Jeden Freitagabend ist der Eintritt im New Yorker Museum of Modern Art frei. Das Personal stellt dann Klappstühle auf, verteilt Tafeln mit Papierbögen, Buntstifte und eine Vorlage, und dann füllt sich eine Galerie mit Menschen, die alle zeichnen wollen. Einheimische und Tourist/innen, alle Geschlechter, jung und alt, hip und eher bieder, chic gekleidet und in Freizeitdress. Manche sind distanziert, andere quatschen, lachen, flirten. Das ist öffentliches urbanes Leben: viele Menschen an einem Ort, die nebeneinander das machen was sie mögen. Aus der Forschung ist bekannt, wie wichtig so etwas ist.
»Das öffentliche Leben im Alltag ist offenbar doch noch nicht ganz verroht.«
Meine Forschungsgruppe hat die Auswirkungen einer vertrauten Öffentlichkeit, wo man mit fremden Menschen zusammentrifft, untersucht. Die gegenseitige Akzeptanz ist groß, auch wenn man die Geräusche, Gerüche und Manieren der anderen nicht immer mag und nicht alles schön findet. Am Kottbusser Tor etwa, für manche ein Kriminalitätsbrennpunkt in Berlin, erwarten 97 Prozent der befragten Anwohner/innen, dass andere helfen, wenn zum Beispiel eine alte Frau auf der Straße zusammenbricht. Eine große Mehrheit spricht sich ebenso dafür aus, dass auch ein Drogenabhängiger oder Alkoholiker solche Hilfe erhält. Während also Politiker/innen zum Teil vehement ein anderes Bild zeichnen, ist das öffentliche Leben im Alltag doch offenbar noch nicht ganz verroht.
Doch man hört immer wieder die Aussage, dass die Menschen nicht mehr richtig miteinander in Kontakt kämen. Isolation und Aggressivität nähmen zu, niemand kümmere sich um andere. Dann wird die Frage gestellt, wie man die Stadtgesellschaft wieder zusammenbringen könnte, da es zu wenig Räume für Begegnungen zwischen unterschiedlichen Menschen gäbe. Und ja: Die Schließung von Kneipen, Bibliotheken, Gemeindezentren und Schwimmbädern schadet dem städtischen Leben. Die Geldmaschine der Stadtentwicklung verdrängt solche Räume immer mehr: Die Mieten zu hoch, der Kaffee zu teuer, die Kunden zu arm – am Ende rechnet es sich eben nicht mehr.
Deutschland ist historisch eh kein Vorreiter, wenn es um die soziale Mischung bei der Freizeitgestaltung geht. So zeigte der Historiker John R. Gilles in Youth and History wie Freizeitvereine der Mittelklasse und der Elite junge Menschen zu konformistischen Mitgliedern der Nation sozialisierten und ihre mentale Offenheit beschränkten. Ihre Jugend sollte sich nicht mit den Massen vermischen, damit sie nicht mitbekommen, wie die Welt von einem anderen Punkt aus wahrgenommen wird. Natürlich gab es Karl Marx, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und andere, die diese Scheuklappen ablegten und Gewerkschaften, linke Parteien und soziale Bewegungen kämpften für gerechtere Städte. Aber im Alltag trafen trotzdem nicht alle aufeinander.
Vertraute Öffentlichkeit in digitaler Zeit
Dennoch konnten Stadtbewohner/innen das Unbehagen der Diversität nur mühsam vermeiden, da der Radius der täglichen Routinen aller begrenzt war. Meine Großmutter etwa lebte in den 30er Jahren in Amsterdam. Wollte sie heizen, ging sie Kohlen kaufen. Wollte sie sich mit dem alltäglich Notwendigen versorgen, lief sie in verschiedene Geschäfte. Zum Reden ging sie vor die Haustür. Musste sie arbeiten, ging sie erst einmal zur Straßenbahn, wollte sie baden, ins Badehaus. Sie verließ ihre Wohnung für alles, was wir heutzutage auch zu Hause erledigen (können). Weit weg ging sie aber nie. Ihr Stadtleben war einerseits öffentlicher, andererseits lokaler.
