Menü

Es ist Zeit für einen StrategiewechselFrauen in MINT-Fächern

Stellen Sie sich vor, der Vorstand eines Unternehmens präsentiere stolz folgende Entwicklung: »Wir haben unseren Marktanteil in 20 Jahren von 30 auf 35 Prozent gesteigert!« Die Reaktion wäre wohl ernüchtert – fünf Prozentpunkte in zwei Jahr­zehnten, das sind gerade einmal ein Viertel Prozentpunkt pro Jahr. Genau diese Bilanz müssen wir ziehen, wenn wir auf den Frauenanteil unter Studienanfänger:innen in den Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissen­schaften und Technik (MINT) blicken. 2024 lag der Frauenanteil nach Angaben des Statistischen Bundesamtes bei 35,6 Prozent – nur fünf Prozentpunkte mehr als 2004. In den Ingenieurwissenschaften ist die Lage noch dramatischer: Hier erreicht der Frauenanteil gerade mal 15 Prozent. Auffallend ist, dass der Frauenanteil im Laufe der akademischen Karriere im Gegensatz zu vielen anderen Fächergruppen nicht zwangsweise sinkt. Frauen, die diesen Weg eingeschlagen haben, scheinen demnach recht hartnäckig zu sein. In den Ingenieurwissenschaften waren 2024 17 Prozent der Professuren von Frauen besetzt. Aber MINT ist nicht gleich MINT: insgesamt waren 2024 nur etwa 19 Prozent der Professuren in diesen Fächern mit Frauen besetzt.

An Programmen zur Gewinnung von Studentinnen für MINT-Fächer mangelt es nicht. Der Girls' Day existiert seit über zwei Jahr-zehnten, Mentoring-Programme wurden flächendeckend eingeführt und das bundesweite Netzwerk Komm, mach MINT macht schon seit vielen Jahren Angebote für Schülerinnen, Studentinnen, Lehrkräfte und Eltern. Auch wenn einige dieser Programme nachweislich Erfolge erzielen, verfolgen fast all diese Maßnahmen dieselbe Logik: Sie wollen das Verhalten von Mädchen und Frauen verändern. Frauen sollen sich mehr für Technik begeistern, sie sollen selbstbewusster auftreten, sie sollen lernen, mit einem männlich geprägten Kommunikationsstil umzugehen und sich in männerdominierten Umgebungen zu behaupten.

Die implizite Diagnose für den geringen Frauenanteil lautet: Frauen fehlt es an notwendigen Voraussetzungen für eine Karriere im MINT-Bereich. Diese Nachteile sollen durch gezielte »Förderprogramme« ausgeglichen werden. Kurz gesagt: die »Mängel« der Frauen sollen »repariert« werden. Solange wir uns auf diese Strategie fokussieren, verlieren wir die andere Option aus dem Blick: Auch das System, insbe­sondere die MINT-Angebote, könnten an die Interessen und Kompetenzen der Frauen angepasst werden. Die Zahlen legen nahe, dass es an der Zeit ist, über einen Strategiewechsel nachzudenken.

Warum brauchen wir mehr Frauen in MINT?

Weil uns das Thema schon so lange beschäftigt, verlieren wir bisweilen aus dem Blick, wie dringend es ist und welche Potenziale ein höherer Frauenanteil in MINT erschließen kann. Natürlich ist hinlänglich bekannt, dass wir zur Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums technologischen Wandel brauchen, und der ist ohne gut ausgebildete Ingenieur:innen, Techniker:innen und Informa-tiker:innen nicht möglich – unabhängig davon, ob es sich um Männer oder Frauen handelt. Darüber hinaus ist eine Frage der Fairness, dass Frauen gleichberechtigten Zugang zu diesen gut bezahlten und angesehenen Berufen haben.

