Ja, denn trotz vieler Baustellen, die nach wie vor existieren, ist es doch gelungen, in diversen Bereichen große Schritte nach vorne zu gehen.
Wir sollten also in den allgemeinen Abgesang auf die Bildungsnation Deutschland nicht einstimmen. Richtig ist sicherlich, dass der Bildungserfolg immer noch zu stark von der sozialen Herkunft der Kinder und Jugendlichen abhängt. Richtig ist auch, dass es immer noch Aufholbedarf bei der Digitalisierung an Schulen und Hochschulen gibt. Auch der um sich greifende Lehrkräftemangel stellt unser Schulsystem vor große Herausforderungen. Das deutsche Bildungssystem hat viele Baustellen, der Handlungsbedarf ist groß. Doch als Wissenschaftspolitikerin, Sozialdemokratin und Frau, die als erste in ihrer Familie je eine Universität von innen gesehen hat, sehe ich auch die erreichten Fortschritte.
Was heißt aber Bildung eigentlich und woran misst man Bildungsfortschritt? Wir leben in einer Wissensgesellschaft, in der fachliche Kompetenz von basaler Bedeutung ist. Bildung ist ohne fundiertes Wissen nicht möglich, wobei dieses Wissen sich in vielen Fällen auch als Können ausprägen muss. Dabei wirdfachliche Kompetenz nicht nur in einzelnen Disziplinen erworben. Zu komplex sind die Probleme, die es zu lösen gibt, zu vielschichtig die Herausforderungen in der Transformation. Deshalb gelten in der Wissenschaft Transdisziplinarität und Interdisziplinarität heute als Standard. An den Hochschulen und in den Forschungseinrichtungen hat sich hier ein fundamentaler Wandel vollzogen.
Bildung ist zugleich ein Weg der reflexiven Selbstaufklärung. Sie enthält – nach wie vor – das Potenzial, sich aus den Fesseln von sozial-ökonomischer Herkunft und auch aus mentalen und kulturellen Blockaden zu befreien. Sie hat einen emanzipatorischen Charakter.
Wissen, Kompetenz, Freiheit: Das sind wesentliche Zutaten eines anspruchsvollen Begriffs von Bildung. Doch angesichts der grundlegenden, global durchgreifenden Transformationsprozesse, die alle Lebensbereiche betreffen, muss Bildung heute noch mehr leisten. Je komplexer die Welt, desto wichtiger die Problemlösungskompetenzen, die Teamfähigkeit und die emotionale Intelligenz. Die junge Generation muss lernen, eine Haltung auszuprägen, die man mit Resilienz umschreiben könnte. Damit ist vor allem das Vermögen gemeint, auch in unübersichtlichen Krisensituationen zu bestehen und trotz Widerständen mit der nötigen Klugheit und Geduld zur Gestaltung und auch zur Verbesserung der Welt beizutragen. Und dazu braucht es ein Bildungssystem, das vor allem allen Menschen den Zugang ermöglicht.
Seit Jahrzehnten ist in Deutschland eine wachsende Bildungsbeteiligung festzustellen – das betrifft sowohl den Schulbereich als auch die Hochschulen. Das bedeutet etwa, dass mittlerweile fast die Hälfte der Jahrgangskohorten den Weg in das Studium wählt. Eine so hohe Beteiligung schafft gute Voraussetzungen für wissensbasierte Innovationen, auf die unsere moderne Gesellschaft angewiesen ist. Gleichzeitig ebnet nicht allein ein Hochschulstudium den Weg in eine erfolgreiche Berufsbiografie. Deutschland wird international nach wie vor um die duale Berufsausbildung beneidet. Wir tun gut daran, bei den Schülerinnen und Schülern auch dafür zu werben. Insgesamt geht es zukünftig um mehr Durchlässigkeit, die Möglichkeit verschiedene Wege einzuschlagen, ohne in Bildungssackgassen zu gelangen. Die Hochschulen in Mecklenburg-Vorpommern treiben diese Öffnung mit voran.
»Ein Hochschulstudium ist nicht der einzige Weg für eine erfolgreiche Berufsbiografie.«
Die Teilhabe von Studierenden aus sozial weniger privilegierten, nicht-akademischen Elternhäusern steigt an, wenn auch zu langsam. Ich selbst bin lebendes Beispiel dafür. Auch sind inzwischen Frauen bei den Studienanfängern in der Mehrheit. Wenn auch das Thema Gleichstellung in der Wissenschaft noch zu den bildungspolitischen Baustellen gehört. Die Entwicklung beim weiblichen wissenschaftlichen Führungspersonal, vor allem bei den Professorinnen, stockt. Nicht allein Kaskadenmodelle oder Mentoringprogramme werden das ändern, sondern Fragen wie eine bessere Vereinbarkeit zwischen Familien- und Wissenschaftsarbeit, Planbarkeit wissenschaftlicher Karrieren und vieles mehr spielen hier eine wichtige Rolle.
