen und Performer:innen erschließen künstlerische und emotionale Räume mit ihrer Kunst und verbinden zugleich Tanz mit anderen Kunstformen. In einer Welt, die von Wandel und Diversität geprägt ist, zeigt der zeitgenössische Tanz, wie Kunst zum Dialog wird – über Identität, Körperlichkeit und unsere gemeinsame Existenz, Grenzen hinterfragt sowie das Publikum auf eine oft unerwartete Weise erreichen kann.

Politische Dimensionen des Tanze(n)s

Zudem greift der zeitgenössische Tanz auch politische Themen auf und ist durch die Vielfältigkeit seiner Akteur:innen oft schon an sich politisch. In den Ensembles und sich immer wieder neu zusammenschließenden Gruppen treffen Menschen aus allen Teilen der Welt mit ihren ganz persönlichen Erfahrungen aufeinander, die auch immer in die Entstehungsprozesse von Produktionen einfließen. So finden sich in der deutschen Tanzszene auch Künstler:innen, die hier im Exil arbeiten. Mit ihren Produktionen beleuchten sie aktuelle politische Situationen in ihren Heimatländern. Für einige von ihnen ist dabei der Tanz selbst schon politisch, eine Form des Protestes, da es in verschiedenen Ländern Tanzverbote in der Öffentlichkeit gibt – insbesondere für Frauen.

Der Tanz überwindet sprach­liche Barrieren und kommuniziert ohne Worte.

So ist die Möglichkeit, in einem anderen Land die eigene Kunstform ausüben zu können, für Künstler:innen von großer Bedeutung und die Tanzszenen in Deutschland werden durch die Perspektiven aller hier arbeitenden Künstler:innen bereichert. Der zeitgenössische Tanz schafft es dabei, Barrieren wie Sprache zu überwinden und ohne Worte zu kommunizieren. Diese Diversität der Aktuer:innen ist ein prägendes Merkmal des zeitgenössischen Tanzes. Sie verbindet die gemeinsame Sprache des Tanzes und die Freude mit der eigenen Kunstform Neues zu erproben und in Kollaborationen Experimente zu wagen. Die entstehenden Produktionen reichen von puristischen Tanzstücken, über opulentes Tanztheater bis hin zu post-digitalen Choreografien, die Welten jenseits unserer Realität erschaffen.

Ein Zentrum des zeitgenössischen Tanzes in Deutschland ist Nordrhein-Westfalen. Neben den zehn Kompanien der städtischen Theater, präsentiert sich NRW mit einer starken freien Tanzszene. Mit renommierten Festivals, bedeutenden Produktionszentren, vielfältigen Förderstrukturen und zwei Hochschulen für zeitgenössischen Tanz bietet das Land Tanzschaffenden optimale Bedingungen.

Besonders bemerkenswert ist die enge Vernetzung der Szene: Institutionen, freie Künstler:innen und internationale Kollektive arbeiten zusammen und entwickeln innovative Konzepte, die Tanz mit anderen Disziplinen wie Theater, Musik und Medienkunst verbinden. Diese vielfältige Tanzszene baut auf einer langen Tradition auf und die national einmalige Struktur ist geprägt von internationaler Vernetzung sowie modellhafter Projekte im Bereich Tanzvermittlung und Tanz für Junges Publikum. So arbeiten in NRW mehrere Ensembles, die sich auf die Erarbeitung von Stücken für Kinder und Jugendliche spezialisiert haben und so schon früh einen Zugang zu Theater und Kultur schaffen

Barrierefreie Tanzperformances

Die Tanz- und Kulturszene in Deutschland arbeitet zudem insgesamt an einer verbesserten Zugänglichkeit zu den Darstellenden Künsten. So wird einerseits in der Kommunikation und Präsentation von Tanzstücken verstärkt darauf geachtet, Barrieren abzubauen: Spielorte informieren über die baulichen Begebenheiten ihrer Räumlichkeiten, um Menschen mit körperlichen Behinderungen die Möglichkeit zu geben, sich im Vorfeld ihres Besuchs zu informieren. Ebenso weisen viele Veranstalter:innen im zeitgenössischen Tanz auf sensorische Reize und potenziell triggernde Inhalte wie Rassismus oder die Darstellung von Gewalt hin, so dass Besucher:innen im Vorfeld wissen, was sie erwartet. Weiterhin wird das Angebot von Untertiteln, Dolmetschen in Gebärdensprache für ein taubes oder resthöriges Publikum sowie Vorstellungen mit Audiodeskription für blinde oder sehbeeinträchtige Zuschauer:innen stetig ausgeweitet, um so verschiedenen Publika einen Zugang zu zeitgenössischem Tanz zu ermöglichen.