»Man lässt sich nicht aufeinander ein, weil man es unbedingt will, sondern weil man sich im Rahmen seiner Routinen begegnen muss.«
Die Technologie hat dies verändert. Die soziale Klasse spielt eine Rolle, der Wohnort ebenfalls. In den Armenvierteln von São Paulo, so könnte man meinen, ist das Nachbarschaftsleben intensiver. So beneiden einige weiße Berliner manchmal auch urbane Dorfstrukturen, weil sie annehmen, dass »Migranten« sie weiterhin pflegen. Das mag manchmal der Fall sein. Wenn die gegenseitigen Abhängigkeiten stark sind, und die täglichen Routinen die Menschen auf die Straße bringen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass gute Beziehungen zueinander aufgebaut werden, weil sie wissen, dass der Preis für schlechte Beziehungen hoch ist. Man lässt sich nicht aufeinander ein, weil man es unbedingt will, sondern weil man sich eben im Rahmen seiner Routinen begegnen muss und so eine vertraute Öffentlichkeit entsteht.
Wenn das denn überhaupt noch möglich ist. In Ostberlin beispielsweise führte die Abwicklung der Industriebetriebe in den 90er Jahren nicht nur zur Schließung der Fabriktore, sondern auch der Schreib-, Sport- und Skatvereine, danach folgten die Kneipen. Die Arbeitslosigkeit zerstörte die Routinen des Arbeitsalltags. Fabriksirenen in Ost und West synchronisieren schon seit Langem keine Routinen mehr. Wir sind nicht weniger nett geworden, aber wir müssen uns nun nicht mehr so sehr mit anderen Menschen in der Öffentlichkeit auseinandersetzen. Es ist einfacher geworden, sich einfach rauszuhalten.
In den zurückliegenden Jahren hat die Digitalisierung die Kluft zwischen denen, die sich aus dem städtischen öffentlichen Leben zurückziehen können, denen, die ihnen dabei helfen, indem sie ihre Bestellungen ausliefern und ihre Konsumstätten reparieren und reinigen, und denen, die ihre Infrastruktur verloren haben, noch vergrößert. Der Dienstbote liefert das Paket in die Abholstation; die Raumpflegerin kommuniziert über eine App und fährt eine Stunde zu den Kunden. Und diese verlassen die Wohnung, denn wer macht schon gerne Homeoffice wenn der Putzservice rumwirbelt. Es ist einfacher geworden, sich rauszuhalten und die zu ignorieren, die diesen Rückzug ermöglichen.
»Es ist einfacher geworden, sich zurückzuziehen in Komfortzonen mit selektiver Lifestyle-Vielfalt.«
Diejenigen mit ausreichend finanziellen Möglichkeiten und kulturellem Kapital finden ihre urbanen Spielplätze in Straßencafés und auf E-Bike-Parkplätzen, Räumen, die zwar für alle offen sind, aber eigentlich nur für diejenigen konzipiert sind, die in das Identitätskonstrukt passen oder sich das Recht auf Anwesenheit leisten können. Solche Orte werden dann ansprechend designt und alles wird entfernt, was Unbehagen hervorrufen könnte. Da Wohnraum heute eher eine Ware ist als ein Ort zum Leben, kommt dies den Eigentümern entgegen. Nur in seinem gentrifizierten 15-Minuten-Kreis städtisch zu leben, ist eine ressourcenbasierte Möglichkeit derjenigen, die am meisten haben. Es ist einfacher geworden, sich zurückzuziehen, ohne darauf zu achten, wer diese Zurückgezogenheit ermöglicht, in Komfortzonen mit selektiver Lifestyle-Vielfalt.
Das soziale Stadtgefüge verändert sich mit historischen Komfortveränderungen entlang der Klassengrenzen. Die Abgeschiedenheit in Komfortzonen, achtsam für sich selbst und die eigenen Leute, kann uns erstens Scheuklappen aufsetzen, sodass wir nicht mehr sehen, was um uns herum passiert. Wie viele von uns bekommen mit, wie etwa Polizisten Migrantenfamilien ohne Papiere verfolgen? Oder wie es sich anfühlt, als Schwarzer wieder einmal angehalten und kontrolliert zu werden, während er einfach nur durch einen Park geht? Wie war es möglich, dass die Menschen in den 30er Jahren einfach zuschauten, als die Faschisten begannen, Menschen zusammenzutreiben.
