Menü

©

picture alliance / DZBA | Jonas Lohrmann

Wie KI unsere Beziehung zu Musik verändertHören unter Verdacht

Wir hören gerade bewusst Musik. Ein neues Stück erklingt im Anschluss an eine eigene Playlist, als ein vom Algorithmus ausgewähltes dazu passendes Folgestück. Es klingt professionell, emotional und vertraut. Die Stimme scheint etwas zu empfinden, die Musik scheint auf einen Höhepunkt hinzuarbeiten. Fast unabwendbar reißt es unsere Emotionen mit und unvorbereitet haben wir Tränen in den Augen.

Präludium

Nach ein paar Sekunden gibt es plötzlich eine verdächtige Passage, die uns schlagartig zu der Befürchtung kommen lässt: Dieses Stück ist wahrscheinlich KI generiert: Text, Kompo­sition, Stimme und Produktion, vielleicht wurde eines davon, vielleicht aber auch alles generiert. Womöglich wurde das ganze Stück nur mit dem menschlichen Einsatz von wenigen Sekunden erstellt.

Viele, denen so etwas schon widerfahren ist, sprechen im Anschluss von einem fahlen Gefühl des Betrogenseins, einem Vertrauensbruch ohne echtes Gegenüber. Ein bitteres Gefühl, das über den gebrochenen Stolz, das Stück erst so spät entlarvt zu haben, hinaus­geht. Diese heftige negative Reaktion ist eigentlich auf den ersten Blick nicht recht ver­ständlich, da die Musik doch ihren Zweck erfüllt hat und dem Hörer Emotionen entlockt hat. Daher lohnt es mögliche Ursachen genauer zu betrachten.

Unsere Lebenszeit ist unsere wertvollste Ressource. Mit Lebenszeit können wir uns Geld erarbeiten. Und in geringem Maß können wir Geld auch wieder in Zeit zurück wechseln. Zumindest hoffen wir das, wenn wir zum Beispiel auf einen Urlaub sparen. Neben Zeit und Geld existiert noch eine weitere »menschliche Währung« die jedoch mehr­dimensional ist und mit Aufmerksamkeit, Emotionstiefe, eigenem Einsatz/Energie oder Intensität in der Gegenwart umschrieben werden kann. Diese drei: Zeit, Geld und – wählen wir hier Emotionstiefe – sind also Währungen, die wir Menschen beschließen können auszugeben oder zurückzuhalten.

Wenn wir den Eindruck haben, dass etwas die Ausgabe wert ist, dann sind wir bereit etwas von den obigen drei aufzuwenden. Wenn wir etwa feststellen, dass unser Gesprächspartner wirklich etwas Interessantes zu erzählen hat, steigt unsere Bereitschaft uns ebenfalls höchst aufmerksam am Gespräch zu beteiligen. Weil es bekannt ist, dass die Mona Lisa einer unserer größten Kulturschätze ist, fahren wir womöglich ein Wochenende nach Paris um auch endlich einmal den Louvre zu besuchen. Wenn Sie wissen, dass alle diese Musiker des Orchesters Stunden über Stunden geprobt haben, nachdem diese Jahre lang ihr Instrument perfektioniert haben, dann sind Sie bereit Zeit und Geld für ein Symphoniekonzert auszugeben und sich voll der Musik hinzugeben, sowohl Ihren Geist als auch Ihr Herz zu öffnen, während auch der Dirigent selbst schwitzt und weint.

»Das bewusste Hören hat einen hohen MEN-Value.«

Wenn wir annehmen können, dass auf der anderen Seite bei der Erstellung mit Wertschätzung für das eigene Erzeugnis vorgegangen und gute Materialien, Zeit und Herzblut auf­gewandt wurden, können wir uns einer Sache voll öffnen und fahren emotionale Barrieren herunter. Dadurch haben wir die Möglichkeit zur vollen Wahr­nehmung in allen menschlich erfassbaren Dimensionen, sind aber auch verletzlich, womöglich bis in unseren Kern. Es muss sich nicht um dieselbe Menge derselben Ressource handeln, aber man muss das Gefühl haben, dass man als Rezipient nicht mehr ausgibt, als der Erschaffer Wertschätzung für das eigene Werk hatte.

