Seit den frühen Nullerjahren nimmt die soziale Segregation in deutschen Städten wieder zu. Sichtbar wird dies vor allem in der räumlichen Konzentration von Armut, gemessen an der Ballung von Haushalten im Grundsicherungsbezug. Diese Entwicklung ist in vielen ostdeutschen Städten besonders ausgeprägt.
Besonders deutlich zeigt sich die soziale Spaltung bei Kindern. In zahlreichen Städten leben in einzelnen Quartieren mittlerweile mehr als die Hälfte aller Kinder in Haushalten mit Transferleistungsbezug. So entstehen Nachbarschaften, in denen soziale Benachteiligung zur Normalität wird. Diese Entwicklung ist nur begrenzt ethnisch geprägt; die Segregation nach Staatsangehörigkeit hat sich bis Mitte der 10er Jahre eher abgeschwächt.
Die Ursachen liegen weniger in einzelnen Faktoren als in Strukturprozessen. Besonders relevant ist die Rolle von Familien mit kleinen Kindern: Wo viele junge Familien und gleichzeitig hohe Armutsquoten zusammentreffen, schreitet die soziale Entmischung schneller voran. Steigende Mieten spielen dabei eine geringere Rolle als häufig angenommen. Ebenso prägend sind historische Pfade, Wohnungsbestände und institutionelle Entscheidungen.
»Die soziale Trennlinie verschiebt sich vom Wohnort zur Schule.«
Der soziale Wohnungsbau beispielsweise wirkt ambivalent. Hohe Anteile gehen oft mit Armutssegregation einher – nicht als Ursache, sondern weil Sozialwohnungen in benachteiligten Quartieren konzentriert sind. So stabilisieren sich soziale Muster räumlich, statt aufgebrochen zu werden. Dazu trägt auch das Bildungssystem bei: In westdeutschen Städten geht ein wachsender Anteil privater Grundschulen mit geringerer Armutssegregation auf Quartiersebene einher. Bildungsnahe Familien bleiben eher im Stadtteil, wenn schulische Alternativen bestehen. Die soziale Trennlinie verschiebt sich damit vom Wohnort zur Schule.
Ungleichheit als Folge gebauten Erbes
Besonders deutlich wird die Bedeutung städtebaulicher Pfade im Osten Deutschlands. Städte wie Dresden oder Magdeburg weisen bis heute vergleichsweise geringe soziale Segregation auf – eine Folge großflächiger Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und anschließender Neubebauung. In vielen anderen ostdeutschen Städten hat sich dagegen eine scharfe Trennung zwischen sanierten Innenstädten und peripheren Plattenbaugebieten herausgebildet. Armut folgt hier weniger dem Markt als der gebauten Geschichte. Diese Muster verstärken sich durch jüngere Immigrationsbewegungen. Neuzugewanderte von außerhalb Deutschlands ziehen überproportional häufig in sozial benachteiligte Quartiere, insbesondere in ostdeutschen Städten. Kommunale Finanzkraft, Leerstände und vorhandene Infrastrukturen prägen dabei die lokalen Unterschiede – mit langfristigen Folgen für Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
Soziale Segregation wirkt im Alltag über Wohnqualität, Umweltbelastungen und Mobilität. In westdeutschen Städten bündeln sich Kinderarmut, Lärm und Industrieflächen häufig in denselben Quartieren, in ostdeutschen Städten konzentrieren sich soziale Benachteiligungen eher in großmaßstäblichen Wohnanlagen mit geringer Aufenthaltsqualität. Auch der Zugang zum öffentlichen Nahverkehr ist ungleich verteilt: Ärmere Quartiere sind häufiger auf Busverbindungen angewiesen und haben seltener Zugang zu schnellen schienengebundenen Verkehrssystemen. Demgegenüber konzentrieren sich insbesondere formal besser Gebildete zunehmend in gut angebundenen innerstädtischen Lagen.
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