Auch auf der Bühne sind immer mehr inklusiv arbeitenden Ensemble zu erleben. Diese Tanzkompanien schaffen neue Ästhetiken, die die gängigen Sehgewohnheiten im zeitgenössischen Tanz herausfordern und hinterfragen. In Nordrhein-Westfalen zählt die DIN A13 tanzcompany zu den Pionieren in diesem Bereich: Bereits seit 30 Jahren arbeitet das Ensemble mit Tänzer:innen mit und ohne körperlicher Behinderung, repräsentiert dadurch die unterschiedlichsten Körper und macht die Bewegungsqualität »anderer Körper« sichtbar.

Insgesamt greifen die Akteur:innen des zeitgenössischen Tanzes Themen am Puls der Zeit auf und dies bilden die Spielpläne der freien Produktionshäuser wie auch die zahlreichen Festivals in Deutschland ab.

Themen am Puls der Zeit

Beispielhaft sei hier das Festival tanz nrw erwähnt: Für das diesjährige Jubiläums-Programm wurden 16 Tanzproduktionen ausgewählt, die Themen wie Arbeit und Liebe aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten. Dabei begeben sich einige auf die Suche nach Identität und nehmen queer-feministische Perspektiven ein. Andere schauen auf das Verhältnis von menschlichen Körpern zu Maschinen und digitalen Welten. Temporäre Gemeinschaften bilden sich bei einer Weltuntergangsparty oder beim Zusammenspiel von Publikum und Performenden durch chorische Formen von Körper, Raum und Klang. Ein Stück greift den Ballettklassiker Schwanensee auf und interpretiert diesen neu – mit urbanen und zeitgenössischen Tanzstilen und integrierter Audiodeskription und deutscher Gebärdensprache. Tanz findet im Rahmen des Festivals auch nicht nur auf der Bühne statt, sondern begibt sich auch in den Stadtraum. So können auch Menschen angesprochen werden, die bisher noch keinen Tanz im Theater erlebt haben.

Das Festival ist dabei eine Momentaufnahme, was die Künstler:innen in NRW in den vergangenen zwei Spielzeiten beschäftigt hat. Hier ist Tanz nicht nur eine künstlerische Praxis, sondern auch eine gesellschaftliche Kraft. Durch partizipative Projekte und interaktive Formate wird Tanz einem breiten Publikum zugänglich gemacht und als Mittel des kulturellen Austauschs genutzt. Dabei entstehen immer wieder neue, überraschende Formen der Begegnung zwischen Künstler:innen und Zuschauer:innen, die Tanz zu einem lebendigen, vielschichtigen Erlebnis machen. Das Festival tanz nrw bringt die Vielfalt der NRW-Szene zum Ausdruck: Es vereint künstlerische Exzellenz mit gesellschaftlicher Relevanz und zeigt, wie Tanz uns herausfordert, verbindet und neue Perspektiven eröffnet. Es spiegelt die Experimentierfreude des zeitgenössischen Tanzes wider.

In einer Zeit des Wandels ist Tanz nicht nur ästhetisch, sondern auch gesellschaftlich relevant. Indem es künstlerische Grenzen auslotet und das Publikum aktiv einbindet, macht es Tanz zu einer gemeinschaftlichen Erfahrung. So wird deutlich: Zeitgenössischer Tanz ist mehr als Bewegung – er ist Spiegel einer sich ständig verändernden Welt. Mit dem kritischen Verhandeln unterschiedlichster Themen und Perspektiven ist zeitgenössischer Tanz auch eine Ausdrucksform, um demokratische Werte zu verteidigen und den gesellschaftlichen Dialog zu fördern. Eine demokratische Gesellschaft braucht eine starke Kunst- und Tanzszene.

»In einer Zeit des Wandels ist Tanz nicht nur ästhethisch, sondern auch gesellschaftlich relevant.«

Das biennale Festival tanz nrw präsentiert vielfältige choreografische Positionen aus NRW und spiegelt die Diversität der regionalen Tanzszene auf mehreren Ebenen wider: Es lädt künstlerische Arbeiten aus den Bereichen Tanz/Performance/ Choreografie ein und bildet u.a. die Genres zeitgenössische und urbane Tanzkunst, Performance sowie intergenerative und inklusive Arbeiten ab – von Nachwuchskünstler:innen bis zu erfahrenen Choreograf:innen. Gemeinsam ist allen Tanzformen der »zeitgenössische« Ansatz im Sinne der politischen, gesellschaftlichen und ästhetischen Relevanz der künstlerischen Auseinandersetzung. Ein wichtiges Anliegen ist zudem die kontinuierliche Arbeit an der verbesserten Zugänglichkeit des Festivalprogramms.

Es werden Querverbindungen hergestellt – zwischen Städten, Formaten und Diskursen. Die Räume, die daraus entstehen, werden zu Orten des Austausches und der Vermittlung – zwischen den Künstler:innen, den Veranstalter:innen und dem Publikum.

Festival tanz nrw: 8. bis 18. Mai 2025 in Bonn, Düsseldorf, Essen, Köln, Krefeld, Münster, Mülheim, Viersen und Wuppertal / www.tanz-nrw-aktuell.de

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