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Neuerscheinungen gegen den RechtstrendFaschismus verstehen

Der Erdrutschsieg in Sachsen-Anhalt, diese 43,8 Prozent der AfD bei enorm hoher Wahlbeteiligung, ihre mittlerweile in vielen Regionen und Milieus kulturelle Hegemonie, ihr auch bei den anderen Wahlen dieses Herbstes steiler Aufstieg: Wie konnte eine, solange die Führung sich nicht distanziert, doch nicht nur in Teilen rechtsextreme Partei so stark werden? Vielleicht können neuere Bücher Hinweise geben, diesen demokratie­zerstörenden Zeitgeist wieder in die Flasche zu bekommen.

Lange hatte man für Protestwähler und Rechtspopulismus viel analytisches Verständnis und konnte sich nicht vorstellen, dass Rechtsextremisten nicht trotz, sondern wegen ihrer Positionen und Personen gewählt werden. Die Warnung, die Demokratie des Grund­gesetzes nicht ihren Feinden preiszugeben, kam – während in Sachsen-Anhalt fast jeder Zweite von der Massenbewegung erfasst wurde und Wählerbindungen sich stabilisierten – kaum noch durch. Dementsprechend zurückhaltend war die Benutzung des F-Wortes in der deutschen Debatte, und wenn, dann war einschränkend von »Post­faschismus« oder »demokratischem Faschismus« die Rede.

»Kowalczuk benennt faschistische Politik als das Kennzeichen diktatorischer Verhältnisse.«

Doch jetzt hält der streitbare Historiker und DDR-Bürgerbewegte Ilko Sascha Kowalczuk in Faschismus ist keine Meinung frontal dagegen, er widerspricht jeder Verharmlosung und benennt faschistische Politik offensiv als das Kennzeichen diktatorischer, autoritärer, gewalttätiger Verhältnisse: nicht nur bei Mussolini und den Nazis, ebenso bei der AfD, wie in der untergegangenen DDR oder bei Putin und Trump. Zwar existiere »keine allgemein anerkannte Definition, weil der Faschismus seit 100 Jahren verschiedene Gesichter trägt«. Doch gebe es Gemein­samkeiten aller Freiheitsfeinde: vom antidemo­kratischen Staats­verständnis über ausgrenzende Volksgemeinschaftsideologien bis hin zur Ablehnung von Menschenrechten und Meinungspluralismus. Warum die Rechten heute Russland-Fans sind, warum in der Jugendkultur Neonazitum und DDR-Ostalgie zusammenpassen, wird so verstehbar. Was als wissenschaftliche Kategorie unpräzise sein mag, soll als politischer Kampfbegriff gegen die überall grassierende Zerstörungslust in autoritären Zeiten klare Fronten schaffen. International steht Kowalczuk, denken wir an Timothy Snyder (Faschismus der US-Tyrannei) oder Bernard-Henri Lévy (grüner Faschismus des funda­men­talistischen Islamismus), damit nicht alleine.

Faschismus in neuen Kleidern

Unzweifelhaft ist gegenüber dem historischen Faschismus vieles anders. Heutzutage kommt die faschistische Psychopathologie, so ja auch die Studien von Carolin Amlinger / Oliver Nachtwey, im Namen eines individualistischen Rebellentums von Selbstbestimmung und Souveränität daher, gewissermaßen als »Fasch-ICH-mus« (Robert Misik). Gekapert und missbraucht werden Werte wie »Nation, Familie, Freiheit, Demokratie und Widerstand«, so die Historikerin Ruth Hoffmann. Faschistische Gesinnung ist heute auch verbunden mit futuristischer Technikideologie und zeigt sich in einer neuen Allianz mit Pseudoliberalen. Das Recht des Stärkeren, die Verachtung für »Loser« verbindet jetzt Autoritäre und Neoliberale im gemeinsamen Kampf gegen das demokratische Institu­tionengefüge.