Um wieder auf das Beispiel am Anfang zurückzukommen: Sobald man beginnt dieses Verhältnis zu hinterfragen, ist es schwer, das Musikstück mit derselben emotionalen Tiefe zu hören. Die entscheidende Veränderung durch KI in der Musik liegt möglicherweise nicht im Klang selbst. Sie liegt in neuem Misstrauen. Die Veränderung liegt in der Beziehung, die wir zu diesem Klang aufbauen. Anders ausgedrückt: Wir wollen uns keiner Sache hingeben, die nicht mit Hingabe erschaffen wurde. Vergleichbar mit einem von der Liebe schwer Enttäuschten, der sich nur noch vorsichtig oder gar nicht erneut neuer Liebe öffnet.

Der MEN-Value

Ob KI erfolgreich für eine Aufgabe eingesetzt werden kann oder ob sie diese nur ober­flächlich zu erfüllen scheint, hängt davon ab welche Funktion das generierte Erzeugnis hat und wieviel Emotionstiefe/Aufmerksamkeit/… zur Erfüllung dieser notwendig ist. Die Einführung des relativen »Minimal Emotion Needed – Value« (MEN- Value) erleichtert die Einordnung und den Vergleich für diese Funktionen.

Hier ein paar Beispiele auf der Skala: Musik im Fahrstuhl hat die Funktion klaustro­phobische Anfälle unwahrscheinlicher zu machen, sowie den Druck Smalltalk führen zu müssen zu verringern. Diese Funktion wird durch jazzähnliche Musik in einer Schleife – ohne Beginn-Höhepunkt-Ende – genauso erfüllt, wie durch ein Jazz-Original und besitzt daher einen sehr niedrigen MEN-Value, genau wie ein Zwei-Sekunden-Jingle für einen Gardening-Podcast, da die Funktion nur in der akustischen Identifikation des Podcasts liegt. Funktionen mit mittlerem MEN-Value sind beispielsweise Hintergrundmusik im Restaurant oder Musik, deren Zweck es ist Menschen zum Tanzen zu bewegen. Ein Club-Live-Konzert mit räumlicher und emotionaler Nähe zum Künstler hat einen sehr hohen MEN-Value – wie auch Musik für jemandem am Sterbebett zu spielen.

Das bewusste Hören, das im einleitenden Beispiel beschrieben wurde, hat einen hohen MEN-Value. Die Funktion ist die Synchronisation mit der Projektion eines Gefühls. Wir hören, oder glauben zu hören, dass jemand etwas durchlebt, durchdacht oder wenigstens ernsthaft gemeint hat. Daher fühlt sich KI-Musik hier falsch an und beantwortet so die erste Frage nach den Gründen für das herbe Enttäuschungsgefühl.

KI und Kunst

Man könnte nun schlussfolgern, dass KI und Kunst einfach nicht zusammen gehen. Das ist aber nicht der Fall. KI kann im schöpferischen Prozess drei verschiedene Rollen haben. Bisher haben wir die erste Rolle betrachtet: KI als »One-Klick-Wonder«. Ein Ein-Satz-Prompt resultiert in einem Ergebnis, das vor generativer KI nur mit großem Einsatz von menschlicher Kreativität möglich war. (Die hier vorweggenommene dritte Rolle ist die Übersetzung von einer Modalität in eine andere und soll nur der Vollständigkeit halber aufgeführt werden. Ein Beispiel wäre die voll­ständige Übersetzung von Tierlauten in menschliche Sprache. Die Analyse der dazu notwendigen Datenmassen überstiege die rein-menschlichen Fähigkeiten, da unsere Lebens­zeit dazu nicht ausreichen würde.)

