Menü

Wie man einen eklatanten Missstand beseitigen könnte Geschlechter(un)gerechtigkeit in Kultur und Medien

Die Studie Frauen in Kultur und Medien des Deutschen Kulturrates gibt einen Überblick über aktuelle Tendenzen, Entwicklungen und Lösungsvorschläge. Obwohl auch in den Künsten und Kulturinstitutionen deutliche Fortschritte zu verzeichnen sind, kann von Geschlechtergerechtigkeit noch keine Rede sein. Über zwei Jahrzehnte – von 1994 bis 2014, teilweise bis 2015 – wurde analysiert, wie viele Frauen künstlerische Disziplinen studieren, wie viele an ein geisteswissenschaftliches Studium eine Promotion oder Habilitation anschließen, inwieweit Frauen Kultureinrichtungen leiten, wie viele Frauen den Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angehören und wie viele darin Leitungsfunktionen innehaben, wie viele Künstlerinnen in der Künstlersozialversicherung in welchen Tätigkeitsbereichen versichert sind und was sie im Unterschied zu männlichen Künstlern verdienen, wie Frauen an der individuellen Künstlerförderung partizipieren und welche Rolle Frauen in Verbänden spielen.

Für viele Berufe im Kultur- und Medienbereich ist eine geschlechtsspezifische Segregation geradezu charakteristisch. Typische Frauenberufe gibt es im Einzelhandel mit Büchern, Musikalien oder Kunst, in den Medien-, Bibliotheks- und Informationsdiensten, sie arbeiten als Bühnen- und Kostümbildnerinnen oder in der Requisite. Typische Männerberufe hingegen sind Moderator, Musikinstrumentenbauer, Kamera- und Tontechniker.

Der Anteil der Studentinnen in den Sprach- und Kulturwissenschaften ist sogar von 64 % (1994) auf 71 % im Jahr 2014 noch einmal angestiegen, aber auch in Kunst und Kunstwissenschaften stellen Frauen den größeren Anteil an Studierenden. Der Nachwuchs für kulturwissenschaftliche Führungsaufgaben in Kultureinrichtungen ist also eigentlich vor allem weiblich.

Betrachtet man die verschiedenen künstlerischen Disziplinen, so zeigen sich Unterschiede. Während der Frauenanteil im Studienbereich Musik in den letzten 20 Jahren konstant bei 50 % lag, ist er in den anderen Disziplinen leicht angestiegen: in der Bildenden Kunst von 52 auf 55 %, in Gestaltung von 56 auf 62 %, in Darstellender Kunst einschließlich Film und Fernsehen von 57 auf 64 % und in der Kunst und Kunstwissenschaft allgemein von 75 auf 81 %. Auch innerhalb der verschiedenen Studienfächer gibt es Unterschiede.

In den Theatern liegt der Frauenanteil am künstlerischen Personal seit 1994 bei rund 43 %. Bei den Bühnenleitungen ist der Frauenanteil geringfügig von 19 % (1994) auf 22 % (2014) angestiegen. Die Bühnenleitung ist also nach wie vor eine Männerdomäne und nur zu rund einem Fünftel in Frauenhand. Der Anteil der weiblichen Musikvorstände ist im gleichen Zeitraum von 13 auf 22 % angestiegen. Trotz des nach wie vor zu geringen Anteils ist hier also zumindest eine Entwicklung zu mehr Präsenz von Frauen unverkennbar, was auch damit zusammenhängt, dass mittlerweile mehr Frauen im Dirigieren ausgebildet werden. Eine ähnlich positive Tendenz ist im Bereich Regie/Spielleitung auszumachen (von 20 auf 30 %).

In den Leitungen von Zentral- und Landesbibliotheken hat sich der Frauenanteil von 17 auf 43 % erhöht. Hier scheinen Gleichstellungsvorschriften zu wirken, wie sie in den Ländern in Bezug auf den öffentlichen Dienst schon lange gelten. Dieses gilt gleichermaßen für die Kunstmuseen, bei denen der Frauenanteil in den Leitungen von 21 auf 34 % angestiegen ist.

In den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten sind Intendantinnen die Ausnahme, aber auch in den anderen Führungsfunktionen dominieren immer noch Männer, trotz mancher Gleichstellungsanstrengung. Bei den insgesamt Beschäftigten liegt der Frauenanteil für alle Sender hingegen bei rund 50 %. Hinzuweisen ist allerdings darauf, dass in den Rundfunkanstalten viele Beschäftigte in technischen Berufen tätig sind und sich hier die geringere Präsenz von Frauen in diesen Berufen rächt.