Eine wichtige Frage. Aber die Komforttransformation der Wohlhabenden wirft eine weitere Frage auf. Wie kann man Wachsamkeit entwickeln, wenn man damit beschäftigt ist, ein bioökologisches, selbstfürsorgliches Leben zu führen und ansonsten die flüchtigen Begegnungen im rauen Stadtleben reduziert? Digitalisierung kann helfen. In US-amerikanischen Städten alarmieren digitale Medien Nachbarn effektiv. Wer hätte gedacht, dass das, was als Netzwerk von Nachbarn zur Überwachung von Kriminalität, Informationen über gute Schulen und Fahrgemeinschaften für Soccer Mums begann, Mittel des Widerstands und solidarischer Fürsorge werden würde?
Aber die digitale Abgeschiedenheit kann uns, zweitens, auch davon abhalten, Fürsorge in Taten umzusetzen. Nichts, was wir online sehen, erfahren wir körperlich. Urbane Ungerechtigkeit, die einem direkt in die Nase und in die Ohren steigt, bildet nach Aurel Kolnais OnDisgust eine relationale Erfahrung, die nicht mit dem Sehen von Dingen auf Bildschirmen zu vergleichen ist. Wir lernen besser, wenn wir körperlich mit einem Stadtbild leben, das uns alle einschließt. Das wäre einfacher mit besseren psychologischen Gesundheitsdiensten, Sozialarbeit, Jugendhilfe und grundlegenden Veränderungen auf dem Wohnungsmarkt. All das könnte finanziert werden, wenn wir Reiche effektiver besteuern würden. Bis wir aber so weit sind, sollten wir jedes Mal, wenn jemand in unserer Nähe Ekel hervorruft, daran denken, dass er eventuell in der U-Bahn schläft, weil jemand anderes Geld mit den Aktien der Unternehmen verdient, denen die Wohnhäuser unserer Stadt gehören.
Die Welt neu denken
Und möglicherweise auch, weil ein »Expat« die doppelte Miete für die Untervermietung der Wohnung zahlt, die Deine beste Freundin festhält für den Fall, dass sie vielleicht eines Tages doch wieder nach Berlin zurückkehrt. Denn Unbehagen hilft uns, die Welt neu zu denken. Lass uns daran erinnern, warum die Eliten in den 30er Jahren nicht wollten, dass anständige Menschen die Not der anderen verstehen, sondern lediglich Angst vor dem Anderen haben sollten.
»Die Antwort liegt weniger darin wie wir Städte planen, als darin, wie wir der Isolation entgegenwirken, die die Digitalisierung fördert.«
Was ist zu tun? Die Antwort liegt weniger darin wie wir Städte planen, als darin, wie wir der Isolation entgegenwirken, die die Digitalisierung fördert. Sie liegt in Investitionen in öffentliche Einrichtungen. Sie liegt weniger darin, dass wir unsere Nachbarn durch einmalige Projekte zur Feier der Vielfalt kennenlernen, sondern vielmehr in dauerhaften Engagements auf der Grundlage gemeinsamer Leidenschaften oder Interessen. Von der Tischtennisplatte bis zu den Stehplätzen des 1. FC Union Berlin, von der Bibliothek bis zum Dönerladen und von Supermärkten ohne Selbstzahlerkassen bis zu Apotheken, die nicht online sind: Dieses städtische Gefüge bringt uns nach draußen, wenn wir uns dafür entscheiden, es zu nutzen. Es hilftuns, sich dem Ekel zu stellen und mit Unbehagen umzugehen. Und zu beobachten, wenn jemand Taten begeht, die nicht ins Stadtbild passen.
In Minneapolis waren die letzten Worte des ermordeten weißen Krankenpflegers aus der Mittelschicht an eine Frau, die er schützen wollte: »Geht es dir gut?« Was ins Stadtbild »passt« ist eben ein sehr dehnbarer Begriff. Wir brauchen Städte, in denen wir uns nicht mögen müssen, nicht zusammen abhängen oder uns nicht mit unseren Nachbarn anfreunden müssen, aber wir müssen ein öffentliches Leben führen, in dem wir uns immer umschauen, Ungerechtigkeiten sehen und fragen: »Geht es dir gut?«

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