Durch den Einsatz von KI in ihrer zweiten Rolle – KI als Werkzeug für einen Künstler mit einer Vision – ist das Ergebnis von einem vollständig anderen Wert als beim One-Klick-Wonder. Durch häufige Iteration, Auswahl und Verfeinerung nähert man sich immer mehr dem Ausdruck an, hinter dem man als Kreativer voll und ganz steht und den man bewusst in das Werk legen möchte, und welcher dann auch wieder als Rezipient erfahrbar ist. Diese Rolle kommt auch zum Einsatz, wenn bei der Musikproduktion Entwürfe vielfältiger Art mit unterschiedlichen Arrangements, Begleitspuren, Sound­design, synthetische Stimmen, usw. gegenübergestellt werden können.

»KI kann Werkzeug sein für einen Künstler mit einer Vision.«

Zwischen der Verwendung von KI in Rolle eins und zwei ist es oft aber nur ein kleiner Schritt. Wirtschaftlicher Druck – der Kampf um die Aufmerksamkeit möglichst vieler Kunden – führte gerade im Musikbusiness schon früher zu leicht verdaulichen, aber an Authentizität stark eingebüßten Radio-Versionen von Musikstücken. So wäre es nun auch schon allein durch die Beschleunigung der einzelnen Produktionsschritte ein Leichtes zum Beispiel aus einem Original gleich viele Varianten für verschiedene Zielgruppen herzustellen. Es existiert aber auch ein Gegentrend. Musikproduzenten verstehen sich immer mehr auch wieder als Handwerksmeister und Authentizitätswächter. Setzt sich dieser Trend durch, kann verlorengegangenes Vertrauen im Fall des bewussten Musik­hörens wieder hergestellt werden, wobei die alte und mögliche neue Rolle als Gatekeeper auch einige Vorteile relativieren würde, die die Demokratisierung durch Musik­generatoren wie »Suno« gebracht haben und die man diesen Tools in keiner Weise absprechen kann.

Andererseits verändern sich die Hörgewohnheiten unserer Gesellschaft auch durch andere Faktoren immer mehr. Durch erwiesenermaßen kürzer werdende Aufmerk­samkeitsspannen, das Überangebot durch die ständige Verfügbarkeit aller möglichen Musiktitel und das größer werdende Misstrauen, ob der Künstler sich wirklich einge­bracht hat, wird sich der Trend vom bewussten Hören von Musik hin zur Wahr­nehmung von Musik im Hintergrund als Begleitung zu etwas anderem immer stärker verschieben. Bei Musik in dieser Funktion kann man auch nicht vom selben MEN-Value ausgehen und dadurch sinken auch wieder die Ansprüche an den künstlerischen Einsatz.

Bewusstes Hören als aussterbende Musikfunktion

Entgegen der obigen Darstellung entsteht der Wert von Musik aber nicht ausschließlich durch die vom Künstler initiierte eigene Wertschätzung in Form der Einbringung seiner selbst. Hierzu ein Beispiel: Ein Radiosender beschließt willkürlich einen One-Klick-Wonder-Song einen Sommer lang im Radio hoch und runterzuspielen. Menschen verlieben sich zu ihm, fahren damit in den Urlaub, trauern und feiern. Zehn Jahre später erklingt er wieder in der Playlist auf einer Feier und die Zuhörer erinnern sich plötzlich was sie in diesem Sommer vor zehn Jahren erlebt und empfunden haben. Dieser Song mag mit keinem Wert gestartet haben, hat aber die kollektiven Erinnerungen und Emotionen einer Sommergeneration in sich gespeichert, kann diese emotional verbinden und hat so an Wert gewonnen.

Der Wert von Musik liegt nach wie vor in echten menschlichen Emotionen und in der Synchronisation mit diesen. Die aktuelle Zeit zwingt uns durch ihr Überangebot uns ehrlich zu fragen, wie wir unsere knapp bemessene Lebenszeit nutzen wollen. Und fordert uns dadurch auf, uns bewusster zu machen, wann wir angenehme Klänge wollen und wann es uns nach der Verbindung zu einem echten Gefühl verlangt. Selbst­wirksamkeit entsteht, wenn wir bewusst entscheiden, zu welchem Zweck wir welcher Musik unsere knappe Aufmerksamkeit schenken. Und sollten wir keine vertrauens­würdigen Quellen mehr finden, bleibt uns wohl nur noch: Hören unter Verdacht.

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Nach oben