Allerdings haben Werke von Autorinnen im Sprechtheater an Bedeutung gewonnen. Von der größeren Vielfalt durch die insgesamt gestiegene Zahl an Autorinnen und Autoren im Sprechtheater (von ca. 990 auf 1.400) profitieren auch Frauen. Prozentual ist der Anteil der Werke von Autorinnen, die im Sprechtheater gespielt werden, von 15 auf 24 % angestiegen. Allerdings wurden etwa beim Theatertreffen der Berliner Festspiele seit 1994 nur zu 11 % Stücke von Frauen gezeigt. Es wurde in diesem Zeitraum keine von einer Frau geschriebene Operette aufgeführt und nur zu weniger als 10 % komponierten Frauen die Opern, die auf die Bühne gebracht wurden.

Bei der Art Cologne jedoch, seit 1967 Treffpunkt der internationalen Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, ist eine gegenüber dem Sprechtheater umgekehrte Entwicklung auszumachen. Die Zahl der Künstlerinnen und Künstler, deren Werke ausgestellt werden, ist zwischen 1994 und 2014 von ca. 2.700 auf 1.400 gesunken, der Frauenanteil aber von 18 auf 30 % gestiegen.

Kultureinrichtungen verfügen zum Teil über Beiräte, die sie in ihrer Arbeit unterstützen. Die wissenschaftlichen Beiräte, die mit Expertinnen und Experten aus den Hochschulen besetzt sind, haben gegenwärtig einen Frauenanteil von rund einem Drittel. Demgegenüber ist der Frauenanteil in Beratungsgremien, die von Verbänden besetzt werden, deutlich geringer und liegt teilweise unter 20 %.

In öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten kommt den Rundfunk- und Verwaltungsräten eine besondere Bedeutung zu. Sie sind die wirtschaftlichen und inhaltlichen Kontrollorgane. Die Besetzung der Rundfunkräte wird in den Rundfunkgesetzen oder Staatsverträgen geregelt. Im Großen und Ganzen ist festzustellen, sofern Vorschriften einen bestimmten Frauenanteil festlegen, werden diese auch erfüllt. Gibt es keine Vorschriften, gehören den Rundfunkräten mehrheitlich Männer an.

Wer bekommt was?

Die Daten der Künstlersozialversicherung zeigen den Gender Pay Gap bei freiberuflichen Künstlerinnen und Künstlern. Im Jahr 2015 verdienten die weiblichen Versicherten in der Berufsgruppe Bildende Kunst 27 % weniger als die männlichen Versicherten. In der Berufsgruppe Musik sind es 23 %, in der Berufsgruppe Wort 25 % und in der Berufsgruppe Darstellende Kunst 33 %. Bereits bei den Versicherten unter 30 Jahren ist ein Einkommensunterschied auszumachen: in der Berufsgruppe Bildende Kunst bei 16 %, in der Berufsgruppe Musik bei 8 %, in der Berufsgruppe Wort bei 11 % und in der Berufsgruppe Darstellende Kunst bei 22 %. Werden alle Bereiche zusammen betrachtet, liegt der Gender Pay Gap bei 24 %, bei den unter 30-Jährigen bei 12 %.

Der Gender Pay Gap ist zudem in allen verschiedenen Tätigkeitsbereichen verankert, unabhängig davon, ob in ihnen im Schnitt eher über- oder eher unterdurchschnittlich verdient wird. Frauen erzielen grundsätzlich ein geringeres Einkommen als Männer.

Einen weiteren Punkt bilden Ehrungen und Auszeichnungen. Diese spielen im Kultur- und Medienbereich eine wichtige Rolle und besitzen eine Doppelfunktion. Zum einen bieten sie eine finanzielle Unterstützung, etwa durch ein einmaliges Preisgeld oder indem sie mit Workshops oder anderen Maßnahmen den Berufseinstieg fördern. Zum anderen steigern sie die Bekanntheit und sind ein Zeichen der Anerkennung in der jeweiligen künstlerischen Sparte.

In der individuellen Künstler- und Künstlerinnenförderung zeigen sich geschlechtsspezifische Unterschiede. Bei der Förderung junger Talente bei »Jugend musiziert« sind in etwa gleich viele Jungen und Mädchen vertreten. Bei den Förderprogrammen für junge Künstlerinnen und Künstler sind Frauen sehr gut vertreten, betrachtet man die Förderung jedoch im Bereich Komposition, sind es allerdings nur sehr wenige Frauen, nämlich 9 % im Zeitraum 2009 bis 2013. Auch beim Dirigentenforum sind nur wenige Dirigentinnen präsent. Mit dem Ernst-von-Siemens-Musikpreis, dem »Nobelpreis« in der Musik, wurden von 1994 bis 2014 20 Männer und eine Frau ausgezeichnet. Der Deutsche Literaturfonds fördert Literatinnen und Literaten. Der Frauenanteil bei den Geförderten liegt bei rund 20 %. Mit dem Georg-Büchner-Preis wurden zu 29 % Frauen ausgezeichnet. Beim Deutschen Buchpreis liegt der Frauenanteil bei 60 %. Vom Deutschen Übersetzerfonds werden auch mehrheitlich Frauen (60 %) gefördert, was mit dem Frauenanteil an den Versicherten im Tätigkeitsbereich Übersetzung in der Künstlersozialversicherung korrespondiert. Die Stiftung Kunstfonds unterstützt Bildende Künstlerinnen und Künstler. Hier liegt der Frauenanteil an den Geförderten zwischen 31 % bei der Erstellung von Werkverzeichnissen und 59 % beim HAP-Grieshaber-Preis.

