Menü

Nachruf auf einen bescheidenen Könner Hanjo Kesting (1943–2025)

Unser langjähriger Kulturredakteur Hanjo Kesting ist am 20. Februar an seiner Krebserkrankung gestorben. Er war im Jahr 2006 kurz nach seiner Verabschiedung als Leiter der Kulturredaktion des Norddeutschen Rundfunks als Verantwortlicher Redakteur für die Kulturseiten in die Redaktion der Neuen Gesellschaft|Frankfurter Hefte eingetreten und hat bis zu seinem für uns am Ende doch überraschenden Tod in vorbildlicher Zuverlässigkeit, Kompetenz und Kollegialität die Zeitschrift mitgeprägt. Sein ungewöhnlicher Kenntnisreichtum in Sachen Kunst und Kultur ragte weit über die literarischen Themen hinaus, auf die sich seine Zuständigkeit in unserem Blatt beschränkte. Er hat das nie zur Schau gestellt, aber es prägte doch die Atmosphäre der meisten seiner Texte. Im Bereich der Weltliteratur und ihrer Geschichte gab es kein Thema, keinen Autor und kein Jubiläum, die ihn in Verlegenheit gebracht hätten. Seine Texte waren immer inhaltlich lehrreich und auf die Sache konzentriert, sprachlich elegant und klar. Vor allem aber waren sie völlig frei von der nur scheinbaren Beiläufigkeit, mit der Feuilletonautoren sich gern, in Zurschaustellung ihrer rhetorischen Könnerschaft auf Kosten der Sache und der Autoren, um die es eigentlich gehen sollte, in den Mittelpunkt ihrer Texte rücken.

Hanjo Kesting stellte seine Könnerschaft stets ganz in den Dienst der Autoren und der Themen, um die es jeweils ging – er verstand sich wohl als eine Art redlicher Dienstleister der Aufklärung. Seine enorme inhaltliche Bandbreite reichte über kulturelle, geografische und zeitliche Grenzen hinweg von der Früh-Antike bis in die Tagesaktualität. Das belegen nicht nur seine monatlichen Beiträge in unserer Zeitschrift, sondern besonders auch die drei von ihm selbst nicht nur herausgegebenen, sondern auch komplett selbst verfassten Bände über die Grundschriften der europäischen Kultur. Dort macht er uns in seiner barrierefrei anziehenden Sprache vertraut mit so unterschiedlichen Texten aus drei Jahrtausenden wie dem orientalischen Gilgamesch Epos, der Bibel, der Odyssee und den großen Werken der jüngeren Zeit (bei anderer Gelegenheit hat er auch das Manifest der Kommunistischen Partei als Literatur interpretiert).

Er verfügte über eine enorme Anziehungskraft als Vortragender.

Die ihn kennzeichnende eher rare Kombination von außergewöhnlicher Kennerschaft und ansprechender Bescheidenheit hat ihm Anerkennung und Sympathie bei den Kollegen und Autoren verschafft, mit denen er arbeitete, sowie die langjährige Freundschaft mit namhaften Autoren wie Günter Grass, Siegfried Lenz, Klaus Harpprecht und vielen anderen. Er verstand es, mit all seinen Themen schriftlich und mündlich ein großes Publikum zu fesseln. Als er vor mehr als zwei Jahrzehnten von der Zeit-Stiftung zu der über drei Jahre laufenden öffentlichen Vortragsreihe »Die Grundschriften der europäischen Kultur« in Hamburg eingeladen wurde, überraschte er die Veranstalter mit seiner enormen Anziehungskraft als Vortragender. Sie erinnern sich: »Mit einem so starken Echo, einer so ungewöhnlichen Resonanz hatten wir nicht gerechnet.

Die ersten Abende fanden noch im kleinen Saal des Ian Karan Auditoriums statt, aber schon bald wurde deutlich, dass der Raum nicht ausreichen würde, um auch nur einen Teil der Kartenwünsche zu befriedigen. Am Ende lautete die Bilanz: siebenundzwanzig ausverkaufte Veranstaltungen. Schließlich Übernahme der Veranstaltungen in anderen Städten, zunächst nach Hannover und Lübeck, dann auch nach Bremen und Oldenburg. Alles in allem also eine Erfolgsgeschichte«.

Daraus wurde kurze Zeit später die von Kesting in allen Teilen komplett selbst verfasste, immer noch unübertroffene Trilogie Grundschriften der europäischen Kultur. Vergleichbares gilt auch für seine Texte in unserer Zeitschrift, wie die Redaktion im Gespräch mit unseren Lesern erfahren konnte. Er zeigt in seinem großen Werk, dass die bedeutende Literatur nicht nur ihre jeweilige Zeit auf eigene Art spiegelt, sondern auch prägt und darum weit mehr ist als Unterhaltung.

Aufklärer der Literatur

Hanjo Kesting war ein vorbildhafter Aufklärer der Literatur, der seinem Publikum diente und es zuverlässig erreichte. Anders als viele heutige Feuilleton­stars trug er seine Kenntnisse und Analysen nicht in einer Form vor, die in erster Linie auf die Anerkennung der eigenen Fachkollegen und das ehrfürchtige Staunen des Publikums zielt, sondern auf Vermittlung von Verständnis und Einsichten und das Wecken des Interesses beim Publikum. Damit hat er sich einen Namen weit über die Leserschaft seiner kleinen und großen Schriften hinaus gemacht. Er war ein kaum zu übertreffender kultureller Vermittler im Dienst an der Literatur, ihrer Geschichte und ihrer Gegenwart.

Er hatte ein genaues Gespür für die untergründigen politischen Diagnosen und Botschaften in den von ihm behandelten Kunstwerken, gerade da wo sie nicht förmlich präsentiert oder gar aufgedrängt werden. Das war es auch, was ihn über das rein Thematische hinaus mit dem Geist und Auftrag unserer Zeitschrift verband. Er war ein Glücksfall für unsere Arbeit und wird uns sehr fehlen, in der Sache und menschlich als Kollege – sowie vor allem als Maßstab für unsere Arbeit in diesem Bereich.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Nach oben