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Was machen Künstliche Intelligenzen eigentlich mit dem Kino? Film im Zeitalter des Deepfake

Die Welt der bewegten Bilder erlebt derzeit durch die KI-Technologie eine radikale Umwälzung. Man muss schon weit zurückgehen, um einen ähnlichen Medienwandel auszumachen. Als Walter Benjamin 1935 in der Emigration seine grundlegenden Gedanken über Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit formulierte, hatte der Tonfilm gerade den Stummfilm mit seinen Live-Orchestern verdrängt, das Fernsehen war bereits Wirklichkeit geworden, und in Deutschland hatte Joseph Goebbels die blühende Vielfalt des Rundfunks in die kontrollierte Bandbreite des Volksempfängers gezwängt. Seinem berühmten Essay stellte Benjamin ein Zitat des französischen Lyrikers und Philosophen Paul Valery voran: »Man muß sich darauf gefaßt machen, daß so große Neuerungen die gesamte Technik der Künste verändern, dadurch die Invention selbst beeinflussen und schließlich vielleicht dazu gelangen werden, den Begriff der Kunst selbst auf die zauberhafteste Art zu verändern.«

Dem Begriff der Verzauberung mochte sich Benjamin freilich nicht anschließen, wenn er im Folgenden eine Entzauberung beschrieb – den Verlust der Aura, die jedes handgemachte Original dem Reproduktionsmedium voraushat. Natürlich konnte der Philosoph und Kulturkritiker noch nicht die zukünftige Möglichkeit erahnen, allein auf Zuruf Bildwerke durch eine Maschine produzieren zu lassen. Vieles in seinem Text aber klingt heute besonders aktuell. Die Chance einer Demokratisierung, die diese neuen Massenmedien seiner Zeit der Kunst hätten eröffnen können, wurde für ihn überschattet von ihrer rasanten Eroberung durch den Faschismus. Seine Hoffnung galt am Ende nicht dem neuen, ästhetischen Zauber, den Valery sich vorstellte, sondern einem möglichen Gegengewicht zur Propaganda, einer Art politischer Medienkunst.

Man muss weit zurückgehen, um einen ähnlichen Medienwandel auszumachen wie durch die KI.

Es war nicht ohne Ironie, als während der vergangenen Berlinale ausgerechnet Jury-Präsident Wim Wenders der politischen Wirkungsmacht der Filmkunst eine Absage erteilte. Kein Wunder, dass seine Aussage in der internationalen Filmwelt eine Debatte auslöste.

Auf digitalem Weg dem analogen Bildträger mehr Informationen entlocken.

In nur wenigen Jahren hat die Künstliche Intelligenz nicht nur die Medien schlagartig verändert. Wie zu Benjamins Zeiten sind es Großunternehmer mit der Macht von Oligarchen, populistische Politiker und militä­rische Anwendungen, die diese Entwicklung beflügeln. Während der zur Zeit nicht nur im Nahen Osten geführten Kriege entscheiden Künstliche Intelligenzen über Leben und Tod, sie dienen Technologie- und Rüstungsfirmen als Versuchslabore; Zehntausende unschuldiger Zivilisten sind dabei gestorben. In unserem Alltag erlaubt KI einen tiefen Eingriff in die Art, wie wir denken und formulieren. Wer als Studierender eine Arbeit mit einer Frage an Google oder ChatGPT beginnt, muss nicht einmal die komplette, oft bereits druckreif ausformulierte Antwort übernehmen, um bereits auf einem fremdbestimmten Weg zu wandern.

Befremdliche Verzauberung

Hastig erlassen derzeit Regierungen in verschiedenen Ländern Gesetze, mit denen sie hoffen, die offensichtlichsten Fälschungen einzudämmen: Fake-Pornos mit Menschen, die davon nichts wissen oder verkitschte Darstellungen des Holocaust. Sogenannte Deepfakes, schwer erkennbare Bildmanipulationen, werden in Hauptnachrichtensendungen entdeckt, was derzeit immerhin noch Skandale auslöst. Anderswo sind KI-Bilder längst angekommen. In Geschichtsdokumentationen wird historischen Archivfilmbildern ihr Flackern ausgetrieben. Nachträglich koloriert verlieren sie ihre zeithistorische Verortung, als sei es möglich, auf digitalem Wege dem analogen Bildträger mehr Informationen zu entlocken, als einmal in der Emulsion gespeichert wurde.

Der Filmemacher Peter Jackson, Schöpfer der monumentalen Tolkien-Verfilmungen, hatte mit seinem 2018 veröffentlichten, kolorierten sogenannten Found-Footage-Dokumentarfilm über den Ersten Weltkrieg, The Shall Not Grow Old den Boden dafür bereitet. Nun kann jeder solche »Restaurierungen« vornehmen. Es ist eine befremdliche Verzauberung, die nostalgische Emotionalisierungen befördert und von der aus der Schritt zum KI-genierten, Geige-spie­lenden KZ-Häftling im Deepfake-Holocaustfilm nicht mehr weit ist. Wie aber reagiert die Filmkunst auf diesen einmal freigesetzten Flaschengeist? Ist die preiswerte Sklavenarmee virtueller Medientechniker willkommen für die Realisierung bislang unbezahlbarer digitaler Visionen? Oder nimmt die Branche im Gegenteil Abstand von diesem Übel, das für die Milliardeninvestitionen einen gigantischen Abbau an Arbeitsplätzen verspricht?

In Hollywood lenkte bereits 2023 der Streik der Gewerkschaft SAG-AFTRA die Aufmerksamkeit auf die Gefahren Künstlicher Intelligenz. Bereits vor Jahren hatten sich Harrison Ford im letzten Indiana Jones und Carrie Fisher in Star Wars: Rogue One mithilfe der neuen Technologie um Jahrzehnte verjüngt präsentiert. Noch weit einfacher ist die glaubhafte Imitation von Stimmen per KI. Noch zu Lebzeiten lieh der 2024 verstorbene Schauspieler James Earl Jones dem Star-Wars-Schurken Darth Vader auf rein digitalem Wege seine Stimme; indem er sie für KI-Nutzung lizensierte, nun hat sie ihn überlebt, abrufbar für künftige Rollen. Auch KI-genierte Stimmen-Kopien von John Wayne, Judy Garland oder James Dean lassen sich bereits über Agenturen buchen.

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