Menü

Grenzen des Wachstums – gestern und heute

Wie kaum ein anderes wissenschaftliches Buch ist Grenzen des Wachstums, der erste Bericht an den Club of Rome aus dem Jahre 1972, Gegenstand von Kontroversen geworden. In den Wirtschaftswunderjahren der Nachkriegszeit wollte niemand über negative Folgen des Handelns nachdenken, welche insbesondere den Planeten mittel- bis langfristig belasten könnten. Für den unbegrenzten Wachstumsglauben des damaligen Zeitgeistes musste die Ausrufung von »Grenzen des Wachstums« Widerspruch provozieren. Und später widersprach der auf Liberalisierung und Deregulierung setzende US-Präsident Ronald Reagan der Vorstellung von Grenzen ganz ausdrücklich: »There are no limits to growth and human progress when men and women are free to follow their dreams...« (1984).

Doch der Bericht zeigte Wirkung, welche sich nicht nur in den zahlreichen und jahrelangen Debatten über die negativen Folgen des Wirtschaftens zeigte, sondern vor allem in gezielte Maßnahmen zum Schutz der Natur und Umwelt mündete. Der Bericht selbst wird jedoch bis heute kritisch diskutiert und die Ergebnisse werden angezweifelt. Doch was genau hatte er eigentlich analysiert? Die Studie zeigte, dass es aus ganz unterschiedlichen Gründen zu einem Rückgang von Industrieproduktion und Bevölkerung kommen könnte, somit Grenzen des Wachstums vorprogrammiert seien.

Während etwa im »standard run«, was im Wesentlichen einem business-as-usual-Szenario entspricht, die Industrieproduktion aufgrund von Ressourcenengpässen einbricht, geht sie in einem anderen Szenario aufgrund von Umweltverschmutzung zurück: Auch bei besserer Rohstoffverfügbarkeit nehme diese irgendwann derart zu, dass damit gesundheitliche Risiken und ein Rückgang der Industrieproduktion verbunden seien, so der Bericht.

Interessant ist auch, dass der Bericht auch das Szenario einer stabilisierten Welt (stabilized world) diskutiert, in der es nicht zu einem Kollaps kommt. Dieses Szenario setzt nicht nur verbesserte, effizientere Technologien voraus, sondern nimmt zusätzlich auch noch Verhaltensänderungen und politische Maßnahmen an – worunter die Autoren damals veränderte Werthaltungen ebenso zählten wie Maßnahmen der Familienplanung. Das ist insofern bemerkenswert, als wir heute ja hinreichend viele Beispiele kennen, in denen technologische Verbesserungen und Effizienzgewinne nicht zu einer Reduktion des Umweltverbrauchs geführt haben.

Oft genug hat sich in der Folge das Verhalten verändert und sind die Ansprüche gestiegen, was die Effizienzgewinne zum Teil oder sogar ganz kompensiert hat. Ein VW Käfer von 1938 verbrauchte 7,5 Liter Benzin pro 100 Kilometer, ein New Beetle von 2011 verbraucht, je nach Motor, noch genauso viel, zum Teil sogar mehr. Natürlich ist die Technik inzwischen effizienter geworden, aber diese Effizienz führte nicht zu einem Rückgang im Ressourcenverbrauch. Stattdessen nahmen Leistung, Sicherheit, Komfort und Bequemlichkeit zu. Und außerdem wird natürlich erheblich mehr gefahren als früher. Dieser Rebound-Effekt ist ein starkes Argument dafür, dass technische Lösungen alleine nicht genügen werden. Wir brauchen deshalb nicht nur effizientere Technik, sondern auch geeignete politische Rahmenbedingungen, die zu einem veränderten Verhalten führen.

Die Forschenden des Projekts am Massachusetts Institute of Technology, aus dem der erste Bericht an den Club of Rome hervorging, haben zugegebenermaßen in einigen wichtigen Bereichen aus heutiger Sicht auch unzutreffende Annahmen getroffen. So haben sie die Elastizität des Marktes – also die Tatsache, dass steigende Preise knapper werdender Güter die Nachfrage nach denselben reduzieren – ebenso unterschätzt wie die Potenziale der menschlichen Innovationsfähigkeit. Es ging ihnen aber auch gar nicht um exakte Prognosen, sondern um die Simulation genereller Trends. Deshalb laufen Vorwürfe ins Leere, die Vorhersagen hätten sich nicht bewahrheitet.

Warum diese Überlegungen? Liegt darin mehr als ein wissenschaftsgeschichtliches Interesse?

Durchaus! Denn ein bleibender Ertrag des ersten Club-of-Rome-Berichts liegt darin, dass die großen globalen Herausforderungen der Menschheit nur verstanden und bewältigt werden können, wenn die wechselseitigen Abhängigkeiten von Entwicklungen ganz unterschiedlicher Bereiche berücksichtigt werden. Zwar ist die Diskussion heute, verglichen mit dem Bericht von vor 50 Jahren, sehr viel weiter und differenzierter. Während der Bericht schlicht von »Umweltverschmutzung« sprach, geht es heute um die Klimakrise, den Verlust von Biodiversität, das Problem der biogeochemischen Stoffströme von Stickstoff und Phosphor und vieles andere. Doch dass unser Wirtschaften die Umwelt schädigt und diese Schädigung einen Punkt erreichen kann, an dem die menschliche Gesundheit so stark betroffen ist, dass die Nahrungsmittelproduktion zurückgeht und die Wirtschaft schrumpft, ist heute kein abstruses Szenario mehr.