Ein sehr dynamisches Wachstumsfeld ist die Internationalisierung der Hochschulen. Durch den Bolognaprozess, an dem mittlerweile fast 50 Staaten partizipieren, ist ein weiter europäischer Hochschulraum entstanden, in dem gestufte Abschlüsse, Qualitätssicherung und Mobilität die wesentlichen Kennzeichen sind. Nicht zuletzt das ERASMUS-Programm ist nur eine der erfolgreichsten Errungenschaften der EU, um Mobilität in der Wissenschaft zu fördern, sondern vor allem kulturelle Verständigung in Europa zu unterstützen.
Systematische Kooperation von Bund und Ländern
Als Fortschritt in der hochschulischen Bildung kann auch die systemische und dauerhafte Kooperation von Bund und Ländern in Forschung und Lehre gelten. Während die gemeinsame Forschungsfinanzierung schon lange gute Praxis ist, ist es uns gelungen, erstmals mit dem Zukunftspakt »Studium und Lehre stärken« eine stetige gemeinsame finanzielle Grundlage für die Weiterentwicklung von Studium und Lehre zu legen. Diesen Pakt kann man schon heute historisch nennen.
So viel zu den systemischen Momenten. Bildung ist aber vor allem ein lebendiger Prozess. Bildung geschieht durch Wissenschaft, und diese verwirklicht sich neben der Forschung durch Studium und Lehre. Studium und Lehre werden heute zunehmend als wechselseitiges kommunikatives Geschehen begriffen, interpersonal und interaktiv und zugleich mit kluger Nutzung »digitaler tools«.
Auf dieser Linie haben wir uns zwischen Bund und Ländern verständigt, die Qualität von Studium und Lehre weiterzuentwickeln und im Rahmen der Toepfer Stiftung in Hamburg eine Tochterstiftung gegründet, die ausdrücklich innovative Entwicklungen auf diesem Gebiet fördern soll. Die Stiftung hat ihre Arbeit aufgenommen und setzt schon durch die ersten Ausschreibungen merkliche Akzente. Dabei ist gerade der Einbau der Digitalisierung in die Hochschuldidaktik ein zentrales Aktionsfeld der bislang geförderten Projekte.
Was die Digitalisierung der Lehre angeht, haben die Hochschulen in den vergangenen Jahren – angetrieben durch die Coronapandemie – eine enorme Entwicklung vorangerieben. ChatGPT und andere Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz erfordern weitere Veränderungen in einer bisher ungekannten Geschwindigkeit.
Nach der Hochschule fit fürs Berufsleben?
»Hochschulbildung muss sich auch mit den Anforderungen der ›abnehmenden Seite‹ messen.«
Es bleibt die Frage, ob diejenigen, die das Hochschulsystem verlassen, auch tauglich sind für das Berufsleben? Mit anderen Worten: Verfügen die Absolventinnen und Absolventen die »future skills«, mit denen sie sich jenseits der Hochschule auch auf dem Arbeitsmarkt und im gesellschaftlichen Leben bewähren? Damit rücken Gesichtspunkte wie Qualifikation und »employability«, aber auch persönlicher Kompetenzaufbau in den Vordergrund. Natürlich behält gerade die Hochschulbildung auch einen Wert ins sich. Aber als Ausbildung muss sie sich mit den Anforderungen der »abnehmenden Seite« messen und versuchen, diese in das eigene Selbstverständnis und die eigene Praxis aufzunehmen. Das gilt nicht nur für die Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, sondern auch für alle anderen.
Für mich ist es in diesem Kontext ein alarmierendes Zeichen, dass die Zahl der Absolventinnen und Absolventen in den MINT-Fächern seit 2015 kontinuierlich zurückgeht. Hier deutet sich eine für das transformationsbedürftige Industrieland Deutschland problematische Schieflage an.
Bildung und damit auch Hochschulbildung wird aber nur dann erfolgreich sein, wenn sie im Kern - auch in Zeiten von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz - als lebendiger Prozess ein interaktives und interpersonales Geschehen bleibt. Daher gilt mein Schlussplädoyer der »universitas« als Gemeinschaft der Forschenden, Lehrenden und Studierenden. Dieser Kern der europäischen Idee von Hochschule muss erhalten und immer wieder neu ausbuchstabiert werden. Studium und Lehre nur vor und mit dem Rechner kann nicht das Ziel sein. Das zeigen auch die negativen Auswirkungen der Coronazeit auf die Studierenden.
Vor allem aber brauchen wir im gesamten Bildungsbereich eine bessere Zusammenarbeit von Bund und Ländern. Für eine kreative Kooperation müssen hier Barrieren von beiden Seiten abgebaut werden. Fortschritt in der Bildung zu erzielen ist eine nationale Aufgabe, die nur gemeinsam und gesamtgesellschaftlich gestemmt werden kann. Da müssen auch die Länder für eine bessere förderale Bildungskooperation Hürden überspringen. Mecklenburg-Vorpommern ist dazu bereit.

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