Vielleicht sind viele auch deshalb nicht alarmiert und der naive Teil der Protestwähler nicht abgeschreckt sein Kreuz bei der AfD zu machen, weil »der Faschismus der Gegenwart eine neue Gestalt hat, die nicht leicht zu erkennen und noch schwerer zu erklären ist«, so die Philosophin Eva von Redecker in Dieser Drang nach Härte. Sie bemüht sich in der Tradition der Kritischen Theorie um eine eigene Faschismus-Definition. Ausgehend von dem berühmten Satz von Max Horkheimer: »Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, soll auch vom Faschismus schweigen« beschreibt sie, wie die liberale demokratische Ordnung mit ihrer grenzenlosen Akkumulations- und Besitzdynamik, die immer auch »Unterwerfungsmacht und Trümmer, Kolonialisierung und Preisgabe von Leben« ist, als Ausgangspunkt des Faschismus angesehen werden muss. Auf der Basis der »entfesselten Eigentumslogik« des Neoliberalismus fühle man sich jetzt auch bei seinem »Quasi Eigentum« angegriffen, dem Scheinbesitz überholter Anspruchshaltungen wie traditionell-besitzender Geschlechterverhältnisse, der Reinheitsphantasie von Volk und Blut, nationalistischer Identität, oder dem Recht auf Grillfleisch, Verbrennermotor oder Gas im Heizungskeller. Solch »wahnhafter Eigentumsrausch« führe zum Drang nach Härte, eben zum Faschismus, den von Redecker folglich »liquidierende Phantom­besitzverteidigung« nennt.

»Soziale Schutzvorrichtungen könnten das Abgleiten in den Faschismus bremsen.«

Denn diejenigen, die die Objekte des Phantombesitzes angreifen, sollen nun ausgelöscht werden. Es gehe in der Beschwörung und Verteidigung des unbedingten Besitzanspruches gegen »das abjekte Phantasma«, gegen Migranten, Eliten, Juden, Muslime, Woke, »Rotgrünversiffte«. Dazu gehört das Narrativ von Niedergang und Opferrolle, der Ausnahmezustand, die Ausschaltung aller vermeintlichen Feinde, die maskuline Verachtung von Schwäche, »Kriegsanbetung, Gewaltverklärung, Verschwörungsdenken und das Abstreifen der Demokratie«.

Eine kluge Analyse, jedoch – was der Politologe Horst Heimann bereits vor Jahrzehnten aus reformsozialistischer Sicht an der Frankfurter Schule bemängelte – ergeben sich auch hier aus den abstrakten Theoriegebilden nur schwer konstruktiv-praktische Schlussfolgerungen. Was tun gegen diesen neuen Faschismus? Bei von Redecker findet sich immerhin der Hinweis, »liberale und sozialdemokratische« »soziale Schutzvorrichtungen« könnten das Abgleiten in den Faschismus bremsen. Und ziemlich unvermittelt endet der Band mit der Skizze vier grundsätzlicher Ratschläge: Auf der Sinnhaftigkeit aller Worte und Sätze bestehen; den Phantasmen und Abwehrmechanismen keinen Fußbreit entgegenkommen; eine bessere Infrastruktur der Daseinsfürsorge durchsetzen; mehr Menschen eine befriedigendere Arbeit erfüllter Tätigkeit ermöglichen.

Entstehung von Massenbewusstsein

Der Wiener Publizist Robert Misik bezieht sich in Erziehung zur Grausamkeit besonders auf die sozialpsychologischen Forschungen zur Entstehung von Massenbewusstsein, was sicher zu den stärksten Seiten der Kritischen Theorie gehört. Ausgangspunkt auch hier, dass viele weltanschauliche Elemente austauschbar sind, Faschismus keine konzis aus­formulierte Theorie ist, sondern eine Stimmung, die einen nach und nach erfassen und überwältigen kann. Ausgehend von Unzufriedenheit und dem Eindruck, es werde alles schlechter, ist der seelisch verkrüppelte autoritäre Charakter anfällig für »Massen­hysterie« und faschistische Weltbilder. Agitation und Propaganda fördern den Weg ins Extreme ebenso wie kollektive Selbstradikalisierung von unten, durch soziale Bewegung und heut­zutage besonders durch Algorithmen und Resonanz in den sozialen Medien.

Nicht nur die Analysen von Sigmund Freud, Theodor W. Adorno, Leo Löwenthal, auch Texte von Siegfried Kracauer und Bert Brecht wirken hier äußerst aktuell. Sie zeigen, wie Leute hin zum »Erregungs- und Ressentiment-Menschen« zerlegt und umgebaut werden: »zur Grausamkeit erzogen und in rasende Bestien verwandelt«, wie De-Zivilisierung und Fanatismus sich ausbreiten und die Indifferenten an die Normalität von Gemeinheit und Härte gewöhnt werden. Der Rechtspopulismus sei so, von den USA bis zur AfD, mittler­weile zum neuen Faschismus eskaliert: »Führerkult, paranoide Weltbilder, die permanent geschürt werden, ein absolutes Schwarz-Weiß-Denken, antagonistische Feindbilder vor allem von Minderheiten; aber auch gegen vermeintliche innere Feinde.