Dass Komponistinnen an Fördermaßnahmen deutlich weniger teilhaben, zeigt sich auch bei den Kultureinrichtungen der Bundesrepublik Deutschland (Villa Massimo, Casa Baldi und Villa Serpentara). Hier ist der Anteil der Stipendiatinnen stets deutlich geringer als der Frauenanteil in der Bildenden Kunst oder der Literatur.

Regisseurinnen haben es zudem sowohl im Theater als auch im Film schwerer, eine der begehrten Auszeichnungen zu erhalten. Mit dem Deutschen Theaterpreis DER FAUST wurden zwar von 2006 bis 2015 zu 40 % Frauen ausgezeichnet. Allerdings wird dieser Anteil nur deshalb erreicht, weil hier Darstellerinnen ausgezeichnet werden (64 %-Anteil beim Schauspiel und 80 %-Anteil beim Musiktheater). Schaut man sich die an, die sagen, wo es lang geht, also die, die auf dem Regiestuhl sitzen, so sinkt der Frauenanteil deutlich. In den untersuchten zwei Jahrzehnten wurden mit dem Deutschen Filmpreis nur zu 9 % Regisseurinnen geehrt. Bei den Auszeichnungen für die Kamera lag der Frauenanteil bei 8 %, beim Ehrenpreis bei 6 %. Zwischen 1994 und 2015 wurde zudem nicht eine Frau für Filmmusik ausgezeichnet.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in der Mitgliedschaft von Akademien, die ihre Mitglieder hinzuwählen. Hier schwankt der Frauenanteil zwischen 15 % (Bayerische Akademie der Schönen Künste) und 29 % (Deutsche Akademie der Darstellenden Künste). Besonders gering ist der Frauenanteil in der Abteilung Bildende Kunst der Bayerischen Akademie der Schönen Künste mit 5 %, besonders hoch mit 36 % in der Freien Akademie der Künste in Hamburg.

Was sich ändern muss

Dieses Panorama an Daten zeigt zweierlei: Von Geschlechtergerechtigkeit im Kultur- und Medienbereich sind wir noch weit entfernt und sie entsteht nicht von selbst. Vielmehr müssen in der Politik die Weichen klar auf Veränderung gestellt werden. Folgende Maßnahmen können einen bedeutsamen Beitrag für mehr Geschlechtergerechtigkeit im Kultur- und Medienbereich leisten und sind ohne Änderungen der Gesetzeslage unmittelbar umsetzbar:

Gremien, die über die Vergabe von Stipendien, Preisen sowie anderen Auszeichnungen entscheiden, die Beratungsgremien von Kulturinstitutionen sowie die Aufnahmegremien an künstlerischen Hochschulen und Universitäten müssen konsequent geschlechtergerecht besetzt werden. Es müssen Maßnahmen der individuellen Künstlerinnen- und Künstlerförderung mit flexiblen Altersgrenzen und verbesserten Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausgelobt werden. Bei Maßnahmen der individuellen Künstlerinnen- und Künstlerförderung sollte man, sofern möglich, anonymisierte Auswahlverfahren einführen, ebenso ein Förderprogramm für den künstlerischen Wiedereinstieg nach einer Familienphase, das sich an Frauen und Männer richtet.

Zudem sollten Programme zur Förderung von Professorinnen fortgesetzt und ausgebaut und mehr Professorinnen an Kunst- und Musikhochschulen berufen werden. Frauen sollten auch vermehrt in Leitungsfunktionen von Kunst- und Musikhochschulen gewählt werden, wobei die Einführung einer Quote hilfreich sein könnte. Ferner sollte die Vorbereitung von Absolventinnen auf den Markt durch die Career Center an den Kunst- und Musikhochschulen intensiviert werden.

Ein wichtiger Schlüssel für mehr Präsenz von Frauen sind die entsprechenden Verbände, da sie nicht nur die Forderungen an die Politik formulieren, sondern größtenteils selber in der Förderung aktiv sind oder Expertinnen und Experten in Gremien entsenden können. Damit haben sie eine große Verantwortung.

(Die Studie »Die Frauen in Kultur und Medien – Ein Überblick über aktuelle Tendenzen, Entwicklungen und Lösungsvorschläge« kann als E-Book kostenfrei auf der Webseite des Kulturrates geladen werden.)

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Nach oben