Anfälligkeit komplexer Systeme

Wir erleben derzeit, dass unser Wirtschaftswachstum aus vielen Gründen an Grenzen stößt. Die diversen Folgen der Coronapandemie, Störungen weltweiter Lieferketten, der unselige Angriffskrieg Russlands mit seinen dramatischen Folgen für Energiepreise, Welternährung und Inflation – all das belastet die Weltwirtschaft massiv und wird ihr Wachstum beeinträchtigen. Der US-Analyst James Richards spekulierte jüngst über die Frage, ob China die Lieferketten vielleicht absichtlich sabotieren würde, um den westlichen Volkswirtschaften zu schaden. Er kommt zu dem Ergebnis, dass das letztlich irrelevant sei, »denn alles, was so komplex und hochskaliert ist wie die globale Lieferkette, wird immer zusammenbrechen; es ist nur eine Frage der Zeit (…) Es liegt in der Natur komplexer Systeme, dass kleine Ursachen enorme Auswirkungen bis hin zum totalen Zusammenbruch haben.« (Deutsche Wirtschaftsnachrichten, 08.01.2022) Von dort ist es gar nicht mehr weit zu den »Grenzen des Wachstums«.

Beim Blick nach vorne sollten wir uns nicht mit Gefechten der Vergangenheit aufhalten und uns in eine Frontlinie von no-growth, de-growth, green growth oder dergleichen einreihen. Es ist völlig unstrittig, dass unser gegenwärtiges Wirtschaften uns wohl eher früher als später derart massive ökologische beziehungsweise ökosoziale Probleme bescheren wird, dass ein Mehr vom Gleichen ganz gewiss keine Lösung ist. Übrigens würden diese Probleme unter den gegenwärtigen Bedingungen auch schon bei Nullwachstum auftreten, nur ein paar Jahre später. Denn die gegenwärtige weltweite Umweltbelastung liegt weit über dem einer nachhaltigen Entwicklung. Der Weltüberlastungstag liegt immer früher im Jahr, gegenwärtig bereits am 28. Juli.

Wichtiger als abstrakte Streitereien über Wachstumskonzepte sind Überlegungen, was konkret und in welcher Weise verändert werden muss, damit unser Wirtschaften sozial und ökologisch verträglich wird. Wir wissen seit Langem, dass der Markt für öffentliche Güter nicht funktioniert, weshalb es wichtig ist, dass die Politik die Rahmenbedingungen des Marktes entsprechend verändert, wie es zum Beispiel durch die Bepreisung von Treibhausgasemissionen geschieht.

Neben dem Marktversagen für die öffentlichen Güter gibt es noch zahlreiche weitere Gründe, warum wir nicht nachhaltiger sind: Es fehlt eine wirksame globale Governance für globale Herausforderungen, es fehlt eine Institutionalisierung der Interessen künftiger Generationen; es gibt Interessenkonflikte, Pfadabhängigkeiten fossiler Energien, Systemträgheiten und natürlich auch moralische Defizite – alles Barrieren auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit, wie ein aktueller Bericht an den Club of Rome analysiert.

Was getan werden kann

Wenn wir all das unterlassen, was Umwelt und Gesellschaft schadet und stattdessen tun, was Umwelt und Gesellschaft nützt, dann wäre schon sehr viel erreicht. Und es gibt eine ganze Menge, was getan werden kann, was getan werden sollte, mit sehr viel Wachstumspotenzial. Umweltschutz, Gesundheit, Zugang zu sauberem Trinkwasser und sauberer Energie – all das ist dringend nötig und hat jede Menge Wachstumspotenzial! Unser Wohlstand kann wachsen durch mehr erneuerbare Energien, klimaschonende Mobilität, bessere Gesundheitsvorsorge sowie Techniken zur Herstellung von sauberem Trinkwasser.

Dabei geht es zur Vermeidung des Klimawandels vor allem um eine Abkehr von fossilen Energien hin zu mehr erneuerbaren Energien. Eine Vollversorgung aus erneuerbaren Energien ist deutlich effizienter und damit energiesparender als das der konventionellen Energien. Und die erneuerbaren Energien sind nicht nur effizienter, sie sind auch preiswerter. Schon heute ist der Strom einer neuen Photovoltaikanlage günstiger als der eines neuen Kohlekraftwerks. Und weil die Preise für Solarmodule in den letzten 40 Jahren mit jeder Verdoppelung der globalen kumulierten Produktion um 26 Prozent gesunken sind, wie das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme berechnet hat, wird der Strom aus einer neuen PV-Anlage bald auch günstiger sein als der aus einem bestehenden Kohlekraftwerk.

Erneuerbare Energien, Batterien, Elektrofahrzeuge werden immer billiger. Maßnahmen zum Energiesparen senken Kosten weiter. Wenn Gebäude weniger Energie verbrauchen, diese selbst herstellen und zwischenspeichern, sinkt der Energiebedarf deutlich – und damit sinken auch die Kosten. Die heutigen Investitionen in die Energie-, Verkehrs- und Gebäudewende zahlen sich doppelt und dreifach aus: Sie schaffen wertvolle volkswirtschaftliche Wertschöpfungen und zukunftsfähige Jobs und stärken so auf Dauer die Resilienz und damit Frieden und Freiheit.

Es gibt auch heute Grenzen des Wachstums. Aber es gibt auch sehr viel Wachstumspotenzial. Es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass es genutzt wird.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Nach oben