Doch der wichtigste Grund liegt tiefer. Unsere Gesellschaft steht vor gewaltigen Herausforderungen: Klimawandel, demogra-fischer Wandel, technologische Umbrüche, geopolitische Krisen. Technologie kann wichtige Beiträge zur Lösung der Probleme leisten – aber nur, wenn sie die Bedürfnisse aller Menschen berück­sichtigt. Und das gelingt nicht ohne die Perspektive von Frauen. Seien wir ehrlich: Die Entwicklungen in Wissenschaft und Technik wurden in der Vergangenheit stark von männlichen Interessen geprägt. Auch wenn viele brillante Frauen daran beteiligt waren, so wurden die endgültigen Entscheidungen – darüber, was erforscht wird, wo investiert wird und welche Ideen verfolgt werden – meist von Männern getroffen. Sie hatten die Macht. Sie hatten das Geld.

Aber männliche Interessen sind nicht deckungsgleich mit weiblichen Interessen, denn noch heute unterscheiden sich ihre Lebensrealitäten: Frauen leisten mehr unbezahlte Sorgearbeit, sie verdienen und besitzen weniger, sie haben andere gesundheitliche Problem und nutzen häufiger öffentliche Verkehrsmittel, um nur einige Differenzen zu benennen. Das zeigt, dass sie vor anderen alltäglichen Herausforderungen stehen, für die adäquate Lösungen gefunden werden müssen. Wenn Technologie allen dienen soll, brauchen wir die Perspektive von Frauen nicht als Ergänzung, sondern als gleichberechtigtes Element in der Entwicklung.

Da die bisherige Strategie – Frauen für den MINT-Bereich »fit zu machen« – nur begrenzte Wirkung zeigt, sollte diese adaptiert werden und auf Veränderungen im MINT-Bereich ausgeweitet werden. Hier lassen sich zwei Handlungsfelder identi­fizieren: die akademische Kultur und das Studienangebot.

Die Macht der akademischen Kultur anerkennen

Bereits 1982 legten die Forscherinnen Roberta Hall und Bernice Sandler mit ihrem Bericht »The Classroom Climate: A Chilly One for Women?« für die Association of American Colleges eine wegweisende Studie vor. Sie dokumentierten systematisch, wie Frauen im Hochschulkontext durch vermeintlich geringfügige Verhaltens­weisen benachteiligt werden: weniger Aufmerksamkeit von Lehrenden, häufigere Unterbrechungen, geringere Erwartungen sowie subtile Signale der Nichtzugehörigkeit. Mehr als vier Jahrzehnte später ist die Beweislage erdrückend: Zahlreiche Studien haben die Befunde von Hall und Sandler zum »chilly climate« bestätigt und erweitert. Frauen in MINT-Fächern berichten signifikant häufiger von abwertenden Kommentaren, sexistischen Bemerkungen und der Fokussierung auf ihren Körper und ihre Kleidung anstatt auf ihre fachlichen Kompetenzen. Obwohl solche Vorfälle einzeln betrachtet harmlos erscheinen mögen, beeinflussen sie in ihrer Gesamtheit, wer sich willkommen fühlt, wer sich ernst genommen fühlt, und letztlich wer in diesen Bereichen verbleibt oder Freunde und Freundinnen dafür wirbt.

»Die Exklusionsmechanismen sind oftmals subtil.«

Erstaunlicherweise setzen sich viele Mitglieder von MINT-Fakultäten trotz dieser gut dokumentierten Problematik wenig mit dieser Erkenntnis auseinander. Es fehlt häufig das Bewusstsein der Lehrenden für die eigene Wirkung im Lehrraum. Viele glauben, sie behandelten alle Studierenden gleich oder seien bereits ausreichend um die wenigen Frauen im Hörsaal bemüht. Das reicht jedoch nicht aus. Die Exklusionsmechanismen sind oftmals subtil. Nur ein Beispiel: Professor:innen, welche die Motivation und das Selbstvertrauen der wenigen MINT-Studentinnen stärken wollen, könnten dazu neigen, eine Studentin überschwänglich für eine eher durchschnittliche Leistung zu loben. Was gut gemeint ist, kann jedoch das Gegenteil bewirken. Die Forschung beschreibt dies als Lob-Paradox: Übermäßiges Lob für Selbstverständliches signalisiert niedrige Erwartungen. Die Studentin könnte daraus die Schlussfolgerung ziehen, dass ihr die erwarteten Kompetenzen nicht zugetraut werden.