»Faschismus ist eine Stimmung, die einen nach und nach erfassen und überwältigen kann.«

Aggression, die unablässig aufgepeitscht wird. Maximale negative Emotionalisierung, um eine Anhänger­schaft in eine erregte und wütende Masse zu verwandeln«. Misik fasst vier Schritte dieses Faschisierungsprozesses zusammen: 1. Die Bevölkerung in Angst und Panik versetzen; 2. Verschwörungsgeraune, Schuldige ausmachen; 3. Koketterie mit der Nazi-Verherrlichung; 4. Die Selbststilisierung als Retter.

Anti-Establishment

Weniger dramatisch sieht dies der Ex-Staatssekretär Fedor Rose in All In. Wie Mainstream-Politik wieder Mehrheiten gewinnen kann, der nicht vom Faschismus, sondern von »aktuellen Nervositäten der Gesellschaft« spricht und für den die AfD in erster Linie eine Anti-Establishment-Kraft ist: »Demokratische Mehrheiten entstehen nicht durch Belehrungen, sondern durch die Bereitschaft, die Verständigung zu suchen und alte wie neue Konflikte auszuhalten«. Er glaubt, eine mutigere Politik des Mainstreams, schließlich wählen 60 – 80 Prozent keine rechten Parteien, könne Vertrauen zurückgewinnen, dadurch, dass sie sich nicht auf die Verwaltung des Bestehenden konzentriert, sondern die politischen Probleme erfolgreich anpackt. Er entwickelt im Grunde eine Programmatik und Verhaltenslehre für den Erfolg schwarz-roter Koalitionen, die allerdings, wenn sich die elektorale Schrumpfung fortsetzen sollte, häufiger zur schwarz-rot-grünen »Kenia­politik« erweitert werden müsste.

Eine positive Erzählung finden

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt, vielleicht können diese Zweckbündnisse in der Mitte ja doch wie vorgeschlagen eine positive Erzählung für sich finden, die bei Wählern und Mitgliedern motivierend wirkt. Dem entgegen steht Misiks zentrale Erkenntnis für die politische Auseinandersetzung, es herrsche »das Prinzip der Propaganda: Nichts ist wahr, alles ist möglich. Das Gesagte bedeutet nicht das Gemeinte, das Gemeinte bedeutet nicht das Verstandene… Man muss die Hetzer immer todernst, aber niemals wörtlich nehmen«. Damit würde auch ein Strategiewechsel von der Brandmauer zur Normalisierung, zum Dialog, zur Einbindung oder gar zur Kooperation kaum etwas Gutes verheißen.

Da bleibt vor allem der offene Widerspruch und Aufruf zur Aktivierung, wie vom Volksschauspieler und Kanzlersohn Matthias Brandt, der in Nein Sagen an die Widerstandskämpfer des 20.Juli 1944 sowie die Widerstandserfahrungen des Emigranten Willy Brandt und seiner Frau Rut erinnert. Er appelliert, nicht wegzusehen sondern zu handeln: »Manchmal sieht jemand, der von außen auf etwas schaut, deutlicher als diejenigen, die schon lange darin unterwegs sind. Und eigentlich ist es genau das, worauf unser demokratisches System baut: dass wir uns alle einmischen. Dass nicht nur die sprechen, die es gelernt oder studiert haben, sondern alle Bürgerinnen und Bürger.«

Alle sollen sich einmischen. Darauf baut unser demokratisches System. (Matthias Brandt)

Doch warum verpuffte, obwohl auf der Spiegel-Bestsellerliste, so ein prominenter Aufruf zum Engagement? Zwar stellten sich der emotionalisierten Volksbewegung, »vollende die Wende« hin zur AfD-Herrschaft, auch im Osten mutige Einzelne und warnende Initiativen aus Kultur und Wirtschaft entgegen. Doch den flächendeckenden Aufstand der Anständigen gab es noch nicht und jetzt dürfte ein Verbotsantrag erst recht illusionär geworden sein. Selbst der klüger gewordene Leser kann sich dem Eindruck wachsender Ratlosigkeit nicht entziehen.

Matthias Brandt: Nein sagen. Über den 20. Juli 1944, meine Eltern und persönliche Verantwortung heute. KiWi, Köln 2026, 128 S., 16 €.

Ilko-Sascha Kowalczuk: Faschismus ist keine Meinung. Stabil bleiben in autoritären Zeiten. C. H. Beck, München 2026, 236 S., 23 €.

Robert Misik: Erziehung zur Grausamkeit. Die Massenpsychologie des neuen Faschismus. edition suhrkamp, Berlin 2026, 200 S., 18 €.

Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. S. Fischer, Frankfurt/M. 2026, 272 S., 24 €.

Fedor Rose: All in. Wie Mainstream-Politik wieder Mehrheiten gewinnen kann. Westend, Neu-Isenburg 2026, 144 S., 18 €.

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