Welcher Auftrag an Hochschulen und Fakultäten ergibt sich daraus? Hochschulen sollten zu diesem Thema Befragungen an ihren MINT-Fakultäten durchführen — nicht um anzuklagen, sondern um Probleme sichtbar zu machen und Sensibilität zu schaffen. Natürlich gibt es keine einfache Checkliste für das »richtige« Verhalten im Hörsaal, aber das entbindet Lehrende nicht von ihrer Verantwortung sich mit Ihrer Rolle auseinanderzusetzen, zum Beispiel in gezielten Workshops innerhalb der Fakultät.

Curricula mit gesellschaftlicher Relevanz

Der zweite Hebel betrifft die Studieninhalte. Die Forschung zeigt konsistent: Frauen verfolgen bei ihrer Berufswahl häufiger soziale und gesellschaftliche Ziele und sie wollen häufiger mit und für andere Menschen arbeiten. Das ist vermutlich kein Natur-gesetz, sondern zum Großteil das Ergebnis von Sozialisation – aber es ist unsere Realität.

Das Problem ist, dass MINT-Berufe oft als hinderlich für die von Frauen hoch bewerteten Ziele wahrgenommen werden. MINT-Berufe gelten als einzel­kämpferisch, leistungsorientiert und werden selten mit gesellschaftlichem Mehrwert in Verbindung gebracht. Tatsächlich sehen sich viele Frauen nicht im Ingenieurwesen — nicht, weil sie glauben, es nicht zu können, sondern weil sie die gesellschaftliche Bedeutung dieser Berufe nicht erkennen. Diese Wahrnehmung ist zweifelsohne nicht ganz falsch, da der gesellschaftliche Mehrwert so mancher inkrementellen Innovation, zum Beispiel in der Automobilbranche, durchaus bezweifelt werden kann.

Dieser Befund ist zwar bedauerlich, eröffnet jedoch neue Handlungsstrategien für Hochschulen. Technische Studiengänge, denen es gelingt, ihre gesellschaftliche Relevanz aufzuzeigen, wie beispielsweise die Medizinische Informatik oder das Nachhaltige Ingenieurwesen, erreichen oft Frauenanteile von fast 50 Prozent. Das ist kein Zufall. Wenn klar ist, dass Technologie den Menschen dient, dass Lösungen für den Alltag von Frauen entwickelt werden und dass Innovationen die Gesell­schaft zukunfts-gerecht gestalten, dann kommen die Studentinnen fast schon von allein.

Fazit

Die Einbindung von Frauen in MINT ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit oder des wirtschaftlichen Nutzens. Sie führt zu besseren Technologien und erhöht die Innovationskraft, die für die Bewältigung zukünftiger Herausforderungen erforder­lich ist. Die alte Strategie – Frauen zu »reparieren« – ist gescheitert. Ein echter Wandel erfordert, das System selbst zu verändern: die akademische Kultur und die Lehr­inhalte. Wenn Hochschulen ein Umfeld schaffen, in dem sie sich will­kommen fühlen und gesellschaftlich relevante Innovationen voran­treiben können, beteiligen sich auch die Frauen. Sie wollen die Zukunft mitgestalten. Die Transformation der akademischen Kultur und des Studien­angebots ist allerdings keine Aufgabe einzelner Pionier:innen, sondern liegt in der gemeinsamen Verantwortung von Professor:innen, Dekan:innen, Hochschulleitungen und der Politik.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Nach oben